{"id":23810,"date":"2020-11-28T18:42:06","date_gmt":"2020-11-28T16:42:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/territorien-des-widerstands\/"},"modified":"2021-01-02T23:02:05","modified_gmt":"2021-01-02T21:02:05","slug":"territorien-des-widerstands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/territorien-des-widerstands\/","title":{"rendered":"Territorien des Widerstands"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mareen Butter: In deiner Doktorarbeit bezeichnest du Favelas als Territorien des Widerstands. Wie sieht denn Widerstand aus in Favelas zu Coronazeiten?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Timo Bartholl: So ab Mitte M\u00e4rz gab es eine Welle der gro\u00dfen Unsicherheit in Brasilien und auch hier auf dem Morro do Timbau in der Mar\u00e9. Die Mar\u00e9 ist ein Favelagebiet mit 140.000 Einwohner*innen. Ich habe damals versucht, mit Szenarien zu arbeiten. Die Worst Case Szenarien waren ein bisschen beeinflusst von dem, was in der Welt schon los war. Wo teilweise das \u00f6ffentliche Gesundheitswesen gar nicht mehr klar kam. Best Case war irgendwie, alle sind sensibilisiert und sehr vern\u00fcnftig. Letztlich gab es dann irgendwas in der Mitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitens der sozialen Basisbewegung ging es darum, erst mal Kommunikationsarbeit zu machen und zu sensibilisieren, das wurde dann mit Bannern gemacht und mit Autos mit gro\u00dfen Lautsprecherboxen. Diese Comunicadores Comunit\u00e1rios Populares (Kommunikatoren der Gemeinschaft, Anm. d. Red.), die haben sich organisiert, auch in sozialen Netzwerken, Facebook, Twitter, Instagram. Sie gaben Handlungsanweisungen, Orientierung, wie man sich gegenseitig helfen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt eine sehr vielf\u00e4ltige Landschaft von Organisationsformen in den Peripherien. Einige sind unabh\u00e4ngig, andere eher finanziell oder politisch abh\u00e4ngig von externen Kr\u00e4ften. So gibt es zum Beispiel Arbeit im kollektiven Sinn oder in einer famili\u00e4ren Einheit oder auch Kirchen, die sich organisieren, aber da dann eher nicht \u00fcber ihre eigenen Communitygrenzen hinaus. Dann gibt es NGOs (Nichtregierungsorganisationen, Anm. d. Red.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den ersten Monaten gab es eine riesige Bereitschaft, auch vor allem seitens der Privatwirtschaft, zu spenden in Form einer Nothilfe, die aus einem Essenskorb bestand und an Familien verteilt wurde. Die hier lebenden und arbeitenden Comunicadores Populares, die nicht Teil einer gro\u00dfen NGO, sondern eher unabh\u00e4ngig sind, haben sich mobilisiert, es kam zur Formation der Frente de Mobiliza\u00e7\u00e3o Mar\u00e9 ((3)). Da haben verschiedene kleine Gruppen und Kollektive mitgemacht, auch das Kollektiv Ro\u00e7a!, in dem ich aktiv bin. Wir haben die Kommunikationsarbeit unterst\u00fctzt, um sicherzustellen, dass das Thema ernst genommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil wir hier in Brasilien einen Pr\u00e4sidenten haben, der die Pandemie kleinredet. Es ging auch darum, gegen Regierungspolitik eine andere Narrative aufzubauen, die nicht Panik macht, sondern sagt, wir m\u00fcssen vorsichtig sein und uns gegenseitig unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Interessante war, dass sich auch untereinander in verschiedenen Favelas die Gruppen stark unterst\u00fctzt haben und sich viele neue und j\u00fcngere Freiwillige gefunden haben. Eine NGO hat mitgemacht, die das Museum der Mar\u00e9 betreibt. Dort konnten wir die Nahrungsmittelspenden erstmal lagern. Viele hier arbeiten normalerweise im informellen Sektor, verkaufen Snacks auf der Stra\u00dfe. Das fiel alles weg beim Lockdown. Es war also klar, es muss schnell eine \u00f6konomische Soforthilfe geben an der Basis, im Sinne von Widerstand. Favelas sind ja schon organisiert, die Basis war daher schneller, als zum Beispiel der \u00f6ffentliche Sektor. Seitens der Regierung wurde eine finanzielle Hilfe ausgezahlt, aber das kam dann erst eine ganze Weile sp\u00e4ter. Wir als Kollektiv zum Beispiel haben Familien Zettel zum Ausf\u00fcllen gegeben f\u00fcr die Nahrungsmittelk\u00f6rbe. Da waren dann innerhalb von zwei oder drei Stunden Hundert Familien zusammen. Es gibt eine sehr gro\u00dfe NGO, die mit hundert Tausenden oder vielleicht auch Millionen von Reais j\u00e4hrlich hantiert. Die haben Tausende von Familien versorgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mich fasziniert hat, nicht im positiven Sinne, war dieser direkte Kontakt mit der Privatwirtschaft. Die Spenden kamen direkt von den Firmen, zum Beispiel ein Laster mit Schokolade zu Ostern. Die Pr\u00e4fektur hat \u00fcber \u00f6ffentliche Schulen an Familien, die es brauchten, Nahrungsmittel verteilt. Aber wenn man das vergleicht, da gab es einmal den Nahrungsmittelkorb von der gro\u00dfen NGO mit agrar\u00f6kologischem Gem\u00fcse, Obst und so weiter. Und von der Stadtregierung gab es eine Packung Zucker, eine Packung Mehl und \u00d6l. Das war letztlich mehr so ein Alibi-Ding, um zu sagen, wir haben auch was gemacht. Das muss man politisch analysieren. Ist das einfach nur philanthropisch und Gutmenschentum, oder wie stark steckt auch die Sorge seitens der Firmen drin, dass der Staat das nicht in den Griff kriegt, sodass es zu Revolten kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war das Szenario, das wir die ersten Monate w\u00e4hrend der Pandemie hatten. Wer in der Favela krank wurde, ist zu Hause geblieben. Bez\u00fcglich der Sterbef\u00e4lle war ich im Nachhinein \u00fcberrascht. Viele Leute leben auf engem Raum in den Favelas. Trotz dieser Bedingungen sind \u00fcberraschend viele gut weggekommen. Das geht dann in eine Richtung von Widerst\u00e4ndigkeit, die man nicht messen kann. Ich denke, viele von uns hatten gr\u00f6\u00dfere Bef\u00fcrchtungen, was mit unseren Mitmenschen hier in der Favela passieren w\u00fcrde aufgrund des Kontaktes mit dem Virus. Obwohl es viele Todesf\u00e4lle gab, auch hier in der Mar\u00e9. Aber wir haben uns anfangs gedacht, es k\u00f6nnten noch viel mehr werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gro\u00dfe Spendenwelle ist inzwischen vorbei, die Solidarit\u00e4tszusammenschl\u00fcsse in den Favelas haben sich teilweise schon wieder aufgel\u00f6st. Die Frage ist, was kommt jetzt, wenn es in die lange, z\u00e4he Phase der Pandemie geht, wo das \u00d6konomische sich noch lange schleppt f\u00fcr die Menschen, wo Krankheitsf\u00e4lle nicht mehr ganz akut sind, wo Firmen nicht mehr sofort spenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mareen: Das hei\u00dft, du w\u00fcrdest sagen, ihr befindet euch jetzt in einer neuen Phase und die Widerst\u00e4nde vom Anfang sind schon nicht mehr aktuell?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Timo: Die akute Phase war etwa zwischen M\u00e4rz und September in. Wir befinden uns jetzt in einer \u00dcbergangsphase. Es gibt eine starke Inflation, die Lebensmittelpreise f\u00fcr Soja\u00f6l, Bohnen, Reis und so weiter sind stark nach oben gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich finde noch einen Aspekt ganz interessant: Widerst\u00e4ndigkeit als kommunit\u00e4res Element. Das ist ein unheimlich wichtiges Element, was ja auch das Leben, trotz aller Widrigkeit, von der Qualit\u00e4t her beeinflusst an der Peripherie. Die Menschen haben sich gegenseitig. Sie gestalten sich ein Alltagsleben, soweit es ihnen m\u00f6glich ist. Durch kulturelle Veranstaltungen, Sport, Nachbarschaftszusammenk\u00fcnfte und gemeinsames Zusammenleben. Ich gehe raus, wenn ich Lust habe, ich besuche meine Nachbarn, ich gehe in die B\u00e4ckerei oder den Supermarkt, wenn ich muss. Leute aus der Mittelschicht sind teilweise drei Monate \u00fcberhaupt nicht vor die T\u00fcr gegangen und waren komplett isoliert.<\/p>\n<blockquote><p>Indem wir keine hierarchischen Strukturen etablieren, dort wo eine kollektive Notwendigkeit besteht, sondern horizontale Strukturen, die das emanzipatorische Potential nicht nur der Gruppe, die sich formiert, sondern eben auch der Gemeinschaft derer, die Teil dieser Gruppe ist, vergr\u00f6\u00dfert.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mareen: Wie schreitet die Arbeit in eurem Kollektiv Ro\u00e7a! aktuell voran?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Timo: Wir sind ein kleines Kollektiv, als Kerngruppe immer nur drei bis f\u00fcnf Leute. Ich mache Auslieferungen, Kommunikations- und Mobilisierungsarbeit. Durch das Verbot \u00f6ffentlicher M\u00e4rkte gab es die Sorge, dass Kleinbauern ihre Bio- und agrar\u00f6kologischen Produkte nicht mehr loswerden. Da haben wir unsere Kontakte, die wir mit unserem selbstgebrautem Bier beliefern, angeschrieben. Das war am Anfang der Pandemie, alle waren zu Hause, haben sich Sorgen gemacht und waren 24 Stunden im Internet. Dadurch haben wir \u00fcber 400 Bestellungen bekommen aus ganz Rio. Das war absurd, wir k\u00f6nnen vielleicht 30 Leute beliefern am Tag. Wir haben dann stattdessen auf unserer Internetseite alle M\u00f6glichkeiten, agrar\u00f6kologische Bioprodukte zu bekommen, zusammengetragen und das an die Interessierten weitergegeben. Das war ein Schl\u00fcsselmoment f\u00fcr uns, weil wir einerseits im kleinen Rahmen unsere Aktivit\u00e4t wieder aufgenommen haben. Gleichzeitig war das eben auch symbolisch f\u00fcr das Potenzial, dass diese <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/\">agrar\u00f6kologischen Netzwerke<\/a> mitbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit zwei Monaten haben wir jetzt die Arbeit wieder aufgenommen und erstmals auch wieder Bier gebraut. Wir wollen auch die Arbeit mit den Kiddies wieder aufnehmen und eine kleine Bibliothek aufmachen, anstatt Kinoabende zu organisieren, wie vorher. Denn da sitzen die zwei Stunden auf engstem Raum zusammen. Wir wollen jetzt einmal im Monat Bier zusammen mit dem \u00d6kogem\u00fcse und den agrar\u00f6kologischen Produkten ausliefern, also kombiniert, weil der Kauf des Biers eines Kunden uns erm\u00f6glicht, Bio-Gem\u00fcse an einen anderen Kunden im gleichen Stadtviertel zu liefern, wo wir sonst vielleicht nicht hinfahren k\u00f6nnten, weil es zu weit weg ist. Ich habe mittlerweile ein festes Einkommen, sodass hier die Arbeitsstunden, die ich leiste in der selbstverwalteten Arbeit in so einen kleinen Communityfonds gehen. Damit k\u00f6nnen wir dann das Kinderkino und andere Sachen finanzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-23892\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-300x400.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-600x800.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-113x150.jpg 113w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/foto_4-scaled.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Geandra und Alessandra beim Bierbrauen. Hier im Moment, in dem der Sud gek\u00fchlt wird, bevor ihm Hefe zugesetzt wird. Foto: Timo Bartholl<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mareen: Was macht Ro\u00e7a! genau zu einer sozialen Basisbewegung? Und warum w\u00fcrdest du es nicht als Nichtregierungsorganisation (NGO) bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Timo: Also, was macht eine soziale Basisbewegung aus, wie ich sie verstehe? Wenn man sich engagiert im Rahmen einer sozialen Gruppe, die viele kollektive Notwendigkeiten hat, wie mangelnder Zugang zu Bildung und zum Gesundheitssystem, \u00f6konomische Schwierigkeiten, fehlende Arbeitspl\u00e4tze und so weiter, dann engagiert man sich ja im Grunde genommen immer in direkter Verbindung mit diesen Notwendigkeiten. Ich gehe zum Beispiel nicht in eine Favela rein und sage, unser gr\u00f6\u00dftes Problem ist, dass wir noch nicht genau wissen, ob es Wasser auf dem Mond gibt oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein konkretes Beispiel: Es gibt unheimliche Schwierigkeiten f\u00fcr Sch\u00fcler*innen \u00f6ffentlicher Schulen an die Unis zu kommen. Diesen Umstand gehen wir an, indem wir Kurse anbieten, die diesen Test vorbereiten und versuchen damit den Nachteil, den die Sch\u00fcler*innen \u00f6ffentlicher Schulen haben, zu verringern. Hier gibt es nun verschiedene M\u00f6glichkeiten von Organisationsstrukturen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mich als NGO organisiere, dann ist die Logik folgenderma\u00dfen: Die Leute haben kein Geld in den Favelas, das hei\u00dft, der Kurs muss kostenlos sein. Aber ich muss Lehrer*innen bezahlen, ich muss ein Geb\u00e4ude bezahlen, ich muss alles M\u00f6gliche bezahlen. Was mache ich? Ich mache NGO-Arbeit, sprich, ich beteilige mich an \u00f6ffentlichen Ausschreibungen, ich quatsche Firmen an, die das wiederum von der Steuer absetzen und so weiter. Das ist ja ein organisierter Markt, was NGO-Arbeit angeht. In dem Sinne schaffe ich eine finanzielle, strukturelle und dadurch auch eine politische Abh\u00e4ngigkeit von au\u00dfen. Wenn ich einmal so eine NGO-Struktur aufgebaut habe und dann pl\u00f6tzlich kein Geld mehr reinkommt, dann ist ziemlich schnell Schluss. Ich selbst habe zum Beispiel vier Jahre lang in einer NGO direkt bei mir nebenan als Englischlehrer gearbeitet und nach zwei Zyklen war das Projekt wieder zu Ende. Der Geldgeber, ein privater Flughafenbetreiber, hatte beschlossen, keine Mittel mehr f\u00fcr Humanressourcen zu zahlen, nur noch f\u00fcr Equipment. Ich meine, wie willst du einen Englischkurs geben nur mit Equipment? Den gibt\u2018s nat\u00fcrlich nur mit Lehrern. Sprich, von heute auf morgen hat der Kurs einfach nicht mehr stattgefunden. Noch zwei Jahre danach haben mich Leute auf der Stra\u00dfe angesprochen und gefragt, wann der Englischkurs weitergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich war die NGO-Arbeit eine Einkommensquelle. Ich habe das damals klar von meinem politischen Engagement in einer sozialen Basisbewegung getrennt. Wenn jetzt aber f\u00fcnf Lehrer gesagt h\u00e4tten, wir lassen das nicht auf uns sitzen, lasst uns zusammen eine Kooperative gr\u00fcnden, wir geben den Leuten weiter Englischunterricht, die k\u00f6nnen auch ein bisschen was bezahlen und wir machen das als Kollektiv, dann h\u00e4tte sich daraus eine soziale Basisbewegung ergeben k\u00f6nnen. Mir geht es darum, dar\u00fcber nachzudenken, inwieweit jedwede Form von Engagement im Rahmen einer Situation kollektiver Notwendigkeit dazu f\u00fchrt, dass man sich mehr in Richtung kollektiver Autonomie begibt oder eher in Richtung kollektiver Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in der Favela werden im Rahmen der Reproduktion herrschender kapitalistischer Logiken prekarisierte Formen von Ausbeutung reproduziert. Wer an der Kasse arbeitet in der Favela hat normalerweise keinen Arbeitsvertrag und kein gutes Gehalt. Darum sagen wir als kleine soziale Basisbewegung, wir wollen uns im Rahmen der kollektiven Notwendigkeit besserer \u00f6konomischer Bedingungen engagieren. Versuchen wir das mit einem anderen Modell zu machen, basierend auf kollektiver \u00d6konomie. Indem wir keine hierarchischen Strukturen etablieren, dort wo eine kollektive Notwendigkeit besteht, sondern horizontale Strukturen, die das emanzipatorische Potential nicht nur der Gruppe, die sich formiert, sondern eben auch der Gemeinschaft derer, die Teil dieser Gruppe ist, vergr\u00f6\u00dfert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht um die Tendenzen, die gest\u00e4rkt werden durch das, was man macht. Es gibt dabei Leute, die sich als NGO organisieren, trotz der Nachteile, die es mit sich bringt und es gibt Leute, die sich als NGO organisieren, aufgrund der Vorteile, die es mit sich bringt. Das, was einige als Nachteile sehen, sehen andere als Vorteile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bedeutet NGO? NGO bedeutet keine demokratisch legitimierten internen Strukturen. Denn vom Statut her gibt es Direktor*innen in einer NGO und die haben keine gro\u00dfen Verpflichtungen gegen\u00fcber den sonstigen Mitarbeiter*innen der NGO. Ich habe vier Jahre in einer NGO gearbeitet. Ich war nie Teil einer Sitzung, in der es um Entscheidungen ging, die die NGO als Ganzes betrafen. Es gibt starke Gehaltsunterschiede. Auch struktureller Rassismus reproduziert sich oft in NGOs. Ich habe viel Respekt f\u00fcr die Arbeit des Museums hier. Zwei, drei Mar\u00e9-Bewohnerinnen machen seit Jahren eine detailreiche, hingabevolle Arbeit im Archiv. Ich habe aber ganz selten mitbekommen, dass diese Mitarbeiterinnen auch mal international reisen, wenn es Treffen gibt zwischen verschiedenen Museumsprojekten aus der Peripherie. Wer verreist, sind die Direktoren der NGO. Im Fall unserer sozialen Basisbewegung frage ich hingegen immer zuerst das Kollektiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht darum, sich nicht paternalistisch zu verhalten und gleichzeitig aber auch politische und ideologische Vorstellungen in die Arbeit miteinzubringen. Das bedeutet, dass ich in der Favela Leute suche, die Dinge \u00e4hnlich sehen wie ich und sich \u00f6konomisch nicht kapitalistisch unternehmerisch organisieren oder mit einer Partei oder Firmen zusammenarbeiten wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Peripherie hat das gr\u00f6\u00dfte politische Potential, was radikale Ver\u00e4nderung angeht. Wir haben einen politischen Partner, der ein inspirierendes Beispiel f\u00fcr uns ist, das Movimento das Comunidades Populares (Bewegung von Basisgemeinschaften, Anm. d. Red.), MCP. Die haben in einer Favela eine Gemeinschaft aufgebaut, mit einem kleinen Tante-Emma-Laden, einem Kindergarten, einem Baustoffhandel und einer Investitionsgruppe, die alle kollektiv funktionieren. Diese Investitionsgruppe funktioniert komplett au\u00dferhalb von Bankstrukturen, wo Menschen sparen und sich Geld leihen k\u00f6nnen, bei denen mittlerweile Hunderttausende von Reais im Umlauf sind und Hunderte von Familien aus der Favela aktiv beteiligt sind. Das alles basierend auf der Idee der Kollektivit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mareen Butter: In deiner Doktorarbeit bezeichnest du Favelas als Territorien des Widerstands. Wie sieht denn Widerstand aus in Favelas zu Coronazeiten? Timo Bartholl: So ab Mitte M\u00e4rz gab es eine Welle der gro\u00dfen Unsicherheit in Brasilien und auch hier auf dem Morro do Timbau in der Mar\u00e9. 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