{"id":23823,"date":"2020-11-28T18:42:07","date_gmt":"2020-11-28T16:42:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/frauenkaempfe-in-simbabwe\/"},"modified":"2020-12-08T10:36:34","modified_gmt":"2020-12-08T08:36:34","slug":"frauenkaempfe-in-simbabwe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/frauenkaempfe-in-simbabwe\/","title":{"rendered":"Frauenk\u00e4mpfe in Simbabwe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wir befinden uns im Norden Simbabwes, im s\u00fcdlichen Afrika, wo der Kariba-Stausee die Grenze zu Sambia bildet. Zubo Trust, eine eingetragene Nichtregierungsorganisation (NRO), wurde 2009 von indigenen Frauen des Sambesi-Tals im entlegenen Bezirk Binga gegr\u00fcndet. Diese Gr\u00fcndunsgruppe von Frauen mit Ausbildung und Engagement wusste sehr wohl von der Notwendigkeit, den Lebensstandard ihrer M\u00fctter und Schwestern in den D\u00f6rfern zu verbessern; kannte aber ebenso das Potenzial der Frauen in den l\u00e4ndlichen Gebieten, auf dem Boden von Tonga-Kultur und traditioneller Teamarbeit unter Frauen \u00fcber \u201esich selbst\u201d hinauszuwachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zubo setzt sich f\u00fcr die wirtschaftliche Selbstst\u00e4ndigkeit der Frauen in den D\u00f6rfern ein und initiiert dazu einen Wachstumsprozess mit sozialem Wandel von unten. Die geduldige, schrittweise Arbeit der Zubo-Frauen beginnt mit der Sensibilisierung von Ehem\u00e4nnern, politischen Entscheidungstr\u00e4gern und traditionellen F\u00fchrern (Chiefs) f\u00fcr die gesellschaftlichen Rechte von Frauen. Gleichzeitig begleiten sie die Entstehung sozialer R\u00e4ume f\u00fcr Frauen vor Ort. Dies sind oft Frauen-Diskussionsforen, wo Frauen selbst die Verwirklichung ihrer sozialen Rechte lokal voranbringen, bis hin zu Zugang zu, bzw. Nutzung der nat\u00fcrlichen Ressourcen der Region, den Fisch z.B. Heute unterst\u00fctzt Zubo mehr als 700 Frauen auf den D\u00f6rfern in verschiedenen Produktionskollektiven, wie f\u00fcr die Tonga-Korbflechtkunst aus Palmenbl\u00e4ttern, und Genossenschaften, wie f\u00fcr die Seifenherstellung aus Jatropha Samen und den Fischfang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fischereigenossenschaft \u201eBbindawuko Banakazi\u201c \u2013 kurz BB genannt, was \u201eUnternehmerinnen\u201d in ChiTonga bedeutet \u2013 sind seit mehr als 60 Jahren die ersten Tonga-Frauen, die das Fischen auf dem Kariba-See f\u00fcr die Frauen zur\u00fcckgewonnen haben. Dieses Projekt der BB-Koop m\u00f6chten wir hier n\u00e4her vorstellen, um zu entschl\u00fcsseln, wie es den Zubo-Frauen gelingt, in den abgelegenen Gebieten Nord-Simbabwes, sozialen Wandel anzusto\u00dfen. Wir, das sind Mitglieder des Zubo-B\u00fcros, derzeit drei Frauen, drei M\u00e4nner und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin, Rosemary Cumanzala in Binga und Claudia Wegener alias Radio Continental Drift in Hamm Westfalen (D). In Zeiten der Covid-19-Pandemie arbeiten auch wir mit digitalen Mitteln weiterhin zusammen. ((1))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Historisch gesehen genossen BaTonga Frauen in einer matrilinealen Gesellschaft erhebliche Rechte und wirtschaftliche Teilhabe in ihren Dorfgemeinschaften. Vor der gewaltsamen Umsiedlung der Talbev\u00f6lkerung fischten Tongafrauen gemeinschaftlich im Sambesi mit dem \u201eZubo\u201c, einem aus Zweigen geflochtenen Fangkorb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Entwicklungsprojekt der Weltbank unter der Kolonialregierung von \u201eRhodesien\u201c hatte 1958 zum Bau eines <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/staudamm-oder-leben\/\">Staudamms<\/a> und zur \u00dcberflutung des Sambesi-Tals gef\u00fchrt. Die indigene Bev\u00f6lkerung verlor buchst\u00e4blich alles. Seitdem ist sie von humanit\u00e4rer Hilfe abh\u00e4ngig. Das Volk der Tonga wurde gespalten; heute sind sie Staatsb\u00fcrgerInnen Simbabwes bzw. Sambias. Die Ufer des Kariba-Sees wurden zum gro\u00dfen Teil staatliches Eigentum, d.h. dem Tourismus bzw. privaten Investoren vorbehalten; die Fischerei aber wurde, und blieb eine industrielle Dom\u00e4ne von M\u00e4nnern. Es sind M\u00e4nner, die nachts mit sogenannten \u201eRigs\u201d auf dem See Kapenta fischen. Die Tongafrauen verloren so mit ihrem Land und Zugang zum Flu\u00df auch ihren gemeinsamen sozialen Raum, ihre Rechte und Teilhabe als selbstst\u00e4ndige Frauen in der Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Gr\u00fcndung 2009 hatte das Zubo-Team an der Initiative \u201eBB-Koop\u201d gearbeitet, die endlich 2011 den Frauen neben den M\u00e4nnern Fischereirechte am Kariba See gew\u00e4hrte: BB, die erste Fischereigenossenschaft in Frauenhand begann auf einer fachgerecht gebauten, frauenfreundlichen Rig namens Zubo \u2013 also, traditioneller Fangkorb \u2013 zu fischen. Die \u201eBindawuko Banakazi Cooperative Ltd.\u201d z\u00e4hlt zehn weibliche Mitglieder und zwei m\u00e4nnliche Angestellte. F\u00fcr die Realisierung ihres Gr\u00fcndungstraums konnte Zubo sich erfolgreich auf die oben genannten Mittel, die Sensibilisierung der M\u00e4nner und die Schaffung von Frauenforen st\u00fctzen, denn dass z.B. Frauen M\u00e4nner einstellen, war nicht \u00fcblich in Binga. Strategisch entscheidend war letztlich auch eine enge Zusammenarbeit mit der Lokalstelle des Ministeriums f\u00fcr Frauenangelegenheiten so wie die Einbeziehung der traditionellen Chiefs in allen lokalen Aktivit\u00e4ten. Strategien \u00fcbrigens, die Zubo als erfolgreich beibehalten hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zubos Erfahrung nach steigt mit einer verbesserten wirtschaftlichen Beteiligung der Frauen ihr allgemeiner Lebensstandard, ihr Selbstvertrauen und Selbstwertgef\u00fchl. Die Frauen tendieren dann eher dazu, sich an Gemeinde-Entscheidungen zu beteiligen, was wiederum zu Ver\u00e4nderungen in sozialen Praktiken und Machtverh\u00e4ltnissen f\u00fchren kann, die auf Familienebene beginnen; und schlie\u00dflich gesellschaftliche Ma\u00dfnahmen mobilisieren, die auch zu politischer Partizipation f\u00fchren. Zubo Trust begleitet diesen gesellschaftlichen Wandel mit Schulungen und Weiterbildungen in ihren Gesch\u00e4ftsfrauen-Koops. So konnte auch ein Verein erfolgreich etabliert werden, der die Frauen und ihre Anliegen in den Sitzungen der \u00f6rtlichen, ganz und gar m\u00e4nnlich besetzten Fischereiunion vertritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Rahmen von Weiterbildung und Selbst-emanzipation f\u00fchrte 2016 Zubos Zusammenarbeit mit Radio Continental Drift zum Projekt \u201eWomen record Women Stories\u201d. Ausgehend von \u201ehands-on\u201d-Training in auditiven Medien und einem Oral History Projekt auf Dorfebene sollten Handlungskompetenzen in Sachen Medien unter den Zubo-Frauen mobilisiert werden. Partizipative Formen der Forschung, Dokumentation und Auswertung sind ein wichtiger Aspekt in Zubos \u201eSelf-empowerment\u201d Mission. Auch der Besitz eigener digitaler Ausr\u00fcstung kann hier schon emanzipierend sein. ((2)) Mit den so entstandenen Tonaufnahmen der Zubo Frauen konnte in Partnerschaft mit dem Gemeinderadio Zongwe FM in Sambia sogar der Erfahrungsaustausch unter Frauen zu beiden Seiten des Flusses (bzw. Kariba-Sees) wiederbelebt werden. Hier verursachte Zubos Fischereiprojekt eine kleine Revolution; denn die Frauen im l\u00e4ndlichen Sambia genie\u00dfen solche wirtschaftliche Teilhabe noch nicht. Relevante Radiosendungen von Zongwe FM mit O-T\u00f6nen aus Binga sind in Zubos Online-Audioarchiv abrufbar. Die Sammlung inspirierte RadiomacherInnen, K\u00fcnstlerInnen und ForscherInnen zu kreativer Auseinandersetzung mit Zubos Arbeit, Tonga Kultur und Geschichte. Kreative Beitr\u00e4ge sind wiederum online archiviert. ((3))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bbindawuko Banakazi Koop vertrat 2018 die s\u00fcdafrikanische Region auf einer internationalen Konferenz zu Fischereiressourcenmanagement in Kenia. Diese Anerkennung hob die eigene Wertsch\u00e4tzung ihres Projekts unter den BB-Frauen. Die Konferenzteilnahme \u00f6ffnete zudem ihren Blick auf \u00fcberregionale, wirtschaftliche Initiativen, regte Vernetzung und die Suche nach neuen Marktverkn\u00fcpfungen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem Einflu\u00df des pandemiebedingten globalen Lockdowns versch\u00e4rfen sich derzeit weltweit die sozialen Ungleichheiten. Die reparaturbed\u00fcrftige Rig der Zubo-Frauen konnte seit Monaten nicht gewartet werden, Verdienst bleibt aus, Schulden h\u00e4ufen sich. Und so m\u00f6chten wir hier zur Unterst\u00fctzung der Bbindawuko Banakazi Koop aufrufen. ((4))<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Claudia Wegener<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir widmen den Artikel dem Andenken von Saliwe. Sie war Mitglied der zehnk\u00f6pfigen Koop und verstarb unerwartet w\u00e4hrend dieser Artikel entstand, Anfang November.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir befinden uns im Norden Simbabwes, im s\u00fcdlichen Afrika, wo der Kariba-Stausee die Grenze zu Sambia bildet. Zubo Trust, eine eingetragene Nichtregierungsorganisation (NRO), wurde 2009 von indigenen Frauen des Sambesi-Tals im entlegenen Bezirk Binga gegr\u00fcndet. 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