{"id":23831,"date":"2020-11-28T18:42:08","date_gmt":"2020-11-28T16:42:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/die-hoelle-des-konkurrenzsystems\/"},"modified":"2020-12-13T12:07:38","modified_gmt":"2020-12-13T10:07:38","slug":"die-hoelle-des-konkurrenzsystems","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/die-hoelle-des-konkurrenzsystems\/","title":{"rendered":"Die H\u00f6lle des Konkurrenzsystems"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Peter Samol hat als Leistungsdiktatur ein Ph\u00e4nomen beschrieben, das das Leben in den hochindustrialisierten L\u00e4ndern so sehr beherrscht, dass es inzwischen schon zum Mythos und somit unsichtbar geworden ist. Samol verfolgt in seinem Buch unter diesem Aspekt das Leben der durchschnittlichen Deutschen von der Wiege bis zur Bahre. Seine Darstellung der fortdauernden Konkurrenzsituation ist bedr\u00fcckend, sie hebt manches ans Licht, was viele Menschen hinnehmen, ohne es zu hinterfragen. Dazu geh\u00f6rt das sattsam bekannte Thema des Wettbewerbs unter Eltern bei der Entwicklung ihrer kleinen Kinder. F\u00fcr die Schulzeit ist das besonders die Notengebung nach dem Schema der sogenannten Gau\u00dfschen Normalverteilung. \u201eIm Bildungssystem wird diese Verteilung missbr\u00e4uchlich angewendet, indem sein Verteilungsschema als Ziel gesetzt wird, dass erreicht werden muss.\u201c Es wird also nie die objektive Leistung gemessen, sondern immer nur der Vergleich zwischen den Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen einer einzigen Klasse angestellt, wodurch diese in eine fortdauernde Konkurrenz gezwungen werden. Diese Denkungsart setzt sich in Universit\u00e4t und Arbeitswelt fort, wenn dort etwa Ranglisten am Schwarzen Brett ver\u00f6ffentlicht werden. Durch eine immer weiter sich steigernde Arbeitsverdichtung wird den Mitarbeitenden das Letzte abgezwungen bis hin zum Zusammenbruch. Die Drohung des Rausschmisses schwebt \u00fcber allen, auch den Erfolgreichen. Wer aber einmal raus ist, f\u00e4llt schnell in die Sozialhilfe, sprich Hartz IV, und muss sich von ihrerseits unterbezahlten und \u00fcberlasteten Mitarbeiter*innen des Jobcenters runterputzen lassen. Aber die meisten derjenigen, die es bis zum Ende der verordneten Arbeitszeit im Alter von 67 Jahren durchhhalten, haben inzwischen nur noch eine minimale Rente zu erwarten: Menschen, die nichts mehr leisten, z\u00e4hlen nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Samol wirft ein grelles Licht auf verschiedene Erscheinungsformen unserer Gesellschaft, wie etwa die Castingshows: Er stellt Leute wie Dieter Bohlen oder Heidi Klum als Charaktermasken dar, die ihr zynisches Spiel nur spielen k\u00f6nnen, weil der Sender es so will. Wertvoll und informativ sind u. a. der Exkurs \u00fcber die Entstehung des dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland und \u00d6sterreich (S.\u00a031), die Darstellung der Gr\u00fcnde f\u00fcr die Einf\u00fchrung des Tv\u00d6D (Tarifvertrag \u00d6ffentlicher Dienst, S.\u00a078) sowie das Kapitel \u201eDie Demontage der gesetzlichen Rentenversicherung\u201c (S.\u00a0173). Dagegen ist das Hartz IV-Kapitel etwas zu lang und detailreich geraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor, der den sogenannten Wertkritikern nahesteht, einer Gruppe von Marx inspirierter Wissenschaftler (es ist keine Frau dabei), nutzt deren analytische Werkzeuge eigentlich nicht, er bleibt im Allgemeinen bei einer Beschreibung der Ph\u00e4nomene. Es scheint, dass er die marxistischen Deutungen inzwischen als hohl empfindet. Nur ganz kurz widmet er im Schlusskapitel dem Leistungsbegriff einige S\u00e4tze, in denen er darlegt, dass dieser Begriff inhaltslos ist und auf einem Zirkelschluss beruht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem Punkt \u00e4hnelt sein Buch aber dann doch dem 1. Band des \u201eKapital\u201c von Karl Marx: Am Ende beider B\u00fccher hat man den Eindruck, dass die Unterdr\u00fcckung derartig systematisch und umfassend funktioniert, dass sie keinerlei Schlupfloch mehr l\u00e4sst. Ist die Lage wirklich so hoffnunglos?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Ursachen f\u00fcr die deprimierende Lage k\u00f6nnte neben der allf\u00e4lligen Reflexion auf die Mechanismen des Kapitalismus beispielsweise dargelegt werden, wie die deutsche Wirtschaft durch die systematische Senkung der L\u00f6hne die von Samol beschriebene Konkurrenzsituation auf die internationale Ebene verlagert hat: Frankreich und andere L\u00e4nder sind nur deshalb \u201enicht mehr konkurrenzf\u00e4hig\u201c, weil Deutschland sich durch die Knechtung der eigenen Arbeiterschaft alle Vorteile gesichert hat. Gef\u00e4hrlich ist die weltweite Hinneigung weiter Teile der Bev\u00f6lkerung zum faschistoiden Denken aufgrund der erfahrenen Perspektivlosigkeit. Dabei fragt man sich nach einem wichtigen Aspekt, n\u00e4mlich dem des Widerstandes. Gibt es noch Kr\u00e4fte, die dem Druck zur Selbstoptimierung widerstehen, Leistungsverweigerer, die arbeiten wollen, um zu leben, statt dass sie leben, um zu arbeiten? Erinnert werden soll an Initiativen der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/01\/solidarisches-wohnen\/\">Selbstorganisierung<\/a>, nicht nur bei <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/liebigstrase-14-bleibt\/\">Hausbesetzungen<\/a>. ((1)) Erinnert werden soll auch an Bewegungen kollektiven Widerstands gegen die Sanktionen von Jobcentern in verschiedenen St\u00e4dten, die durchaus Erfolge zeitigten und bewiesen, dass die betreffenden Beh\u00f6rden eine gro\u00dfe Angst vor der Ver\u00f6ffentlichung ihrer menschenunw\u00fcrdigen Praktiken haben. Nicht zuletzt geh\u00f6rt zur Kultur des Widerstandes die Punk- und Rapmusik oder die Belletristik, in der sarkastisch oder in Dystopien die Zwangslage der Arbeitslosen angesprochen wird. ((2)) Alle diese Fragen fordern eigentlich einen zweiten Band heraus, in dem \u00fcber Ursachen und die weitere Entwicklung nachgedacht werden m\u00fcsste.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Samol hat als Leistungsdiktatur ein Ph\u00e4nomen beschrieben, das das Leben in den hochindustrialisierten L\u00e4ndern so sehr beherrscht, dass es inzwischen schon zum Mythos und somit unsichtbar geworden ist. Samol verfolgt in seinem Buch unter diesem Aspekt das Leben der durchschnittlichen Deutschen von der Wiege bis zur Bahre. 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