{"id":24071,"date":"2020-12-22T14:19:36","date_gmt":"2020-12-22T12:19:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/erinnerung-an-das-heusnerviertel\/"},"modified":"2020-12-29T14:13:23","modified_gmt":"2020-12-29T12:13:23","slug":"erinnerung-an-das-heusnerviertel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/erinnerung-an-das-heusnerviertel\/","title":{"rendered":"Erinnerung an das  Heusnerviertel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Heusnerviertel &#8211; oder BRONX, wie das 2500 Quadratmeter gro\u00dfe Gebiet von den Besetzer*innen genannt wurde, entstand am westlichen Rand der Bochumer Innenstadt. Zwar hatte das Wohngebiet rund um die Heusnerstra\u00dfe, bestehend aus 40 H\u00e4usern, eine l\u00e4ngere Vorgeschichte. Im Kern wirkte es aber, so berichtete ein ehemaliger Bewohner, immer wie ein Dorf, dass man unmittelbar neben die Bochumer Innenstadt gestellt hatte. Das Gel\u00e4nde selbst war weder gut erschlossen noch gut erreichbar; wer im Viertel lebte verlie\u00df es auch meist nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Angelegenheit sollte sich aber ab Sommer 1981 drastisch \u00e4ndern. Im Zuge der Bochumer Jugendzentrumsbewegung rund um die sogenannte bo-fabrik und den studentischen Bem\u00fchungen um bezahlbaren Wohnraum geriet das Viertel in den Fokus der Aktivist*innen. Das Viertel, welches urspr\u00fcnglich als Wohngebiet der Arbeiter*innen der umliegenden Zeche Engelsburg und dem Bochumer Verein gebaut wurde, bot ausreichend Wohnraum. Dieser stand aufgrund der Schlie\u00dfung der Zeche Engelsburg sowie unterschiedlichen Bem\u00fchungen der Stadt leer. Schuld an dieser Entwicklung waren die Planung und sp\u00e4ter auch die Umsetzung der sogenannten Westtangente, einem Teilst\u00fcck des Bochumer Au\u00dfenrings, welcher die gesamte Stadt miteinander verbinden und das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt senken sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ideen f\u00fcr diese Verbindungsstra\u00dfe stammten zwar teilweise noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (ca. 1928) und wurden in den Folgejahren immer wieder aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden gestoppt; die Stadt Bochum hatte aber dieses Mal beschlossen, am Bau festzuhalten. Dies hatte dramatische Folgen f\u00fcr die noch vor Ort lebenden Menschen; so wurde Infrastruktur im Heusnerviertel zur\u00fcck gebaut und Schulen geschlossen, die Lebensqualit\u00e4t im Viertel sank ab, da auch kleine Gesch\u00e4fte schlie\u00dfen mussten und der Verlust in der Versorgungssicherheit nicht wie andernorts durch Superm\u00e4rkte abgefedert werden konnte. Sp\u00e4testens ab 1976 verst\u00e4rkte die Stadt diese Entwicklung hin zu einem Leerzug des Viertels nochmals, sie begann mit der Auszahlung von sogenanntem Umzugsgeld sowie Entsch\u00e4digungszahlungen f\u00fcr Mieter*innen, die das Viertel verlie\u00dfen. Hausbesetzer*innen bot sie an, ihnen die H\u00e4user abzukaufen, sodass immer mehr H\u00e4user des Viertels rechtlich betrachtet der Stadt Bochum geh\u00f6rten. Bei den verbleibenden Einwohner*innen regte sich hingegen Widerstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen versuchten in der Bochumer Innenstadt Jugendliche, ein autonomes Zentrum zu erk\u00e4mpfen. Eine Konsequenz dieser Bem\u00fchungen war das Angebot der Stadt, sicherlich auch aus Angst vor weiterem Protest und <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/hausbesetzungen-als-kuehne-hypothese\/\">Hausbesetzungen<\/a> in der Innenstadt, einer Zwischennutzung des Gebietes rund um die Heusnerstra\u00dfe. Und so f\u00fcllte sich, auf unterschiedlichen Wegen, das Heusnerviertel mit Personen, die auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum waren. In einer Zusammenarbeit des in Bochum sitzenden Studentenwerks AKAF\u00d6 (Akademisches F\u00f6rderungswerk) und der Stadt wurden Nutzungsvertr\u00e4ge aufgesetzt und die teils bereits f\u00fcr unbewohnbar erkl\u00e4rten Wohnungen von den neuen Mieter*innen renoviert. Dem AKAF\u00d6 gelang es hier, die Nutzungsdauer auf f\u00fcnf beziehungsweise zehn Jahre festzulegen, wobei erw\u00e4hnt werden muss, dass es sich nicht um geregelte Mietverh\u00e4ltnisse mit Schl\u00fcssel\u00fcbergabe handelte. Eine ehemalige Besetzerin erz\u00e4hlte mir, dass sie w\u00e4hrend ihrer Suche nach einem m\u00f6glichen Wohnort mit einem Angestellten der Stadt telefonierte, der sie auf das Heusnerviertel verwies und ihr sagte, sie k\u00f6nne sich dort einfach eine Wohnung aussuchen, die T\u00fcr \u201e\u00f6ffnen\u201c und einziehen. In den folgenden Monaten zog das Heusnerviertel neben Studierenden auch Punks und Arbeitslose an, welche ebenfalls auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum waren. Durch diese Entwicklung ergab sich eine sehr heterogene Masse an Bewohner*innen des Viertels; so lebten alteingesessene Bewohner*innen Haus an Haus mit Studierenden, Punks, politischen Aktivist*innen und Arbeitslosen. Zwar stand man sich zun\u00e4chst skeptisch gegen\u00fcber, die Wiedererrichtung des Viertels sowie die M\u00f6glichkeit auf bezahlbaren Wohnraum schienen aber als gemeinsame Zukunftsaussichten zu reichen. Die Folgemonate bestanden f\u00fcr die Bewohner*innen darin, die Wohnungen und H\u00e4user wieder bewohnbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Oktober 1983 erschien ein Zeitungsartikel, dem zufolge der Weiterbau der sogenannten Westtangente fortgesetzt werden sollte und mit diesem auch der Abriss des Heusnerviertels angek\u00fcndigt wurde. Daraufhin kam es zu unterschiedlichsten Arten von Protest, sei es im Viertel selbst, im st\u00e4dtischen Parlament oder auch in der Innenstadt. Es wurde eine B\u00fcrgerinitiative ins Leben gerufen, Informationsst\u00e4nde in der Stadt aufgebaut und Demonstrationen organisiert. Weiter wurden Flugbl\u00e4tter verteilt und auch die Presse, egal ob kleinere studentische Bl\u00e4tter oder gr\u00f6\u00dfere, wie die TAZ, berichteten \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse in Bochum. Zudem wurde ein Anwalt eingeschaltet, der die Interessen der Mieter*innen, deren Mietvertrag, egal ob Mieter*innen der Stadt oder des AKAF\u00d6s, bis zum Ende des Jahres 1984 gek\u00fcndigt worden waren, vertreten sollte. Sp\u00e4testens ab diesem Zeitpunkt wandelte sich auch das Erscheinungsbild des Viertels, es verlor seinen friedlich-d\u00f6rflichen Charakter und wurde zur Projektionsfl\u00e4che des Protestes. Zwar blieben die Protestaktionen auf st\u00e4dtisch-politischer Ebene erfolglos, ungesehen waren sie aber keinesfalls, wie beispielsweise die Einweihungszeremonie f\u00fcr einen Tunnel unter der Hattinger Stra\u00dfe in Bochum zeigt. Dieser Tunnel steht f\u00fcr eine Ungleichbehandlung von Bochumer B\u00fcrger*innen, da dieser unter einem Stadtteil gebaut wurde, der ebenfalls der Westtangente h\u00e4tte weichen sollen. Hier war der b\u00fcrgerliche Protest aber erfolgreich. Daher wurde ebendiese Einweihungszeremonie mit ca. 450 Personen gest\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeitgleich begann die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft (VBW) Wohnungen und H\u00e4user im Heusnerviertel wieder unbewohnbar zu machen, durch das Zumauern von T\u00fcren und Fenstern, die Zerst\u00f6rung von Waschbecken und Toiletten oder auch durch das Entfernen von Stromkabeln. Der Einsatz dieser Demolierungstrupps f\u00fchrte zu einer weiteren Welle an Besetzungen im Viertel. W\u00e4hrend die Bewohner*innen des Viertels abermals versuchten, den Wohnraum zu erhalten und die Wohnungen winterfest zu machen, wurde Mitte 1984 eine Normenkontrollklage in M\u00fcnster eingereicht, welche die Ausma\u00dfe der Stra\u00dfenplanung der Westtangente nochmals zur Diskussion stellen sollte. Im gleichen Zeitraum, nach der Kommunalwahl 1984, schien aber die politische Schonfrist des Heusnerviertels endg\u00fcltig abgelaufen zu sein; zwar erreichte die Normenkontrollklage einen Aufschub, der Abriss des Viertels selbst schien aber eine beschlossene Sache zu sein. Und so fiel, eine Woche vor Weihnachten, das erste besetzte Haus des Heusnerviertels der Abrisskugel zum Opfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00e4umung und Abriss des Viertels zogen sich \u00fcber fast zwei Jahre, immer wieder gelang es den Aktivist*innen R\u00e4umungen zu verhindern. Besonders zu erw\u00e4hnen ist hier der 12. Februar 1986, das eigentliche R\u00e4umungs- und Abrissdatum der Pestalozzi-Schule sowie einiger weiterer Wohnh\u00e4user. Da der Termin, durch eine unbekannte Quelle, den Aktivist*innen bekannt war, organisierten diese eine gro\u00dfe Protestaktion mit Unterst\u00fctzung aus ganz Westdeutschland. Ein ehemaliger Aktivist wird mir viele Jahre sp\u00e4ter erz\u00e4hlen, dass der Protest damals fast schon paramilit\u00e4rische Z\u00fcge angenommen habe. So gab es strategische Sitzungen, an denen besprochen wurde, welche Personengruppe wo zu stehen hat, wo Gegenst\u00e4nde unterschiedlichster Art zu finden seien, um die anr\u00fcckende Polizei abzuwehren und wo gegebenenfalls neue Sammelpunkte zu finden seien. Aufgrund dieses akribisch geplanten Widerstands konnten die Schule und die Wohnh\u00e4user einen weiteren Monat bestehen. Unter massivem Polizeischutz wurden Teile der Pestalozzi-Schule sowie H\u00e4user in der Pestalozzistra\u00dfe und Bahnstra\u00dfe am 12. M\u00e4rz 1986 dennoch abgerissen. Die letzten verbleibenden elf H\u00e4user in unterschiedlichen Stra\u00dfenz\u00fcgen wurden am 20. November 1986, ebenfalls durch ein massives Polizeiaufgebot, zun\u00e4chst ger\u00e4umt und noch am gleichen Tag abgerissen. In der rechtlichen Aufarbeitung der R\u00e4umung des Heusnerviertels stellte sich nicht nur heraus, dass der Abriss des ersten Hauses bereits rechtswidrig war, sondern auch die Verf\u00fcgung des Oberstadtdirektors Herbert Jahofer, welche den Besetzern verbot, ihre Habseligkeiten aus den zum Abriss vorgesehenen H\u00e4usern zu retten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was in dieser, sich an Zahlen und Daten orientierten Erz\u00e4hlung fehlt, sollte meine Masterarbeit erschlie\u00dfen. Die grundlegende Frage war hier, wie erinnern die unterschiedlichen Akteure an die Besetzung des Heusnerviertels? Das wie meint hier sowohl die Form der Erinnerung als auch deren Inhalt. Geteilt wurden diese Erinnerung in eine Au\u00dfen- und eine Innenperspektive. Die Au\u00dfenperspektive, bestehend aus Zeitungs- und Blogartikeln unterschiedlicher Plattformen wie der WAZ, dem MieterForum Ruhr, der Studenten Zeitung bsz oder auch bo-alternativ.de zeigte, wie diffus die Erinnerung an die Besetzung des Heusnerviertels ist. W\u00e4hrend die WAZ die Geschichte des Heusnerviertels zusammenstaucht und lediglich das kulturelle Erbe des Viertels mit dem Thealozzi (dem letzten verbleibenden Haus des Viertels, Teil der ehemaligen Pestalozzi-Schule) als bedeutsam sieht, erkl\u00e4rt beispielsweise <a href=\"http:\/\/www.bo-alternativ.de\">bo-alternativ.de<\/a> sie zu einer der heftigsten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der modernen Bochumer Geschichte. Besonders in der linken Erinnerung spielen hingegen die Lebensumst\u00e4nde, der Protest und der Versuch des Aufbaus einer gesellschaftlichen Utopie eine Rolle. Zudem verweisen diese immer wieder auf die Innenperspektive, auf die sp\u00e4ter noch eingegangen wird. Erw\u00e4hnt wird hier immer wieder der von einem Teil der Besetzer*innen erstellten Film &#8218;Tanz auf dem Vulkan&#8216;, welcher in seiner restaurierten Form auf YouTube zu finden ist\u00a0((1)). Die R\u00e4umung und der Abriss des Viertels werden hingegen \u00fcberall bedacht, wenn auch unterschiedlich gewichtet. In der WAZ liegt der Fokus auf dem Polizeischutz der Abrissarbeiter und der von den Besetzer*innen ausgehenden Gewalt, in der bsz hingegen spielt die Schikanierung der Besetzer eine zentrale Rolle. Auch die gew\u00e4hlte Wortwahl offenbart die Position der Erinnerungsakteure, so beschreibt die WAZ \u00fcber die Demografie des Viertels, dass neben Studenten dort auch \u201eandere Zeitgenossen\u201c leben w\u00fcrden. In einem 2016 ver\u00f6ffentlichten Interview des MieterForums Ruhr wird die Heterogenit\u00e4t des Viertels wiederum als \u00e4u\u00dferst positiv bewertet. All dies zeigt, dass die Art der Erinnerung von au\u00dfen stark von den Ansichten ihres Akteurs abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Innenperspektive der Erinnerung an die Besetzung des Heusnerviertels wurden unterschiedlichste Materialien betrachtet, darunter Flyer, Demonstrationsaufrufe, der Film Tanz auf dem Vulkan so wie die von ehemaligen Besetzer*innen erstellte Brosch\u00fcre BRONX. W\u00e4hrend die bearbeiteten Flyer vor allem die Wut und Entt\u00e4uschung \u00fcber den Abriss des Heusnerviertels zum Ausdruck bringen und die Aktivist*innen in die Opferrolle setzt, zeigt die Brosch\u00fcre Bronx, dass ein differenziertes Bild der Geschehnisse rund um das Viertel durchaus m\u00f6glich ist. Die Brosch\u00fcre ist, und dies soll an dieser Stelle besonders betont werden, ein sehr wichtiges, aber wenig beachtetes Dokument zur Geschichte des Heusnerviertels. Anders als die Flyer erm\u00f6glicht sie eine mehrdimensionale Lesart der Geschehnisse. Sie zeigt sich bez\u00fcglich des Narratives aber immer noch sehr verfangen in einer Mischung aus Opferrolle und Verschw\u00f6rung, aber auch Zufriedenheit mit dem Erschaffenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das schriftliche Material eher beschreibt, dass es einen Konflikt gab und wie sich dieser abspielte, beschreibt der Film Tanz auf dem Vulkan worum es in diesem Konflikt \u00fcberhaupt ging: ein freies, bezahlbares Zusammenleben unterschiedlichster Personen mit unterschiedlichsten gesellschaftlichen und politischen Ansichten. Nat\u00fcrlich werden hier auch Themen wie die Normenkontrollklage, die Organisation des Viertels durch eine Art Besetzerrat, die Stra\u00dfenfeste, welche die Besetzer*innen organisierten, sowie die oft negative Berichterstattung beschrieben. Eine besondere Rolle neben dem Abriss nimmt aber die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/11\/alle-doerfer-alle-waelder-bleiben\/\">Polizeigewalt<\/a> gegen\u00fcber den Besetzer*innen ein. Gezeigt wird hier, und dies wird durch die Berichte der Interviewten gedeckt, dass die Bochumer Polizei einen sehr harten Kurs gegen\u00fcber der Besetzung fuhr. So war bei Protestaktionen in der Innenstadt neben einem gro\u00dfen Aufgebot an Polizisten auch allerhand technisches Ger\u00e4t sowie ein schwarzer Wagen mit einer auf dem Dach montierten Kamera (vermutlich der Staatsschutz) zugegen. Bez\u00fcglich des von der Polizei erbrachten Aufwands sagte mir ein ehemaliger Aktivist, es habe sich angef\u00fchlt, als wolle die Bochumer Polizei an den Besetzer*innen eben diese technischen Ger\u00e4te ausprobieren, um sie dann beispielsweise an der Frankfurter Startbahn West einsetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Veranstaltung Anfang 2020, welche der Erinnerung an das Heusnerviertel gewidmet war, zeigte weiter, wie pers\u00f6nlich die Erinnerung an die Besetzung f\u00fcr ehemalige Aktivist*innen sein kann. Bezeichnend f\u00fcr die Erinnerung von innen zeigte sich die \u00dcbereinstimmung aller Fakten; dies k\u00f6nnte aber auch den Film zur\u00fcckzuf\u00fchren sein der in fast allen Erinnerungsformen als Referenz genannt wird. Die Narrative der Interviews, welche f\u00fcr diese Arbeit gef\u00fchrt wurden, zeigten sich sehr differenziert. W\u00e4hrend f\u00fcr die einen die Zeit der Besetzung sehr politisierend gewesen sei und sie die Wurzel ihrer politischen Aktivit\u00e4t dort sehen, spielt die Politisierung f\u00fcr andere keine Rolle oder bestand schon vorher. Auch sind sich die Befragten \u00fcberwiegend einig, dass das Heusnerviertel Einfluss auf die weitere Entwicklung der Bochumer Linken genommen habe; vor allem die Folge- und Nebenprojekte, die heute noch existieren wie der Bahnhof Langendreer, werden hier besonders hervorgehoben. Das Zusammenleben im Viertel soll zwanglos und frei gewesen sein, diesbez\u00fcglich scheinen sich die Befragten ebenfalls einig zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle wird auch erw\u00e4hnt, zu welchen Problemen das Zusammenleben f\u00fchrte. Auf Ebene der Organisation im Viertel zeigen sich aber auch gegens\u00e4tzliche Erinnerungen; die einen sahen in der Selbstorganisation des Viertels eine gute M\u00f6glichkeit, Veranstaltungen und \u00c4hnliches zu organisieren, f\u00fcr die anderen wirkte diese gelebte Unprofessionalit\u00e4t zu improvisiert. W\u00e4hrend in den meisten Interviews die Nutzungsvertr\u00e4ge zwar benannt, aber nicht erl\u00e4utert werden, beschreibt eine der Befragten ebendiese als eines der wenigen juristisch wirksamen Mittel der Besetzer*innen und gewichtet sie damit v\u00f6llig anders. Auch sprachen die Befragten \u00fcber Unterst\u00fctzung f\u00fcr das Viertel von au\u00dfen. W\u00e4hrend einige die Unterst\u00fctzung eher aus der Stadt selbst heraus, in Form von Mitarbeiter*innen bei \u00c4mtern, Teilen der Bev\u00f6lkerung und politischen Aktivist*innen aus Bochum beschreiben, verweisen manche auch auf die Unterst\u00fctzung aus anderen Besetzerzusammenh\u00e4ngen in unterschiedlichen St\u00e4dten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehr Einigkeit zeigt das Themenfeld Polizei, die Beziehung zwischen Polizei und Besetzer*innen wird durchgehend als schlecht beschrieben. Vor allem die Gewaltt\u00e4tigkeit der Polizisten sei ein Grund daf\u00fcr gewesen. Bez\u00fcglich der Gewalt aus dem Heusnerviertel heraus wird ebenfalls ein sehr einheitliches Bild gezeichnet; zwar sei man militant gewesen, habe Gewalt aber nur gegen Sachen angewendet, nicht gegen Menschen. Der gravierendste Unterschied in der Erinnerung an die Militanz zeigt sich in der Erinnerung an die Intensit\u00e4t von Gewalt. Auch der Kontext, in dem das Viertel stand, wird erinnert; hier gibt es aber Unterschiede. Die Erinnerung reicht hier von einem organisierten linken Widerstand bis hin zur Karikatur einer Hausbesetzung. Bez\u00fcglich der R\u00e4umung und des Abrisses zeigen sich ebenfalls Unterschiede in der Erinnerung. So erinnert das Geschwisterpaar, das bereits vor der Besetzung im Viertel wohnte, an das Heusnerviertel als Heimat; einer der beiden beschreibt den Abriss sogar als traumatischen Verlust. Seitens der Besetzer*innen f\u00fchrten die Abrissaktionen hingegen h\u00e4ufig zu dem Gef\u00fchl von Ohnmacht und zu Frustration. Von einigen wird der Abriss sogar als finale Machtdemonstration der Stadt wahrgenommen. Die Besetzung sei aber nicht nur ein Kampf gegen die Politik der Stadtregierung gewesen, sondern auch gegen die Berichterstattung in den Medien. Die Befragten scheinen sich hier einig zu sein, dass die Bochumer Bev\u00f6lkerung zu schlecht informiert war und die eigene \u00d6ffentlichkeitsarbeit des Viertels wichtig gewesen sei. Die Interviews zeigten weiter, dass der Widerstand und der Protest als gut und richtig betrachtet werden, die Stadt sich aber mit allen Mitteln gegen die Besetzung gewehrt und sich schlussendlich durchgesetzt habe.<\/p>\n<p>Die unterschiedlichen Narrative, seien sie aus der WAZ, dem st\u00e4dtischen Parlament oder von Besetzer*innen, unterscheiden sich ma\u00dfgeblich voneinander. Diese Aussage ist sowohl augenscheinlich als auch bedeutsam. Bez\u00fcglich des Heusnerviertels findet sich keine sogenannte Meistererz\u00e4hlung, also die Idee, dass es eine Wahrheit zur Besetzung gebe, die jemand aufgeschrieben hat. Dies erm\u00f6glicht aber durch die Betrachtung unterschiedlichster Akteure eine Kritik der unterschiedlichen Positionen ohne eine vorgefertigte, gesellschaftlich etablierte Vorannahme. Weder das Narrativ des Steine werfenden Besetzers, noch das des friedliebenden Heusnerbewohners oder das des gewaltt\u00e4tigen Polizisten ist hundertprozentig zutreffend, es sind vielmehr alle diese Narrative, die zusammen ein Gesamtbild vermitteln k\u00f6nnen. Ans\u00e4tze dieser Idee finden sich beispielsweise im Ausbau einer sogenannten Gegen\u00f6ffentlichkeit durch die Besetzer*innen des Heusnerviertels, in der auch eigene Fehler zugegeben werden. Bedenkt man, dass der Fortbestand einer Hausbesetzung auch von der Akzeptanz der B\u00fcrger*innen der Stadt abh\u00e4ngt, erscheint eine eigene Pressearbeit als sehr sinnvoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die diesem Artikel zugrunde liegende Masterarbeit zeigte insgesamt nicht nur das und von wem an die Besetzung des Heusnerviertels, sondern auch was genau erinnert wurde. Genau das was erinnert wurde, ist, was uns wieder in die Gegenwart f\u00fchren soll, w\u00e4hrend oft \u00fcber Mangel an bezahlbarem Wohnraum und auch \u00fcber dem dazugeh\u00f6rigen Protest gesprochen wird, w\u00e4hrend H\u00e4user besetzt und ger\u00e4umt werden, spricht kaum einer \u00fcber die Bedeutung dieser H\u00e4user. Sie sind nicht nur,im Oktober 2020 ger\u00e4umte Berliner <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/12\/liebigstrase-14-bleibt\/\">Hausprojekt Liebig34<\/a> (vgl. GWR 453) Ort von pers\u00f6nlicher Entfaltung und Freiheit. Sie sind auch Ort von Kultur, sei es als Punkrock-Konzert, Theater oder Diskussion. Besonders aus den Besetzungen der 1980er Jahren sind eine ganze Reihe an kulturellen, und mittlerweile etablierten, Orten hervorgegangen, wie beispielsweise der Bochumer Bahnhof Langendreer, das Autonome Jugendzentrum oder der Ringlockschuppen in M\u00fclheim, das Drucklufthaus in Oberhausen, um nur einige zu nennen. Aber nicht nur die Kultur profitiert von Hausbesetzerprojekten, auch die Stadtpolitik kann von ihr profitieren. Dies zeigt die Entwicklung der Bochumer Gr\u00fcnen, in der sich viele der Gesichter der Jugendproteste und Hausbesetzerbewegung wiederfanden und sich politisch organisierten. Und nicht zuletzt schaffen sie bezahlbaren Wohnraum, wie beispielsweise das Projekt RiWeTho in Oberhausen zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Tobias Fetzer<\/strong><span style=\"margin: 0px; font-family: 'Courier New';\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Heusnerviertel &#8211; oder BRONX, wie das 2500 Quadratmeter gro\u00dfe Gebiet von den Besetzer*innen genannt wurde, entstand am westlichen Rand der Bochumer Innenstadt. Zwar hatte das Wohngebiet rund um die Heusnerstra\u00dfe, bestehend aus 40 H\u00e4usern, eine l\u00e4ngere Vorgeschichte. 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