{"id":24075,"date":"2020-12-22T14:19:36","date_gmt":"2020-12-22T12:19:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/kunstemanzipatorisch-und-oder-ausschliessend\/"},"modified":"2021-02-12T03:19:44","modified_gmt":"2021-02-12T01:19:44","slug":"kunstemanzipatorisch-und-oder-ausschliessend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/kunstemanzipatorisch-und-oder-ausschliessend\/","title":{"rendered":"Kunst &#8211; Emanzipatorisch und\/oder ausschlie\u00dfend?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Stadtpl\u00e4ne ganz in Schwarz, ver-\u2028wirrende Stra\u00dfengeflechte, in denen jeweils nur ein einziger Stra\u00dfenname in Rot, alle anderen in Schwarz geschrieben stehen. Auch die Holzrahmen sind rot, die die schwarzen Bilder umranden. Der jeweilige Name ist der eines italienischen Anarchisten (oder, im Falle von Sacco &amp; Vanzetti, von zweien). Die K\u00fcnstlerin Lavinia Raccanello hat, indem sie alle nach Anarchisten \u2013 Anarchistinnen sind nicht darunter \u2013 benannten Stra\u00dfen in Italien in solche schwarzlackgl\u00e4nzenden Bilder verwandelt hat, eine Toponymie des italienischen Anarchismus geschaffen (\u201eRitratto Anarchico d\u00b4Italia\u201c, 2016). ((1))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie bedient sich dabei einer Methode, die auch vielen emanzipatorischen sozialen Bewegungen nicht fremd ist: das vom Mainstream Verdr\u00e4ngte hervorholen, das von den M\u00e4chtigen Totgeschwiegene wiederbeleben. Parallelen in der Methode, wie diese, haben Anarchist*innen wie Kulturtheoretiker*innen immer wieder dazu veranlasst, eine Wesensverwandtschaft zwischen Kunst und emanzipatorischen Bewegungen zu behaupten: Unter dem Eindruck der gro\u00dfen Beteiligung von K\u00fcnstler*innen an der Occupy-Bewegung von 2011ff. schrieb die K\u00fcnstlerin und Kulturtheoretikerin Martha Rosler von einer k\u00fcnstlerischen Revolution, die wegen ihres Anspruchs auf \u201edirekte Demokratie, ohne Repr\u00e4sentation\u201c ((2)) anarchosyndikalistische Z\u00fcge trage.<\/p>\n<blockquote><p>M\u00fcller-Guttenbrunn schrieb 1928 in ironischer Abgrenzung zum Bild vom Anarchisten als M\u00f6rder und Chaot, der einzige Mord, den er auszu\u00fcben gedenke, sei der \u201eMord am Schwachsinn\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch so eintr\u00e4chtig in der Wahl der Mittel, wie bei Raccanello und wie von Rosler hervorgehoben. sind Bewegungen und Kunstpraktiken nicht immer. Im Gegenteil, w\u00e4hrend emanzipatorische Protestbewegungen stets darum bem\u00fcht sind, ihre Anliegen m\u00f6glichst vielen verst\u00e4ndlich zu machen und Botschaften klar zu vermitteln, lebt die Kunst von Bedeutungsvielfalt und Undurchsichtigkeit. Es bedarf schon eines Expert*innenwissens, um einen Zugang zu ihr zu finden. Kunst ist oft sperrig, zumindest diejenige, die als solche in Galerien, Museen und Kunstzeitschriften als solche gehandelt, d.h. anerkannt wird. Damit grenzt und schlie\u00dft sie viele aus. Denn die Zugangsh\u00fcrden zu ihr sind hoch, gebraucht wird Bildung, Zeit und der Glaube daran, dass es \u00fcberhaupt sinnvoll ist, sich mit k\u00fcnstlerischen Arbeiten zu besch\u00e4ftigen. Das Kunstsystem ist folglich ein relativ privilegierter Bereich in der Gesellschaft, der von Privilegierten gestaltet wird.\u00a0((3))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und gegen Privilegien haben Anarchist*innen selbstverst\u00e4ndlich etwas. Die Anarchist*innen standen und stehen der Kunst des Kunstbetriebs wegen dessen Ausschlusscharakters daher oft ablehnend gegen\u00fcber. Schon der Mitbegr\u00fcnder des modernen Anarchismus, Michail Bakunin, erhob bereits 1869 den Vorwurf, die Kunst finde \u201eunter Ausschlu\u00df und folglich auch zum Schaden der ungeheuren Mehrzahl\u201c ((4)) der Bev\u00f6lkerung statt. Um den Nicht-Eingeweihten nicht weiter zu schaden, wollten auch diverse Akteur*innen der k\u00fcnstlerischen Avantgarden selbst immer wieder \u201edie Kunst\u201c in \u201edas Leben\u201c \u00fcberf\u00fchren. Diese historischen Versuche sind letztlich alle misslungen, auch wenn und gerade weil die Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, die Verbreitung von Kreativit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t l\u00e4ngst ganz andere als kulturschaffende Milieus erreicht hat. W\u00e4hrend die Avantgarde-Forderungen sich unter kapitalistischen Bedingungen zum neoliberalen Imperativ pervertiert haben, erfreut sich der Kunstbetrieb in seiner relativen Abgeschlossenheit bestem Funktionieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem ist nicht alles verloren. Ohne eine Wesensverwandtschaft zwischen Anarchismus und Kunst zu behaupten, gibt es eine Alternative zur Totalopposition. Sie hei\u00dft kritische Partizipation. (Und weil das nicht sehr anarchistisch klingt, nennen wir es eben postanarchistisch. Das ist nicht nur flapsig dahingesagt, sondern beschreibt ein Charakteristikum postanarchistischer Haltung, n\u00e4mlich in einer von vielerlei Herrschaftsformen gepr\u00e4gten Welt keine rein herrschaftslose Praxis f\u00fcr m\u00f6glich zu erachten.) Lavinia Raccanellos Arbeit w\u00e4re ein Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24282\" aria-describedby=\"caption-attachment-24282\" style=\"width: 390px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-24282\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/391px-Camille_Pissarro_040.jpg\" alt=\"\" width=\"390\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/391px-Camille_Pissarro_040.jpg 390w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/391px-Camille_Pissarro_040-300x369.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/391px-Camille_Pissarro_040-244x300.jpg 244w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/391px-Camille_Pissarro_040-122x150.jpg 122w\" sizes=\"auto, (max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24282\" class=\"wp-caption-text\">Selbstportr\u00e4t, 1873, Camille Pissarro, Public domain, via Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt viele weitere Beispiele, bei denen anarchistische Inhalte \u00fcber eine formale Bearbeitung durch K\u00fcnstlerInnen einem Publikum pr\u00e4sentiert wurden und werden, die sonst nie damit in Ber\u00fchrung gekommen w\u00e4ren. Die Skulptur des Anarchisten Paul Wulf, die die K\u00fcnstlerin Silke Wagner 2007 gemeinsam mit Graswurzelrevolution-Redakteur Bernd Dr\u00fccke und weiteren Aktivist*innen rund um das M\u00fcnsteraner Umweltzentrum-Archiv entwickelt hatte, ist ein weiteres solches Beispiel. Die Skulptur war als Teil einer alle zehn Jahre stattfindenden Gro\u00dfausstellung im \u00f6ffentlichen Raum platziert worden und sorgt bis heute f\u00fcr Diskussionen weit \u00fcber die Westf\u00e4lische Studierendenstadt hinaus. ((5))<br \/>\nIm Grazer Kunstverein rotor. Zentrum f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst fand Ende 2019 die Ausstellung \u201eAlphabet des anarchistischen Amateurs\u201c statt. ((6)) Darin wurden 51 k\u00fcnstlerische Arbeiten gezeigt, die sich mit dem gleichnamigen Text des Anarchisten Herbert M\u00fcller-Guttenbrunn auseinandersetzten. ((7)) Ohne auf die einzelnen Arbeiten hier eingehen zu k\u00f6nnen, war diese Schau als Ganze ein weiteres Beispiel f\u00fcr kritische Partizipation, also daf\u00fcr, mit anarchistischer Kritik am Kunstbetrieb teilzunehmen. Diese Teilnahme am Kunstbetrieb hat, seitdem die impressionistischen Gem\u00e4lde des Anarchisten Camille Pissarro (1830-1903) im staatlich organisierten Salon de Paris ausgestellt wurden, viele interessante Formen angenommen und diverse Wege eingeschlagen. Die Geschichte dieser Wege gilt es, sich zu vergegenw\u00e4rtigen, auch und gerade weil sie der im Anarchismus in der Regel propagierten, kollektiven Selbsterm\u00e4chtigung jenseits bestehender Institutionen so gar nicht entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcller-Guttenbrunn schrieb 1928 in ironischer Abgrenzung zum Bild vom Anarchisten als M\u00f6rder und Chaot, der einzige Mord, den er auszu\u00fcben gedenke, sei der \u201eMord am Schwachsinn\u201c((8)). Und dazu, sollte man meinen, lassen sich Kunstr\u00e4ume doch allemal nutzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stadtpl\u00e4ne ganz in Schwarz, ver-\u2028wirrende Stra\u00dfengeflechte, in denen jeweils nur ein einziger Stra\u00dfenname in Rot, alle anderen in Schwarz geschrieben stehen. Auch die Holzrahmen sind rot, die die schwarzen Bilder umranden. Der jeweilige Name ist der eines italienischen Anarchisten (oder, im Falle von Sacco &amp; Vanzetti, von zweien). Die K\u00fcnstlerin Lavinia Raccanello hat, indem sie &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/kunstemanzipatorisch-und-oder-ausschliessend\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":24281,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Kunst - Emanzipatorisch und\/oder ausschlie\u00dfend? - graswurzelrevolution","description":"Stadtpl\u00e4ne ganz in Schwarz, ver-\u2028wirrende Stra\u00dfengeflechte, in denen jeweils nur ein einziger Stra\u00dfenname in Rot, alle anderen in Schwarz geschrieben stehen. Au"},"footnotes":""},"categories":[1350,1031],"tags":[],"class_list":["post-24075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-455-januar-2021","category-stichworte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24075"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24075\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24281"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}