{"id":2419,"date":"1999-01-01T00:00:46","date_gmt":"1998-12-31T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2419"},"modified":"2022-07-26T14:17:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:02","slug":"erich-muhsam-der-revoluzzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/01\/erich-muhsam-der-revoluzzer\/","title":{"rendered":"Erich M\u00fchsam: Der Revoluzzer"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeiten, in denen ein Spottlied auf die Sozialdemokratie &#8222;Der Revoluzzer&#8220; hei\u00dfen konnte, scheinen vorbei. Gegenw\u00e4rtig m\u00fc\u00dfte eine Parodie auf diejenigen, die &#8222;einiges besser&#8220; machen wollen, eher &#8222;Der Reformerich&#8220; hei\u00dfen, sollte der Angriff nicht bereits an der Wahl falscher Ma\u00dfst\u00e4be scheitern. Pragmatik, Effizienz und Steuerungskraft w\u00e4ren gewi\u00df auch eines Spottliedes w\u00fcrdig, doch daran arbeitet sich bereits die b\u00fcrgerliche Presse zur gen\u00fcge ab. Die Revolution haben die SozialdemokratInnen jedenfalls l\u00e4ngst von der Tagesordnung abgesetzt. Doch das war fr\u00fcher einmal anders.<\/p>\n<p>M\u00fchsam schrieb das Lied 1907 sicher unter dem Eindruck der russischen Revolution von 1905 und der daraufhin von der Sozialdemokratie gef\u00fchrten Massenstreikdebatte (1905\/06), die mit der Ablehnung spontaner au\u00dferparlamentarischer Aktionen endete. Eine Auseinandersetzung, die den aktuellen Streikbewegungen zusetzte, von denen M\u00fchsam &#8222;Crimmitschau 1903, Bergarbeiter 1897 und 1905, Berliner Metallarbeiter 1906 und so weiter&#8220; in Briefen erw\u00e4hnte. An ihnen kritisierte er das &#8222;&#8230;Vereinsmeiertum der zentralisierten Gewerkschaften, denen jeder gro\u00dfe Streik verloren geht&#8220;. Die Sozialdemokratie bejahte auf ihrem Parteitag in Jena die Massenstreiks zun\u00e4chst unter dem Eindruck der Ereignisse in Ru\u00dfland, aber \u00fcbernahm ein Jahr sp\u00e4ter in Mannheim die ablehnende Haltung der Zentralverb\u00e4nde. Sie begab sich damit in die Startl\u00f6cher f\u00fcr den Reichstagswahlkampf im Januar und Februar 1907, den M\u00fchsam zu Agitationsreden in sozialdemokratischen Versammlungen nutzte. Au\u00dferdem geben M\u00fchsams Briefe Hinweise auf seine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Ph\u00e4nomen &#8222;Politischer Terror&#8220;. Er war der Ansicht, f\u00fcr anarchistische Gewaltakte ergebe sich die Rechtfertigung von selbst, aufgrund einer psychologischen Begr\u00fcndung. Seine gef\u00e4hrliche strategische Zielsetzung schl\u00e4gt er Karl Kraus im April 1907 als Artikelprojekt vor: &#8222;Wenn es irgend angeht, m\u00f6chte ich die Sache in eine nat\u00fcrlich psychologisch kaschierte Aufreizung an die preu\u00dfischen Polen ausklingen lassen mit Brandstiftungen, Abschreckungsmorden usw. gegen die Verpreu\u00dfungspolitik zu arbeiten&#8220; (M\u00fchsam 1984, 95). Kraus lehnte ab, ein Artikel erschien sp\u00e4ter, im September, unter anderem in &#8222;Der freie Arbeiter&#8220;.<\/p>\n<p>Aufschlu\u00dfreich an dem Revoluzzer ist, da\u00df M\u00fchsam all diese aktuellen Bez\u00fcge im Lied nicht erw\u00e4hnt, sondern die sozialdemokratische Parteipraxis angreift, indem er die Geschichte des Lampenputzers erz\u00e4hlt. Die Interpreten tragen den Revoluzzer meist als Moritat vor, die sich bei den vorw\u00e4rtsschreitenden Revoluzzern zu einem Marsch beschleunigt. Ob es diesen Revoluzzer tats\u00e4chlich als Person gegeben hatte, ist nicht \u00fcberliefert. F\u00fcr den Erfolg ist es unerheblich. Wichtig ist, da\u00df M\u00fchsam ein stimmiges Bild vom sozialdemokratischen Revolution\u00e4r und seinem Umgang mit den spontanen Massenerhebungen und Revolutionen zeichnete, da\u00df noch heute als durch die Ereignisse von 1918\/19 als belegt gilt. Er konnte dabei auf die Ordnungsfunktion der Lampenputzer wie auch die faszinierende aber zugleich disziplinierende Wirkung der Stra\u00dfenbeleuchtung anspielen. Im preu\u00dfischen Deutschland ist exemplarisch zu sehen, wie die Durchsetzung der Stra\u00dfenbeleuchtung ein umstrittener technisch-politischer Vorgang war. An dessen Beginn weigerten sich Stadtb\u00fcrgerInnen Berlins \u00d6llampen wegen der damit verbundenen Kosten freiwillig aufzustellen. Der K\u00f6nig mu\u00dfte sie 1680 auf eigene Rechnung errichten lassen und durch &#8222;Lampenversorger&#8220; in Betrieb halten. Deren Auftrag war sehr viel weiter gefa\u00dft als nur Lampen zu putzen, denn in \u00d6llaternen mu\u00dfte st\u00e4ndig das \u00d6l genau dosiert werden und ihre Dochte bedurften sorgf\u00e4ltiger Pflege. In Preu\u00dfen regelte die Aufgaben ein minuzi\u00f6ses k\u00f6nigliches Reglement. 1803 erweiterte sich der bereits angelegte obrigkeitliche Charakter zur hilfspolizeilichen Ordnungsfunktion, um die h\u00e4ufige Entwendung und Besch\u00e4digung von Stra\u00dfenlaternen zu verhindern. 1826 wurde als Schutztruppe sogar eine Erleuchtungsinvaliden-Kompanie aus 60 Kriegsversehrten rekrutiert. W\u00e4hrend dieser Zeit erhielt Berlin die erste Gasbeleuchtung, die durch sehr viel mehr Helligkeit beeindruckte, aber auch bedrohte. Das Licht brachte Helligkeit in die N\u00e4chte der Gro\u00dfst\u00e4dte. Es erm\u00f6glichte und erleichterte wirksame Eingriffe der ordnenden Obrigkeit, was die Beleuchtung vielfach umstritten machte. Die Gasbeleuchtung trat in Europa ihren Siegeszug an, w\u00e4hrend sich mehrere Revolutionen 1830 und 1848 ereigneten. Die Gaslaternen wurden dabei h\u00e4ufig zerst\u00f6rt, sicher, weil sie sich sehr gut f\u00fcr den Bau von Barrikaden eigneten, wie es der Revoluzzer erfuhr.<\/p>\n<p>Der &#8222;Revoluzzer&#8220; wurde eines von M\u00fchsams erfolgreichen Liedern. Es verbreitete sich unter KabarettistInnen und geh\u00f6rte zum festen Repertoire der M\u00fcnchener &#8222;Elf Scharfrichter&#8220; oder des dadaistischen Cabaret Voltaire von Hugo Ball. Es hinterl\u00e4\u00dft Spuren bei Ringelnatz und Klabund oder wird von AnarchistInnen z.B. von Oskar Maria Graf und in der Boheme aufgegriffen. Wirklich popul\u00e4r in der Arbeiterbewegung wird es in der Interpretation von Ernst Busch sowie durch die Aufnahme in die Liederb\u00fccher der Linken der zwanziger Jahre (Kauffeldt 1983, 164ff.). Es diente dabei immer den &#8222;radikaleren&#8220; die &#8222;zaghaften&#8220; zu kritisieren, was in der Novemberrevolution eine wichtige Konfliktlinie in der sozialen Bewegung darstellte. Vor allem in Phasen der sich bewegenden Massen scheint es das wichtigste Problem zu sein. Aber gerade im R\u00fcckblick auf die &#8222;gelungenen&#8220; doch heute durchweg gescheiterten Revolutionen ist zu fragen, ob andere Probleme nicht wichtiger gewesen sein k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>M\u00fchsam wu\u00dfte nicht nur, was ein &#8222;Revoluzzer&#8220; ist, sondern auch was die aktuellen Aufgaben eines wirklichen Revolution\u00e4rs waren. M\u00fchsam verstand sich, wie er in einem Brief des gleichen Jahres an den liberalen Publizisten Maximilian Harden darlegte, seit reichlich sechs Jahren als Anarchist und sei agitatorisch t\u00e4tig. Er bechreibt seine Zielsetzung und Aktivit\u00e4ten folgenderma\u00dfen: &#8222;Mein Kampf richtet sich also prinzipiell gegen den Staat und seine Ausdrucksformen (Kapitalismus, Militarismus, Justiz). Die einzig m\u00f6gliche Grundlage zu anarchistischer Freiheit (das hei\u00dft: zur Durchsetzung der Pers\u00f6nlichkeit gegen\u00fcber der Gesellschaft) erblicke ich in der Wirtschaftsform Sozialismus. Hervorragend interessiert an der grunds\u00e4tzlichen Umgestaltung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse erscheinen mir Alle, deren Schaffen im Hinblick auf die gesellschaftliche und kulturelle Nutzleistung nicht richtig bewertet wird, also besonders K\u00fcnstler und Arbeiter. Die nat\u00fcrliche Taktik zur Durchk\u00e4mpfung meiner revolution\u00e4ren Ideen sehe ich im konsequenten Klassenkampf, also in der bedingungslosen, in jeder Ma\u00dfnahme betonten Gegnerschaft der Besitzlosen gegen die Besitzenden. Daher glaube ich, da\u00df jede von den genannten Gruppen ge\u00fcbte Beteiligung an der Verwaltung der g\u00fcltigen Herrschaftsorgane im Widerspruch zur Methode des Klassenkampfes steht, da\u00df sie notgedrungen zu Konzessionen f\u00fchrt, da\u00df sie reformierend (das hei\u00dft: festigend) auf die bek\u00e4mpften Zust\u00e4nde einwirkt. Ein wichtiges Verwaltungsorgan des herrschenden Staates ist das Parlament; deshalb d\u00fcnkt mich die Beteiligung am parlamentarischen Leben unvereinbar mit dem sozialistischen System des Klassenkampfes, dessen Machtmittel allein in der M\u00f6glichkeit liegt dem Feind wirtschaftlich zu schw\u00e4chen. Das geschieht am wirksamsten durch den Streik: durch die direkte Erzwingung wirtschaftlicher F\u00f6rderung des Arbeiters.<\/p>\n<p>Diese Ansicht, die hier nur im gr\u00f6bsten Umri\u00df angedeutet ist, vertrete ich mit Vorliebe der Sozialdemokratie gegen\u00fcber, deren Geschichte ein stetig vermehrtes Konzessionieren und Paktieren ist. Der geeignetste Moment aber, meine Meinung \u00f6ffentlich auszusprechen, scheint mir die Zeit zu sein, wo die Sozialdemokratie zu bevorstehenden Parlamentswahlen Stimmen k\u00f6dert. In solchen Zeiten pflege ich in Versammlungen unter den Arbeitern f\u00fcr den konzessionslosen Klassenkampf Stimmung zu machen. So auch diesmal. Am Abend vor der Hauptwahl zum Reichstag sprach ich in der Diskussion gegen ein Referat des Ritters Georg von Vollmar, bisherigen Reichtstags- und gegenw\u00e4rtigen bayrischen Landtagsabgeordneten. Ich kritisierte ausf\u00fchrlich das antirevolution\u00e4re Verhalten der Sozialdemokratie, begr\u00fcndete meine Kritik mit dem Hinweis darauf, da\u00df die seit nahezu vierzig Jahren ausge\u00fcbte Praxis des W\u00e4hlens nach dem stets als Ideal gepriesenen deutschen Reichtstagswahlrecht zur F\u00f6rderung des Sozialismus bisher nichts erreicht habe&#8230;&#8220; (M\u00fchsam 1984, 90 ff.). Der Anarchist M\u00fchsam wurde w\u00e4hrend dieser Auftritte angegriffen und als kriegstreibender &#8222;Hottentottenliberaler&#8220; verleumdet. Er konnte jedoch seinen Spott auf die revol\u00fczzende Sozialdemokratie durch die Ereignisse 1919 best\u00e4tigt sehen. Der Dramatiker Tankred Dorst machte in den 60er Jahren M\u00fchsam zu einer Figur seines historischen St\u00fccks &#8222;Rotmord. I was a German&#8220; \u00fcber die R\u00e4terepublik in M\u00fcnchen, und l\u00e4\u00dft M\u00fchsam den Revoluzzer selbst vortragen. Ein Arbeiter erwidert ihm: &#8222;Du bist ja selbst ein Lampenputzer und wir m\u00fcssens ausbaden.&#8220;<\/p>\n<p>Das Lied vom Lampenputzer ist, obwohl 1907 verfa\u00dft, durch seine wiederkehrende historische Aktualit\u00e4t bis in unsere Tage vergleichsweise bekannt geblieben. Zum Teil, weil es aus den sechziger und siebziger Jahren als einer der Protestsongs vertraut ist, die eine politisierte Folkszene als Teil sozialer Bewegung wieder entdeckt hatte. Schon damals wurde der &#8222;Revoluzzer&#8220; u.a. von Dieter S\u00fcverkr\u00fcp interpretiert, der es aufgrund seiner Unterst\u00fctzung der westdeutschen Kommunisten in der DKP allerdings auch in einen politisch zweifelhaften Zusammenhang brachte. Von S\u00fcverkr\u00fcp stammt eine neuere heute erh\u00e4ltliche Interpretation auf der CD &#8222;Ich lade Euch zum Requiem&#8220;, die nur Lieder von M\u00fchsam pr\u00e4sentiert, und in deren Begleittext auf die Erich M\u00fchsam Gesellschaft verwiesen wird. Der &#8222;Revoluzzer&#8220; ist aber auch von einem ausgewiesen libert\u00e4ren Interpreten erh\u00e4ltlich. Gregor Hause hat 1998 eine CD unter dem Titel &#8222;Das Herz in der Hand&#8220; zusammen mit der FAU produziert. Er legt darin etwa 20 Lieder nach Texten von M\u00fchsam vor, die \u00fcberwiegend andere Lieder als bei S\u00fcverkr\u00fcp enth\u00e4lt. Das Lied des Reformerich hat meines wissens noch keine\/r geschrieben.<\/p>\n<h3>Erich M\u00fchsam: Der Revoluzzer<br \/>\nDer deutschen Sozialdemokratie gewidmet<\/h3>\n<p>War einmal ein Revoluzzer,<br \/>\nIm Zivilstand Lampenputzer;<br \/>\nGing im Revoluzzerschritt<br \/>\nMit den Revoluzzern mit.<\/p>\n<p>Und er schrie: &#8218;Ich revol\u00fczze!&#8216;<br \/>\nUnd die Revoluzzerm\u00fctze<br \/>\nSchob er auf das linke Ohr,<br \/>\nKam sich h\u00f6chst gef\u00e4hrlich vor.<\/p>\n<p>Doch die Revoluzzer schritten<br \/>\nMitten in der Stra\u00dfen Mitten,<br \/>\nWo er sonst unverdrutzt<br \/>\nAlle Gaslaternen putzt.<\/p>\n<p>Sie vom Boden zu entfernen,<br \/>\nRupft man die Gaslaternen<br \/>\nAus dem Stra\u00dfenpflaster aus,<br \/>\nZwecks des Barrikadenbaus.<\/p>\n<p>Aber unser Revoluzzer Schrie:<br \/>\n&#8218;Ich bin der Lampenputzer<br \/>\nDiesen guten Leuchtelichts.<br \/>\nBitte, bitte, tut ihm nichts!<\/p>\n<p>Wenn wir ihn&#8216; das Licht ausdrehen,<br \/>\nKann kein B\u00fcrger nichts mehr sehen,<br \/>\nLa\u00dft die Lampen stehen, ich bitt!<br \/>\nDenn sonst spiel ich nicht mehr mit!&#8216;<\/p>\n<p>Doch die Revoluzzer lachten,<br \/>\nUnd die Gaslaternen krachten,<br \/>\nUnd der Lampenputzer schlich<br \/>\nFort und weinte bitterlich.<\/p>\n<p>Dann ist er zu Haus geblieben<br \/>\nUnd hat dort ein Buch geschrieben:<br \/>\nN\u00e4mlich wie man revoluzzt<br \/>\nUnd dabei noch Lampen putzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeiten, in denen ein Spottlied auf die Sozialdemokratie &#8222;Der Revoluzzer&#8220; hei\u00dfen konnte, scheinen vorbei. 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