{"id":2426,"date":"1999-02-01T00:00:43","date_gmt":"1999-01-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2426"},"modified":"2022-07-26T14:26:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:29","slug":"krieg-im-kosovoa-glucksfall-fur-die-nato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/02\/krieg-im-kosovoa-glucksfall-fur-die-nato\/","title":{"rendered":"Krieg im Kosovo\/a &#8211; Gl\u00fccksfall f\u00fcr die NATO?"},"content":{"rendered":"<p>Am Freitag, den 15. Januar 1999, st\u00fcrmten serbische Sondereinheiten der Polizei das Dorf Racak. Die Gr\u00fcnde scheinen unklar zu sein, laut offizieller Version der serbischen Regierung handelt es sich bei den 45 Toten um bei K\u00e4mpfen get\u00f6tete Rebellen der U\u00c7K (Kosova Befreiungsarmee), doch diese erkl\u00e4rte, lediglich acht der Get\u00f6teten seien U\u00c7K-K\u00e4mpfer. Laut Angaben von William Walker, Chef der OSZE- (Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) Mission im Kosovo\/a, h\u00e4tten die meisten Opfer Einsch\u00fcsse im Genick, viele w\u00e4ren verst\u00fcmmelt. Au\u00dferdem sind unter den Toten drei Frauen und sogar ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger (FR, 18.1.99). All das spricht dagegen, da\u00df die Toten schlicht im Kampf zwischen U\u00c7K und serbischen Polizeieinheiten umgekommen sind.<\/p>\n<p>Trotzdem w\u00e4re es zu einfach, einseitige Schuldzuweisungen an die serbische Seite zu machen. Die Auseinandersetzung im Kosovo\/a hat eine Eskalationsstufe erreicht, bei der zwei Nationalismen sich unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehen. Seit dem Einlenken Milosevics gegen\u00fcber dem US-Vermittler Richard Holbrooke vom 13.10.1998 (vgl. <a title=\"Nationalismus &amp; Militarismus als Gewinner\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/11\/nationalismus-militarismus-als-gewinner\/\">GWR 233<\/a>) ging es beiden Seiten darum, ein m\u00f6glicherweise entstehendes Machtvakuum zum eigenen Vorteil auszunutzen und die Grenzen der eigenen &#8222;Handlungsfreiheit&#8220; jeweils auszutesten.<\/p>\n<h3>Die Vereinbarung mit Milosevic und die Folgen<\/h3>\n<p>&#8222;Reingelegt, diesmal vom Westen&#8220;, umschrieb die Frankfurter Rundschau bereits am 16. Oktober die Stimmung im Kosovo\/a nach dem Einlenken Milosevics. In buchst\u00e4blich letzter Minute hatte Milosevic einen Schlag der NATO &#8211; \u00fcbrigens ebenfalls ohne UN-Votum (vgl. <a title=\"Nationalismus &amp; Militarismus als Gewinner\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/11\/nationalismus-militarismus-als-gewinner\/\">GWR 233<\/a>) &#8211; abgewendet. Teil der Vereinbarungen war, da\u00df Serbien &#8211; entsprechend der UN-Resolution 1199 vom 23. September 1998 &#8211; seine Milit\u00e4r- und Sondereinheiten der Polizei aus dem Kosovo\/a abzieht, die R\u00fcckkehr der Fl\u00fcchtlinge erm\u00f6glicht, mit den internationalen Hilfsorganisationen zusammenarbeitet und in Verhandlungen mit den Kosovo\/a-AlbanerInnen eine dauerhafte Konfliktl\u00f6sung erreicht. Die Umsetzung dieser Vereinbarungen sollte durch 2 000 BeobachterInnen der OSZE \u00fcberwacht werden (FR, 14.10.98).<\/p>\n<p>Innenpolitisch ging Milosevic aus diesen Auseinandersetzungen zun\u00e4chst gest\u00e4rkt hervor. Gegen\u00fcber der eigenen Bev\u00f6lkerung zeichnete er das Bild des Retters, der Serbien vor einem NATO-Schlag bewahrt hat. Auch die Repression gegen die Anti-Kriegs-Opposition in Serbien, der bereits vorher massiv gedroht worden war (vgl. GWR 233), nahm nach der Vereinbarung zum Kosovo\/a nicht wesentlich ab. Milosevic nutzte im Gegenteil die Gelegenheit, die eigenen Reihen zu schlie\u00dfen, und potentielle UnruhestifterInnen in Armee und Staat kaltzustellen. Ende November wurde als prominentestes Opfer der S\u00e4uberungswelle sogar Armeechef Momcilo Perisic entlassen, hatte dieser doch zu oft Unabh\u00e4ngigkeit demonstriert und Ende 1996, zur Zeit der Massendemonstationen gegen Milosevic, erkl\u00e4rt, die Armee sei &#8222;neutral&#8220; (FR, 26.11.98).<\/p>\n<p>Ebenfalls kurz nach dem Abkommen wurde die Politik vor allem gegen\u00fcber unabh\u00e4ngigen Medien versch\u00e4rft. Nur zwei Tage danach wurde das weitere Erscheinen der unabh\u00e4ngigen Tageszeitung Nasa Borba vom serbischen Informationsministerium untersagt (FR, 16.10.98). Auch mehrere unabh\u00e4ngige Radiosender wurden verboten (FR, 23.10.98), durften aber angeblich sp\u00e4ter den Betrieb wieder aufnehmen. Sp\u00e4ter wurden zwar die offiziellen Verbote der Zeitungen aufgehoben, doch ein drakonisches Pressegesetz erlassen, durch das eine kritische Berichterstattung, vor allem zu den Ereignissen im Kosovo\/a, praktisch unm\u00f6glich gemacht wurde (FR, 26.10.98; 6.11.98).<\/p>\n<h3>Die Lage im Kosovo\/a<\/h3>\n<p>Nach anf\u00e4nglichem Z\u00f6gern zogen die serbischen Milit\u00e4reinheiten und die Sondereinheiten der Polizei sich ab dem 18. Oktober aus dem Kosovo\/a zur\u00fcckzuziehen, wie auch die NATO nach \u00dcberwachungsfl\u00fcgen best\u00e4tigte (FR, 19.10.98). Trotzdem kam es weiter zu serbischen Offensiven gegen die U\u00c7K, die versuchte, in die von serbischen Truppen ger\u00e4umten Gebiete &#8222;einzusickern&#8220;. Bereits bei diesem Truppenabzug zeigte sich das seitdem andauernde t\u00f6dliche Spiel aller Seiten, Handlungsspielr\u00e4ume auszutesten, wie Uneinigkeiten zwischen der NATO und Milosevic \u00fcber den Truppenabzug deutlich machten (FR, 23.10.98).<\/p>\n<p>Nur sehr langsam trauten sich die etwa 300 000 Fl\u00fcchtlinge in ihre D\u00f6rfer zur\u00fcck. Ebenfalls nur sehr langsam gelang es der OSZE, ihre Beobachtermission zusammenzustellen.<\/p>\n<p>Weniger langsam dagegen reorganisierte sich die U\u00c7K, und die in <a title=\"Nationalismus &amp; Militarismus als Gewinner\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/11\/nationalismus-militarismus-als-gewinner\/\">GWR 233<\/a> ge\u00e4u\u00dferte Einsch\u00e4tzung, die U\u00c7K sei milit\u00e4risch geschlagen, mu\u00df wohl als Fehleinsch\u00e4tzung bezeichnet werden, auch wenn die U\u00c7K vor dem Einlenken Milosevics nicht mehr zum milit\u00e4rischen Schutz der fr\u00fcher von ihr kontrollierten Gebiete in der Lage war. Die K\u00e4mpferInnen der U\u00c7K zeigten sich \u00fcberall dort wieder in der \u00d6ffentlichkeit, wo die serbischen Polizeieinheiten nach ihrem Abzug ein Machtvakuum hinterlassen hatten (FR, 28.10.98), und bereits Anfang November zeigte sie praktisch \u00fcberall in der Provinz wieder Pr\u00e4senz (FR, 5.11.98). Nicht verwunderlich daher, da\u00df es immer wieder zu K\u00e4mpfen zwischen serbischen Einheiten und der U\u00c7K kam.<\/p>\n<p>Doch nicht nur gegen\u00fcber den SerbInnen spielte die U\u00c7K ihre wiedergewonnene St\u00e4rke aus, sondern auch gegen\u00fcber kosovo\/a-albanischen &#8222;KollaborateurInnen&#8220; &#8211; so meldete die FR z.B. am 16.11.98 die Ermordung eines Albaners, der mit den serbischen Beh\u00f6rden zusammengearbeitet hatte &#8211; und &#8222;gem\u00e4\u00dfigteren&#8220; Organisationen der Kosovo\/a-AlbanerInnen, wie z.B. der Liga f\u00fcr ein demokratisches Kosova (LDK) des im Untergrund gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Ibrahim Rugova (zu Rugova vgl. ausf\u00fchrlich GWR 228). Vielerorts wurde Druck auf VertreterInnen der LDK ausge\u00fcbt, und mehrfach wurden von der U\u00c7K Repr\u00e4sentantInnen der LDK bedroht oder gar &#8222;festgesetzt&#8220; (vgl. z.B. FR, 3.11.98). Dabei bleibt allerdings die politische Linie der U\u00c7K bis heute eher unklar, auch wenn zumindest klar ist, da\u00df eine L\u00f6sung, die einen auch noch so &#8222;autonomen&#8220; Verbleib des Kosovo\/a in der Bundesrepublik Jugoslawien bedeutet, von der U\u00c7K nicht akzeptiert wird. Doch von der Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo\/a \u00fcber einen Anschlu\u00df an Albanien bis hin zu einem &#8222;Gro\u00df-Albanien&#8220; unter Einschlu\u00df von Teilen Makedoniens und Montenegros sind in der U\u00c7K wohl aller Positionen anzutreffen.<\/p>\n<h3>Neue Eskalationen ab Mitte Dezember<\/h3>\n<p>Sp\u00e4testens ab Mitte Dezember spitzte sich die Situation im Kosovo\/a erneut zu. Die Verhandlungen zwischen der serbischen Regierung und VertreterInnen der Kosovo\/a-AlbanerInnen kamen nie richtig in Gang, die Positionen sind unvers\u00f6hnlich. Nachdem Mitte Dezember 31 AlbanerInnen von serbischen Einheiten get\u00f6tet worden waren, als sie Waffen f\u00fcr die U\u00c7K \u00fcber die albanische Grenze bringen wollten, wurden von albanischer Seite in einem Caf\u00e9 in Pec, einem Treffpunkt der serbischen Bev\u00f6lkerung, sechs Menschen erschossen (FR, 16.12.98). Beide Ereignisse f\u00fchrten zu weiteren Auseinandersetzungen, und auch zu Anfeindungen der OSZE- BeobachterInnen im Kosovo\/a, denen von serbischer Seite Parteilichkeit f\u00fcr die Kosovo\/a-AlbanerInnen vorgeworfen wird, w\u00e4hrend die AlbanerInnen ihnen im wesentlichen Unt\u00e4tigkeit vorwerfen, da ihr einzigstes Mandat ist, Menschenrechtsverletzungen &#8222;zu verifizieren&#8220;.<\/p>\n<p>Waren die Medien der Kosovo\/a-AlbanerInnen von den versch\u00e4rften Pressegesetzen bis dahin nicht so stark betroffen gewesen wie die unabh\u00e4ngigen Medien in Serbien selbst &#8211; die Repression gegen Medien richtete sich im Kosovo\/a eher gegen kritische JournalistInnen, die daf\u00fcr allerdings st\u00e4ndig in der Gefahr schweben, verhaftet oder gar umgebracht zu werden &#8211; so \u00e4nderte sich auch dies jetzt. Mittels massiver Einsch\u00fcchterungen gegen\u00fcber den Medien der AlbanerInnen sollte erreicht werden, da\u00df diese ihre redaktionelle Linie \u00e4nderten (FR, 19.12.98).<\/p>\n<p>Die Politik der U\u00c7K ist sp\u00e4testens seit Mitte Dezember gekennzeichnet durch zunehmende Provokationen gegen\u00fcber der serbischen Seite. Auch nach Einsch\u00e4tzungen westlicher DiplomatInnen behindert die U\u00c7K den Friedensproze\u00df mehr als serbische Polizei- und Armeeeinheiten. Die U\u00c7K sei unkooperativ und erschreckend brutal gegen\u00fcber SerbInnen und auch gegen\u00fcber gem\u00e4\u00dfigteren AlbanerInnen (FR, 22.12.98). Insgesamt sind in den ersten sechs Wochen des &#8222;Waffenstillstands&#8220; mehr als 80 Menschen im Kosovo\/a ums Leben gekommen (FR, 28.12.98) &#8211; nicht gerade Zeichen einer sich anbahnenden friedlichen L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Anfang Januar eskalierte die Situation schlie\u00dflich weiter. Kennzeichen sind die Ermordung eines engen Mitarbeites von Ibrahim Rugova in Pristina am 11.01.99 (m\u00f6glicherweise durch die U\u00c7K), sowie die Geiselnahme von acht jugoslawischen Soldaten durch die U\u00c7K (FR, 12.01.99). Auch wenn diese Geiseln &#8211; die U\u00c7K sprach von &#8222;Kriegsgefangenen&#8220; &#8211; auf Vermittlung der OSZE sp\u00e4ter wieder freigelassen wurden, so war die Geiselnahme doch Anla\u00df f\u00fcr serbische Vergeltungsma\u00dfnahmen, in die sich das j\u00fcngste Massaker von Racak als vorl\u00e4ufiger H\u00f6hepunkt einf\u00fcgt. Zur Eskalation trug ebenfalls bei, da\u00df ein britischer OSZE- Beobachter und sein Dolmetscher von unbekannter Seite gezielt angeschossen wurden (Guardian, 16.01.99). Gerade in den letzten Tagen fanden vermehrt serbische Angriffe auf D\u00f6rfer im Kosovo\/a statt, in denen die U\u00c7K \u00f6ffentlich in Erscheinung getreten ist. Auch Drohungen gegen\u00fcber der serbischen Opposition nehmen wieder zu, die als vom Westen finanziert diffamiert und &#8211; \u00e4hnlich der Situation im Oktober &#8211; praktisch zur Lynchjustiz freigegeben wird.<\/p>\n<p>Auf diplomatischer Ebene ist ebenfalls deutlich eine Zuspitzung erkennbar. Bereits Anfang Januar wurde mehr als deutlich, da\u00df die serbischen Beh\u00f6rden die OSZE-BeobachterInnen nicht im geringsten unterst\u00fctzen w\u00fcrden. Als bewaffnete SerbInnen alle Zufahrtstra\u00dfen Pristinas blockierten und die OSZE-BeobachterInnen an der Weiterfahrt hinderten, unternahm die serbische Polizei nichts (FR, 09.01.99). Nach der Verurteilung des Massakers von Racak durch den Chef der OSZE-Mission, den US-Diplomaten Walker, wurde dieser durch das serbische Regime zur Ausreise aufgefordert, wozu ihm ein Ultimatum von 48 Stunden gestellt wurde, das sp\u00e4ter noch einmal um 24 Stunden verl\u00e4ngert wurde (FR 22.01.99). In der serbischen \u00d6ffentlichkeit wird Walker als &#8222;CIA-Spion&#8220; dargestellt, und die Ver\u00f6ffentlichungen \u00fcber die Praxis der UNSCOM-Mission im Irak, Daten an den US- Geheimdienst weiterzuleiten, machen es Serbien auch leicht, solche Behauptungen glaubw\u00fcrdig aufzustellen.<\/p>\n<p>Auch der Chefankl\u00e4gerin der internationalen Kriegsverbrechertribunals, Louise Arbour, die im Zusammenhang mit dem Massaker von Racak ermitteln wollte, wurde von Jugoslawien die Einreise verweigert (FR, 19.01.99), da es sich im Kosovo\/a um einen &#8222;internen Konflikt&#8220; handele, f\u00fcr den das Tribunal nicht zust\u00e4ndig sei.<\/p>\n<p>Die Provokationen beider Seiten &#8211; ob nun milit\u00e4risch im Kosovo\/a oder auf diplomatischer Ebene durch die jugoslawischen Beh\u00f6rden &#8211; haben die U\u00c7K schlie\u00dflich ihrem Ziel n\u00e4her gebracht: die NATO diskutiert erneut einen Einsatz im Kosovo\/a.<\/p>\n<h3>Die Rolle der NATO<\/h3>\n<p>Der bereits im Oktober letzten Jahres erlassene &#8222;Aktivierungsbefehl&#8220; der NATO, durch den Luftangriffe im Kosovo\/a m\u00f6glich sind, ist derzeit formell immer noch in Kraft, und die NATO hat bereits angek\u00fcndigt, die Vorlaufzeit f\u00fcr Luftangriffe von 96 auf 48 Stunden zu verk\u00fcrzen. Zus\u00e4tzlich werden Luftwaffen- und Marineeinheiten in der Adria zusammengezogen und die &#8222;Schutztruppe&#8220; in Makedonien soll von 1 700 auf 5 000 Soldaten verst\u00e4rkt werden. Die Drohkulisse f\u00fcr einen Milit\u00e4reinsatz wird wieder massiv versch\u00e4rft, und auch die rot-gr\u00fcne Bundesregierung, die erst im Oktober ihre Bereitschaft zum Krieg unter Beweis gestellt hatte, schlie\u00dft einen Milit\u00e4reinsatz nicht aus.<\/p>\n<p>Dabei bleiben die Ziele eines Milit\u00e4reinsatzes erneut \u00e4u\u00dferst unklar. Die NATO hat mehrfach erkl\u00e4rt, da\u00df sie eine Unabh\u00e4ngigkeit des Kosovo\/a nicht unterst\u00fctzen wird. Gleichzeitig hat die Politik der NATO der vergangenen Monate (und \u00fcberhaupt auf dem Balkan seit 1991) deutlich gezeigt, da\u00df gewaltsame Aktionen der U\u00c7K und die damit verbundenen Reaktionen der serbischen Seite (mit dieser Formulierung soll nicht geleugnet werden, da\u00df auch die Gewalt der U\u00c7K wiederum eine Reaktion auf serbische Repression darstellt, vgl. <a title=\"Nationalismus &amp; Militarismus als Gewinner\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/11\/nationalismus-militarismus-als-gewinner\/\">GWR 233<\/a>) zur Androhung von NATO-Aktionen gegen Milosevic f\u00fchren und somit letztlich belohnt werden. Die Ereignisse in Bosnien, und die Belohnung von Gewalt im Dayton-Vertrag, der zur faktischen Teilung Bosniens unter der d\u00fcnnen H\u00fclle gemeinsamer Staatlichkeit f\u00fchrte, dienen dabei auch der U\u00c7K als lohnendes Beispiel, wie auch die Forderung der U\u00c7K nach einem Status &#8222;wie die bosnischen Serben&#8220; deutlich zeigt (FR, 05.01.99).<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend eben im Falle Kroatiens und auch Bosniens neue Grenzziehungen und Aufteilungen von Interessenssph\u00e4ren und Einflu\u00dfgebieten durchaus im Interesse der NATO lagen, so gilt dies f\u00fcr den Kosovo\/a weniger. Neue nationalstaatliche Grenzziehungen bedeuten neue Minderheiten und zus\u00e4tzlich, im Falle eines unabh\u00e4ngigen Kosovo\/a, eine Destabilisierung Makedoneniens und Montenegros mit erheblichen albanischen Minderheiten, m\u00f6glicherweise gar eine weitere Destabilisierung Serbiens, da auch die ungarische Minderheit in der Vojvodina zu einer Politik der Eigenstaatlichkeit ermuntert werden k\u00f6nnte. Und es w\u00e4re weiter fraglich, ob das fragile Kunstgebilde von Dayton bei ver\u00e4nderten Grenzen im Balkan weiterhin Bestand haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Trotzdem kann ein Krieg im Kosovo\/a durchaus im Interesse der NATO liegen. Mehr noch: gerade jetzt w\u00e4re er gewisserma\u00dfen ein &#8222;Gl\u00fccksfall&#8220; f\u00fcr die NATO. Bereits der NATO-Beschlu\u00df f\u00fcr ein milit\u00e4risches Eingreifen im Kosovo\/a vom Oktober letzten Jahres stellte einen gef\u00e4hrlichen Pr\u00e4zedenzfall dar, wurde hier doch erstmals deutlich die UNO au\u00dfen vor gelassen. Ein Beschlu\u00df des UN-Sicherheitsrates war gegen Ru\u00dfland und China nicht zu erreichen, also erteilte sich die NATO selbst die Legitimation, denn das Eingreifen von &#8222;16 demokratischen Nationen&#8220; w\u00e4re Legitimation genug (FR, 14.10.98). Erschreckend ist in diesem Zusammenhang, da\u00df bei der aktuellen Diskussion um einen NATO-Einsatz die UNO schon gar keine Rolle mehr spielt, weder im \u00f6ffentlichen Bewu\u00dftsein, noch in der politischen Debatte.<\/p>\n<p>Im Prinzip w\u00e4re ein Krieg im Kosovo\/a die erste Umsetzung der neuen NATO-Doktrin. Hier w\u00fcrde vorexerziert, wie die neue NATO-Weltordnung auszusehen hat: Nach dem neuen NATO-Grundsatzpapier, das im April verabschiedet werden soll, sieht sich die NATO weltweit zum Eingreifen erm\u00e4chtigt, wenn es die Sicherheitslage aus ihrer Einsch\u00e4tzung heraus notwendig erscheinen l\u00e4\u00dft. Dabei ist Teil dieser NATO-Politik, da\u00df daf\u00fcr ein Votum des UN-Sicherheitsrates nicht zwangsl\u00e4ufig erforderlich sein soll (vgl. Artikel in dieser GWR).<\/p>\n<p>Die Situation im Kosovo\/a, mit Ru\u00dfland und China als ausgesprochene GegnerInnen eines NATO-Einsatzes, f\u00fchrt genau zu diesem Bild. Dabei ist seit Sommer letzten Jahres ein NATO-Einsatz als &#8222;humanit\u00e4re Intervention&#8220; in der \u00d6ffentlichkeit vorbereitet, so da\u00df sich bereits im Oktober kein nennenswerter Widerstand gegen die Umgehung der UNO regte. Ein zus\u00e4tzlicher &#8211; aus Sicht der NATO sicherlich erfreulicher &#8211; Nebeneffekt eines NATO-Einsatzes im Kosovo\/a w\u00e4re die endg\u00fcltige Diskreditierung der OSZE und der UNO. Die &#8222;zivile&#8220; (aber unter milit\u00e4rischem Beistand aus Makedonien stehende) OSZE-Mission w\u00e4re endg\u00fcltig als gescheitert anzusehen, und damit k\u00f6nnte sich die NATO als konkurrenzloser &#8222;Friedensstifter&#8220; etablieren. Keine sch\u00f6nen Aussichten.<\/p>\n<p>Zweifelhaft bleibt dabei, ob und wie ein NATO-Einsatz zur Befriedung des Kosovo\/a selbst beitragen soll, wenn es gerade nicht um neue Grenzziehungen geht. Bleibt es bei dieser Position, die einen Verbleib des Kosovo\/a in der Bundesrepublik Jugoslawien bedeutet, so liegt es in der Staatslogik, da\u00df &#8222;Sezessionsbestrebungen&#8220; bek\u00e4mpft werden m\u00fcssen, und genau das f\u00fchren die serbischen Polizei- und Armeeeinheiten derzeit aus. Sollte die NATO also intervenieren, so m\u00fc\u00dfte sie letztlich die Rolle der jugoslawischen Milit\u00e4reinheiten \u00fcbernehmen, wenn sich nach einer Zeit entt\u00e4uschter Hoffnungen auf Unabh\u00e4ngigkeit die Waffen der U\u00c7K schlie\u00dflich auch gegen sie richten.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Milit\u00e4rschl\u00e4ge gegen den Irak zeigen die Hilflosigkeit des Milit\u00e4rs angesichts einer solchen Situation auf und sollten eine Mahnung sein gegen eine Wiederholung im Kosovo\/a.<\/p>\n<h3>Bundeswehr mit dabei?<\/h3>\n<p>Die rot-gr\u00fcne Regierung hat schon vor ihrem offiziellen Amtsantritt gezeigt, da\u00df sie in Sachen out-of-area keinen weniger militaristischen Kurs verfolgt als die alte. Am 16.10.98 stimmte auch rot-gr\u00fcn f\u00fcr eine Beteiligung der Bundeswehr an einem eventuellen NATO-Einsatz im Kosovo\/a. Die Bundeswehr erhielt gr\u00fcnes Licht, sich mit 14 Kampfflugzeugen und 500 Soldaten an einem Einsatz im Kosovo\/a zu beteiligen (FR, 17.10.98). Im November beschlo\u00df die rot-gr\u00fcne Bundesregierung die Beteiligung der Bundeswehr an der NATO- &#8222;Schutztruppe&#8220; in Makedonien und der Luft\u00fcberwachung des Kosovo\/a mit insgesamt 600 Soldaten, davon 250 als &#8222;Notfalltruppe&#8220;, die die OSZE-Beobachter im Kriegsfall &#8222;sch\u00fctzen&#8220; sollen (FR, 19.11.98). Zus\u00e4tzlich stehen Kontingente der in Bosnien stationierten Bundeswehreinheiten f\u00fcr einen Einsatz im Kosovo\/a zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Sollte es zu einem NATO-Einsatz kommen, so ist davon auszugehen, da\u00df die rot-gr\u00fcne Bundesregierung ihr bisheriges vorsichtiges Taktieren (Scharping: &#8222;erstaunt, wie schnell manch einer ans Milit\u00e4r denkt&#8220; (FR, 19.01.99)) aufgibt und die Beschl\u00fcsse vom Oktober 98 umsetzt. Mittlerweile sind alle 14 zugesagten Bundeswehr-Tornados auf dem italienischen Luftwaffenst\u00fctzpunkt Piacenza f\u00fcr einen Luftangriff auf serbische Stellungen im Kosovo\/a einsatzbereit. Die \u00c4u\u00dferung von Kanzler Schr\u00f6der, er schlie\u00dfe ein milit\u00e4risches Eingreifen der NATO nicht aus (FR, 21.01.99), deutet ebenfalls in diese Richtung, zumal hier wieder eine deutliche Schuldzuweisung an Milosevic erfolgte, der allein die Verantwortung f\u00fcr die dramatische Lage trage. Dies erinnert fatal an Stellungnahmen von rot-gr\u00fcn nach dem US-Bombenangriff auf den Irak vom Dezember, in denen ebenfalls Saddam Hussein die alleinige Verantwortung zugesprochen worden war.<\/p>\n<p>An &#8222;Germans to the front&#8220; hat mensch sich mittlerweile ja bereits gew\u00f6hnt, auch wenn an diesen Fronten &#8211; von Kambodscha \u00fcber Somalia bis hin zu Kroatien und Bosnien &#8211; selten geschossen wurde. Doch wenn die Entwicklung im Kosovo\/a sich weiter zuspitzt, wird rot-gr\u00fcn die zweifelhafte Ehre zukommen, den ersten deutschen Kriegseinsatz seit 1945 zu verantworten. Unter rot-gr\u00fcnem Befehl werden dann erstmals Bundeswehrsoldaten zu M\u00f6rdern!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag, den 15. Januar 1999, st\u00fcrmten serbische Sondereinheiten der Polizei das Dorf Racak. Die Gr\u00fcnde scheinen unklar zu sein, laut offizieller Version der serbischen Regierung handelt es sich bei den 45 Toten um bei K\u00e4mpfen get\u00f6tete Rebellen der U\u00c7K (Kosova Befreiungsarmee), doch diese erkl\u00e4rte, lediglich acht der Get\u00f6teten seien U\u00c7K-K\u00e4mpfer. Laut Angaben von William &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/02\/krieg-im-kosovoa-glucksfall-fur-die-nato\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Krieg im Kosovo\/a - Gl\u00fccksfall f\u00fcr die NATO? - graswurzelrevolution","description":"Am Freitag, den 15. 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