{"id":24291,"date":"2021-02-01T14:11:47","date_gmt":"2021-02-01T12:11:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/02\/einfach-ein-mensch-sein\/"},"modified":"2021-02-19T01:28:39","modified_gmt":"2021-02-18T23:28:39","slug":"einfach-ein-mensch-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/02\/einfach-ein-mensch-sein\/","title":{"rendered":"\u201eEinfach ein Mensch sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/6PzycPHSE7E\" width=\"100%\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=6PzycPHSE7E\">Youtube<\/a><\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Herstory<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch habe den Menschen hier in Kanada \u00fcber den Frauenstreik in Polen berichtet. Die Leute hier haben keine Vorstellung davon, was in Polen geschieht. Mir wiederum war neu, wie selbstverst\u00e4ndlich man in Kanada offen \u00fcber Abtreibung sprechen kann\u201c, sagt Joanna. Sie habe mit einer Freundin in Kanada \u00fcber eine Bekannte in Polen gesprochen, die ungeplant schwanger und in einer schwierigen Lebenssituation war. Joanna: \u201eWir sa\u00dfen im Caf\u00e9 und sie sagte laut: \u201aKann sie es nicht abtreiben?\u2018 \u2013 \u00dcberrascht sah ich sie an und sagte: \u201aUnd du kannst hier so laut dar\u00fcber reden?\u2018 \u2013 \u201aWarum nicht\u2018, antwortete sie.\u201c An diesem Punkt wurde Joanna bewusst, welche M\u00f6glichkeiten in dieser selbstverst\u00e4ndlichen Offenheit liegen: Die Menschen sind bereit, ihre Erfahrungen offen zu teilen.<br \/>\nIn Polen sind Abtreibungserfahrungen tabuisiert, auch wenn der anhaltende Frauenstreik den Diskurs langsam ver\u00e4ndert. \u201eIch habe eine Analyse von Filmen durchgef\u00fchrt, die sich mit dem Thema Abtreibung befassen, und oft, auch wenn sie als Pro-Choice gelten, gibt es den unterschwelligen Hinweis, dass Abtreibung gef\u00e4hrlich ist, die Frau stirbt oder eine nerv\u00f6se St\u00f6rung bekommt. Im Allgemeinen lautet die Botschaft, dass sich der Zuschauer um ihren k\u00f6rperlichen und psychischen Zustand sorgen muss\u201c, sagt Joanna. Im Rahmen ihrer Analyse stellte sie fest, dass es sowohl in Polen als auch in Kanada keine \u00f6ffentlichen Stimmen von Frauen gab, die beschlossen hatten, die Schwangerschaft abzubrechen. Nur im Internet kann man anonyme Berichte von Frauen finden. \u201eDa beschloss ich, Geschichten \u00f6ffentlich zu machen, die dir ein Gesicht und einen Namen zeigen\u201c, f\u00fcgt Joanna hinzu. \u201eIch glaube, dass pers\u00f6nliche, direkte Geschichten dieser Art \u00e4u\u00dferst kraftvoll sind und unsere Emotionen beeinflussen. Es ist viel einfacher, eine bestimmte Person zu verstehen und sich mit ihr, wenn auch nur f\u00fcr eine Weile, zu identifizieren.\u201c Hier erwies sich die VR-Technologie (virtual reality) als hilfreich, die es dem Zuschauer durch VR-Brillen nicht nur erm\u00f6glicht, \u201eface-to-face\u201c Frauen \u00fcber ihre Erlebnisse sprechen zu sehen, sondern ihnen auch Fragen zu stellen.<br \/>\nDas Besondere am Projekt \u201eThe Choice VR\u201c ist die Schaffung einer interaktiven Situation, die einerseits f\u00fcr die Erz\u00e4hlerin sicher ist und es andererseits dem Zuschauer, der mit einem schwierigen und intimen Thema konfrontiert wird, erm\u00f6glicht, sich in die Situation der Erz\u00e4hlerin hineinzuversetzen und ihre Emotionen und Motive zu verstehen. \u201eVR ist eine neue Sprache, eine neue Grammatik und stellt den Zuschauer und den Inhalt (content) in eine v\u00f6llig neue Beziehung zueinander. Pers\u00f6nliche Beziehungen haben Bedeutung, sie beeinflussen, wie du andere wahrnimmst. Deshalb dachte ich, VR kann dir helfen, mit einer Frau zu sprechen, die eine Abtreibungserfahrung hinter sich hat, und anstatt ein Buch oder einen Artikel zu lesen, anstatt Aktivisten auf beiden Seiten oder dem Priester auf der Kanzel zuzuh\u00f6ren, konzentrierst du dich auf eine pers\u00f6nliche Geschichte, auf einen Menschen\u201c, erkl\u00e4rt Joanna.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Projektteilnehmerinnen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joanna suchte nach Interview-Teilnehmerinnen online, in Foren \u00fcber Abtreibung oder in sozialen Medien. Das Hauptproblem war die mangelnde Anonymit\u00e4t \u2013 einige der potenziellen Teilnehmerinnen, die generell bereit waren, an dem Projekt teilzunehmen, hatten Angst, ihr Gesicht zu zeigen. Joanna: \u201eIch wollte, dass du in der VR den Eindruck hast, dass du mit jemandem sprichst, den du kennst, mit einer Freundin oder einem Familienmitglied. Ich wollte nicht, dass du das Gef\u00fchl hast, mit irgendeiner Aktivistin zu sprechen, sondern dass dies jemand ist, den du kennst. Und daf\u00fcr brauchte ich Frauen, die ihre Geschichte noch nicht geteilt hatten, weil ich wollte, dass sie nat\u00fcrlich, emotional sind, und wenn ich ihnen eine Frage stelle, antworten sie genauso als w\u00fcrden sie ihrer Freundin antworten, der sie sich anvertrauen. Und das war eine H\u00fcrde, weil es schwieriger ist, jemanden zu \u00fcberzeugen, der selbst dieses Thema noch nicht bearbeitet und sich niemandem anvertraut hat.\u201c<br \/>\nErst die Hilfe von Joyce McArthur von \u201eThe Abortion Rights Coalition of Canada\u201c, die potenziellen Interessentinnen Informationen \u00fcber das Projekt weitergab, war erfolgreich. Die Vermittlung durch eine Vertrauensperson, die im Kontakt mit Frauen steht, die sich f\u00fcr eine Abtreibung entscheiden und diese dabei unterst\u00fctzt, erwies sich als entscheidend, um die erste Teilnehmerin am Projekt zu gewinnen. Es war Marcia aus Toronto, die von ihrer Abtreibung in New York in den 50er Jahren erz\u00e4hlte. Das Gespr\u00e4ch mit ihr war ein Versuch, das Format auszuprobieren, die Fragen und die Gespr\u00e4chsf\u00fchrung zu testen. Daraufhin meldeten sich immer mehr Frauen bei Joanna, zum Teil auch mit schriftlichen Erfahrungsberichten. Da es vielen Frauen leichter fiel, ihre Erfahrungen aufzuschreiben, als sie per VR zu teilen, beschloss Joanna, diese Berichte auf einem Blog zu ver\u00f6ffentlichen: \u201eAuf die Webseite setze ich Geschichten, die die Frauen selbst schreiben, ich mische mich \u00fcberhaupt nicht ein, Frauen schicken mir ihre Geschichten und Fotos.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Einfach ein Mensch sein<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Interview, das mit der VR-Technologie aufgezeichnet wurde, war ein Gespr\u00e4ch mit Elizabeth, einer 18-j\u00e4hrigen Obdachlosen aus Toronto. Sie meldete sich einige Stunden nach der Abtreibung bei Joanna, nachdem sie ein Poster mit Informationen \u00fcber das Projekt in der Klinik gesehen hatte. Elizabeth hatte eine ungeplante Schwangerschaft. \u201eUnd sie hatte nicht das Geld f\u00fcr Essen, f\u00fcr eine Wohnung, f\u00fcr nichts, und da dies Kanada ist, rief sie einen Sozialarbeiter an, der ihr Kontaktinformationen f\u00fcr eine Abtreibungsklinik gab, in der das Verfahren kostenlos war. Derzeit ist Elizabeth in der Schule, hat eine Wohnung und f\u00fchrt ein normales Leben. Sp\u00e4ter m\u00f6chte sie Mutter werden, wenn sie geistig, k\u00f6rperlich und materiell dazu bereit ist. Das ist also eine positive Geschichte\u201c, erkl\u00e4rt Joanna.<br \/>\nDie Projekt-Teilnehmerinnen verlassen die Anonymit\u00e4t. Man kann ihre Gesichter, Reaktionen und Emotionen sehen, die die Geschichte begleiten. Deshalb ist es wichtig, zun\u00e4chst eine Atmosph\u00e4re des Vertrauens zu schaffen. Joanna: \u201eIch rede vorab mit ihnen. Ich habe Elizabeth und ihre Geschichte ein paar Wochen zuvor kennengelernt und eine Liste mit Fragen zusammengestellt: Was ist wichtig, was sind die Stereotypen, Untertreibungen und Zweifel, und was wissen die Leute nicht und welche Fragen trauen sie sich nicht zu stellen? Eine so grundlegende Frage lautet zum Beispiel: Wie hast du diese Entscheidung getroffen? Und wie f\u00fchlst du dich mit dieser Entscheidung? Hast du keine Angst davor? Was passiert bei einer Abtreibung? Tut es weh? Diese Art von Fragen. Fragen nach den Mythen \u00fcber Abtreibung, Fragen zur Lebenssituation und zum Weltbild, zu Themen wie Religion oder Adoption. Daraus entstand eine Datenbank mit \u201aallgemeinen\u2018 Fragen, die ich jeweils an die spezifische Situation meiner Gespr\u00e4chspartnerin anpasse und an das, was f\u00fcr sie wichtig ist.\u201c<br \/>\nBevor die Aufzeichnung des Interviews stattfindet, trifft Joanna die Frau nochmals, um alle Fragen gemeinsam durchzugehen und gegenseitiges Vertrauen zu schaffen. \u201eIch frage, ob sie diesen Fragen zustimmt. Schwierig ist zum Beispiel die Frage, ob die Erz\u00e4hlerin eher in der Kategorie \u201aKind\u2018 oder \u201aF\u00f6tus\u2018 gedacht hat, welche Gef\u00fchle und Gedanken sie in diesem Zusammenhang hat, und wie sie sie beeinflusst haben. Ich m\u00f6chte diese Fragen stellen, weil es darum in dieser ganzen Diskussion \u00fcber Abtreibung geht. Aber ich frage sie, ob wir dar\u00fcber reden k\u00f6nnen oder nicht. Ich m\u00f6chte, dass sie sich sicher f\u00fchlen, dass sie teilen, was sie wollen.\u201c<\/p>\n<blockquote><p><strong>Kristen h\u00e4tte nicht einen halben Tag lang einen toten F\u00f6tus geb\u00e4ren m\u00fcssen, wenn der Arzt sie fr\u00fchzeitig aufgekl\u00e4rt h\u00e4tte, dann w\u00e4re sie in einem v\u00f6llig anderen k\u00f6rperlichen und psychischen Zustand. Aber weil ihre \u00c4rzte \u201aLebenssch\u00fctzer\u2018 waren und das Gesetz in Texas es ihnen erlaubte, haben sie ihr Informationen vorenthalten, um eine Abtreibung zu verhindern.\u201c<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daher entscheiden die Erz\u00e4hlerinnen selbst, was letztendlich ver\u00f6ffentlicht wird. Am Ende erscheinen sie vor der Kamera, um ihre eigene Abtreibungsgeschichte unter ihrem eigenen Namen zu erz\u00e4hlen. Joanna: \u201eWeil sie es zum ersten Mal und mit einem Fremden teilen, ist klar, dass viele Emotionen ausgel\u00f6st werden, weil viele Dinge herauskommen, wenn ich sie mit meinen Fragen irritiere, also sage ich ihnen ganz am Anfang, dass sie immer sagen k\u00f6nnen: \u201astopp\u2018 oder \u201aich habe zu viel gesagt, schneid das raus.\u2018 Ich gebe ihnen auch den Kontakt zu einer <em>Psychologin,<\/em> die sich um Frauen nach einer Abtreibung k\u00fcmmert. Die Frauen k\u00f6nnen sie jederzeit anrufen. Ich hatte auch einen Moment des Zweifels, was ich tun sollte, wenn wir w\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs zu viele Wunden oder Emotionen \u00f6ffnen, mit denen wir beide \u2013 die Erz\u00e4hlerin und ich \u2013 nicht umgehen k\u00f6nnen. Ich sprach mit der Psychologin dar\u00fcber, sie beruhigte mich und unterst\u00fctzte mich und sagte: \u201aMach dir keine Sorgen, du bist da, um ihnen zuzuh\u00f6ren, mit ihnen zu sprechen. Und das ist deine Aufgabe: f\u00fcr sie ein Mensch zu sein. Und wenn sie noch etwas brauchen, bin ich hier.\u2018 Es gab mir ein fantastisches Gef\u00fchl der Sicherheit und die Frauen, die h\u00f6rten, dass wir solche Unterst\u00fctzung haben, entspannten sich und sagten: \u201aDanke, dass du daran gedacht hast.\u2018\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">VR-Experience<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 2018 f\u00fchrten Joanna und Tom C. Hall ein Crowdfunding (Spendenaufruf) durch, mit dem sie die Arbeit an der Konzeption und Entwicklung einer einzigartigen Technologie finanzieren konnten. Sie wollten einen Effekt, der so realistisch wie m\u00f6glich ist, damit die Zuschauer die Pr\u00e4senz der Erz\u00e4hlerin fast physisch sp\u00fcren. Joanna und Tom nutzen eine innovative Kombination volumetrischer und stereoskopischer Technologie. Die Stereoskopie erm\u00f6glicht einen 3D-Effekt, d.h. den optimalen Effekt des r\u00e4umlichen Sehens. Die volumetrische Technologie erm\u00f6glicht wiederum die Erzeugung r\u00e4umlicher Figuren, z.B. Akteure, die im realen oder virtuellen Raum platziert werden k\u00f6nnen. Im Fall von \u201eThe Choice VR\u201c wurden die Erz\u00e4hlerinnen in einen virtuellen Raum platziert. Der Zuschauer betritt den dreidimensionalen Raum des Films, um sich \u201eface-to-face\u201c mit Frauen zu treffen, die seine Fragen beantworten. Dadurch hat der Zuschauer den Eindruck, an einem echten Gespr\u00e4ch teilzunehmen: Der Zuschauer-Empf\u00e4nger wird zum Zuschauer-Teilnehmer.<br \/>\n\u201eBei einer normalen Kamera im Telefon oder Fotokamera zeichnet die Kamera das Bild auf, jedoch ohne Informationen \u00fcber die Tiefe und die Position von Objekten und Punkten im Raum. Volumetrische Kameras zeichnen wiederum nur Informationen \u00fcber die Tiefe auf. Und wir haben volumetrische VR und stereoskopisches 3D kombiniert. Unsere Technologie ist eine Kombination \u00fcber Tiefe- und 3D-Informationen. Dies ist sehr wichtig, da du damit nicht nur die Anwesenheit einer Person physisch sp\u00fcren, sondern buchst\u00e4blich den Funken des Lebens in ihren Augen sehen kannst. Die Erz\u00e4hlerin wirkt nicht wie ein Avatar, sondern tritt dir lebendig entgegen\u201c, erkl\u00e4rt Joanna und f\u00fcgt hinzu: \u201eVR verk\u00fcrzt die Distanz. Wenn du die VR-Brille auf den Kopf setzt, verschwindet die Realit\u00e4t, in der du dich befindest, aus dem Blickfeld deines Verstandes und du betrittst eine andere Realit\u00e4t. Und dein Verstand, dem beigebracht wurde, dass das, was du vor deinen Augen hast, real ist, beginnt es als real zu f\u00fchlen obwohl dein Bewusstsein wei\u00df, dass du einen Film schaust \u2013 aber dein Verstand traut mehr deinen Augen als deinem Bewusstsein. Und das unterscheidet VR von jedem anderen Medium darin, dass dein Verstand es wie eine Erinnerung an etwas abspeichert, das dir passiert ist.\u201c Deshalb wird statt von VR-Filmen von einer VR-Erfahrung (VR-experience) gesprochen. Wenn \u00fcber VR gesprochen wird, wird h\u00e4ufig ein Schl\u00fcsselwort verwendet, das die Essenz dieses Mediums sehr stark widerspiegelt: Pr\u00e4senz (presence), d.h. Anwesenheit in diesem Raum. Joanna wollte, dass beim Gespr\u00e4ch mit der Erz\u00e4hlerin der Zuschauer sowohl in diesen geschaffenen Raum \u201aeintaucht\u2018 (immerse), als auch die Anwesenheit der Erz\u00e4hlerin sehr stark sp\u00fcrt, damit er das Gef\u00fchl hat, direkt mit ihr zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-24359\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/TheChoiceVR_Bannerklein.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/TheChoiceVR_Bannerklein.jpg 700w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/TheChoiceVR_Bannerklein-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/TheChoiceVR_Bannerklein-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/TheChoiceVR_Bannerklein-150x84.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\nDas Interview wird vor einem schwarzen Hintergrund gefilmt: \u201eIch wollte, dass die Au\u00dfenwelt abgetrennt ist, um die Konzentration auf die Gespr\u00e4chspartnerin zu lenken. Aber genau wie im wirklichen Leben schauen wir jemandem w\u00e4hrend eines Gespr\u00e4chs nicht ununterbrochen in die Augen. Ich wollte auch, dass der Zuschauer herumschauen k\u00f6nnte. Nun, die Frage war, wohin sollst du schauen und was sollte deine Aufmerksamkeit erregen? In einer allt\u00e4glichen Umgebung konzentriert sich der Zuschauer auf bestimmte Objekte, weil er denkt, dass sie f\u00fcr die erz\u00e4hlte Geschichte wichtig sind. Und so wird der Zuschauer abgelenkt. Das ist wissenschaftlich belegt. Ich wollte aber, dass die Frau im Mittelpunkt steht. Da hatte ich die Idee, Illustrationen zu machen und den Raum damit zu f\u00fcllen, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers so zu lenken, dass er die M\u00f6glichkeit hat, seitw\u00e4rts zu schauen. Die Illustrationen \u00fcberlasten den Zuschauer weder visuell noch mental zu sehr und geben ihm den mentalen Raum, der f\u00fcr jede Interaktion ben\u00f6tigt wird, insbesondere so eine emotionale und intensive.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jede Geschichte ist anders<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufnahmen selbst dauern mehrere Stunden. Das Set besteht aus Joanna als Interviewerin und Tom C. Hall, der mit der technischen Seite der Aufnahme besch\u00e4ftigt ist. Aufgrund der geringen finanziellen Ressourcen k\u00fcmmern sich Joanna und Tom \u2013 unter dem Namen \u201eInfinite Frame Media\u201c \u2013 um alle Aspekte der Produktion: vom Konzept \u00fcber die Vorbereitung, Durchf\u00fchrung bis hin zur Postproduktion. Das begrenzte Budget und ein kleines Team wirken sich nicht nur auf die Art des Materials, den Verlauf des Kontakts und des Interviews mit den Projektteilnehmerinnen aus. Auch intensiviert der Ablauf in einer so begrenzten Gruppe den Kontakt mit den Erz\u00e4hlerinnen, was ihnen eine Atmosph\u00e4re des gegenseitigen Vertrauens im Produktionsprozess sichert. \u201eHier haben wir aus der Not eine Tugend gemacht, denn wenn wir mehr Geld gehabt h\u00e4tten, h\u00e4tte ich mehr Leute eingestellt und gar nicht gemerkt, was wir dadurch verloren h\u00e4tten\u201c, erkl\u00e4rt Joanna.<br \/>\nIn dieser N\u00e4he w\u00e4chst das n\u00f6tige Vertrauen, um auch sehr schwierige Geschichten zu erz\u00e4hlen. Geschichten wie die von Kristen, die eine Abtreibung aus medizinischen Gr\u00fcnden hinter sich hat. \u201eKristen ist fast 30 Jahre alt, sie plante eine Familie und einen Haufen Kinder.\u201c, erkl\u00e4rt Joanna: \u201eDie \u00c4rzte informierten Kristen zu Beginn ihrer Schwangerschaft nicht \u00fcber signifikante Missbildungen des F\u00f6tus \u2013 und auch nicht dar\u00fcber, dass die Fortf\u00fchrung der Schwangerschaft f\u00fcr Kristen selbst lebensbedrohlich war. Diese Informationen wurden absichtlich zur\u00fcckgehalten, um eine Abtreibung zu verhindern. Leider erlaubt das Gesetz in Texas dies. Kristen erfuhr es erst von einem anderen Arzt, als sie bereits im f\u00fcnften Monat schwanger war. Eine Abtreibung so sp\u00e4t in ihrer Schwangerschaft war nicht nur k\u00f6rperliche, sondern auch psychische und emotionale Folter. Aber als wir anfingen zu reden, stellte sich heraus, dass ihre Geschichte zugleich eine Geschichte \u00fcber die unglaubliche Liebe zwischen ihr und ihrem Ehemann war, \u00fcber die gro\u00dfe Liebe zu diesem Kind und \u00fcber Einsamkeit und Leere, weil sie nie die M\u00f6glichkeit hatte, das Kind zu umarmen, es zu sehen, und dass es keine Zukunft f\u00fcr es gibt. Diese Geschichte ist sehr stark, sowohl f\u00fcr Anti-Choice- als auch f\u00fcr Pro-Choice-Leute. Ich m\u00f6chte dem Zuschauer genau dieses Gef\u00fchl geben, dass du nicht wei\u00dft, was du sagen sollst, dass du nicht wei\u00dft, was du tun sollst, und dass du dich einfach hilflos f\u00fchlst, wenn du diese Geschichte h\u00f6rst, genau wie Kristen. Mein Ziel war es von Anfang an, Leute, die an der Grenze zwischen Anti-Choice und Pro-Choice stehen, mit betroffenen Menschen zu konfrontieren \u2013 keine Politik, keine Argumente, keine Agenda, nur Menschen. Ich m\u00f6chte, dass diese Leute anfangen, \u00fcber eine bestimmte Geschichte nachzudenken und dar\u00fcber, und ob sie diese konkrete Frau verstehen. Ich m\u00f6chte, dass diese Leute sich selbst erlauben, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen.\u201c So k\u00f6nnen sie sich mit ihren eigenen Stereotypen und Vorurteilen gegen\u00fcber Frauen, die sich f\u00fcr eine Abtreibung entscheiden, auseinandersetzen und Empathie und Verst\u00e4ndnis entwickeln.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">The medium is the message?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ziel des Projekts ist es, Stereotypen \u00fcber Abtreibung und Frauen, die Abtreibungen durchf\u00fchren und sozialem Stigma ausgesetzt sind, zu bek\u00e4mpfen. Funktioniert es? \u201eViele Menschen, die Anti-Choice sind, haben nie wirklich mit einer Frau gesprochen, die eine Abtreibung hatte. Sie kennen Abtreibung nur aus den Medien oder aus der Sonntagspredigt. Solche Menschen \u00e4ndern h\u00e4ufig ihre Meinung und werden offener, wenn es eine Abtreibung in ihrem famili\u00e4ren Umfeld gibt. Und das ist die St\u00e4rke von \u201aThe Choice VR\u2018: du triffst eine Frau und sprichst mit ihr, als w\u00fcrdest du mit jemandem sprechen, den du kennst\u201c, erkl\u00e4rt Joanna und gibt ein Beispiel: \u201eAuf einer VR-Konferenz in Toronto haben wir unser Projekt vorgestellt. Nach unserer Rede kam ein VR-Guru auf mich zu und begann mit lauter Stimme, damit alle ihn h\u00f6ren konnten, auf mich einzureden: Unser Projekt sei tendenzi\u00f6s, Abtreibung sei etwas durchweg B\u00f6ses, und ich solle VR lieber verwenden, um zerrissene F\u00f6ten zu zeigen, damit alle sehen, was Abtreibung wirklich ist. Er war jedoch bereit, sich unsere Demo anzusehen, ein Teil des Interviews mit Elizabeth. Ein paar Minuten vergingen, er nahm die VR-Brille ab und schwieg. Dann sah er mich an und sagte: \u201aEntschuldigung, das habe ich nicht bedacht, es tut mir leid.\u2018 Er wusste nicht, was er sagen sollte. Dann gratulierte er uns zu unserem Projekt und dem Mut, an etwas so Wichtigem zu arbeiten. Nach einer Weile trafen wir ihn auf der VR-Konferenz in San Francisco und er ermutigte andere, sich unsere Demo anzusehen.\u201c<br \/>\nJoanna macht sich jedoch keine Illusionen: \u201eVR ist ein Medium, das noch nicht sehr verbreitet ist, das hei\u00dft, jeder hat davon geh\u00f6rt, aber kaum jemand nutzt es. Als Entwickler m\u00f6chten wir, dass \u201aThe Choice VR\u2018 kostenlos verf\u00fcgbar ist, zum Herunterladen f\u00fcr zu Hause, damit der Zuschauer Zeit f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch und f\u00fcr m\u00f6gliche sp\u00e4tere Gedanken hat. Unser Ziel ist es, dass Aktivisten und Organisationen wie \u201aPlanned Parenthood\u2018 diese Materialien beispielsweise bei Treffen mit jungen Menschen in Schulen verwenden. Ich denke, dass viele Leute unsere Dokumentation nicht wegen des Themas, sondern wegen der technologischen Neuheit und Aufnahmetechnologie ansehen werden. Wie dieser VR-Guru, der unsere Demo gesehen hat, nur weil es VR ist \u2013 er h\u00e4tte kein YouTube-Video \u00fcber Abtreibung angesehen. Aus diesem Grund denke ich, dass viele junge Menschen eine VR-Brille tragen werden, insbesondere M\u00e4nner, da die demografisch gr\u00f6\u00dfte Gruppe der VR-Nutzer M\u00e4nner zwischen 15 und 25 sind.\u201c<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-24360\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Courtney-in-VR-headsetklein.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Courtney-in-VR-headsetklein.jpg 500w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Courtney-in-VR-headsetklein-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Courtney-in-VR-headsetklein-150x100.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Foto: Infinite Frame Media\u00a0<\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Immersive Dokumentation<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Joanna verwendet f\u00fcr ihr Projekt den Begriff \u201eImmersive Dokumentation\u201c (immersive documentary): \u201eWenn ich sage, dass es sich um eine Dokumentation handelt, fragen mich viele Leute, warum ich nicht die Geschichten von Menschen zeige, die sich entschieden haben, eine ungewollte oder gef\u00e4hrliche Schwangerschaft auszutragen. Unser Thema ist jedoch nicht Schwangerschaft, sondern Abtreibung und das Treffen einer Abtreibungsentscheidung. Und deshalb m\u00f6chte ich zeigen, wie diese Entscheidung verl\u00e4uft und wie diese Menschen sind, und die Gelegenheit geben, sie kennenzulernen. Ich bin kein Journalist, der verpflichtet ist, die Situation \u201adaf\u00fcr\u2018 und \u201adagegen\u2018 und \u201aobjektiv\u2018 darzustellen. Ich glaube immer noch, dass das, was ich tue, objektiv ist, auch wenn es aus Sicht der Pro-Choice ist, und ich denke, dass es wichtig ist, diese Geschichten zu zeigen. Einige sind der Meinung, dass ein Dokumentarfilmer nicht involviert sein und keine Ansichten haben sollte. Ich glaube, dass ich das Recht habe, Ansichten zu haben, und ich habe das Recht, sie darzustellen, und ich muss sie ehrlich und offen zeigen. Die Entscheidung liegt bei dir: Entweder entscheidest du dich daf\u00fcr, den Film zu sehen, oder eben nicht.\u201c<br \/>\nJoanna versteht sich nicht als Aktivistin. Sie verfolgt die Ereignisse in Polen und unterst\u00fctzt die protestierenden Frauen. Sie macht auf die unmenschliche Behandlung von Frauen aufmerksam, die wie eine ihrer Erz\u00e4hlerinnen, Kristen, aufgrund des Entzugs ihres Rechts auf Abtreibung durch religi\u00f6se Fundamentalisten gezwungen sind, k\u00f6rperliches, psychisches und emotionales Leiden auf sich zu nehmen: \u201eWenn du schwanger bist und fragst dich selbst, ob du schwanger sein willst oder nicht, dann kannst du in den ersten sechs oder zw\u00f6lf Wochen der Schwangerschaft die Entscheidung treffen. Wenn du bereits im f\u00fcnften oder sechsten Monat bist, ist es v\u00f6llig anders. Kristen h\u00e4tte nicht einen halben Tag lang einen toten F\u00f6tus geb\u00e4ren m\u00fcssen, wenn der Arzt sie fr\u00fchzeitig aufgekl\u00e4rt h\u00e4tte, dann w\u00e4re sie in einem v\u00f6llig anderen k\u00f6rperlichen und psychischen Zustand. Aber weil ihre \u00c4rzte \u201aLebenssch\u00fctzer\u2018 waren und das Gesetz in Texas es ihnen erlaubte, haben sie ihr Informationen vorenthalten, um eine Abtreibung zu verhindern.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Unterst\u00fctzerInnen gesucht<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Projekt wird dank Crowdfunding sowie kleiner Zusch\u00fcsse, die \u201eThe Choice VR\u201c von der Community der VR-K\u00fcnstler \u201eKaleidoscope\u201c erhalten hat, umgesetzt. Dies reicht aber vorne und hinten nicht. Das Team arbeitet ohne Verg\u00fctung, um dieses wichtige Projekt voranzubringen. F\u00fcr das Fr\u00fchjahr 2021 ist die Premiere des ersten Kapitels der Dokumentation geplant. Das Projekt kann \u00fcber PayPal \u2028unterst\u00fctzt werden. Gesucht werden aber auch Sponsoren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\ufeff Quelle: Youtube Herstory \u201eIch habe den Menschen hier in Kanada \u00fcber den Frauenstreik in Polen berichtet. 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