{"id":244,"date":"1996-04-01T00:00:21","date_gmt":"1996-03-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=244"},"modified":"2022-07-26T13:12:00","modified_gmt":"2022-07-26T11:12:00","slug":"der-anfang-vom-ende-der-atomindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/04\/der-anfang-vom-ende-der-atomindustrie\/","title":{"rendered":"Der Anfang vom Ende der Atomindustrie?"},"content":{"rendered":"<p>Als vor zehn Jahren die radioaktive Wolke aus Tschernobyl \u00fcber Europa zog, als bisher exotische Ma\u00dfeinheiten wie Becquerel oder rem, Curie oder Sievert pl\u00f6tzlich zur Allgemeinbildung z\u00e4hlten, da waren viele Menschen der \u00dcberzeugung, da\u00df damit das Ende der Atomenergienutzung besiegelt sei. Der Schrecken, da\u00df wirklich eintreten kann, wovor kritische WissenschaftlerInnen und die Anti- AKW-Bewegung immer wieder gewarnt hatten, sa\u00df tief. Unz\u00e4hlige gingen damals auf die Strasse und forderten die sofortige Stillegung aller Atomanlagen. Bald waren Energiewendeszenarios in Umlauf, die zeigten, da\u00df diese Forderung wirklich umsetzbar ist. Die Atomindustrie und ihre Lobby in der Regierung wehrte sich mit allen Mitteln. Zuerst wurde versucht, das Problem auf die unsicheren Ost-Reaktoren zu beschr\u00e4nken. Die deutschen AKWs seien die sichersten der Welt. Dann wurde in Bonn ein neues Ministerium (Umwelt und Reaktorsicherheit) geschaffen, um eigenes Handeln vorzut\u00e4uschen. Aufgrund der Verunsicherung in der Bev\u00f6lkerung bez\u00fcglich der radioaktiven Belastung von Lebensmitteln gelang es relativ schnell, den Schwerpunkt der Debatte weg vom Betrieb der Atommeiler und hin zu der Diskussion um Grenzwerte zu lenken. So war einige Monate nach Tschernobyl die Frage, was mit relativ gering strahlender Molke zu geschehen habe, von gr\u00f6\u00dferem \u00f6ffentlichen Interesse, als die Gefahr eines Super-GAU in deutschen AKWs. Gleichzeitig wurden Demonstrationen wie z.B. in Wackersdorf von massiven Polizeieins\u00e4tzen behindert und zahlreiche AktivistInnen mit Strafprozessen \u00fcberzogen.<\/p>\n<p>Die AtomikerInnen verfolgten in den ersten Monaten und Jahren nach der Reaktorkatastrophe folgende Ziele: Die bereits in Betrieb befindlichen Kraftwerke sollten um die Stillegung herumkommen und die kurz vor der Inbetriebnahme stehenden Reaktoren (z.B. in Neckarwestheim und Brokdorf) sollten ans Netz gehen, damit sich die horrenden Baukosten amortisieren k\u00f6nnen. Diese Ziele wurden erreicht. Selbst der Beinahe-GAU im AKW Biblis und der Bestechungs-Skandal um die Hanauer Atomtransport-Firma Transnuklear 1987 hatten darauf keinen Einflu\u00df.<\/p>\n<p>Doch die Erfolge der Atomindustrie in der Defensive mu\u00dften teuer erkauft werden. An die Realisierung neuer AKW-Projekte war nicht im Traum zu denken. Die Reaktorbauer von Siemens-KWU entlie\u00dfen nach und nach einen Gro\u00dfteil ihrer Belegschaft. Zahlreiche sogenannte Zukunftsprojekte mu\u00dften aufgegeben werden: Der Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop, der Schnelle Br\u00fcter in Kalkar und vor allem die heftig umk\u00e4mpfte Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf wurden teilweise \u00fcber Nacht zu riesigen Investitionsruinen.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre verschwanden alte Argumente und neue kamen auf den Tisch. Niemand redet inzwischen mehr davon, da\u00df ohne Atomstrom die Lichter ausgehen. Jetzt ist es das Klima, welches durch die AKWs gerettet werden soll. Doch die Werbekampagnen der AKW-Betreiber haben wenig Erfolg. Die atomkritische Stimmung in der Bev\u00f6lkerung bleibt konstant erhalten, auch wenn zwischenzeitlich nur noch wenige in Anti-Atom-Initiativen aktiv waren.<\/p>\n<p>Nachdem die Auseinandersetzung in den Jahren nach Tschernobyl mit einem Patt endete (die Atomindustrie warf zugunsten der bestehenden AKWs umstrittenen Ballast ab), begann die m\u00fchsame Auseinandersetzung um die laufenden Anlagen. Die Bilanz nach zehn Jahren:<\/p>\n<p>Es ist bisher nicht gelungen, konkrete Planungen f\u00fcr AKW- Neubauten durchzusetzen. Die nach der Annektierung der DDR kurzzeitig erwogene Fertigstellung der Reaktoren in Stendal wurde bereits nach der ersten gr\u00f6\u00dferen Demo an der Baustelle aufgegeben. Auch die Greifswalder AKWs mu\u00dften stillgelegt werden. Damit gibt es im deutschen Osten keinen kommerziell genutzten Reaktor mehr.<\/p>\n<p>Von den 21 westdeutschen Leistungsreaktoren sind zwei auf Dauer vom Netz genommen. Das AKW M\u00fclheim-K\u00e4rlich ist seit Jahren gerichtlich blockiert. Der Reaktor in W\u00fcrgassen wurde aufgrund technischer Probleme von den Betreibern 1995 aufgegeben. Bei anderen Kraftwerken mu\u00dften immer wieder l\u00e4ngere Stillstandszeiten in Kauf genommen werden. Mit den anderen Anlagen in Brunsb\u00fcttel, Kr\u00fcmmel, Obrigheim und Biblis konnten die Stromkonzerne so teilweise \u00fcber Jahre keine m\u00fcde Mark erwirtschaften. Nach langer Auseinandersetzung gab Siemens die Brennelemente-Fertigung in Hanau auf.<\/p>\n<p>Im Streit um den Atomm\u00fcll konnten die Projekte in Ahaus (Zwischenlager), Gorleben (Zwischenlager und Endlager, Konditionierungsanlage), Salzgitter (Endlager) und Greifswald (Zwischenlager) teilweise um mehr als ein Jahrzehnt verz\u00f6gert werden. Das Ausweichen der AKW-Betreiber ins Ausland ist kostenintensiv und umstritten. Die Atomm\u00fclltransporte zur Wiederaufarbeitung nach Sellafield und La Hag\u00fc sind seit Jahren bevorzugtes Aktionsziel der Anti-AKW-Bewegung.<\/p>\n<p>Die 1992 begonnenen sogenannten Energiekonsensgespr\u00e4che zwischen Bundesregierung und Atomwirtschaft auf der einen und der sozialdemokratischen Partei auf der anderen Seite waren der Versuch, die SPD von ihrer nach Tschernobyl formulierten &#8222;sowohl als auch&#8220;-Atompolitik wieder auf den rechten Weg zu bringen. So ging es am Anfang darum, die M\u00f6glichkeit zuk\u00fcnftiger AKW-Neubauten auszuloten. Die letzten verbliebenen Siemens-ReaktorbauingenieurInnen basteln gemeinsam mit franz\u00f6sischen KollegInnen an einem neuen Kraftwerkstyp. Zu der von der Stromindustrie geforderten Investitionssicherheit f\u00fcr Neubauten konnte sich die SPD aufgrund der gesellschaftlichen Stimmung nicht durchringen, obwohl Niedersachsens Ministerpr\u00e4sident Gerhard Schr\u00f6der massiv daf\u00fcr geworben hatte.<\/p>\n<p>Damit blieb den Energiekonzernen auch in den Konsens-Gespr\u00e4chen nur die Bestandssicherung. Schr\u00f6der war ihr st\u00e4rkster Propagandist, indem er sogenannte &#8222;Restlaufzeiten&#8220; von 30 Jahren vorschlug. Nachdem die ersten beiden Konsens-Runden 1993 und 1995 aufgrund des massiven Drucks aus der Anti-AKW-Bewegung gescheitert sind, geht es inzwischen nur noch um den Atomm\u00fcll. Die Betreiber w\u00fcnschen sich eine Kl\u00e4rung in der Entsorgungsfrage, damit sie ungest\u00f6rt weiter strahlende Abf\u00e4lle produzieren k\u00f6nnen. Doch damit bewegen sie sich auf dem Politikfeld, in dem die Anti-Atom-AktivistInnen ihre gr\u00f6\u00dfte Aktionsf\u00e4higkeit erhalten haben.<\/p>\n<p>Ein zweites Tschernobyl, darin sind sich die Bundesregierung und AKW-Betreiber einig, w\u00fcrde die Branche wohl kaum \u00fcberleben. Wie lange sie sich noch \u00fcber Wasser halten kann, bevor uns (oder ihr) das ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Restrisiko den Rest gibt, h\u00e4ngt entscheidend davon ab, ob sich der Trend der letzten zwei Jahre fortsetzt, in denen die Anti-AKW-Bewegung wieder erfreulichen Zulauf bekommen hat. Vielen wird klar, da\u00df es geradezu zynisch w\u00e4re, auf den n\u00e4chsten GAU oder das Durchrosten der Alt-AKWs zu warten.<\/p>\n<p>Die letzten zehn Jahre haben gezeigt, da\u00df sich die Atomindustrie nicht von selbst erledigt. Um einmal in milit\u00e4rischen Kategorien zu sprechen: Nur dort, wo sich die Menschen entschieden zur Wehr setzen, k\u00f6nnen neue Atom-Offensiven verhindert werden und die R\u00fcckzugsgefechte der Betreiber sind dann aussichtslos, wenn diejenigen, die sich bei Umfragen immer gegen die AKWs aussprechen, anfangen, ihre \u00dcberzeugung in die Tat umzusetzen.<\/p>\n<p>Die Demonstrationen zum 10. Tschernobyl-Jahrestag und der Widerstand gegen die Anfang Mai geplanten n\u00e4chsten Castor-Transporte nach Gorleben werden zeigen, ob die atomkritische Masse in der Bundesrepublik dazu in der Lage ist, das Patt im Streit um die AKWs zu beenden. 1996 kann der Anfang vom Ende der Atomindustrie sein. Es liegt an jedem und jeder Einzelnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als vor zehn Jahren die radioaktive Wolke aus Tschernobyl \u00fcber Europa zog, als bisher exotische Ma\u00dfeinheiten wie Becquerel oder rem, Curie oder Sievert pl\u00f6tzlich zur Allgemeinbildung z\u00e4hlten, da waren viele Menschen der \u00dcberzeugung, da\u00df damit das Ende der Atomenergienutzung besiegelt sei. 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