{"id":24451,"date":"2021-03-02T11:46:31","date_gmt":"2021-03-02T09:46:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/gut-und-guenstig\/"},"modified":"2021-04-08T13:40:07","modified_gmt":"2021-04-08T11:40:07","slug":"gut-und-guenstig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/gut-und-guenstig\/","title":{"rendered":"Gut und g\u00fcnstig"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eFrauen, die nicht arbeiten, gibt es nicht. Es gibt nur Frauen, die f\u00fcr ihre Arbeit nicht bezahlt werden\u201c, schreibt Caroline Criado Perez in ihrem Buch Unsichtbare Frauen \u2013 Wie eine von Daten beherrschte Welt die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ignoriert.\u00a0((1)) Die Autorin untermauert ihre Feststellung mit Statistiken: Weltweit wird 75 % der unbezahlten Arbeit von Frauen verrichtet. Sie verbringen damit zwischen drei und sechs Stunden t\u00e4glich \u2013 M\u00e4nner nur eine halbe bis zwei Stunden. Bereits f\u00fcnfj\u00e4hrige M\u00e4dchen helfen deutlich mehr im Haushalt als ihre Br\u00fcder \u2013 und das Ungleichgewicht verst\u00e4rkt sich, je \u00e4lter die Kinder werden. Im weltweiten Vergleich leisten d\u00e4nische M\u00e4nner die meiste Zeit an unbezahlter Arbeit, aber ihr Anteil ist immer noch geringer als derjenige der norwegischen Frauen, die statistisch am wenigsten unbezahlte Arbeit verrichten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-24632\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024.jpg 771w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024-300x398.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024-600x797.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024-226x300.jpg 226w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024-768x1020.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/771-1024-113x150.jpg 113w\" sizes=\"(max-width: 771px) 100vw, 771px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Foto: Helsinki City Museum, (CC BY 4.0), Bearbeitung: Timet Elgrem<\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Carearbeit als Mitgift<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Criado Perez zeigt, wie dieses Ungleichgewicht unter anderem auch ernsthafte gesundheitliche Risiken f\u00fcr Frauen birgt \u2013 und gesundheitliche Vorteile f\u00fcr M\u00e4nner. Dass es einen Zusammenhang zwischen der seit langem bekannten Tatsache, dass Frauen nach Herzoperationen schlechter genesen als M\u00e4nner, und der Carearbeitslast der Frauen gibt, wurde 2016 in einer kanadischen Studie festgestellt. ((2)) Die allermeisten Frauen in der Studie nahmen nach einer Bypass-Operation ihre Carearbeit gleich wieder auf, w\u00e4hrend die M\u00e4nner eher jemanden hatten, der \u2013 oder besser gesagt: die \u2013 sich um sie k\u00fcmmerte. Bei den Frauen wirkte sich ihre Arbeitslast entsprechend negativ auf ihre Genesung aus, w\u00e4hrend die M\u00e4nner sich in Ruhe erholen konnten.<br \/>\nLaut einer Untersuchung der University of Michigan verursachen Ehem\u00e4nner in den USA sieben Stunden zus\u00e4tzliche Hausarbeit f\u00fcr ihre Frauen.\u00a0((3)) Diese Studie stellte au\u00dferdem fest, dass nach einer Kindergeburt die Menge an Haushaltsarbeit f\u00fcr Frauen zu-, aber f\u00fcr M\u00e4nner abnimmt.<br \/>\nZahlen aus der australischen Volksz\u00e4hlung 2016 ergeben, dass Haushaltsarbeit am gleichm\u00e4\u00dfigsten unter alleinstehenden M\u00e4nnern und Frauen verteilt ist. Wenn Frauen jedoch mit M\u00e4nnern zusammenleben, \u201esteigt ihr Anteil an der Heimarbeit, w\u00e4hrend der der M\u00e4nner sinkt \u2013 unabh\u00e4ngig von Berufst\u00e4tigkeit\u201c.\u00a0((4))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alleinstehende M\u00fctter werden h\u00e4ufig als \u00fcberfordert, einsam und ungl\u00fccklich stereotypisiert. Eine Studie aus den USA 2018\u00a0((5)) best\u00e4tigt jedoch die von Criado Perez erw\u00e4hnten Statistiken. Die Studie untersuchte, wie viel Zeit 23.000 M\u00fctter in verschiedenen Familienkonstellationen mit Kindern unter 13 Jahren jeweils mit \u201eHaushaltsarbeit, Kinderpflege, Schlafen und Freizeit\u201c verbringen. Das Ergebnis: alleinstehende M\u00fctter haben mehr Freizeit, verrichten weniger Haushaltsarbeit und schlafen mehr als verheiratete M\u00fctter. Auch bei den verheirateten Frauen in dieser Studie f\u00fchrte die Elternschaft dazu, dass sie mehr Zeit mit Haushaltsarbeit verbrachten, w\u00e4hrend ihre Ehem\u00e4nner nach der Geburt der Kinder weniger Zeit mit dieser Arbeit verbrachten \u2013 sogar bei Ehepaaren, die vor der Geburt des Kindes eine gleichberechtigte Arbeitsverteilung gehabt hatten. Diese Muster waren in allen ethnischen Gruppen und Einkommensh\u00f6hen gleich.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">K\u00f6rper und Geist<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist nat\u00fcrlich nicht so, dass M\u00e4nner einfach von Natur aus unf\u00e4hig w\u00e4ren, sich um Haushalt und Kinder zu k\u00fcmmern, sondern dies ist eine patriarchale kulturelle Norm, die von Vorteil f\u00fcr die M\u00e4nner ist. Ein Mann nimmt sich mehr Zeit f\u00fcr sich selbst durch die Arbeit, das Leiden und das gesundheitliche Verderben seiner Partnerin. Unz\u00e4hlige ber\u00fchmte und verehrte M\u00e4nner haben ihr Lebenswerk auf den R\u00fccken ihrer Frauen errichtet.<br \/>\nSofja Tolstaja, die selbst literarische Ambitionen hatte, bevor sie den 16 Jahre \u00e4lteren Lew Tolstoi heiratete, leistete unerl\u00e4ssliche Arbeit f\u00fcr ihn als Redakteurin, Literaturagentin und Verlegerin, wie man in ihren Tageb\u00fcchern lesen kann. Sie lektorierte alle seine Romane, \u00fcbertrug das Manuskript von Krieg und Frieden siebenmal in Reinschrift, korrigierte Grammatik und Rechtschreibung und gab wesentliche Kritik und Vorschl\u00e4ge zur Handlung \u2013 zum Beispiel dass sich Leser_innen mehr f\u00fcr die sozialen, romantischen und allgemein menschlichen Aspekte interessieren w\u00fcrden, als f\u00fcr Details von Feldschlachten und Kriegsstrategie. Daneben verwaltete sie sein Landgut und war sechzehnmal schwanger (denn Lew Tolstoi lehnte eine Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung ab; von den dreizehn lebend geborenen Kindern erreichten acht das Erwachsenenalter). Als Lew Tolstoi eine Phase hatte, wo er nicht schreiben wollte und somit kein Einkommen mehr hatte, borgte Sofja Tolstaja Geld von ihrer Mutter, um einen Verlag zu gr\u00fcnden und Lew Tolstois B\u00fccher herauszugeben. Sie fragte um Rat bei Anna Dostojewskaja, denn diese hatte bereits 14 Jahre die Buchver\u00f6ffentlichungen ihres Ehemannes geplant, lektoriert und beworben, und mit den staatlichen Zensoren gek\u00e4mpft.<\/p>\n<blockquote><p>Eine umfassende Studie des Nationalen Gesundheitsdiensts in Gro\u00dfbritannien zeigt, dass Frauen fast ihr ganzes Leben weniger gl\u00fccklich als M\u00e4nner sind. Frauen werden jedoch ab der Rente immer gl\u00fccklicher, und im 85. Lebensjahr \u00fcberholen sie die M\u00e4nner. The Times zitiert Psychiater_innen, deren Erkl\u00e4rung ist, dass viele Frauen in dem Alter verwitwet sind. Sie m\u00fcssen somit weniger Carearbeit leisten und sind ggf. ungl\u00fccklich machende und gewaltt\u00e4tige M\u00e4nner endlich los.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lew Tolstoi plagiierte in seinen Romanen zudem die wenigen eigenen literarischen Werke, f\u00fcr die Sofja die Zeit zum Schreiben fand. \u00c4hnlich bedienten sich auch William Wordsworth (aus dem Tagebuch seiner Schwester Dorothy) und F. Scott Fitzgerald (der einer Zeitschrift verbot, Ausz\u00fcge aus den Tageb\u00fcchern seiner Frau Zelda zu ver\u00f6ffentlichen, weil er diese als Rohmaterial f\u00fcr seine eigenen Geschichten benutzte).<br \/>\nEin moderneres Beispiel ist Hayao Miyazaki, dessen Frau Akemi \u014cta ebenfalls Animatorin war, und darauf bestand, dass sie nach der Heirat mit ihrer Arbeit weitermachen wollte. Hayao Miyazaki versprach es ihr. In seiner Essay- und Memoirensammlung Starting Point erz\u00e4hlt er unverbl\u00fcmt, dass er nach einigen Jahren mit zwei Kindern entschied, dass es \u201eunm\u00f6glich\u201c war, dass beide Eltern arbeiten. Seine Frau sollte die Haushaltsarbeit \u00fcbernehmen und sich um die Kinder k\u00fcmmern, w\u00e4hrend er als Animator weiterarbeitete. Er schreibt, dass er es zwar bereute, sein Versprechen ihr gegen\u00fcber nicht gehalten zu haben, aber dass er sich dadurch auf seine Arbeit fokussieren konnte. Was f\u00fcr Werke sind der Welt wohl verloren gegangen, weil Akemi \u014cta ihre k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit unterbrechen musste?<br \/>\nDiese ber\u00fchmten M\u00e4nner sind keine Extremf\u00e4lle \u2013 das kapitalistisch-patriarchale Konstrukt der Kernfamilie baut darauf, dass Frauen in der Heimarbeit von ihren M\u00e4nnern ausgebeutet werden, damit die Arbeitskraft der M\u00e4nner wiederum in der Lohnarbeit ausgebeutet werden kann. Die Kernfamilie ist auch ein Werkzeug, mit dem Hierarchie aufrechterhalten wird. Wenn der Mann in der Familie die Rolle des Ausbeuters und der Autorit\u00e4t einnehmen kann, ist er eher bereit, in der Lohnarbeit wiederum von Bossen ausgebeutet zu werden und hierarchische Beziehungen zwischen Individuen und Klassen zu akzeptieren. Die Arbeiter_innenklasse wird somit entlang den Genderlinien geteilt und beherrscht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Carearbeit bestreiken?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Streik ist wom\u00f6glich die m\u00e4chtigste Waffe der Arbeiter_innen gegen die Ausbeutung in der kapitalistischen Lohnarbeit. Mit dem Streik wird deutlich, dass ohne sie nichts l\u00e4uft \u2013 dass die Bosse auf die Arbeiter_innen angewiesen sind.<br \/>\nCarearbeit ist schwieriger zu bestreiken. Patient_innen, Krippenkinder oder Bewohner_innen in Pflegeheimen stehen dann ohne lebensnotwendige Pflege da. \u00c4hnlich, wenn nicht noch schwieriger, ist es mit der Carearbeit in der eigenen Familie, denn die unbezahlte Arbeit der Mutter sorgt daf\u00fcr, dass z.B. ihre Kinder sicher sind und genug zu essen haben \u2013 und wenn die Mutter diese Arbeit bestreikt, l\u00e4sst sie ihre Kinder im Stich. Die Kinder fungieren praktisch als Geiseln in der Carearbeitssklaverei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein seltenes Beispiel eines gleichzeitigen Streiks von Heimarbeit und Lohnarbeit ist der Frauenstreik in Island 1975, an dem sich 90% aller Frauen beteiligten. Am 24. Oktober 1975 sollte keine isl\u00e4ndische Frau auch nur die geringste Arbeit verrichten, und zwar weder bezahlte noch unbezahlte Arbeit \u2013 also auch kein Kochen oder Putzen und keine Kinderbetreuung. Islands M\u00e4nner sollten einmal sehen, wie sie ohne die unsichtbare Arbeit dastanden, mit der die Frauen das Land Tag um Tag am Laufen hielten.<br \/>\nDer Streik war das Ergebnis einer mindestens f\u00fcnfj\u00e4hrigen Organisierung, urspr\u00fcnglich angesto\u00dfen von der Gruppe \u201eDie Roten Socken\u201c. Die streikenden Frauen gingen davon aus, dass ihre Kinder und Alten sicherlich den einen Tag ohne sie \u00fcberleben w\u00fcrden, und wenn praktisch alle Frauen mitmachen, setzt auch nur ein Tag Streik ein gro\u00dfes Zeichen.<br \/>\nDer \u201eUrlaubstag der Frauen\u201c veranlasste zumindest Ver\u00e4nderungen in Gesetzen und in der Politik: Im Folgejahr verabschiedete Island das Gleichstellungsgesetz, das geschlechterbezogene Diskriminierung an Arbeitspl\u00e4tzen und Schulen strafbar machte. 1980 wurde Vigd\u00eds Finnbogad\u00f3ttir die erste demokratisch gew\u00e4hlte Staatschefin der Welt. 2017 f\u00fchrte das Land den Global Gender Gap Index des Weltwirtschaftsforums zum achten Mal in Folge.<br \/>\nAktivistinnen der \u201eRoten Socken\u201c hatten sich allerdings mehr erhofft \u2013 mit dem Streik wollten sie Frauen der Arbeiter_innenklasse zusammenbringen, zu politischer Aktion erm\u00e4chtigen und eine feministische Bewegung schaffen, die in den unteren Ebenen der sozialen Hierarchie verankert war. F\u00fcr diese Gruppen brachte der Streik aber tats\u00e4chlich wenig.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-24633\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024-1024x698.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"698\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024-1024x698.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024-300x205.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024-600x409.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024-768x524.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024-150x102.jpg 150w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/1502-1024.jpg 1502w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Foto: Ministerie van Buitenlandse Zaken (CC BY-SA 2.0), Bearbeitung: Tinet Elmgren<\/em><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weniger Mann \u2013 mehr Freude?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Feministin Zawn Villines, Autorin mehrerer viraler Facebookbeitr\u00e4ge \u00fcber Carearbeit und Genderrollen, schreibt in einem ihrer Beitr\u00e4ge, dass es sowieso nicht ausreicht, wenn Frauen die Heimarbeit einfach sein lassen. Frauen m\u00fcssen faule, gewaltt\u00e4tige und abwesende Partner verlassen. \u201eEin Mann muss sein Recht, verheiratet zu bleiben, verdienen\u201c, schreibt Villines, \u201eindem er seinen gerechten Anteil der Carearbeit leistet. Er ist austauschbar. Faule M\u00e4nner, die denken, dass du 168 Stunden pro Woche arbeiten solltest, w\u00e4hrend sie selbst 40 Stunden arbeiten, sind leicht zu finden.\u201c ((6))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind Frauen ganz ohne Mann vielleicht sowieso gl\u00fccklicher? Eine umfassende Studie des Nationalen Gesundheitsdiensts in Gro\u00dfbritannien zeigt, dass Frauen fast ihr ganzes Leben weniger gl\u00fccklich als M\u00e4nner sind. Frauen werden jedoch ab der Rente immer gl\u00fccklicher, und im 85. Lebensjahr \u00fcberholen sie die M\u00e4nner. The Times zitiert Psychiater_innen, deren Erkl\u00e4rung ist, dass viele Frauen in dem Alter verwitwet sind. ((7)) Sie m\u00fcssen somit weniger Carearbeit leisten und sind ggf. ungl\u00fccklich machende und gewaltt\u00e4tige M\u00e4nner endlich los.<br \/>\nEine Trennung w\u00e4re ein Ausweg, aber nicht nur in den \u00e4lteren Generationen ist es juristisch, sozial wie auch finanziell oft schwierig f\u00fcr eine Frau, sich scheiden zu lassen.<br \/>\nEs gibt einen direkten Zusammenhang zwischen den M\u00f6glichkeiten von Frauen, finanziell unabh\u00e4ngig zu werden, und der Scheidungsrate. Frauen bleiben h\u00e4ufig aus finanziellen Gr\u00fcnden in ungl\u00fccklichen und gewaltt\u00e4tigen Beziehungen \u2013 insbesondere wenn sie Kinder haben. Das gemeinsame Zuhause ist oft auf den Namen des Mannes eingetragen, und im Fall der Scheidung w\u00fcrde die Frau wohnungslos. Frauen mit Kindern arbeiten \u00f6fters Teilzeit oder gar nicht und haben somit weniger Berufserfahrung, eine abgebrochene oder gar keine Karriere, und die Scheidung w\u00fcrde eine dramatische Minderung ihres Einkommens bedeuten. Dazu kommt noch drohende Altersarmut.<br \/>\nSelbst in der Rente sind Frauen finanziell von ihrem Ehemann abh\u00e4ngig, denn die niedrigeren L\u00f6hne und h\u00e4ufigere Teilzeitarbeit von Frauen ergeben weltweit auch deutlich niedrigere Renten. (Ausnahmen von dieser Regel sind allerdings Brasilien, Bolivien und Botswana, wo die Rentenunterschiede zwischen den Geschlechtern deutlich kleiner sind, dank unkompliziert erh\u00e4ltlicher Renten ohne Beitragsbeteiligung.)<br \/>\nIst es dann besser f\u00fcr eine Frau, gar nicht erst zu heiraten und vielleicht auch keine Kinder zu kriegen? Selbst im Berufsleben entkommt eine Frau allerdings oft nicht den Erwartungen, die an ihre Genderrolle gekn\u00fcpft sind.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">UNIversale Regeln der Meritokratie?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte glauben, dass an den Universit\u00e4ten und Hochschulen mittlerweile eine Meritokratie herrschen w\u00fcrde, in der Geschlecht keine Rolle spielt. Criado Perez legt jedoch dar, wie auch von Akademikerinnen mehr Verwaltungsarbeit (eine T\u00e4tigkeit mit \u201eniedrigem Status\u201c) erwartet wird als von ihren Kollegen \u2013 und wenn sie sie ablehnen, werden sie daf\u00fcr bestraft und gelten als schlechte Teamplayerinnen. Die Zeit, die Akademikerinnen f\u00fcrs Forschen und Ver\u00f6ffentlichen haben (die T\u00e4tigkeiten mit dem \u201eh\u00f6chsten Status\u201c), wird auch dadurch begrenzt, dass sie h\u00e4ufiger als ihre Kollegen mit Unterricht beauftragt werden (auch das eine T\u00e4tigkeit mit \u201eniedrigem Status\u201c \u2013 weniger wichtig, weniger ernsthaft, weniger wertvoll).<br \/>\nDasselbe Muster besteht in vielen Branchen und Arbeitspl\u00e4tzen: Frauen, insbesondere von ethnischen Minderheiten, erledigen auch im B\u00fcro die meiste \u201eHaushaltsarbeit\u201c, wie Protokollieren, Kaffeekochen, Aufr\u00e4umen oder soziale Zusammenk\u00fcnfte planen \u2013 und das nicht selten als unbezahlte Mehrarbeit, die nicht zur \u201erichtigen\u201c Arbeitszeit gez\u00e4hlt wird. Der Kreis schlie\u00dft sich!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kapitalverwertung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das patriarchale Ideal, nach dem Frauen streben sollten, ist Hausfrau zu sein und nur unbezahlte Heimarbeit zu verrichten. Eventuelle Lohnarbeit ist f\u00fcr Frauen nur vor\u00fcbergehend (bis sie heiraten oder Kinder kriegen) oder \u201enebenbei\u201c, und wird entsprechend niedrig entlohnt. Kurioserweise macht dies Frauen auch attraktiver als Arbeitskraft f\u00fcr Unternehmen, die m\u00f6glichst niedrige Personalkosten haben wollen.<br \/>\nAuch in den patriarchalsten Gesellschaften arbeiten junge Frauen und M\u00e4dchen der Arbeiter_innenklasse genauso wie ihre Br\u00fcder, um zum Familieneinkommen beizutragen. Alleinstehende Frauen, Frauen mit abwesenden oder arbeitsunf\u00e4higen Ehem\u00e4nnern und Frauen von Saisonarbeitern sind die haupts\u00e4chlichen Versorgerinnen ihrer Familien. Insbesondere Frauen mit Kindern sind bereit, schlechtere Arbeitsbedingungen und schlechteren Lohn in Kauf zu nehmen \u2013 was von Bossen ausgenutzt wird.<br \/>\nIn Das Kapital erw\u00e4hnte Marx folgendes Zitat aus einer Rede des Lord Ashley 1844 f\u00fcr die Einf\u00fchrung des 10-Stunden-Arbeitstags: \u201eHerr E., ein Fabrikant, unterrichtete mich, da\u00df er ausschlie\u00dflich Weiber bei seinen mechanischen Webst\u00fchlen besch\u00e4ftigt; er gebe verheirateten Weibern den Vorzug, besonders solchen mit Familie zu Hause, die von ihnen f\u00fcr den Unterhalt abh\u00e4ngt; sie sind viel aufmerksamer und gelehriger als unverheiratete und zur \u00e4u\u00dfersten Anstrengung ihrer Kr\u00e4fte gezwungen, um die notwendigen Lebensmittel beizuschaffen.\u201c\u00a0((8)) August Bebel beschrieb in Die Frau und der Sozialismus so genannte \u201eShe-Towns\u201c in den USA, in denen nur Frauen in den Textilfabriken arbeiteten, w\u00e4hrend ihre M\u00e4nner sich um den Haushalt und die Kinder k\u00fcmmerten. \u00a0((9))<br \/>\nIn den Teeplantagen in Indien werden auch heutzutage nur Frauen angestellt, und auch ihre M\u00e4nner k\u00fcmmern sich um Kinder und Haushalt, w\u00e4hrend die Frauen lohnarbeiten. In vielen exportorientierten Fabriken in China werden bevorzugt junge migrantische Frauen aus den Provinzen angestellt, deren Familien finanziell von der Arbeit der T\u00f6chter abh\u00e4ngig sind.<br \/>\nAls der chinesische Konzern Foxconn 2019 eine neue Fabrik f\u00fcr iPhones in Sri City, Indien, er\u00f6ffnete und nur Frauen einstellte, erinnerten die Worte von Josh Foulger, der f\u00fcr Foxconn in Indien verantwortlich ist, an die historischen Beispiele von Marx und Bebel. Foulger hatte \u201ezus\u00e4tzliche Ausgaben\u201c f\u00fcr Security, Busse und Schlafs\u00e4le f\u00fcr die Arbeiterinnen, die weit weg von der Fabrik leben. \u201eAber das ist es wert, denn Frauen arbeiten hart und wertsch\u00e4tzen die Chancen, die ihnen gegeben werden.\u201c ((10))<br \/>\nAuch in den industrialisierten L\u00e4ndern ist das \u201eSparen durch Frauenarbeit\u201c keine historische Kuriosit\u00e4t. Beispielsweise in der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Sph\u00e4re der prekarisierten Jobs arbeiten heutzutage haupts\u00e4chlich Frauen. Criado Perez hat auch hier die passende Statistik: Laut einer Studie der Gewerkschaft Unison in Gro\u00dfbritannien sind 2\/3 der Arbeiter_innen in der Niedriglohnbranche Frauen, und viele von ihnen \u201earbeiten in mehreren prek\u00e4ren Jobs gleichzeitig, um auf genug Stunden zu kommen\u201c.\u00a0((11))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Sogennante \u201eFrauenarbeit\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass \u201eFrauenarbeit\u201c generell als weniger wertvoll angesehen wird, ist besonders deutlich in Berufen, in denen sich die Geschlechterdominanz im Laufe der Zeit ver\u00e4ndert hat.<br \/>\nInformatik war in den 1940er, 50er und 60er Jahren ein Frauenjob. Frauen waren die urspr\u00fcnglichen \u201eRechner(innen)\u201c, die f\u00fcr das Milit\u00e4r per Hand komplexe mathematische Probleme l\u00f6sten \u2013 wie in dem Film Hidden Figures (2016) dargestellt. \u201eDas ist wie die Planung eines Abendessens\u201c, erkl\u00e4rte die Computerpionierin Grace Hopper 1967. \u201eMan muss vorausplanen und alles vorbereiten, sodass es fertig ist, wenn man es braucht. Programmieren verlangt Geduld und die F\u00e4higkeit, mit Details umzugehen. Frauen sind \u201aNaturtalente\u2018 im Programmieren.\u201c ((12))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-24636\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%&quot;\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024.jpg 787w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024-300x390.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024-600x781.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024-231x300.jpg 231w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024-768x999.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/787-1024-115x150.jpg 115w\" sizes=\"(max-width: 787px) 100vw, 787px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Foto: Peter van der Sluijs (CC BY -SA 3.0), Bearbeitung: Tinet Elmgren<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstaunlich ist die Geschichte, wie Unternehmenschefs zielgerichtet vorgingen, um M\u00e4nner in Informatikjobs zu bringen. Sie hatten gemerkt, dass Programmieren keine blo\u00dfe Schreibarbeit oder Datenverwaltung ist, sondern hohe Probleml\u00f6sungsf\u00e4higkeit voraussetzt. Weil offenbar die Vorurteile in Bezug auf herausragende intellektuelle F\u00e4higkeiten st\u00e4rker waren als die objektive Wirklichkeit (Frauen programmierten ja bereits und hatten folglich diese F\u00e4higkeiten), begannen die Unternehmenschefs, M\u00e4nner zu Programmierern auszubilden.<br \/>\nPers\u00f6nlichkeitsprofile formalisierten einen stereotypen Programmierer \u2013 den \u201estreberhaften Einzelg\u00e4nger mit geringen sozialen F\u00e4higkeiten und mangelnder K\u00f6rperhygiene\u201c. Ein vielfach zitierter Psychologie-Artikel von 1967 hatte das \u201eDesinteresse an Menschen\u201c und die Abneigung gegen \u201eAktivit\u00e4ten mit enger pers\u00f6nlicher Interaktion\u201c als \u201ehervorstechende Eigenschaften von Programmierern\u201c ausgemacht. Also suchten die Unternehmen gezielt nach solchen Leuten \u2013 und das Pers\u00f6nlichkeitsprofil wurde zur selbsterf\u00fcllenden Prophezeiung.\u00a0((13))<br \/>\nEin anderer in vielen L\u00e4ndern m\u00e4nnlich dominierter, gut bezahlter und hoch angesehener Beruf ist Arzt. In Gro\u00dfbritannien ist er unter den zehn am besten bezahlten Jobs, in Deutschland unter den Top 20. Man k\u00f6nnte denken, es ist logisch, dass der Beruf so gut bezahlt und hoch angesehen ist, weil \u00c4rzt_innen Leben retten und eine schwierige Ausbildung abschlie\u00dfen m\u00fcssen. Wie kann es dann sein, dass der Beruf in Russland, mit durchschnittlichen 900 \u20ac Monatslohn\u00a0((14)), einer der Berufe mit den niedrigsten L\u00f6hnen und niedrigem Status ist?<br \/>\nIn Russland sind seit den 1930er Jahren ca. 70% der \u00c4rzt_innen Frauen. Die Ausbildung ist genauso hart wie in anderen Teilen der Welt, aber medizinische Berufe werden stereotypisiert als eine \u201ef\u00fcrsorgliche Berufung\u201c, f\u00fcr welche Frauen \u201evon Natur aus geeignet\u201c sind \u2013 was ihnen entsprechend weniger Prestige verleiht als traditionellen \u201eM\u00e4nnerberufen\u201c. Gleichzeitig gibt es in den am h\u00f6chsten bezahlten und angesehensten Positionen, wie hochspezialisierten \u00c4rzt_innen oder in der akademischen Medizin, einen drastisch kleineren Anteil Frauen \u2013 im Jahr 2001 nur 10%. \u00a0((15))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Beispiele zeigen, dass Frauen nicht weniger verdienen oder unbezahlt mehr arbeiten m\u00fcssen, weil ihre Arbeit wenig wert ist. Es ist anders herum. Die Arbeit der Frauen wird weniger wertvoll, weil Frauen als wenig wertvoll angesehen werden. Was auch immer eine Frau tut, ob Kinderpflege, Unterricht, Medizin oder Informatik, wird als weniger wertvoll angesehen, einfach weil es von einer Frau gemacht wird. Die Verantwortung f\u00fcr den \u201eGender Pay Gap\u201c liegt nicht bei Frauen, die sich Niedriglohnbranchen aussuchen. Vielmehr werden T\u00e4tigkeiten, die von Frauen ausgef\u00fchrt werden, im Patriarchat \u201eautomatisch\u201c weniger gut angesehen und schlechter bezahlt.<\/p>\n<p><em>Hinweis der Autorin: Die Begriffe \u201eFrauen\u201c und \u201eM\u00e4nner\u201c werden in diesem Text grunds\u00e4tzlich als zugeschriebene Genderrollen im Patriarchat verwendet.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFrauen, die nicht arbeiten, gibt es nicht. Es gibt nur Frauen, die f\u00fcr ihre Arbeit nicht bezahlt werden\u201c, schreibt Caroline Criado Perez in ihrem Buch Unsichtbare Frauen \u2013 Wie eine von Daten beherrschte Welt die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung ignoriert.\u00a0((1)) Die Autorin untermauert ihre Feststellung mit Statistiken: Weltweit wird 75 % der unbezahlten Arbeit von Frauen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/gut-und-guenstig\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":24629,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Gut und g\u00fcnstig - graswurzelrevolution","description":"\u201eFrauen, die nicht arbeiten, gibt es nicht. 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