{"id":24468,"date":"2021-03-02T11:46:46","date_gmt":"2021-03-02T09:46:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/kaempfen-heisst-erinnern\/"},"modified":"2021-03-26T02:10:21","modified_gmt":"2021-03-26T00:10:21","slug":"kaempfen-heisst-erinnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/kaempfen-heisst-erinnern\/","title":{"rendered":"K\u00e4mpfen hei\u00dft Erinnern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wer in M\u00fcnster zu Fu\u00df unterwegs ist, kann Paul Wulf heute immer noch begegnen: Mit seinem offenen Blick steht er zentral auf dem Servatiiplatz. \u00dcberlebensgro\u00df! Das macht Sinn, denn Paul sollte zwei Mal ausgel\u00f6scht werden. Es ist sein liebenswerter, zugewandter und intensiver Blick, der uns alle zum Gespr\u00e4ch, zur Kommunikation und zur Auseinandersetzung einl\u00e4dt. \u00dcber Paul und seine Geschichte. So haben beide \u00fcberlebt. Vielleicht auch, weil Paul sein Leben lang widerst\u00e4ndig geblieben ist und weil er Freunde und Freundinnen hat, die an ihn, seine K\u00e4mpfe und seine Geschichte erinnern und sie fortsetzen. Wie die K\u00fcnstlerin Silke Wagner, die f\u00fcr die Skulptur Projekte M\u00fcnster 2007 gemeinsam mit dem Umweltzentrum-Archiv-Verein die wunderbare 3,4-Meter-Figur von Paul Wulf geschaffen hat. Oder Menschen wie Bernd Dr\u00fccke und andere Mitglieder des Freundeskreises Paul Wulf, die den K\u00f6rper der Plastik, der als Litfa\u00dfs\u00e4ule dient, monatlich mit Texten von und \u00fcber Paul und seine Geschichte neu tapezieren.<br \/>\nIch habe Paul Wulf nie pers\u00f6nlich getroffen. Aber ich durfte ihn durch die Erz\u00e4hlungen seiner Freunde und Freundinnen kennen lernen. Und durch seine Gedichte und Gedanken. Und ich durfte f\u00fcr den dauerhaften Verbleib von \u201ePaul\u201c in M\u00fcnster mit vielen anderen gemeinsam streiten, als konservative Politiker die Skulptur einfach weghaben wollten. Haben sie dabei einmal daran gedacht, dass die verantwortlichen NS-\u00c4rzte Menschen wie Paul auch \u201eweghaben\u201c wollten?<br \/>\nMeine \u201eBegegnungen\u201c mit Paul waren und sind ein gro\u00dfes Geschenk f\u00fcr mich. Denn Paul war ein besonderer Mensch. Das konnte ich dank der Erz\u00e4hlungen seiner Freunde sp\u00fcren. Paul war aber auch ein wichtiger Mensch f\u00fcr uns alle, die nicht aufh\u00f6ren wollen zu tr\u00e4umen von einer herrschaftsfreien Welt. Ich bin mir sicher, wir h\u00e4tten uns gut verstanden. Zumal ich mich aus verschiedenen Gr\u00fcnden sehr verbunden mit Paul f\u00fchle. Allein schon wegen unserer gemeinsamen Liebe f\u00fcr die Gedichte und den Menschen Erich M\u00fchsam. Die Nazis wollten diesen gro\u00dfartigen Dichter und Revolution\u00e4r sowie sein literarisches und politisches Werk ebenfalls ausl\u00f6schen \u2013 als Rache f\u00fcr seine Rolle bei der Revolution am 7. November 1918 und in der Bayerischen R\u00e4terepublik 1919. Kurz nach der Macht\u00fcbergabe an die Nazis 1933 verhaftete die SA Erich M\u00fchsam und die SS ermordete ihn nach 16-monatiger KZ-Haft und Folter am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg. Aber sein Wirken und sein Werk konnten sie nicht ausl\u00f6schen. In Anlehnung an ein Gedicht dieses von Paul und mir so verehrten und bewunderten Revolution\u00e4rs, Anarchisten und Pazifisten habe ich 1982 das Lied \u201eRevoluzzer\u201c geschrieben. Darin hei\u00dft es unter anderem: \u201eA Revoluzzer m\u00fca\u00dft ma sei, dann war der \u00c4rger schnei vorbei, aba wer macht si scho di Plog und revoluzzt den ganzn Dog.\u201c*<br \/>\nPaul war definitiv ein solcher Revoluzzer. Er wurde schon als Kind stigmatisiert und 1938 als 16-J\u00e4hriger von den Nazis zwangssterilisiert. \u201eVon meinem siebten Lebensjahr an war mein Leben nur noch der Heimerziehung unterworfen, was mich zu einem anderen Menschen machte. Ich lernte kritisch denken und lie\u00df nicht alles willenlos \u00fcber mich ergehen\u201c, erinnerte sich Paul an jene Zeit. Paul machte \u201esi scho di Plog\u201c und vor allem \u201esei Mei auf, wenn a mog\u201c und traute \u201esich m\u00f6gen, wos a mog.\u201c\u00a0* Den Anstaltsleiter und NS-Arzt haben Paul und die anderen Kinder \u201eMenschenmetzger\u201c genannt. Sie haben die t\u00f6dliche Gefahr des deutschen Faschismus von Anfang an gesp\u00fcrt und begriffen. Die meisten \u201eNormalen\u201c haben weiter \u201eHeil\u201c geschrien.<br \/>\nIn der NS-Zeit haben \u00c4rzte 400.000 Menschen wie Paul zwangssterilisiert. Dahinter stand ein m\u00f6rderisches Menschenbild: Wer damals nicht als \u201enormal\u201c und \u201egesund\u201c gegolten hat, lebte in st\u00e4ndiger Lebensgefahr. Das musste Paul am eigenen Leib erleiden. Menschen mit tats\u00e4chlichen oder angeblichen \u201eBehinderungen\u201c verloren zun\u00e4chst ihre Menschenrechte und dann ihre Existenzberechtigung: Ab Januar 1940 t\u00f6teten \u00c4rzte und NS-B\u00fcrokraten rund 200.000 Patienten im Rahmen der NS-Euthanasie-Aktion T4. Nach 1945 haben die Verantwortlichen geschwiegen und weiter \u201eKarriere\u201c gemacht wie zum Beispiel der Psychiater Julius Hallervorden. Er war in der NS-Zeit Hirnforscher beim Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin und seit 1933 f\u00f6rderndes Mitglied der SS. Er untersuchte mindestens 700 Gehirne von Kindern, die im Rahmen der NS-Euthanasie ermordet wurden. Nach 1945 arbeitete er als Arzt am Max-Planck-Institut f\u00fcr Hirnforschung in Gie\u00dfen und erhielt 1956 das Gro\u00dfe Bundesverdienstkreuz.<br \/>\nPaul Wulf schwieg nicht. Sein Leben lang k\u00e4mpfte er als Antifaschist gegen das Vergessen und f\u00fcr die Anerkennung aller Zwangssterilisierten als NS-Verfolgte. Er hat den Mund aufgemacht, recherchiert, aufgekl\u00e4rt, angeklagt, ist vor Gericht gegangen, hat Ausstellungen organisiert. \u201eErinnerung war lange kein Thema. Die \u00dcberlebenden wurden ausgegrenzt, gleichzeitig kamen ehemalige Nazis wieder frei. Das geh\u00f6rt zu den betr\u00fcblichsten Kapiteln unserer Geschichte: Der Umgang mit den ehemaligen Verfolgten. Sie mussten sehr, sehr schnell erkennen, dass sie nicht gefragt waren\u201c, sagt der M\u00fcnchner Antifaschist Friedbert M\u00fchldorfer in dem Radio-Feature \u201eDer lange Kampf um die Erinnerung\u201c von 2020, in dem die Geschichte der KZ-Gedenkst\u00e4tte Dachau aus der Sicht der Verfolgten erz\u00e4hlt wird.<br \/>\nMenschlichkeit braucht Renitenz, Ver\u00e4nderung braucht Hartn\u00e4ckigkeit, Protest und Widerstand. Immer wieder und stets von Neuem. Daf\u00fcr brauchen wir die Erinnerung an und das Wissen \u00fcber die Mechanismen gesellschaftlicher und staatlicher Ausgrenzung, Stigmatisierung, Diskriminierung, Verfolgung und Ausl\u00f6schung. Paul Wulf hat dazu sehr viel beigetragen. Auch deshalb haben sein lebenslanges Engagement und der gemeinsame Kampf gegen die Beseitigung der Paul-Skulptur eine sehr gro\u00dfe Bedeutung. K\u00e4mpfen hei\u00dft Erinnerung. Wir brauchen Menschen wie Paul Wulf und wir brauchen die Erinnerung an und die Begegnung mit solchen Menschen. Sie sind unendlich wertvoll. Denn Erinnern kann uns Kraft geben f\u00fcr unsere aktuellen K\u00e4mpfe f\u00fcr eine gerechtere Welt. Sie kann uns Mut machen, \u00fcberall und immer, wenn es n\u00f6tig ist, \u201eNein\u201c zu sagen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Anstaltsleiter und NS-Arzt haben Paul und die anderen Kinder \u201eMenschenmetzger\u201c genannt. Sie haben die t\u00f6dliche Gefahr des deutschen Faschismus von Anfang an gesp\u00fcrt und begriffen. Die meisten \u201eNormalen\u201c haben weiter \u201eHeil\u201c geschrien.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfassung, Kategorisierung und \u00dcberwachung von Menschen bzw. definierter Gruppen ist und war schon immer die Voraussetzung staatlicher Repression und Verfolgung. Daran sollten wir uns immer erinnern, um stets wachsam und kritisch zu bleiben. Im Jahr 2018 wurde ein Gesetzentwurf der Bayerischen Staatsregierung f\u00fcr ein \u201ePsychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz\u201c bekannt. Bei Betroffenen, AktivistInnen, kritischen TherapeutInnen, \u00c4rztInnen und JournalistInnen schrillten rechtzeitig die Alarmglocken. Auch das haben wir Menschen wie Paul Wulf zu verdanken, die sich nach 1945 f\u00fcr die Anerkennung und die Rechte von vergessenen NS-Verfolgten \u00f6ffentlich eingesetzt haben. Heribert Prantl schrieb am 16. April 2018 in der SZ: \u201eDepressive Menschen sollen in Bayern k\u00fcnftig registriert werden \u2013 und behandelt, als w\u00e4ren sie Straft\u00e4ter. Das ist kein Hilfe-, sondern ein Polizeigesetz.\u201c Es konnte in dieser Form vorerst verhindert werden.<br \/>\nNicht verhindert haben die Menschen 1933 das \u201eGesetz zur Verh\u00fctung erbkranken Nachwuchses\u201c, das zum 1. Januar 1934 in Kraft trat, um angeblich \u201eerbkranke\u201c Menschen \u201eunfruchtbar\u201c zu machen. Dieses Verbrechen, das Paul angetan wurde, verbindet mich bis heute in meinen Gedanken mit ihm. Wer von \u00c4rzten damals zum Beispiel als \u201eschizophren\u201c oder \u201emanisch-depressiv\u201c diagnostiziert wurde, aber auch, wer \u201ean schwerem Alkoholismus leidet\u201c konnte zwangssterilisiert werden. Als S\u00fcchtiger wurde ich bereits ins Gef\u00e4ngnis gesperrt. Was w\u00e4re damals mit mir geschehen?<br \/>\nIch bin sehr dankbar, dass ich Menschen kennen lernen durfte, die ihr Leben lang antifaschistisch gehandelt haben: Ich durfte in einem Elternhaus aufwachsen mit einem Vater, der in der Nazizeit den Kriegsdienst verweigert hatte, und einer Mutter, die mit mir gemeinsam bis kurz vor ihrem Tod auf vielen Demonstrationen gegen Rassismus, Krieg sowie alte und neue Nazis war. Und ich durfte den Widerstandsk\u00e4mpfer und \u00dcberlebenden Martin L\u00f6wenberg \u00fcber 20 Jahre lang kennen und immer wieder treffen, der ZwangsarbeiterInnen mit Lebensmittelmarken und Informationen \u00fcber den Frontverlauf versorgt hatte, bevor er selbst ins KZ kam. Er hat uns sein Leben lang daran erinnert, \u201edass Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist\u201c, das wir bis heute gemeinsam immer und \u00fcberall verhindern m\u00fcssen.<br \/>\nDie Begegnung und Erinnerung an solche besonderen Menschen wie Paul k\u00f6nnen unser Leben nachhaltig ver\u00e4ndern, wenn wir es zulassen. Als ob ein Teil ihrer widerst\u00e4ndigen Energie auf uns \u00fcbergeht. Deshalb brauchen wir Menschen wie Paul Wulf. Und wir brauchen Menschen und Initiativen, die uns durch ihre aktive Erinnerungsarbeit die M\u00f6glichkeit geben, Menschen wie Paul Wulf kennen zu lernen. Dieses gro\u00dfartige Erinnerungsbuch, das zum 100. Geburtstag von Paul Wulf erscheint, ist mit seinen ber\u00fchrenden und beeindruckenden Texten ein gro\u00dfes Geschenk. Ein Geschenk f\u00fcr uns alle, die Paul bereits kennen lernen durften und f\u00fcr alle, die Menschen wie Paul kennen lernen wollen, weil sie sp\u00fcren, dass wir alle solche Menschen wie Paul sein sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer in M\u00fcnster zu Fu\u00df unterwegs ist, kann Paul Wulf heute immer noch begegnen: Mit seinem offenen Blick steht er zentral auf dem Servatiiplatz. \u00dcberlebensgro\u00df! Das macht Sinn, denn Paul sollte zwei Mal ausgel\u00f6scht werden. 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