{"id":2465,"date":"1999-02-01T00:00:27","date_gmt":"1999-01-31T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2465"},"modified":"2022-07-26T14:17:02","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:02","slug":"george-orwell-und-der-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/02\/george-orwell-und-der-anarchismus\/","title":{"rendered":"George Orwell und der Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>Viele AnarchistInnen kennen George Orwell als den Autor der beiden gro\u00dfen satirischen Anti-Utopien &#8222;Farm der Tiere&#8220; und &#8222;1984&#8220;, sowie seines beeindruckenden Berichtes &#8222;Mein Katalonien&#8220;, den Ken Loach als literarische Vorlage f\u00fcr seinen Film &#8222;Land und Freiheit&#8220; \u00fcber den Verrat innerhalb der spanischen Revolution benutzt hatte. Nur wenige allerdings wissen um die widerspr\u00fcchlichen und doch sehr pers\u00f6nlichen Beziehungen, die Orwell zeit seines Lebens zu den britischen AnarchistInnen unterhielt.<\/p>\n<h3>Der junge emotionale Anarchist<\/h3>\n<p>George Orwell ist ein Pseudonym. In Wirklichkeit hie\u00df Orwell Eric Blair und stammte aus der gehobenen kolonialen Mittelklasse Englands. Orwell wurde im Juni 1903 noch in Bengalen, damals britische Kolonie, geboren, bevor seine Mutter ihn 1904 mit zur\u00fcck nach England nahm. Bereits in seiner Schulzeit vertrat Orwell eine Art modischen Anarchismus, der sich gegen Strafen und die Gesetze sowohl Gottes als auch der Menschen wandte. So tief scheint diese fr\u00fche rebellische Haltung jedoch nicht haften geblieben zu sein, denn von 1922-27 ging er als kolonialer Polizeibeamter nach Birma.<\/p>\n<p>Dort wurde er mit der kolonialen Realit\u00e4t konfrontiert, sah die Hinrichtung von Kolonisierten und kehrte als absoluter Anarchist zur\u00fcck, der sich als T\u00e4ter schuldig f\u00fchlte und von sich verlangte, den Rest seines Lebens der S\u00fchne dieser Schuld zu widmen. Dies f\u00fchrte ihn in die sozialistische Bewegung. Sp\u00e4ter widersprach er dem absoluten Anarchismus dieser Lebensphase, der stark von der Gegnerschaft zu institutionalisierter Gewalt, insbesondere zur Todesstrafe, gepr\u00e4gt war. Selbst ordin\u00e4re Gewalt oder einzelne Verbrechen k\u00f6nnten nie so schlimm werden wie institutionalisierte und staatliche Formen der Gewalt, so meinte er damals. Sp\u00e4ter revidierte er diese Einsichten bis nahezu in ihr Gegenteil.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst allerdings versuchte er sich als Journalist und Schriftsteller ohne gr\u00f6\u00dferen Erfolg. Typisch f\u00fcr diese Zeit ist sein Buch &#8222;The Road to Wigan Pier&#8220;, ver\u00f6ffentlicht 1937, in welchem er einerseits die Armut und die intolerablen Arbeitsbedingungen in Nordengland beschrieb, andererseits eine harte Kritik an Boheme- und SalonsozialistInnen loslie\u00df, die nichts riskierten, dem Vegetarismus oder dem Antialkoholismus fr\u00f6nten und nichts von der Realit\u00e4t des ArbeiterInnenlebens w\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Er wollte nicht so sein wie sie und beteiligte sich dann als Mitglied der trotzkistisch-linkssozialistischen Partei &#8222;Independent Labour Party&#8220; an den K\u00e4mpfen zur Verteidigung der spanischen Revolution. Im Dezember 1936 kam er mit seiner Frau Eileen O\u2019Shaughnessy in Barcelona an und war schwer von der Begeisterung und der Gleichheit beeindruckt, die er unter den spanischen AnarchistInnen wahrnahm. Mehr zuf\u00e4llig k\u00e4mpfte er von Februar bis April 1937 bei der linksmarxistischen POUM-Miliz. In &#8222;Mein Katalonien&#8220;, seinem 1938 ver\u00f6ffentlichten Erlebnisbericht, gestand er an einer Stelle, da\u00df er, wenn er die Str\u00f6mungen anf\u00e4nglich besser durchschaut h\u00e4tte, wohl zu den AnarchistInnen gegangen w\u00e4re. Wie dem auch sei, wichtig ist an &#8222;Mein Katalonien&#8220; die Schilderung des Verrats der StaatskommunistInnen in den Mai-K\u00e4mpfen von Barcelona 1937. Nach einem neuerlichen Fronteinsatz bei den Internationalen Brigaden und einer Kriegsverletzung entkam er knapp der stalinistischen Verfolgung und kehrte im Sommer 1938 nach England als emotionaler Anarchist zur\u00fcck. Seine Schilderung der Mai-K\u00e4mpfe geh\u00f6rte zu den wenigen zeitgen\u00f6ssischen Verteidigungen des Anarchismus durch Intellektuelle. Wie isoliert Libert\u00e4re wie er oder auch Vernon Richards mit dieser Sicht der Dinge innerhalb der Linken waren, zeigt die Tatsache, da\u00df &#8222;Mein Katalonien&#8220; nicht nur kaum einen Verlag fand, sondern in seiner ersten Auflage mit nur 1 500 Exemplaren noch nicht einmal 1950, als Orwell als bekannter Schriftsteller starb, ganz verkauft war.<\/p>\n<p>Direkt nach seiner R\u00fcckkehr aus Spanien sprach ihn Emma Goldman an und er wurde von ihr \u00fcberzeugt, der anarchistischen &#8222;Internationalen Antifaschistischen Solidarit\u00e4t&#8220;, einer englischen Solidarit\u00e4tsorganisation f\u00fcr Spanien, beizutreten. Dort lernte er Rebecca West, Herbert Read, Vernon Richards und Marie-Louise Berneri kennen und mit letzteren blieb eine auch pers\u00f6nliche Freundschaft bis zu seinem Tod bestehen.<\/p>\n<h3>Konflikte w\u00e4hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg<\/h3>\n<p>Orwell trat der pazifistischen Peace Pledge Union bei, schrieb f\u00fcr die pazifistische Zeitung &#8222;Peace News&#8220;, und schlug sogar eine Untergrundorganisierung der PazifistInnen und libert\u00e4ren SozialistInnen vor, weil er den Krieg kommen sah und ihn als Klassenkrieg interpretierte, in dem auch b\u00fcrgerliche Demokratien zu Organisationsverboten greifen und zur Diktatur degenerieren w\u00fcrden. Diese Position \u00e4nderte er abrupt nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939, und w\u00e4hrend einige seiner Freunde und Bekannten unter den PazifistInnen und AnarchistInnen den Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg verweigerten, bef\u00fcrwortete er den Krieg und arbeitete f\u00fcr die Kriegspropaganda im BBC-Radio. Solch eine Meinungs\u00e4nderung w\u00e4re nur zu verst\u00e4ndlich gewesen, unverst\u00e4ndlich blieb den AnarchistInnen aber immer die schwere publizistische Attacke, die Orwell in den Kriegsjahren sowohl gegen PazifistInnen wie AnarchistInnen ritt, die er als &#8222;Def\u00e4tisten&#8220; und &#8222;objektive Faschisten&#8220; bezeichnete &#8211; und das, nachdem er bereits in &#8222;Mein Katalonien&#8220; beschrieben hatte, welch schlimme Formen die Uminterpretation der tats\u00e4chlichen Motive bestimmter Str\u00f6mungen in angeblich &#8222;objektive&#8220; annehmen konnte.<\/p>\n<p>Trotz dieser inhaltlichen Kritik wiederum setzte er sich vehement f\u00fcr die Meinungsfreiheit ein, und als die R\u00e4ume des anarchistischen Verlags &#8222;Freedom Press&#8220; 1944 durchsucht wurden und vier Redakteure der kriegsgegnerischen Zeitung &#8222;War Commentary&#8220; zu Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt wurden, setzte er sich in einem Freedom-Verteidigungskomitee zusammen mit Herbert Read und George Woodcock, sp\u00e4ter auch noch in der &#8222;Liga f\u00fcr die W\u00fcrde und Rechte des Menschen&#8220; zusammen mit Arthur Koester und Bertrand Russell f\u00fcr die Freiheit Andersdenkender ein.<\/p>\n<p>Zwar milderte er den Ton seiner Kritik an Pazifismus wie am Anarchismus nach dem Zweiten Weltkrieg ab, doch zog er nun die durch einen Rechtsstaat gew\u00e4hrten freiheitlichen Rechte als scheinbar realistischer den libert\u00e4ren Utopien einer Gesetzeslosigkeit vor, die seiner Ansicht nach nur auf \u00f6ffentlicher Meinung und Tugendterror aufgebaut sein k\u00f6nne, welche im Endeffekt totalit\u00e4rer sein werde als b\u00fcrgerliche Staaten. Auch an Tolstoj meinte er trotz dessen Staats- und Gewaltkritik den absolutistischen Wunsch zu erkennen, andere zur Meinungs\u00e4nderung zwingen zu wollen &#8211; w\u00e4hrend er Gandhi andererseits immerhin gro\u00dfen Respekt zollte. Den Anarchismus hielt er nun f\u00fcr eine vorindustrielle Organisationsform der Gesellschaft, eine komplexe Industriegesellschaft k\u00f6nne realistischerweise auf zentralistische Organisationsformen nicht verzichten. Da\u00df er trotzdem vor den Gefahren des Zentralismus und der Absolutheit staatlicher Ideologien warnen wollte, beweisen nat\u00fcrlich die Romane &#8222;Farm der Tiere&#8220; und &#8222;1984&#8220;.<\/p>\n<p>Die AnarchistInnen wiederum kritisierten an Orwell, da\u00df er die oft leidenschaftlich und begeisternd vorgetragenen Theorien der AnarchistInnen und PazifistInnen mit den gewaltsamen Machthabern und Staatenlenkern ineinssetzte, die tats\u00e4chlich ihre autorit\u00e4ren Visionen in die Praxis umsetzten. Insofern sei Orwell selbst sehr widerspr\u00fcchlich gewesen, habe etwa 1939 Positionen als faschistisch kritisiert, die er selbst ein Jahr zuvor noch eingenommen hatte. Zu dieser Widerspr\u00fcchlichkeit pa\u00dft, da\u00df der seit langen Jahren an Tuberkulose erkrankte Orwell nach dem Tode seiner Frau den Adoptivsohn Richard ausgerechnet der Anarchistin Lilian Wolfe zur Pflege \u00fcbergab, die zudem auch noch Pazifistin, Vegetarierin und Abstinenzlerin war und damit eben jene Eigenschaften hatte, die er noch 1937 als Salonanarchismus ver\u00e4chtlich kritisiert hatte.<\/p>\n<p>Da\u00df trotz der inhaltlichen Widerspr\u00fcche auch zu Vernon Richards und Marie-Louise Berneri eine tiefe Freundschaft m\u00f6glich war, beweisen die nun bei Freedom Press ver\u00f6ffentlichten Privatphotos des ansonsten sehr photoscheuen George Orwell.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele AnarchistInnen kennen George Orwell als den Autor der beiden gro\u00dfen satirischen Anti-Utopien &#8222;Farm der Tiere&#8220; und &#8222;1984&#8220;, sowie seines beeindruckenden Berichtes &#8222;Mein Katalonien&#8220;, den Ken Loach als literarische Vorlage f\u00fcr seinen Film &#8222;Land und Freiheit&#8220; \u00fcber den Verrat innerhalb der spanischen Revolution benutzt hatte. 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