{"id":24669,"date":"2021-03-29T10:29:52","date_gmt":"2021-03-29T08:29:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/elfriede-m\/"},"modified":"2021-04-17T00:41:24","modified_gmt":"2021-04-16T22:41:24","slug":"elfriede-m","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/elfriede-m\/","title":{"rendered":"Elfriede M."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin Historikerin. Mein Forschungsschwerpunkt ist sexuelle Gewalt gegen Frauen in Kriegssituationen. Konkret forsche ich zum Thema der Bordelle f\u00fcr Wehrmacht und SS. Das bedeutet h\u00e4ufig, emotional belastendes Quellenmaterial zu sichten. Briefe kleiner M\u00e4dchen zu lesen, die \u00fcber Gewalt gegen j\u00fcdische Frauen im Vorfeld des Massakers der Wehrmacht an 33.000 J\u00fcdinnen und Juden im ukrainischen Babi Yar schreiben zum Beispiel. Oder psychiatrische Gutachten \u00fcber Frauen, die 20 Jahre, nachdem sie den Horror der Wehrmachtsbordelle \u00fcberlebt haben, noch zusammenbrechen, wenn sie dar\u00fcber reden sollen und die sagen, sie w\u00fcnschten, man h\u00e4tte sie damals gleich umgebracht. Oder B\u00fccher zu schreiben \u00fcber polnische Verk\u00e4uferinnen, die zwangsweise in Wehrmachtsbordelle verbracht worden sind und letztlich nach Auschwitz kamen, weil sie sich gewehrt haben. All das aufzuarbeiten ist wichtig. Aber es ist auch emotional schwer wegzupacken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich an einem Tag im Herbst ins Archiv gehe, erwarte ich keinen so schwerwiegenden Fund. Ich recherchiere zu einem Nebenthema, denn ich suche noch Material, welches aufzeigt, dass die Strategie, welche die Nationalsozialisten in Sachen Prostitution verfolgten, eine zwiegespaltene war: w\u00e4hrend sie einerseits Prostituierte kriminalisierten, sie gar als \u201eAsoziale\u201c ins KZ steckten, waren andererseits sie es, die die Bordelle \u00fcberhaupt erst wieder er\u00f6ffneten, ja, die ganze Bordellstra\u00dfen bauten, in denen sie prostituierte Frauen kasernierten. In den besetzten Gebieten taten sie dies ebenso: Prostitution wurde hart verfolgt \u2013 und zugleich wurden Bordelle f\u00fcr Wehrmacht und SS errichtet. Dies f\u00fchrte zu der absurden Situation, dass auch Frauen, die \u201edrau\u00dfen\u201c als Prostituierte verfolgt und deswegen verhaftet worden waren, sp\u00e4ter im Wehrmachtsbordell genau zu dem gezwungen wurden, weswegen man sie einst verhaftet hatte: Prostitution. Denn der sexuelle Kontakt zu Soldaten sollte vor allem in den besetzten Gebieten nur noch im \u00fcberwachten Wehrmachtsbordell stattfinden. Dies sollte dem Schutz vor Geschlechtskrankheiten dienen, aber auch verhindern, dass deutsche Soldaten die Frauen anderer L\u00e4nder als Menschen wie sie wahrnahmen, als Subjekte \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem Tag suche ich Fallbeispiele daf\u00fcr, dass auch an der Heimatfront Frauen, von denen es hie\u00df, sie h\u00e4tten sexuelle Kontakte mit deutschen Soldaten, verfolgt wurden \u2013 denn die Ansteckung mit Geschlechtskrankheiten war f\u00fcr die Wehrmacht Chefsache. Ein geschlechtskranker Soldat kann nicht k\u00e4mpfen \u2013 und wenn alles schiefl\u00e4uft, kann er auch keinen Nachwuchs mehr zeugen. Dies galt es unter allen Umst\u00e4nden zu verhindern. Mir werden also im Archiv einige Fallakten deutscher Frauen vorgelegt, die \u00c4rger mit den Beh\u00f6rden bekamen, weil sie deutsche Soldaten mit Geschlechtskrankheiten angesteckt haben sollen. Es sind ungef\u00e4hr 50 Kripoakten. Normalerweise schaffe ich es, 50 Akten an einem einzigen Tag durchzulesen. An diesem Tag aber schaffe ich nur eine, n\u00e4mlich die, die mir gleich als erstes vorgelegt wird. Es ist die von Elfriede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elfriede wird 1941 verhaftet, weil ihr vorgeworfen wird, dass sie den Sch\u00fctzen Paul Sch. mit Tripper angesteckt hat. So weit nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches \u2013 aber bereits auf den ersten Seiten der Akte, die die Kriminalpolizei Leipzig \u00fcber Elfriede angelegt hat, macht mich etwas stutzig. Denn Elfriede, die im Dezember 1920 in Leipzig geboren wurde und f\u00fcnf Geschwister hat, wird bereits mit 15 das erste Mal von der Kriminalpolizei aufgegriffen. Sie ist von zu Hause weggelaufen, zum 21. Mal. Sie schl\u00e4ft drau\u00dfen, und sie friert erb\u00e4rmlich. Weil sie mehrfach Kleidung wie z.B. M\u00e4ntel aus Schulen stiehlt, bekommt sie mit der Polizei zu tun. Der Vater, auf die Wache bestellt, um die Tochter heimzuholen, gibt an, sie sei seit der ersten Periode \u201everstimmt\u201c, wisse bisweilen nicht mehr, was sie tue, und laufe dann von zu Hause fort. Zur\u00fcck komme sie dann stets in einem halbverhungerten Zustand. Elfriede kommt in eine Nervenklinik, aus der sie aber flieht. Erneut schl\u00e4ft sie in leerstehenden H\u00e4usern nahe ihres Elternhauses, stiehlt Kleidung, weil ihr so kalt ist. Zu essen hat sie nichts. Die Kripo f\u00fchrt sie erneut der Nervenklinik zu, in der man zu dem Schluss kommt, dass es eigentlich kaum m\u00f6glich sei, dass Elfriede nicht wisse, was sie tue. Auch die Kripo vermerkt, Elfriede mache einen normalen Eindruck, allerdings wirke sie manchmal pl\u00f6tzlich verst\u00f6rt und wisse dann keine Antwort mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis 1938 wird Elfriede immer und immer wieder aufgegriffen, es ist stets dasselbe Muster: sie l\u00e4uft von zu Hause fort, stiehlt, was sie braucht, um sich in der Nachtk\u00e4lte zu w\u00e4rmen. Sie berichtet der Kripo, sie wisse nicht, warum sie von zu Hause entweiche, es \u00fcberkomme sie wie ein Drang, aber sie versp\u00fcre an diesen Tagen immer ein Angstgef\u00fchl ihren Eltern gegen\u00fcber, und sie empfinde als schrecklich, dass sie und ihre Geschwister nicht auf der Stra\u00dfe spielen d\u00fcrften, sondern sich, da die Mutter viel arbeite, nachmittags allein mit ihrem Vater in der Wohnung aufhalten m\u00fcssen. Das halte sie nicht aus. Der Drang, fortzulaufen und zu stehlen, \u00fcberkomme sie aber nur, wenn sie sich zu Hause aufhalten m\u00fcsse, nicht, wenn sie weit fort sei und arbeite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie schlie\u00dflich im Verdacht steht, ein Fahrrad gestohlen zu haben, werden Gutachten \u00fcber sie angefordert. Die Volksschule, die sie besucht hat, teilt mit, sie habe schon damals nicht vermocht, sich der Gemeinschaft anzuschlie\u00dfen, und sei wegen ihres verschlossenen Wesens von der Klasse abgelehnt worden. Au\u00dferdem habe sie selten Schularbeiten gemacht, da sie als \u00c4lteste der Geschwister daheim den Haushalt f\u00fchren musste. Der Schulleiter findet, Elfriede mache den Eindruck einer \u201eschwachsinnigen\u201c Person. Auch der Vater, Albert M., schl\u00e4gt in dieselbe Kerbe und bezeichnet seine eigene Tochter als \u201egeistig minderwertige Person\u201c. Die Kripo beurteilt Elfriede wie folgt: \u201eDie M. ist eine sehr verlogene Person. Macht auch den Eindruck einer geistig minderwertigen Person. Doch geht sie mit viel Geschick und \u00dcberlegung bei strafbaren Handlungen ans Werk.\u201c Das Amtsgericht verurteilt Elfriede wegen Diebstahls, danach kommt sie in ein M\u00e4dchenheim. Der Vater, ein ehemaliger F\u00fcrsorgepfleger, der in den letzten Jahren vor seiner Schwerbesch\u00e4digtenrente als Justizangestellter gearbeitet hatte, fragt in Briefen mehrfach nach, ob in dem Leipziger M\u00e4dchenheim auch wirklich eine Erziehung im nationalsozialistischen Geiste gew\u00e4hrleistet sei. Er ist seit Mai 1933 Parteimitglied, unterzeichnet auch privat mit \u201eHeil Hitler\u201c, ist Mitglied der NSV, seine Frau Ortsgruppenleiterin beim Frauenbund. Und er beschwert sich beim Jugendamt dar\u00fcber, dass man den Eltern Elfriede entzogen hat, sie seien schwer getroffen: \u201eIch habe als politischer Leiter meinem F\u00fchrer den Eid geleistet, den halte ich bis zum Tode (\u2026). Ich kenne nur Volksgemeinschaft. Meine Familie und ich sind schwer gesch\u00e4digt, durch das was man uns angetan. So ist uns bewiesen worden, wie man Schwerbesch\u00e4digte und kinderreiche Familien sch\u00fctzt. Es ist uns bewiesen und klargemacht worden, dass nationalsozialistischer Geist noch immer nicht \u00fcberall eingezogen ist, dass es immer noch zweierlei Parteigenossen gibt, und ich lasse mir dies nicht gefallen. Einer f\u00e4llt, entweder ich oder derjenige Mensch, der mein Ungl\u00fcck gewollt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und tats\u00e4chlich wird Elfriede wieder aus dem M\u00e4dchenheim entlassen. Und der Vater erstattet dem Jugendamt Bericht \u00fcber Elfriedes Entwicklung: Sie gehe wieder arbeiten, schreibt er, aber er behalte ihr Geld ein. Nur ab und an gebe er ihr ein paar Groschen. Das Problem des n\u00e4chtlichen Einn\u00e4ssens, das Elfriede seit ihrem 8. Lebensjahr habe, habe er jetzt gel\u00f6st, indem er sie nachts mehrfach wecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist der Moment, in dem es mir eiskalt den R\u00fccken herunterl\u00e4uft. Ein Vater, der seine Kinder nachmittags einsperrt, w\u00e4hrend die Mutter nie da ist. Der seine Tochter als \u201egeistig minderwertig\u201c bezeichnet. Ein M\u00e4dchen, das immer wieder von zu Hause wegl\u00e4uft, sogar im Winter, das lieber drau\u00dfen schl\u00e4ft und hungert und stiehlt, als nach Hause zu gehen. Und das ins Bett pinkelt, jede Nacht. Mir kommt ein schrecklicher Verdacht. Ich ahne, warum Elfriede nicht nach Hause m\u00f6chte. Und ich kann die Akte nicht mehr weglegen, kann jetzt nicht weitere F\u00e4lle anschauen \u2013 ich muss wissen, wie es weitergegangen ist. Ich bestelle bei der Archivaufsicht f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag alle Akten, die ich zu Elfriede finden kann: ihre Heimakten, und auch eine Gerichtsakte. Au\u00dferdem finde ich noch eine weitere Gerichtsakte zu ihrem Vater. Auch die bestelle ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und am n\u00e4chsten Tag lese ich weiter Elfriedes Geschichte. W\u00fchle mich durch die Akten, die seit 80 Jahren niemand mehr ge\u00f6ffnet hat. Und ich sehe, dass im November 1938 Elfriedes Onkel zum Jugendamt geht und dort die Vermutung \u00e4u\u00dfert, dass Elfriede von ihrem Vater missbraucht wird. Mehrfach habe er \u00dcbergriffigkeiten ihr gegen\u00fcber beobachtet, sagt er, auch existierten Nacktbilder von ihr, die der Vater gefertigt hatte. Er versuche, Elfriedes Vertrauen zu gewinnen, vor allem, seit sie immer wieder fortlaufe, aber sie sei ganz und gar verschlossen, richtiggehend verstockt. Weil Elfriede nicht aufh\u00f6rt, sich \u201eherumzutreiben\u201c, kommt sie in ein Heim in Mittweida. Von dort berichtet man \u00fcber sie, es sei au\u00dferordentlich schwer, an sie heranzukommen, sie sei sehr still und mache einen versch\u00fcchterten Eindruck. Sie sei gerne f\u00fcr sich, lese viel und liebe es, drau\u00dfen in der Natur zu sein. Aber auch dar\u00fcber m\u00f6chte Elfriede nicht reden: \u201eSie schien intensiv zu erleben. Ihre Naturschilderungen bewiesen ihre seelische Empf\u00e4nglichkeit und Aufgeschlossenheit. Nur selten \u00e4u\u00dferte sie sich aber \u00fcber solche Erlebnisse, sie verschloss alles in sich.\u201c Sie steht abseits, aber ein mangelndes Gemeinschaftsgef\u00fchl attestiert man ihr nicht. Den kleineren Kindern gegen\u00fcber zeigt sie sich liebevoll und zugewandt. Auch im Heim n\u00e4sst Elfriede jede Nacht ein. Der Heimleitung f\u00e4llt auf, dass Elfriede \u00fcberhaupt kein Ekelgef\u00fchl besitzt, sie schl\u00e4ft im urinnassen Bettzeug weiter, sie w\u00e4scht sich nicht, wechselt nicht ihre Kleidung, wischt emotionslos Erbrochenes weg und reinigt ohne zu protestieren Toiletten. Von ihren Kameradinnen wird sie wegen ihrer \u201ehochgradigen Unsauberkeit abgelehnt\u201c, die M\u00e4dchen behaupten, Elfriede \u201estinke wie eine Leichenhalle\u201c. Als ich das lese, frage ich mich, ob nicht auch das ein weiterer Hinweis auf sexuellen Kindesmissbrauch ist \u2013 der Versuch, \u00dcbergriffe abzuwehren, indem man ungewaschen ist und stinkt. Das Jugendamt sieht den Heimaufenthalt nicht als Erfolg an. Im September 1939 schreibt man: \u201eElfriede ist ein undiszipliniertes M\u00e4dchen (\u2026)\u201c, sie sei tr\u00e4ge, sie falle durch Liederlichkeit und Schmutz auf. \u201eSie wird nie imstande sein, dem Guten um seiner selbst willen zu gehorchen.\u201c Sie sei \u201egem\u00fctsarm, empfindet schwach oder gar nicht\u201c, \u201ekann sich nicht zusammenrei\u00dfen\u201c, ist \u201everbockt\u201c und \u201el\u00fcgnerisch\u201c. \u201eFinster und unfreundlich ist ihr Gesichtsausdruck\u201c, bemerkt man, und dass ein \u201estinkender Geruch\u201c von ihr ausgeht. Man schlussfolgert: \u201eIhr Heimaufenthalt hat bisher keinerlei Erfolge erzielt. Es besteht wenig Aussicht, dass sie noch zum Besseren einlenkt.\u201c \u00dcber ihre Eltern schreibt man, sie machten einen \u201eprimitiven Eindruck\u201c, sie seien \u201epsychopathisch\u201c. Vor allem der Vater sei ein bekannter Schreiber von Beschwerdebriefen an alle m\u00f6glichen Beh\u00f6rden und Beamten, er sei ein Querulant \u2013 und in der Tat m\u00f6chte er, dass Elfriede aus dem Heim zu ihm zur\u00fcckkehrt. Daf\u00fcr wendet er sich sogar schriftlich an den Reichsjugendf\u00fchrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor Elfriede das Heim verl\u00e4sst, spricht man sie auf die vermuteten \u201ebesonderen Beziehungen\u201c zu ihrem Vater an. Man vermerkt: \u201eSie ist gest\u00e4ndig.\u201c Und ich \u00e4rgere mich dar\u00fcber, dass man so schreibt, als h\u00e4tte sie sich einer Straftat schuldig gemacht. Und in der Tat hat sie das, denn das erste, was geschieht, ist, dass ein Verfahren wegen \u201eBlutschande\u201c eingeleitet wird \u2013 gegen Elfriede. Es wird zwar schnell eingestellt, da die \u201eBlutschande\u201c in absteigender Linie erfolgte und Elfriede noch minderj\u00e4hrig ist, aber es muss sie dennoch erschreckt und eingesch\u00fcchtert haben. Sie l\u00e4uft mehrfach aus dem Heim weg, kann Arbeitsstellen danach nicht halten, stiehlt wieder, weil sie Hunger hat. Der Kripo gegen\u00fcber \u00e4u\u00dfert sie: \u201eIch habe es getan, weil ich in Not war.\u201c Und der vernehmende Kriminaloberassistent kommt zu dem Schluss: \u201eDie M. machte bei der Vernehmung einen ruhigen, sachlichen, zur\u00fcckgezogenen und wahrheitsliebenden Eindruck. Ich hatte das Gef\u00fchl, als wenn sie die Wahrheit sagte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch im Jahr 1939 zeigt Elfriede ihren Vater an. Es muss unglaublich schlimm f\u00fcr sie gewesen sein, in der Zeit zwischen Anzeige und Urteil zu Hause bei ihrem Vater wohnen zu m\u00fcssen. Der Prozess gegen ihren Vater ger\u00e4t f\u00fcr Elfriede zur Katastrophe. \u00dcber sie werden mehrere Glaubw\u00fcrdigkeitsgutachten aus fr\u00fcheren Schulen und Heimen angefordert, Kripo, Jugendamt, Berufsschule und Nervenklinik sowie das Jugendgericht berichten \u00fcber sie \u2013 und alle Berichte sind negativ und stellen sie in einem sehr schlechten Licht dar. Sie sei eine \u201ehaltlose, hochgradig unsaubere (\u2026) Psychopathin\u201c, hei\u00dft es. Au\u00dferdem sei sie arbeitsscheu und erziehungsresistent, auf Pr\u00fcgel und Auszanken reagiere sie verstockt oder weine \u201ebeleidigt gro\u00dfe Tr\u00e4nen\u201c. \u201eIm Charakter hat sie etwas unechtes\u201c, schreibt man, sie sei \u201echarakterlich als wenig glaubw\u00fcrdig anzusehen\u201c. Au\u00dferdem neige sie zu Unwahrheiten, und sie habe eine rege Fantasie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber ihren Vater wird kein solches Leumunds- oder F\u00fchrungszeugnis angefordert. Stattdessen wird betont, dass er ein \u201ealter K\u00e4mpfer\u201c ist, ein Parteigenosse und politischer Leiter. Durch seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg erlangt er bei Gericht eine besondere Reputation, auch die Tatsache, dass er kriegsversch\u00fcttet worden war und dass er das Frontk\u00e4mpferehrenkreuz besitzt, hilft ihm hier weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Prozesses will der Vater Elfriede als \u201egeistig minderwertig\u201c klassifizieren lassen. Obwohl auch der Onkel f\u00fcr Elfriede aussagt, glaubt man ihr nicht. Denn sie ist eine bettn\u00e4ssende \u201eHerumtreiberin\u201c, die gegen einen ehrw\u00fcrdigen Parteigenossen aussagt. Au\u00dferdem wird alles getan, um sie als verr\u00fcckt dastehen zu lassen. All ihre Aufenthalte in Nervenkliniken werden ihr vorgehalten, au\u00dferdem ihre Verhaltensauff\u00e4lligkeiten, die sie seit Beginn ihrer Periode (und damit auch seit Beginn des Missbrauchs) zeigt. Au\u00dferdem wird betont, dass sie sich bei ihren Fluchtversuchen mit M\u00e4nnern \u201eherumtreibt\u201c. Es ist die NS-Version dessen, was auch heute noch anzeigenden Opfern von Sexualstraftaten widerf\u00e4hrt: \u201eDie denkt sich das alles nur aus\u201c, \u201edie ist auf irgendeinem Rachefeldzug\u201c, \u201edie ist doch eh verr\u00fcckt\u201c, \u201eich kann mir das bei dem gar nicht vorstellen\u201c und \u201edie hatte bestimmt gerade ihre Tage und dreht deswegen so durch\u201c \u2013 sowie nat\u00fcrlich die komplette Durchleuchtung des sexuellen Vorlebens der Anzeigenden. Elfriede hatte schon mal einen Freund, und mit diesem auch Geschlechtsverkehr gehabt. F\u00fcr das Gericht ein Hinweis auf ihre \u201eVerdorbenheit\u201c und ihre \u201eTriebhaftigkeit\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elfriede sagt vor Gericht aus, dass ihr Vater mehrfach mit ihr den Geschlechtsakt vollzogen habe. Sie berichtet, der Missbrauch habe 1935 begonnen, als ihre Mutter bei einem Frauenschaftsabend gewesen sei. Die Schwere der Handlungsweise habe sie damals nicht erkannt, sie habe geglaubt, dies sei normal, bis sie sp\u00e4ter durch einen Zeitungsartikel dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt worden sei, dass nicht alle V\u00e4ter dies mit ihren Kindern machen. Ihrer Mutter habe sie nichts davon erz\u00e4hlt, da sie sich so gesch\u00e4mt habe. Zweimal die Woche habe der Vater sie derart missbraucht. Sie vermute, dass er dies auch mit ihrer kleinen Schwester Erika tue. Die aber leugnet: Der Vater h\u00e4tte sie nie angefasst, weil sie ganz anders sei als Elfriede. In diesem Nebensatz verr\u00e4t Erika einiges \u00fcber die Stimmung in der Familie: Elfriede ist das schwarze Schaf. Sie hat angezeigt. Und dies wird nicht als Versuch gewertet, ihre Geschwister zu sch\u00fctzen, sondern in der Familie wird die Erz\u00e4hlung von Elfriede als Familienzerst\u00f6rerin etabliert: Elfriede l\u00fcgt. Und wenn sie nicht l\u00fcgt und der Vater sich wirklich an ihr vergriffen hat, dann wird es ihre Schuld sein: sie ist \u201eso eine\u201c, sie \u201etreibt sich rum\u201c, es liegt irgendwie an ihrer Art. Es ist also nie passiert und wenn doch, dann ist es ihre eigene Schuld. Als ich diesen Nebensatz lese \u2013 \u201edenn ich bin ganz anders als Elfriede\u201c \u2013, kann ich mir kaum vorstellen, wie mutig Elfriede gewesen sein muss, ohne ein Zuhause und ohne Unterst\u00fctzung anzuzeigen. Die ganze Familie bis auf den Onkel gegen sich. Niemand glaubt ihr, sie wird besch\u00e4mt und beschuldigt. Und trotzdem ist sie zur Polizei gegangen und hat versucht, mit dieser Anzeige ihre kleine Schwester zu sch\u00fctzen. Aber das Gericht glaubt ihr nicht. Es bezeichnet Elfriede als \u201ein h\u00f6chstem Grad unglaubw\u00fcrdige Person\u201c.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ab M\u00e4rz 1941 wird sie mehrfach von der Polizei bei Razzien in Hotels aufgegriffen, immer in Begleitung \u00e4lterer M\u00e4nner. F\u00fcr die Polizei ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie sich heimlich prostituiert. Und das ist auch realistisch, denn wovon soll sie leben, wenn sie von daheim ausgerissen ist? Und Prostitution ist das, was sie von daheim kennt: der Vater beh\u00e4lt all ihr Geld ein. Sie bekommt nicht mal Schuhe, wenn sie ihm nicht zu Willen ist. Elfriede ist daran gew\u00f6hnt, f\u00fcr Essen, ein Obdach und das Allernotwendigste sexuell zur Verf\u00fcgung zu stehen.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr all das, was der Vater ihr sonst angetan hat, findet das Gericht Erkl\u00e4rungen: Das Fotografieren von Elfriede in nacktem Zustand sei der Beobachtung der Kindesentwicklung geschuldet, und wenn sie immer fortlaufe, sei es doch normal, dass der Vater sie danach nackt auf Ungeziefer und darauf, ob sie Verkehr gehabt habe, untersuche, schlie\u00dflich habe sie dabei sicher \u201egeschlechtliche Ausschweifungen\u201c gehabt. Und dass bei einem Parteigenossen mit sechs Kindern nicht alle Kinder ein eigenes Bett haben, sei auch nicht auff\u00e4llig. Der Verdacht bestehe zwar, dass der Vater sich an ihr vergangen habe, aber mangels Beweisen erfolgt dann doch ein Freispruch. Er muss f\u00fcr Elfriede ein Schlag ins Gesicht gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elfriede wohnt immer noch zu Hause. Ich mag mir nicht vorstellen, wie das f\u00fcr sie gewesen sein muss. Die Mutter ist \u00fcberhaupt nicht mehr da, sie arbeitet seit Kriegsbeginn beim Sanit\u00e4tsdienst, schl\u00e4ft auf der Arbeitsstelle, ist nur alle sechs Tage mal zu Hause. Elfriede soll allein den elterlichen Haushalt f\u00fchren, auf die Geschwister aufpassen, und sie ist den ganzen Tag den \u00dcbergriffen des Vaters ausgesetzt. Das h\u00e4lt sie nicht aus, sie rei\u00dft immer wieder aus. Ab M\u00e4rz 1941 wird sie mehrfach von der Polizei bei Razzien in Hotels aufgegriffen, immer in Begleitung \u00e4lterer M\u00e4nner. F\u00fcr die Polizei ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie sich heimlich prostituiert. Und das ist auch realistisch, denn wovon soll sie leben, wenn sie von daheim ausgerissen ist? Und Prostitution ist das, was sie von daheim kennt: der Vater beh\u00e4lt all ihr Geld ein. Sie bekommt nicht mal Schuhe, wenn sie ihm nicht zu Willen ist. Elfriede ist daran gew\u00f6hnt, f\u00fcr Essen, ein Obdach und das Allernotwendigste sexuell zur Verf\u00fcgung zu stehen. So kennt sie es von zu Hause. Sie wird von der Polizei verwarnt. Bald schmei\u00dft der Vater sie aus der Wohnung, Elfriede wei\u00df nicht, wohin und was tun. Sie prostituiert sich in einem Hotel und wird dort erneut von der Polizei aufgegriffen. Sie wird auf Geschlechtskrankheiten zwangsuntersucht. Sie betont, sie wolle ja normal arbeiten, sie habe mehrfach angeboten, anstelle ihrer Mutter deren Arbeitsstelle zu besetzen, aber dies sei abgelehnt worden. Und dann gibt sie zu, einen Soldaten als Freier gehabt zu haben. Von da an ist Elfriede f\u00fcr die Polizei eine besonders beobachtenswerte Person. Denn die Polizei sieht eine Gef\u00e4hrdung der Wehrmacht durch diese \u201eheruntergekommene\u201c Frau, die noch dazu m\u00f6glicherweise geschlechtskrank ist. Und dann meldet sich auch noch ihr Vater bei der Kripo und behauptet, daheim seien massenweise Briefe von Soldaten angekommen, alle f\u00fcr Elfriede. Die Beh\u00f6rden sind hoch alarmiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber in diesem Sommer 1941 passiert noch etwas anderes: Auch Elfriedes Schwester Erika wird von der Polizei aufgegriffen, weil sie von Zuhause weggelaufen ist, im Freien schl\u00e4ft und sich prostituiert, um zu \u00fcberleben. Bei der Vernehmung sagt Erika ohne Scheu, ihr Vater sei doch selber schuld, wenn sie unsittliche Handlungen begehe, denn er habe ihr diese ja erst beigebracht. Der vernehmende Beamte kann es erst nicht glauben \u2013 nach mehreren Stunden aber ist er \u00fcberzeugt: In dieser Familie stimmt \u00fcberhaupt nichts. Fr\u00fch um halb sechs wird Albert M. in seiner Wohnung festgenommen. Seine Kinder sowie seine Ehefrau werden auf die Wache bestellt. Alle Kinder bis auf das j\u00fcngste sagen aus, \u00fcber Jahre missbraucht worden zu sein \u2013 Erika (18), Lieselotte (17), Albert (19) und Irmgard (16). Nur Elfriede weigert sich, auszusagen. Sie begr\u00fcndet dies damit, dass sie Angst hat, wieder in eine Anstalt zu kommen, so wie beim ersten Prozess. Sie vertraut den Beh\u00f6rden nicht mehr. Die restlichen Geschwister aber berichten auch in den Details \u00fcbereinstimmend von sexuellem Kindesmissbrauch. Sie alle h\u00e4tten lange nicht gewusst, dass dies verboten sei. Ihr Vater h\u00e4tte ihnen gesagt, alle V\u00e4ter w\u00fcrden dies mit ihren Kindern tun, und Kinder h\u00e4tten zu gehorchen; wenn er dies nicht mit ihnen tue, w\u00fcrden sie krank. Da er bei Gericht gearbeitet hatte, waren sie davon ausgegangen, er wisse, wie weit er gehen k\u00f6nne. Der Vater leugnet alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zwischenzeit wird Elfriede immer wieder als heimliche Prostituierte aufgegriffen. Mehrfach wird sie der \u201eFrauenhilfsstelle\u201c zugef\u00fchrt, immer wieder muss sie sich zwangsuntersuchen lassen. Sie ist traumatisiert, der Vater ist im Polizeigef\u00e4ngnis, und sie muss daheim auf f\u00fcnf ebenso traumatisierte Geschwister aufpassen und den Haushalt f\u00fchren und zudem Vollzeit arbeiten \u2013 sie verschl\u00e4ft, bis ihr gek\u00fcndigt wird. Es ist alles zu viel f\u00fcr sie. Als ihr nachgewiesen wird, dass sie einen Sch\u00fctzen der Wehrmacht mit Tripper angesteckt hat, kommt sie f\u00fcr einen Monat ins Gef\u00e4ngnis \u2013 wegen \u201everbotenen Beischlafs in Folge einer mit Ansteckungsgefahr verbundenen Geschlechtskrankheit\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elfriede wird nie wieder freikommen. Denn noch w\u00e4hrend sie im Gef\u00e4ngnis ist, wird im Januar 1942 dar\u00fcber beraten, was weiter mit ihr zu tun sei. Polizeiliche Vorbeugehaft wegen \u201easozialen Verhaltens\u201c wird vorgeschlagen. Im Hintergrund werden Gutachten \u00fcber sie erstellt \u2013 und ein \u201eKrimineller Lebenslauf \u00fcber die Hausangestellte und Asoziale Elfriede M.\u201c. In diesen Dokumenten wird alles, was Elfriede jemals erlebt, getan oder gesagt hat, gegen sie verwendet. Sogar, dass ihr Vater wegen \u201eBlutschande\u201c in Untersuchungshaft sitzt, wird ihr angelastet: Sie entstamme also einer \u201easozialen\u201c Familie, in der der Vater die Kinder missbrauche, sei demzufolge erblich belastet, hei\u00dft es. Sie sei eine Bettn\u00e4sserin, eine Herumtreiberin, absolut erziehungsunf\u00e4hig, liederlich, verwahrlost, verschlagen und renitent. Sie sei \u201earbeitsscheu\u201c und habe eine \u201estarke verbrecherische Neigung\u201c. Durch ihre sexuelle Hemmungslosigkeit und Triebhaftigkeit stelle sie eine Ansteckungsgefahr f\u00fcr M\u00e4nner im Allgemeinen und die Wehrmacht im Besonderen dar. Und man kommt zu dem Schluss: \u201eElfriede M. verdient nunmehr keine R\u00fccksichtnahme mehr. Sie hat gen\u00fcgend bewiesen, dass sie \u00fcberhaupt nicht den Willen hat, ein geordnetes Leben zu f\u00fchren und zu arbeiten. Sie bedeutet infolge ihrer Arbeitsscheu, ihrer Trieb- und Hemmungslosigkeit eine Gefahr f\u00fcr die Allgemeinheit. Es erscheinen strengste Ma\u00dfnahmen als erforderlich, um E.M. wieder an Arbeit und Ordnung zu gew\u00f6hnen.\u201c Und \u201estrengste Ma\u00dfnahmen\u201c, das bedeutet: KZ. Am 23. Januar 1942 wird Elfriede ins KZ Ravensbr\u00fcck eingeliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Zwischenzeit l\u00e4uft noch immer der Prozess, den ihre Geschwister gegen den sie missbrauchenden Vater angestrengt haben. Auch diesmal versucht er, seine Kinder als \u201egeh\u00e4ssig\u201c darzustellen und die Anzeige als einen \u201eRacheakt\u201c vor allem von Erika, die sich mit M\u00e4nnern \u201eherumtreibe\u201c, was er ihr verboten habe. Er schreibt Briefe an die Polizei und an Beh\u00f6rden, in denen er sie \u00fcber seine \u201el\u00fcgende Tochter\u201c Erika \u201eaufkl\u00e4rt\u201c, aber diesmal funktioniert diese Taktik nicht. Es sind zu viele Kinder gleichzeitig, die gegen ihn aussagen. Auch die Glaubw\u00fcrdigkeitsgutachten der Kinder kommen zu dem Schluss, es sei kein Grund festzustellen, weswegen die Kinder dem Vater ohne Not so etwas Schwerwiegendes anlasten wollten. Im Gegenteil sei auff\u00e4llig, dass sie nur widerwillig aussagten, und bem\u00fcht seien, ihn nicht unn\u00f6tig zu belasten. Vor Gericht verweigern alle Kinder sowie die Ehefrau dann die Aussage. Albert M. wird dennoch verurteilt: am 10. April 1942 wird ihm wegen Sittlichkeitsverbrechens an seinen eigenen Kindern die Strafe von 5 Jahren und 6 Monaten Gef\u00e4ngnis verk\u00fcndet. Au\u00dferdem wird ein Parteigerichtsverfahren gegen ihn angestrengt, er wird aus der Partei ausgeschlossen. Das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter bekommt seine Frau nicht mehr. Albert M. rebelliert dagegen, will in Berufung gehen, schreibt wieder Briefe. Er dr\u00e4ngt darauf, psychiatrisch untersucht zu werden, um zu beweisen, dass er all dies gar nicht getan haben k\u00f6nne. Seine Kinder seien erblich belastet und unglaubw\u00fcrdig, schreibt er, Erika treibe sich mit M\u00e4nnern herum. Es nutzt ihm nichts mehr.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Im Hintergrund werden Gutachten \u00fcber sie erstellt \u2013 und ein \u201eKrimineller Lebenslauf \u00fcber die Hausangestellte und Asoziale Elfriede M.\u201c. In diesen Dokumenten wird alles, was Elfriede jemals erlebt, getan oder gesagt hat, gegen sie verwendet. Sogar, dass ihr Vater wegen \u201eBlutschande\u201c in Untersuchungshaft sitzt, wird ihr angelastet: Sie entstamme also einer \u201easozialen\u201c Familie, in der der Vater die Kinder missbrauche, sei demzufolge erblich belastet, hei\u00dft es.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Urteil gegen Albert M. und seine bewiesene Schuld f\u00fchren nicht dazu, dass Elfriede aus Ravensbr\u00fcck wieder freikommt. Im Gegenteil scheint die Tatsache, dass sie einer Familie entstammt, in der der Vater derartige sexuelle \u00dcbergriffe auf seine eigenen Kinder get\u00e4tigt hat, ihr eher zum Nachteil zu gereichen. Was ihre Entwicklung, auch ihre \u201eFehltritte\u201c erkl\u00e4ren und entschuldigen k\u00f6nnte, wird zu etwas, das gegen Elfriede verwendet wird: als Beweis daf\u00fcr, dass sie von einem Vater abstammt, der \u201easozial\u201c ist. Und somit muss auch sie \u201easozial\u201c sein \u2013 denn dies wird laut nationalsozialistischer Forschung vererbt. Und weist nicht all ihr Verhalten darauf hin, dass sie diesem erbbiologisch festgelegten Schicksal nicht entkommen kann? Die Verdorbenheit wird allein ihr zugeschrieben, sie gilt als hoffnungsloser Fall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 8. Juli 1942, gerade mal einige Monate nach dem Urteil gegen ihren Vater, wird Elfriede, die mittlerweile von Ravensbr\u00fcck nach Auschwitz verschafft worden ist, von den Nationalsozialisten ermordet. Zu diesem Zeitpunkt ist sie 21 Jahre alt. Die Beh\u00f6rden heben ihre Akte auf: f\u00fcr \u201ekriminalbiologische Forschungszwecke\u201c \u00fcber \u201easoziale Sippen\u201c. Als w\u00e4re das, was Elfriede angetan worden ist, Ausdruck ihrer eigenen Verkommenheit und nicht der ihres Vaters. Und als w\u00e4re es vererbbar. Ihr Vater bleibt nicht lange im Gef\u00e4ngnis. Er stellt mehrere Antr\u00e4ge auf Haftunf\u00e4higkeit wegen Krankheit, schreibt den Gauleiter an und den F\u00fchrer: sein Sohn habe 1942 in Russland einen Kopfschuss erlitten, seine Tochter Elfriede sei in einem \u201eoberschlesischen Arbeitsdienstlager\u201c an \u201eHitzschlag\u201c gestorben. Zwei Kinder habe er also, wie er es nennt, \u201edem Vaterland geopfert\u201c \u2013 ob er nicht wieder freikommen k\u00f6nne? Und tats\u00e4chlich kommt er 1944 frei. Die restliche Haftstrafe wird zur Bew\u00e4hrung ausgesetzt und 1945 ganz erlassen. Er verstirbt 1948. Das letzte, was ich von Elfriedes Familie lese, ist ein Antrag darauf, dass Elfriedes Mutter doch bitte als Hinterbliebene einer \u201eVDN\u201c, einer Verfolgten des Naziregimes, anerkannt werden m\u00f6ge. Als die Familie aufgefordert wird, darzulegen, warum Elfriede nach Auschwitz gekommen ist, herrscht Schweigen. Und dann: nichts mehr, nie wieder. Ewige Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die letzte Akte beiseitelege, ist mir ganz schwindelig. Drei Tage habe ich insgesamt mit Elfriede verbracht. Drei Tage, in denen ich mich in ihre Geschichte wie in einen Sog hereingezogen f\u00fchlte. In denen ich entsetzt und erschrocken war \u00fcber das Furchtbare, was ihr angetan worden ist, und fassungslos \u00fcber den Mut von Elfriede und ihren Geschwistern. Drei Tage, in denen ich des \u00d6fteren heimlich auf dem Archivklo geweint habe. Drei Tage, in denen ich immer gehofft habe, es w\u00fcrde eine Kehrtwende in dieser Geschichte eintreten. Aber nichts wurde besser, im Gegenteil. Ein Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs ist in Auschwitz ermordet worden. Mir ist klar, dass sie damit nicht die einzige ist. Aber f\u00fcr mich hat sie jetzt ein Gesicht, und sie hat einen Namen. Elfriede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und als ich an diesem dritten und letzten Tag das Archiv verlasse, f\u00fchle ich mich innerlich wie bet\u00e4ubt. Und ich habe das Gef\u00fchl, dass es knirscht unter meinen Schritten. Als w\u00fcrde ich \u00fcber etwas Zersplittertes, Zerbrochenes laufen. Glasscherben. Oder Eissplitter. Oder mein Herz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Historikerin. Mein Forschungsschwerpunkt ist sexuelle Gewalt gegen Frauen in Kriegssituationen. Konkret forsche ich zum Thema der Bordelle f\u00fcr Wehrmacht und SS. Das bedeutet h\u00e4ufig, emotional belastendes Quellenmaterial zu sichten. 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