{"id":24677,"date":"2021-03-29T10:30:02","date_gmt":"2021-03-29T08:30:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/sechzehn-personen-aus-neun-haushalten\/"},"modified":"2021-05-06T16:45:41","modified_gmt":"2021-05-06T14:45:41","slug":"sechzehn-personen-aus-neun-haushalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/sechzehn-personen-aus-neun-haushalten\/","title":{"rendered":"Sechzehn Personen aus neun Haushalten"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Unser Zuhause &#8211; Lebensqualit\u00e4t oder Spekulationsobjekt?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eZu Hause bleiben!\u201c lautet der Appell der Stunde in der aktuellen Situation der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/femizide-und-haeusliche-gewalt-in-zeiten-von-corona\/\">Corona-Pandemie<\/a>. Selten haben wir so viel Zeit in den eigenen vier W\u00e4nden verbracht wie in den letzten Monaten. Durch diesen Umstand treten die raumplanerischen Fehlentwicklungen und andere Missst\u00e4nde, die die immer krassere Profitorientierung des Wohnungsmarktes mit sich bringt, heftig zutage. Die mehrk\u00f6pfige Familie, die auf begrenztem Raum Hausaufgabenbetreuung, Kleinkindbespa\u00dfung und die Diskussion mit der Chefin vereinbaren muss, wird sich ebenso andere Wohnumst\u00e4nde w\u00fcnschen wie der alleinstehende Senior, dem es an sozialen Kontakten fehlt und den die Instandhaltung seiner gro\u00dfen Wohnung \u00fcberfordert. Die Pandemie hat vielen Menschen vor Augen gef\u00fchrt, dass die Priorisierung des Individuums und damit der R\u00fcckzug aus der Gemeinschaft in Isolation resultieren kann. Dazu kommt, dass sich finanzielle Notlagen in der Corona Pandemie h\u00e4ufen und unmittelbar zu einer noch <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/gefangen-in-den-eigenen-vier-waenden\/\">prek\u00e4reren Wohnsituation<\/a> f\u00fcr viele Menschen gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch welche realistische L\u00f6sung gibt es? K\u00f6nnen wir einen Wohntraum tr\u00e4umen, der all unseren Anspr\u00fcchen gerecht wird, unabh\u00e4ngig von finanziellen Mitteln? Wie k\u00f6nnen wir in unserem Wohnumfeld mehr Solidarit\u00e4t leben? Umgetrieben von diesen Fragen haben wir uns einige Zeit vor Beginn der Pandemie als buntgemischte Gruppe in Mannheim formiert und unter dem Namen Esperanza eine gemeinsame Antwort gefunden: Wir bauen ein Haus! Und wichtig dabei: wir wollen ein solidarisches, hierarchiefreies Miteinander und selbstbestimmtes Wohnen bei sozialvertr\u00e4glichen Mietpreisen anstelle von Profit!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-24818\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2-1024x761.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2-1024x761.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2-300x223.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2-600x446.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2-768x571.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2-150x112.jpg 150w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza2.jpg 1377w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Vor Corona: Plenum der Projektgruppe &#8222;13haFreiheit&#8220; in Mannheim &#8211; Foto: Esperanza<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Objektiv betrachtet, bieten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/seid-im-mai-dabei\/\">gemeinschaftliche Wohnprojekte<\/a> eine Reihe von Vorteilen: Wo Menschen mit unterschiedlichen F\u00e4higkeiten zusammenkommen, entsteht ein B\u00fcndel von Ressourcen, das allen zugutekommt. Wo vielf\u00e4ltige Lebensentw\u00fcrfe auf einem Raum gelebt werden, findet eine Durchmischung der Gesellschaft statt, die f\u00fcr alle bereichernd ist. Wo das Wohnen nicht der Profit- und Eigentumslogik unterworfen ist, entsteht Raum f\u00fcr vielf\u00e4ltige Kreativit\u00e4t im gemeinsamen K\u00fcmmern um \u201cHaus und Hof\u201d und somit eine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr andere Formen des Zusammenlebens zus\u00e4tzlich zur traditionellen Kleinfamilie. Dazu kommt der \u00f6kologische Aspekt: mit der Reduktion des individuellen Wohnraums zugunsten von gemeinschaftlich genutzten Fl\u00e4chen, Sharing-Konzepten und einer \u00f6kologischen Bauweise mit eigener Energieerzeugung anstelle von Luxus, entscheidet sich die Gruppe daf\u00fcr, m\u00f6glichst nachhaltig zu wohnen. Daneben sind es aber auch ganz individuelle Gr\u00fcnde, die jede*n von uns motivieren. Evelyn beschreibt es so: \u201cIch wohne ja schon in einem Wohnprojekt und wei\u00df, es bringt ein sehr substanzielles Gef\u00fchl von Eigenerm\u00e4chtigung, von Selbstwirksamkeit, wenn ich in meinem Wohnumfeld an allem mitwirken kann, von der Flurgestaltung bis zur Wahl der Mitbewohner*innen. Und es verschafft mir ein besonderes Zuhause-Gef\u00fchl.\u201d Amir sieht in gemeinschaftlichen Wohnprojekten die Chance, Vorurteile abzubauen und Toleranzen aufzubauen: \u201cIch bin fest davon \u00fcberzeugt, dass ein gemeinschaftliches Miteinander den gesellschaftlichen Zusammenhalt st\u00e4rkt und den Blick f\u00fcr \u201edas Andere\u201c sch\u00e4rft. Dies ist etwas, was meiner Beobachtung nach in den letzten Jahren verloren gegangen ist und besonders in Krisensituationen ein elementarer Baustein f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft ist.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wohntr\u00e4ume: Das Mietsh\u00e4user Syndikat und seine Projekte im Rhein-Neckar-Delta<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit unserem Wohntraum sind wir nicht allein. Als Mitglied des <a href=\"http:\/\/www.syndikat.org\">Mietsh\u00e4user Syndikats<\/a> geh\u00f6ren wir einem Verbund von mittlerweile \u00fcber 160 autonomen Hausprojekten an, deren Bewohner*innen sich gegenseitig mit ihrem Wissen und mittels eines Solidarit\u00e4tsfonds unterst\u00fctzen (siehe Infobox). Aufgrund eines besonderen Rechtskonstrukts sind die H\u00e4user des Verbunds unverk\u00e4uflich und daher f\u00fcr immer der Profitlogik entzogen. Jedes Projekt tr\u00e4gt also dazu bei, dass der Wohnungsmarkt langfristig ein klein bisschen gerechter wird. Damit die Projektinitiativen nicht am mangelnden Eigenkapital ihrer Gr\u00fcndungsmitglieder scheitern, werden zus\u00e4tzlich zu Bankkrediten auch sogenannte Direktkredite von Privatpersonen eingeworben, die sich somit als Investor*innen beteiligen k\u00f6nnen. So werden dem Immobilienmarkt Spekulationsobjekte entzogen und unterschiedlichste Wohn- und Lebensr\u00e4ume ganz nach den Vorstellungen der Gruppe realisiert. Dabei gleicht kein Projekt dem anderen. Vom alten Bauernhof mit Bauwagen-Stellplatz \u00fcber das <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/ein-wunder-in-der-berliner-innenstadt\/\">ehemals besetzte Haus in Berlin<\/a> bis zum technisch ausgefeilten \u00d6ko-Holzneubau ist alles dabei. Es gibt punkig gepr\u00e4gte Gemeinschaft und relativ b\u00fcrgerlich anmutende.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Um den Entscheidungsprozess transparent zu gestalten, muss sich die Gruppe vorab \u00fcberlegen, welchen Anspruch die Antworten erf\u00fcllen sollen. Sind wir mit einer Entscheidung zufrieden, sobald niemand laut \u201eBuh!\u201c ruft oder wollen wir, dass alle enthusiastisch applaudieren? Was nach Haarspalterei klingt, kann f\u00fcr das Gelingen eines Hausprojektes entscheidend sein.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vielfalt spiegelt sich auch im Rhein-Neckar-Delta wider: In einer wilhelmischen Kaserne in Mannheim befinden sich die 29 Wohnungen der Gruppe <em>13haFreiheit<\/em>, die auch Menschen mit Einschr\u00e4nkungen einschlie\u00dft und hohen Wert auf Diversit\u00e4t legt. Im Neubau nebenan, <em>SWK<\/em>, leben 25 Menschen in einer Gro\u00df-WG, die \u00fcber politische Zusammenh\u00e4nge entstand. Noch ein Haus weiter wurde unter dem Projektnamen<em> umBAU\u00b2Turley<\/em> ein Plusenergiehaus mit \u00f6kologischem Schwerpunkt errichtet. Die Gruppe bietet auch zwei Fl\u00fcchtlingsfamilien ein Zuhause. Als viertes Projekt erwarb <em>Viertel8<\/em> in einer Blitzaktion mithilfe einer Stiftung das Haus, in dem sie bereits wohnten, und verhinderten so, dass ein Immobilienverwalter zuschlagen konnte. Unsere Gruppe <em>Esperanza<\/em> ist das Projekt-K\u00fcken in der Mannheimer Runde \u2013 wir planen auf der Konversionsfl\u00e4che Franklin zwei miteinander verbundene Wohnh\u00e4user. Schon seit 15 Jahren residiert hingegen das <em>Templerhaus<\/em> im Herzen der Altstadt von Weinheim in einem historischen Baukomplex. In Heidelberg hat das <em>OBG<\/em> mitten in der Altstadt g\u00fcnstigen Wohnraum verwirklicht, w\u00e4hrend die Projektgruppen <em>Hagebutze<\/em> und <em>Raumkante<\/em> einen Teil des ehemaligen Milit\u00e4rgel\u00e4ndes in gemeinschaftlichen Wohnraum und ein kulturelles Zentrum verwandelten. Eine Besonderheit ist das k\u00fcrzlich er\u00f6ffnete <em>Collegium Academicum<\/em>: ein selbstverwaltetes Wohnheim, das 250 Studierenden, Auszubildenden und Promovierenden ein g\u00fcnstiges Leben sowie kreativen Austausch erm\u00f6glichen soll.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Alltag in Wohnprojekten: alles normal in Corona-Zeiten?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Realit\u00e4tscheck: Wie funktioniert der Wohntraum, insbesondere w\u00e4hrend der Corona-Pandemie? K\u00f6nnen Menschen in gemeinschaftlichen Wohnprojekten besser mit der Situation umgehen? Wie wirken sich die Corona-bedingten Einschr\u00e4nkungen auf das Zusammenleben aus? Teilt man munter Spieleabende und Toilettenpapier oder verwandeln sich die gesch\u00e4tzten Nachbar*innen in dauern\u00f6lende Stressfaktoren? Wir haben uns bei befreundeten Gruppen im Rhein-Neckar-Delta umgeh\u00f6rt. Malte aus dem <em>Templerhaus<\/em>, Stephie von <em>13haFreiheit<\/em>, Verena von <em>SWK<\/em> und Conny von <em>umBAU\u00b2Turley<\/em> betonen den Wert des gemeinschaftlichen Wohnens, berichten aber auch von ihren Herausforderungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201cAm Anfang der Krise entwickelten viele von uns einen gro\u00dfen Tatendrang. Die Baum\u00e4rkte hatten ja anfangs ge\u00f6ffnet und so konnten wir Material f\u00fcr die vielen kleinen neuen Baustellen, Projekte und Renovierungen beschaffen. Angefangen von der neuen WG-K\u00fcche bis zum katzensicheren Vogelh\u00e4uschen war viel dabei. Auch ein weiteres Bienenvolk zog auf ein Vordach. Durch die entfaltete Umtriebigkeit, konnten wir unsere gro\u00dfe Unsicherheit besser bew\u00e4ltigen\u201d, l\u00e4sst Malte den Beginn der Pandemie Revue passieren. Auch in den Folgemonaten wusste man im Templerhaus die Wohnumst\u00e4nde zu sch\u00e4tzen: \u201cInsgesamt mussten wir nicht sehr unter sozialer Einsamkeit leiden, denn wir hatten uns. In der gro\u00dfen WG begegnen wir zehn Bewohner*innen uns dauernd. So viele Gesellschaftsspiele wie in den letzten 12 Monaten, hat wohl keine*r von uns in den Jahren zuvor gespielt. Gl\u00fccklicherweise haben wir auch einen sch\u00f6nen Innenhof, wo die Kinder sich zusammen austoben k\u00f6nnen.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Stephie von 13haFreiheit betont den Halt und die Unterst\u00fctzung, die die Gemeinschaft bietet: \u201cWir haben sehr schnell \u2018Corona-Familien\u2019 gebildet, die sich im Alltag mit Kochen, Einkaufen, Betreuung und so weiter gegenseitig geholfen haben. Auch bei (Arbeits-)Quarant\u00e4ne haben wir uns im Projekt gegenseitig unterst\u00fctzt. Unsere Wohnform in einer Familien-WG hat die Last auf mehrere Schultern verteilt und dadurch verringert.\u201d Ganz \u00e4hnlich griffen sich auch die Bewohner*innen von <em>umBAU\u00b2Turley<\/em> unter die Arme: \u201cWir halten zusammen, es werden bei Bedarf Eink\u00e4ufe koordiniert und die Gemeinschaftsr\u00e4ume k\u00f6nnen f\u00fcr Home Office genutzt werden, w\u00e4hrend in den individuellen Wohnungen Home Schooling stattfindet\u201d, berichtet Conny.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gefragt, ob gemeinschaftliches Wohnen durch die Pandemie popul\u00e4rer wird, antwortet Stephie: \u201cWir glauben, die Vorteile des gemeinschaftlichen Wohnens und Lebens werden in einer Pandemie deutlicher. Viele Menschen, die wir kennen, leiden unter der staatlich verordneten Einsamkeit. In einem Wohnprojekt bist du im schlimmsten Fall nur so einsam, wie du es selbst willst.\u201d Malte sieht ein verst\u00e4rktes Bewusstsein f\u00fcr den Wert von Gemeinschaftlichkeit auch in anderen Bereichen: \u201cDie <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/\">Solawi<\/a> prosperiert. Befreundete Hacker gr\u00fcndeten eine Genossenschaft. Kommunen erweitern ihre F\u00f6rderung f\u00fcr gemeinschaftliches Wohnen oder denken zumindest dar\u00fcber nach.\u201d Hier zeichnet sich vielleicht wirklich ein Trend ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine gro\u00dfe Herausforderung in Zeiten der Pandemie, da sind sich alle einig, ist die Kommunikation, insbesondere in gro\u00dfen Gruppen mit individuellen Wohneinheiten, die ihre Plenen auf Video-Konferenzen verlagert haben. Stephie berichtet: \u201cDas Besprechen und Diskutieren von Problemen und Konflikten erfordert sehr viel Disziplin, wenn man sich dabei nicht pers\u00f6nlich gegen\u00fcber sitzt. Durch die Umstellung auf ein sehr IT-lastiges Miteinander werden technisch wenig versierte Menschen, leider oft die \u00c4lteren, von der Gruppe abgeh\u00e4ngt. Schriftliche Kommunikation l\u00e4sst Spielraum f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse. Gemeinschaftsbildende Treffen wie Picknick, Grillen, Filmabende, gemeinsames Kochen und damit der pers\u00f6nliche Austausch fallen weg, man entfremdet sich zunehmend. Trotzdem muss die Gruppe handlungsf\u00e4hig bleiben und es m\u00fcssen weiterhin Entscheidungen getroffen werden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu kommt die Notwendigkeit neuer Regelungen f\u00fcr die Gemeinschaft. \u201cWir mussten immer wieder aushandeln, wie wir mit den Kontaktbeschr\u00e4nkungen umgehen, welche anderen Kinder zum Spielen kommen d\u00fcrfen und wieviel Klopapier wir wirklich im Lager brauchen\u201d, erz\u00e4hlt Malte. Da das Nervenkost\u00fcm bei fast jedem mittlerweile d\u00fcnner ist, wundert es nicht, dass Konflikte schneller hochkochen k\u00f6nnen. \u201cWenn jede*r mit pers\u00f6nlichen Frustrationen zu k\u00e4mpfen hat, ist vielleicht auch die Frustrationstoleranz im Zusammenleben nicht so hoch. St\u00e4ndiges Zusammensein, weniger Kontakte nach Au\u00dfen und die Anwesenheit der meisten Mitbewohner*innen \u00fcber lange Zeit (Home-Office) machen das Zusammenleben schon enger und auch anf\u00e4lliger f\u00fcr Stress. Man muss eventuell auch Beziehungen innerhalb der Gruppe st\u00e4rken\u201d, meint Verena zum Thema Konfliktmanagement. Wie wichtig eine gute Kommunikationskultur gerade w\u00e4hrend der Pandemie ist, haben auch die Bewohner*innen des <em>Templerhauses<\/em> erkannt: \u201cW\u00e4hrend der Pandemie fingen wir an, uns mehr unseren gegenseitigen Befindlichkeiten zuzuwenden und haben eine Tradition von Befindlichkeitsrunden begr\u00fcndet, um etwas dar\u00fcber zu erfahren, wie es uns gegenseitig geht und was jede*n von uns besch\u00e4ftigt.\u201d<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Neu am Start: Projektrealisierung w\u00e4hrend Corona?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus diesen Berichten wird klar, dass die mit der Pandemie einhergehenden Kontaktbeschr\u00e4nkungen das wichtigste Fundament gemeinschaftlicher Projekte angreifen: Kommunikation. Das hat insbesondere Auswirkungen auf Projekte, die sich wie das unsrige in der Entstehungsphase befinden.\u00a0 Zum aktuellen Zeitpunkt ist bei <em>Esperanza<\/em> noch viel in Bewegung und das Schaffen einer guten Kommunikationskultur und Vertrauensbasis ist enorm wichtig f\u00fcr die Zusammenarbeit. Neue, potenzielle Mitstreiter*innen sind oftmals schwieriger zu erreichen. Zu entscheiden, ob die Chemie stimmt und man zusammenarbeiten m\u00f6chte, ist eine noch gr\u00f6\u00dfere Herausforderung. Menschen, die voneinander teilweise kaum mehr als einen verpixelten Webcam-Ausschnitt kennen, m\u00fcssen sich gemeinsam zu Fragen wie \u201cf\u00fcr wie viele Menschen und welche Veranstaltungen sollen wir den Gemeinschaftsraum planen?\u201c bis zu \u201esollen wir jetzt eine f\u00fcnfstellige Summe f\u00fcr die n\u00e4chste Leistungsphase des Architekturb\u00fcros ausgeben?\u201c einigen. Um den Entscheidungsprozess transparent zu gestalten, muss sich die Gruppe vorab \u00fcberlegen, welchen Anspruch die Antworten erf\u00fcllen sollen. Sind wir mit einer Entscheidung zufrieden, sobald niemand laut \u201eBuh!\u201c ruft oder wollen wir, dass alle enthusiastisch applaudieren? Was nach Haarspalterei klingt, kann f\u00fcr das Gelingen eines Hausprojektes entscheidend sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-24819\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza3.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza3.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza3-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza3-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza3-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Esperanza3-150x113.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Mitstreiter*innen gesucht: Infoveranstaltung &#8222;Babbeln am Bauzaun&#8220; von Esperanza live vor Corona vs. virtuell w\u00e4hrend Corona &#8211; Foto: Esperanza<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bei <em>Esperanza<\/em> haben mit basisdemokratischen Prinzipien begonnen, greifen aber zunehmend auch auf Organisationsprinzipien der Soziokratie zur\u00fcck, gem\u00e4\u00df derer mittels Kreisgespr\u00e4chen Entscheidungen im Konsent getroffen werden. Das hei\u00dft, wir suchen den Weg mit dem geringsten Widerstand, anstatt den hohen Anspruch einer perfekten L\u00f6sung f\u00fcr alle zu verfolgen. Diese Festlegung auf soziokratische Prinzipien schafft Transparenz, Gleichwertigkeit in der Mitsprache und dadurch Vertrauen in der Gruppe. Und sie hilft, das ein oder andere Video-Meeting deutlich effektiver zu gestalten. Um die Kommunikation und den pers\u00f6nlichen Austausch zu st\u00e4rken initiiert unsere AG Gemeinschaft auch Teambuilding-Aktivit\u00e4ten wie ein Gruppenwochenende mit Online-Spielen, Plaudern am virtuellen Kamin und gemeinsamem Yoga.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Grundlage f\u00fcr das Gelingen unseres Projekts ist das Einsammeln von Direktkrediten als alternative, nachhaltige und nebenbei bemerkt auch verzinste Geldanlage, eine Art Schwarm-Finanzierung. Auch hier sind transparente Kommunikation und Vertrauen die Basis daf\u00fcr, dass private Investor*innen gewonnen werden k\u00f6nnen. Viele Wohngruppen berichten, dass es in Zeiten mit Kontaktbeschr\u00e4nkungen zunehmend schwierig ist, Direktkredite einzuwerben. Was bleibt, ist die Verst\u00e4rkung der Pr\u00e4senz in sozialen Medien, Printmedien und Rundfunk \u2013 Autodidaktik im Bereich PR und kreative L\u00f6sungen sind gefragt! Und so mag sich manch ein*e Nachbar*in unseres k\u00fcnftigen Baugrundst\u00fccks gewundert haben, als eines Samstags im Januar zwei verkabelte Menschen mit Kamera und Mikrofon einen Livestream des unbelebten Gel\u00e4ndes aufsetzen. \u201eBabbeln (zu Deutsch: Plaudern) am Bauzaun\u201c, unsere Infoveranstaltung f\u00fcr Interessierte, kann nat\u00fcrlich auch nur virtuell stattfinden. Mit den richtigen Tools ist hier viel m\u00f6glich, und die meisten Teilnehmer*innen gehen begeistert nach Hause.Auch wenn die Corona-Pandemie Projekten in der Entstehungsphase also einige Steine in den Weg legt, gibt uns die gemeinsame Arbeit viel zur\u00fcck: Beim gemeinsamen Pl\u00e4ne Schmieden richtet sich der Blick auf die Zukunft, in der wir bei pers\u00f6nlichen Treffen hoffentlich keine Haushalte mehr abz\u00e4hlen m\u00fcssen. Die Projektgemeinschaft, aber auch das Delta-Netzwerk auf regionaler Ebene und der Verbund des Mietsh\u00e4user Syndikats auf nationaler Ebene st\u00e4rken uns den R\u00fccken. Wer bereit ist, sich konstruktiv mit Konflikten auseinanderzusetzen und offen, an einer gemeinsamen Kommunikationskultur zu arbeiten, f\u00fcr den sind gemeinschaftliche Wohnprojekte \u00fcberaus bereichernd. Wir sind jedenfalls gespannt auf die Zukunft dieser Wohnform.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<style> #Kasten {color: #ffffff; background-color: #007F4E; border-radius: .5em;}<\/style>\n<div id=\"Kasten\">\n<p style=\"text-align: center; font-size: x-large; font-weight: bold;\">Das Mietsh\u00e4user Syndikat<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; margin: .1em 1.5em 1.5em 1.5em;\">Die Idee, einen Solidarverbund der autonomen Hausprojekte zu gr\u00fcnden, wurde erstmals 1989 beim Freiburger Grether Projekt formuliert. Ziel war zum einen, das in den Projekten erworbene Wissen neuen Gruppen zu Verf\u00fcgung zu stellen, zum anderen auch, einen finanziellen Transfer von Altprojekten zu neuen Gr\u00fcndungen zu erm\u00f6glichen.<br \/>\nJedes der Wohnprojekte wird Mitglied im Verein Mietsh\u00e4user Syndikat und hat bei den basisdemokratischen Mitgliederversammlungen eine Stimme. Bei neuen Gr\u00fcndungen wird das Mietsh\u00e4user Syndikat formell Minderheiten-Gesellschafter bei der Haus-GmbH, die das Haus kauft oder baut und verwaltet. Dem Dachverband wird im GmbH-Vertrag ein Vetorecht gegen Verkauf, Schenkung oder jede andere Form der Privatisierung des Hauses einger\u00e4umt, was den Erhalt als Mietshaus auch nach Generationen sicherstellt.<br \/>\nEin intensiver Beratungsaustausch, mittlerweile auch nach Regionen organisiert, hilft neuen Projekten in der ersten schwierigen Phase entscheidend. Der zentrale Verbund erm\u00f6glicht auch, Einfluss zu nehmen wie zum Beispiel beim Kleinanlegerschutz-Gesetz, er verfolgt rechtliche Ver\u00e4nderungen und mobilisiert Unterst\u00fctzung, wenn ein Projekt ins Schlingern ger\u00e4t. Oberstes Prinzip aber ist: Jedes Projekt ist autonom.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unser Zuhause &#8211; Lebensqualit\u00e4t oder Spekulationsobjekt? \u201eZu Hause bleiben!\u201c lautet der Appell der Stunde in der aktuellen Situation der Corona-Pandemie. Selten haben wir so viel Zeit in den eigenen vier W\u00e4nden verbracht wie in den letzten Monaten. 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