{"id":2476,"date":"1999-02-01T00:00:15","date_gmt":"1999-01-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2476"},"modified":"2022-07-26T13:56:59","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:59","slug":"uberleben-als-besatzungskind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/02\/uberleben-als-besatzungskind\/","title":{"rendered":"\u00dcberleben als &#8222;Besatzungskind&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Buchtitel &#8222;Daheim Unterwegs. Ein deutsches Leben&#8220; k\u00f6nnte geradezu der Deutscht\u00fcmelei verd\u00e4chtigt werden, bez\u00f6ge er sich nicht auf die Autobiographie einer schwarzen deutschen Frau: Ika H\u00fcgel-Marshall. Der Widerspruch, in Deutschland daheim und doch aufgrund ihrer Hautfarbe ausgegrenzt zu sein, durchzieht ihr Leben. Ika H\u00fcgel-Marshall schreibt ihre Geschichte n\u00fcchtern, doch die Grausamkeit kindlichen Leidens geht dem\/der LeserIn durch Mark und Bein.<\/p>\n<p>1947 wird Erika H\u00fcgel in einer bayerischen Kleinstadt als Kind einer wei\u00dfen deutschen Frau und eines schwarzen US-amerikanischen Soldaten geboren &#8211; als sogenanntes &#8222;Besatzungskind&#8220;. Sie kennt ihren Vater nicht. Als kleines M\u00e4dchen ahnt sie nicht, da\u00df eine rassistische Bewertung ihrer Hautfarbe sie nach offizieller Meinung der 50er Jahre zum &#8222;Negermischling&#8220; und zu einem &#8222;menschlichen und rassischen Problem&#8220; (S.18) stempeln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&#8222;Noch teilte ich die Welt nicht ein in Schwarz und Wei\u00df, eher vielleicht in Gut und B\u00f6se, in Freundlich und Unfreundlich. F\u00fcr mich gab es \u00fcberhaupt keinen Grund, daran zu zweifeln, mit meiner wei\u00dfen Mutter in meiner wei\u00dfen Familie in meiner wei\u00dfen Heimat gl\u00fccklich zu sein und erwachsen zu werden.&#8220; (S.17)<\/p>\n<p>Sie h\u00e4tte sich nicht tr\u00e4umen lassen, da\u00df sie selbst aus ihrer Familie auf amtlichen Druck hin ausgesto\u00dfen werden k\u00f6nnte, bis sie mit sieben Jahren in ein Heim gebracht wird. Kindliche Unbeschwertheit weicht dem furchtbaren Trauma, willk\u00fcrlich verlassen worden zu sein.<\/p>\n<p>&#8222;Ganz tief in meinem Innern ahne ich, da\u00df ich nie mehr nach Hause darf. (&#8230;) kein Schreien, kein Flehen hilft, man hat mich vergessen. Man hat mich zur\u00fcckgelassen. (&#8230;) Zur\u00fcckgelassen ohne Abschied, weil der f\u00fcr Mutter und Tochter zu schmerzvoll gewesen w\u00e4re? Vergessen &#8211; um sich nicht mehr zu erinnern. Abgesondert vom Rest der Gesellschaft. Ich bin sieben Jahre alt, ich stehe auf und wische mir die Tr\u00e4nen aus dem Gesicht.&#8220; (S.25)<\/p>\n<h3>Christlicher Rassismus<\/h3>\n<p>Das Kind wird im Heim Opfer einer haarstr\u00e4ubenden christlichen Bigotterie. Milit\u00e4risch autorit\u00e4re Strenge verbindet sich mit rassistisch und sexistisch gepr\u00e4gten Vorstellungen von christlicher Reinheit. Die Autorin erz\u00e4hlt von der Allgegenwart der erbarmungslosen Repression und besonderen Diskriminierung, die sie als schwarzes M\u00e4dchen erf\u00e4hrt. Sie kann qua Hautfarbe dem zugeschriebenen Makel von Dummheit, Unmoral und Schuldhaftigkeit nicht entkommen. Der geh\u00e4ssige Schuldspruch der wei\u00dfen Umwelt trifft bereits die Mutter: &#8222;Wie kann man nur solche Kinder in die Welt setzen, die es dann ihr ganzes Leben so schwer haben? Wahrscheinlich ist die Mutter aus niedrigen Verh\u00e4ltnissen, sonst h\u00e4tte sie sich doch mit jemand anderem eingelassen als ausgerechnet mit einem Neger. Die Kleine wird mal genauso unmoralisch und labil wie die Mutter.&#8220; (S.31)<\/p>\n<p>Die irrationale und religi\u00f6s inquisitorische Qu\u00e4lerei im Kinderheim gipfel in einer Teufelsaustreibung, die Ika mit 10 Jahren \u00fcber sich ergehen lassen mu\u00df. Die Unmoral der Mutter soll das Blut der Tochter verunreinigt haben. &#8222;Reinige meine schwarze Seele&#8220;, wird sie gezwungen nachzubeten und f\u00fchlt sich fortan &#8222;schrecklich schuldig. Ich beginne, meine Hautfarbe zu hassen.&#8220; (S.38)<\/p>\n<p>Rassistische Definitionen schreiben ihr unartiges Verhalten ihrem ungeb\u00e4ndigten Instinkt, dem &#8222;Neger&#8220; zu, der in ihr stecke. Ihr Flei\u00df, ihre Begabungen und schulischen Leistungen werden ohne Lob \u00fcbersehen, nicht anerkannt, unterdr\u00fcckt. Stets wird ihr selbst von scheinbar wohlmeinender Seite der Verzicht auf eigene Ambitionen nahegelegt, mit dem Hinweis, da\u00df es f\u00fcr sie das beste sei. Ein schwarzes Kind, eine schwarze Frau hat in dieser Gesellschaft nichts zu erwarten. Je eher sie sich damit abfindet, desto besser. Durch rechtzeitige D\u00e4mpfung der eigenen aussichtslosen Anspr\u00fcche sollen ihr vorprogrammierte Mi\u00dferfolge und Anfeindungen erspart werden. Dieselbe Gesellschaft, die diese Anfeindungen produziert, scheint auf heuchlerische Weise ihre Opfer davor in Schutz nehmen zu wollen. Dies ist eine wiederkehrende Erfahrung der Autorin, die sich in verschiedenen Auspr\u00e4gungen durch ihre Biographie zieht: die Ratschl\u00e4ge, die vorgeben, gut gemeint zu sein, und doch nur der Unterdr\u00fcckung dienen. Mit dieser &#8222;Beratung&#8220; wurde die Mutter geradezu gen\u00f6tigt, die Tochter ins Heim zu geben. Und die Negativprophezeihungen nehmen ihren Lauf.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist das beste f\u00fcr Ihr Kind. Hier in der Kleinstadt hat es keine Zukunft. Wenn es \u00e4lter wird, wird es vielleicht seelisch labil, auf jeden Fall wird es f\u00fcr M\u00e4nner Freiwild sein, uneheliche Kinder bekommen, alkohols\u00fcchtig werden und was wei\u00df ich sonst noch. Wollen Sie das denn?&#8220; (S.21)<\/p>\n<p>Die einzige Lehrerin, die der kleinen Erika H\u00fcgel in der Grundschule wohlgesonnen ist, redet ihr den Wunsch, auf das Gymnasium zu gehen, aus: &#8222;Die Kinder hier in der Schule sind schon so gemein zu dir, auf dem Gymnasium wird es noch viel schlimmer sein.&#8220; (S.48)<\/p>\n<p>Die Heimleitung entscheidet gegen Ikas Traum, Lehrerin zu werden, \u00fcber ihre Ausbildung. Sie wird in ein Internat gesteckt und zur Kinderpflegerin ausgebildet. &#8222;Heiraten wird dich eh niemand, deshalb wirst du sp\u00e4ter mal alleine f\u00fcr dich sorgen m\u00fcssen. Du wirst einen sozialen Beruf ergreifen, das ist das einzige, was f\u00fcr dich in Frage kommt.&#8220; (S.54)<\/p>\n<p>Die eigenen W\u00fcnsche, der eigene \u00c4rger &#8211; alles gilt immer wieder als unvern\u00fcnftig und ungerechtfertigt. Ohne jede F\u00f6rderung wird die Autorin als Kind und Jugendliche fortgesetzt dazu gezwungen, an sich selbst, ihren Bed\u00fcrfnissen und Wahrnehmungen zu zweifeln. Die Macht ist nie auf ihrer Seite.<\/p>\n<h3>Rassismus in der wei\u00dfen Frauenbewegung<\/h3>\n<p>Als sie im Gegensatz zu den wei\u00dfen Kinderpflegerinnen keine Praktikumsstelle bekommt, erntet ihr verzweifeltes Aufbegehren gegen diese Ungerechtigkeit nur Mi\u00dfbilligung und Unverst\u00e4ndnis. Vor dem Rassismus aus Vernunft und Bescheidenheit zu kapitulieren steht immer als beste L\u00f6sung da. Vor der Heirat mit einem wei\u00dfen Mann warnen daher zweifelnde Stimmen: &#8222;Du willst tats\u00e4chlich heiraten? Denk doch bitte mal weiter, deine Kinder werden es immer schwer haben, du wei\u00dft doch selbst gar nicht, wo du so richtig hingeh\u00f6rst. (&#8230;) Auf Dauer kann auch eine noch so gute Beziehung dem Gerede der Leute nicht standhalten.&#8220; (S.74) Tats\u00e4chlich wird gerade die Verleugnung des Rassismus der Beziehung zum Verh\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Und selbst mit der Sehnsucht, ihren Vater in den USA ausfindig zu machen, bei\u00dft sie lange auf den Granit der Einsch\u00e4tzungen anderer, da\u00df eine solche Suche doch sinn- und zwecklos sei. \u2018Bescheide dich und mach keinen Wirbel, was du denkst und m\u00f6chtest, ist im Zweifelsfall falsch\u2019 &#8211; das ist die stete und frustrierende Botschaft, mit der Selbstachtung und Selbstvertrauen gebrochen werden. Ika H\u00fcgel-Marshall arbeitet diese Erfahrungen genau heraus, aber auch den \u00fcberlebenswichtigen Proze\u00df, von der ewigen unterdr\u00fcckerischen Fremdbestimmung \u00fcber den Ausdruck von Schmerz und Wut zur Selbstentfaltung zu gelangen.<\/p>\n<p>Der\/die LeserIn mag es geradezu als kleines Wunder empfinden, da\u00df die Autorin nach all den erlittenen Grausamkeiten nicht zerbricht. Sie setzt k\u00e4mpferisch ihren Realabschlu\u00df, das Sozialp\u00e4dagogikstudium und auf ihrer langj\u00e4hrigen Arbeitsstelle die radikale Reform der Heimerziehung durch. Sie schwingt sich mit der eigenen Rebellion \u00fcber den ihr zugewiesenen Platz hinaus und emanzipiert sich gegen einen wei\u00dfen g\u00f6nnerhaften Paternalismus, mit dem ihr in angeblich eigenem Interesse Stillverhalten diktiert wurde.<\/p>\n<p>&#8222;Meine Ver\u00e4nderung ruft in den K\u00f6pfen wei\u00dfer Menschen Panik hervor. Das arme und bemitleidenswerte Gesch\u00f6pf w\u00e4chst nicht mehr in ihrem Sinne, wie in ihren K\u00f6pfen ausgedacht heran, sondern \u00fcber ihre K\u00f6pfe hinaus.&#8220; (S.79)<\/p>\n<p>Doch als isolierte Minorit\u00e4t Vorw\u00fcrfe und Anklagen zu erheben, hei\u00dft auf einem schmalen Grat zu gehen und sich dem drohenden Verlust von schwer erworbener Sympathie und Solidarit\u00e4t auszusetzen. Ika H\u00fcgel-Marshall spricht die Selbst\u00fcberwindung und die Gefahr an, die es f\u00fcr sie bedeutete, als feministische Aktivistin innerhalb der wei\u00dfen Frauenbewegung auch rassistische Unterdr\u00fcckungsstrukturen zum Thema zu machen: &#8222;Viele Augen sind pl\u00f6tzlich auf mich gerichtet. Unwillen, \u00c4rger und Unverst\u00e4ndnis ist in den Gesichtern zu erkennen. In diesem Augenblick w\u00fcnsche ich mir, ich h\u00e4tte nichts gesagt. Ich sp\u00fcre Angst in mir aufsteigen und wei\u00df nicht, ob ich, als einzige Schwarze Frau, der zwangsl\u00e4ufig folgenden Diskussion gewachsen bin. (&#8230;) Worte, Sympathie, gemeinsames Lachen. Und da ist er wieder: der Schmerz, der mich trifft. Ich lasse mir nichts anmerken und sage nicht sofort, wie ich empfinde. Ich werde sie nicht in diesem Augenblick auf ihren Rassismus ansprechen. Ich warte lieber, denn sonst, das habe ich gelernt, riskiere ich, ihre Zuneigung im Nu wieder zu verlieren.&#8220; (S.82f.)<\/p>\n<p>Reflexhaft werden die Hinweise auf Rassismus als Schuldvorw\u00fcrfe, selbsts\u00fcchtig, vermessen und r\u00fccksichtslos gegen\u00fcber den wei\u00dfen Schwestern zu sein, an die Ausgangsadresse zur\u00fcckverwiesen. Das Leben und die Auseinandersetzung als schwarze Frau mit der wei\u00dfen Umwelt zerrt an den Nerven und geht an die Substanz.<\/p>\n<p>&#8222;Wie lange noch bin ich bereit, ihr Verhalten zu verharmlosen oder nach Entschuldigungen daf\u00fcr zu suchen? (&#8230;) Ich mu\u00df st\u00e4ndig auf der Hut sein, jedes Anzeichen einer Diskriminierung oder Kr\u00e4nkung erkennen. Offen und gleichzeitig mi\u00dftrauisch sein zu m\u00fcssen, kostet mich unendlich viel Kraft und f\u00fchrt dazu, da\u00df ich in einer permanenten Anspannung lebe.&#8220; (S.85) Daheim unterwegs. Dazugeh\u00f6ren und doch au\u00dfen vor sein.<\/p>\n<h3>Begegnung mit Afrodeutschen und die Suche nach dem Vater<\/h3>\n<p>Ika H\u00fcgel-Marshall schildert den Kampf ihrer Sehnsucht nach Gemeinsamkeit mit anderen schwarzen Menschen gegen die Widerst\u00e4nde ihrer eigenen Selbstabwertung aufgrund rassistischer Zuschreibungen. Es braucht eine Zeitlang, bis sie aufh\u00f6rt, sich die Suche nach dem Vater und den Anschlu\u00df an eine Gruppe afrodeutscher Frauen und M\u00e4nner zu versagen.<\/p>\n<p>&#8222;An meinen Vater mu\u00df ich immer \u00f6fter denken, und das intensive Bed\u00fcrfnis, einen Vater zu haben, begleitet mich. Ich verbiete mir dieses Verlangen und will es nicht sp\u00fcren. Die Angst und die Abwendung von mir selbst hat sich so tief in mein Inneres gebrannt, da\u00df ich mir nicht vorstellen kann, meinem Vater zu begegnen. Mich in ihm zu entdecken, ist mir unvorstellbar.&#8220; (S.86) Und: &#8222;Was um alles in der Welt will ich mit \u2018meinesgleichen\u2019? (&#8230;) Nein, ich will nicht in andere afrodeutsche Gesichter sehen und meinem Schmerz begegnen.&#8220; (S.88) Aber sie tut es doch.<\/p>\n<h4>Ein Traum ist zu Ende<\/h4>\n<p>Reste meiner Tag- und Nachttr\u00e4ume steigen in meinem<br \/>\nK\u00f6rper hoch,<br \/>\nTraumt\u00e4nze.<br \/>\nEs ist wie ein Licht, das den Raum um mich erhellt.<br \/>\nIch bin weder Schwarz noch wei\u00df,<br \/>\nsondern durchl\u00e4ssig und transparent.<br \/>\nEs erschreckt mich, weil ich annehme, alle k\u00f6nnen mich<br \/>\nsehen.<\/p>\n<p>Ersch\u00f6pft lehne ich mich an eine Wand<br \/>\nUnd lasse meinen K\u00f6rper fallen.<br \/>\nIch gl\u00fche &#8211; und in dem Gef\u00fchl des Willkommens und<br \/>\nAnkommens sehe ich in Gesichter, die meines wiederspiegeln.<br \/>\nIch schlie\u00dfe meine Augen und ermesse die Unendlichkeit<br \/>\nZwischen meiner Sehnsucht und meiner Einsamkeit<br \/>\nIch f\u00fchle die Versuchung in mir und will zu ihnen,<br \/>\nnur ein St\u00fcck n\u00e4her.<br \/>\nMeine Angst kriecht mir \u00fcber den R\u00fccken,<br \/>\nund ich schaue verzweifelt auf meine braunen H\u00e4nde.<br \/>\nIch will allen zurufen:<br \/>\n&#8222;Ich brauche H\u00e4nde, eure braunen H\u00e4nde.&#8220;<br \/>\nDoch die leiseste Ber\u00fchrung h\u00e4tte meinen K\u00f6rper<br \/>\nzersplittern lassen.<br \/>\nMein Atem wird langsamer.<\/p>\n<p>Erst im Kontakt mit anderen Afrodeutschen wird Ika H\u00fcgel-Marshall das ganze Ausma\u00df ihrer 39j\u00e4hrigen Einsamkeit und Isolation bewu\u00dft. &#8222;Schritt f\u00fcr Schritt fange ich an, meinen Weg zu mir selbst zu finden. Alle Zweifel, die verdr\u00e4ngten und doch sp\u00fcrbaren Schmerzen, die Wei\u00dfe mir zugef\u00fcgt haben und die letztendlich doch nur eingebildet, ein Resultat meiner \u00dcberempfindlichkeit sein sollen, werden in der Begegnung mit meinen Schwestern und Br\u00fcdern ausger\u00e4umt. Ich kann wieder an mich glauben, mich ernst nehmen, vieles, was Wei\u00dfe mich lehrten, wieder verlernen. Ich beginne, mich zu lieben, meine Hautfarbe, all das, was mich ausmacht.&#8220; (S.92)<\/p>\n<p>Die &#8222;Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit und Erl\u00f6sung&#8220; (S.99) findet endlich Grund. Die Bekanntschaft und Freundschaft mit der afroamerikanischen Dichterin Audre Lorde beschreibt Ika H\u00fcgel-Marshall als einen Meilenstein, der ihr Leben in pers\u00f6nlicher und politischer Hinsicht entscheidend pr\u00e4gt, noch bevor sie durch die Hilfe einer Freundin ihren Vater in den USA ausfindig macht. Ein letztes Mal setzt der abgrundtiefe Zweifel ein, die verzweifelte Angst vor der Entt\u00e4uschung, er k\u00f6nnte ihr auf ihren Brief hin nicht antworten. Das Treffen zwischen Vater und Tochter wirkt wie das ersehnte Ende einer langen Odyssee, einer m\u00fchsamen, aber befreienden Entwicklung.<\/p>\n<p>&#8222;Ich strecke meine Hand aus<br \/>\nmeiner Schwarzen Familie entgegen<br \/>\nmein Vater, meine Familie<br \/>\nhier ist meine Reise zu Ende<br \/>\nhier flie\u00dft die ganze Welt zusammen.&#8220; (S.127)<\/p>\n<p>Ika H\u00fcgel-Marshall ist in ihrer Autobiographie eine sowohl ersch\u00fctternde als auch anr\u00fchrende Anschaulichkeit gelungen. Die Geschichte sollte jedoch nicht nach dem Muster &#8222;Ende gut &#8211; alles gut&#8220; mi\u00dfverstanden werden. Als wei\u00dfe, wenn auch rassismusbewu\u00dfte Leserin \u00fcberkam mich der Schrecken \u00fcber die rassistische Grausamkeit und gleich danach die Scham, diesen Schrecken \u00fcber das Leid der anderen eben auch wieder vergessen zu k\u00f6nnen, um mit jeweils neuem Erstaunen emp\u00f6render Ungeuerlichkeiten gewahr zu werden. Die schlimmen Kindheitserfahrungen Ika H\u00fcgel-Marshalls lassen sich nicht allein dem autorit\u00e4ren und heute zum Teil \u00fcberkommenen gesellschaftlichen Klima der 50er Jahre zuschreiben. Nach wie vor ist der Kampf gegen eine rassistisch strukturierte Gesellschaft f\u00fcr die von ihr Verfolgten ein Kampf ums \u00dcberleben. Nicht zuletzt, um das klarzumachen, hat Ika H\u00fcgel-Marshall ihre pers\u00f6nliche Geschichte, sehr intime Gef\u00fchle und eine reife Selbstreflexion auf eine Weise eingesetzt, die nahegeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Buchtitel &#8222;Daheim Unterwegs. 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