{"id":24893,"date":"2021-04-27T11:55:44","date_gmt":"2021-04-27T09:55:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/35-jahre-tschernobyl\/"},"modified":"2021-05-06T17:44:47","modified_gmt":"2021-05-06T15:44:47","slug":"35-jahre-tschernobyl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/35-jahre-tschernobyl\/","title":{"rendered":"35 Jahre Tschernobyl"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 trat im sowjetischen AKW Tschernobyl das bis dato Undenkbare ein: Reaktor 4 geriet bei einem Experiment au\u00dfer Kontrolle und explodierte. Aus einem GAU \u2013 dem \u201eGr\u00f6\u00dften Anzunehmenden Unfall\u201c \u2013 wurde \u00fcber Nacht ein Super-GAU. Die Folgen waren und sind bis heute katastrophal. Zun\u00e4chst untersch\u00e4tzte die sowjetische Parteif\u00fchrung in Kiew und im zentralen Moskau die Auswirkungen str\u00e4flich und verordnete absolute Geheimhaltung. So wurden die Menschen in Westeuropa erst einige Tage sp\u00e4ter durch die Messung von erh\u00f6hter Radioaktivit\u00e4t in Schweden alarmiert. Nicht nur in der ukrainischen Hauptstadt Kiew \u2013 nur rund 100 km s\u00fcdlich von Tschernobyl \u2013 fanden noch am 1. Mai die gewohnten \u201eArbeiter\u201c-Paraden statt. Dabei hatte man in Moskau schon begriffen, dass Tschernobyl mehr als nur eine \u00e4rgerliche Panne war. Die angrenzende Stadt Pripjat war komplett evakuiert worden, insgesamt wurden 350.000 Menschen auf Dauer umgesiedelt. Hunderttausende Notkr\u00e4fte wurden mobilisiert, um die verheerende Katastrophe unter Lebensgefahr unter Kontrolle zu bekommen. Das Ausma\u00df des menschlichen Einsatzes war gewaltig, bis der erste Sarkophag \u00fcber der Reaktorruine geschlossen werden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer in Tschernobyl arbeitete, musste mit einer t\u00f6dlichen Strahlendosis rechnen \u2013 die sogenannten \u201eLiquidatoren\u201c taten trotzdem ihren Dienst. Nur wenigen ist f\u00fcr ihren selbstlosen Einsatz in der Todeszone jemals richtig gedankt worden. Die Sonderrenten waren und sind nur k\u00fcmmerlich und durch die Aufteilung der verstrahlten Zone 1991 auf die drei Nachfolgestaaten Ukraine, Belarus und Russland wird auch die Verantwortung f\u00fcr Tschernobyl und die Opfer oftmals bequem \u00fcber die jeweilige Grenze abgeschoben. Der Ukraine-Krieg 2014 und das Verhalten des autorit\u00e4ren Lukaschenko-Regimes in Belarus haben die Lage weiter verkompliziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele der Liquidatoren starben fr\u00fch an den Folgen ihrer Strahlendosis, ohne dass diese von staatlichen Stellen, der Weltgesundheitsorganisation oder der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde IAEO als solche anerkannt wurden. Die unabh\u00e4ngige \u00c4rzteorganisation IPPNW ging 2016 von 160.000 km\u00b2 kontaminiertem Gel\u00e4nde aus, mit bis zu 9 Mio. betroffenen Menschen.\u00a0((1)) Die Auswirkungen reichen von Strahlenkrankheiten \u00fcber verseuchte B\u00f6den und Nahrungsmittel bis zu psychischen Problemen und fehlender \u00e4rztlicher Versorgung sowie finanzieller Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die internationale Folgen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Super-GAU hatte international gro\u00dfe Konsequenzen: In der Sowjetunion war er einer der Sargn\u00e4gel auf dem kommunistischen Zeitalter. Partei- und Regierungschef Michail Gorbatschow schwieg zun\u00e4chst genau wie die gesamte Staatsf\u00fchrung. Erst sp\u00e4ter leitete er unter dem Druck der Ereignisse seine ber\u00fchmt gewordenen Ans\u00e4tze der \u201ePerestroika\u201c (Politik des gesellschaftlichen \u00d6ffnung) und \u201eGlasnost\u201c (Politik der Transparenz) ein. Diese \u00f6ffneten die bis dahin hermetisch abgeschirmte sowjetische Gesellschaft und f\u00fchrten schlie\u00dflich zum Zerfall der Sowjetunion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im restlichen Europa waren die Folgen dramatisch, wurden aber sehr unterschiedlich wahrgenommen. In Osteuropa wurde versucht, Tschernobyl in seinem ganzen Ausma\u00df zu verschweigen. Auch in L\u00e4ndern wie Frankreich fand die Reaktorkatastrophe offiziell kaum statt. Das ist sicherlich ein Grund, warum in Frankreich, aber auch in Tschechien, der Slowakei und Ungarn die Atomkraft bis heute nicht wirklich hinterfragt wird. Durch das vollkommene Ausblenden von Tschernobyl sind die offensichtlichen Risiken der Atomkraft niemals wirklich ins gesellschaftliche Bewusstsein eingedrungen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Anti-Atom-Bewegung in Deutschland<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heftig erwischte es 1986 jedoch die bundesdeutsche \u00d6ffentlichkeit und Politik. Dazu trugen mehrere Faktoren bei: Die Anti-Atom-Bewegung war seit den 1970er-Jahren sehr stark und k\u00e4mpfte gerade schwerpunktm\u00e4\u00dfig in Bayern gegen den Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, an der Elbe gegen das kurz vor der Fertigstellung stehende AKW Brokdorf und in Gorleben gegen das bundesdeutsche Endlagerprojekt f\u00fcr hochradioaktiven Atomm\u00fcll. Auch in Hamm-Uentrop, Lingen, Neckarwestheim und unweit des bayrischen Landshut standen AKW-Neubauten kurz vor der Fertigstellung. Es gab also mehrere Protest-Zentren quer durch die Republik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ende April nahmen die Warnmeldungen in der Bundesrepublik zu. Die Bundesregierung reagierte hilflos. Zust\u00e4ndig f\u00fcr Umweltpolitik und Reaktorsicherheit war damals noch das Innenministerium \u2013 kein Zufall, denn die Nutzung der Atomkraft galt bis dahin offiziell nicht als Umweltthema, sondern vielmehr als ein rein wirtschaftliches, das prim\u00e4r mit polizeilichen Mitteln durchgesetzt wurde. Innenminister Friedrich Zimmermann (CDU) sagte damals sinngem\u00e4\u00df, man wisse zwar nichts Genaues aus Tschernobyl, aber Anlass zur Sorge best\u00fcnde nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch dann wurde vor der Nutzung von Kinderspielpl\u00e4tzen, dem Verzehr von frischer Milch und frischem Gem\u00fcse und sp\u00e4ter auch von Pilzen etc. abgeraten \u2013 kein Anlass zur Sorge? Die Menschen glaubten der Bundesregierung nicht. Im Fr\u00fchjahr und Sommer 1986 gingen Hunderttausende in Wackersdorf, Brokdorf und anderswo auf die Stra\u00dfe. In Wackersdorf starben zwei DemonstrantInnen an den Folgen der harten Polizeieins\u00e4tze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staat demonstrierte auch in Brokdorf H\u00e4rte und nahm den Reaktor unger\u00fchrt im Oktober 1986 in Betrieb. Erst Ende diesen Jahres soll Brokdorf nach nunmehr genau 35 Jahren vom Netz \u2013 ein Symbol f\u00fcr die atomare Halsstarrigkeit der Bundesrepublik. Die neue Legende lautete n\u00e4mlich, dass Tschernobyl eben ein marodes \u201esowjetisches\u201c AKW gewesen und nicht mit westlichem High-Tech zu vergleichen sei. So wurde nach 1986 auf kein einziges noch in Bau befindliches AKW in Westdeutschland verzichtet. Einzige Ausnahme war das Aus f\u00fcr den Schnellen Br\u00fcter in Kalkar. In der DDR konnte durch den Umbruch 1989\/90 immerhin die Inbetriebnahme des AKW Stendal verhindert werden. Und die Legende von den angeblich so viel besseren \u201eWest\u201c-AKWs wurde erst 2011 durch Fukushima widerlegt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Tschernobyl als Zeitwende<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch markiert Tschernobyl f\u00fcr die Nutzung der Atomkraft in Deutschland eine Zeitenwende. Nach 1986 wurde kein einziges AKW mehr in Auftrag gegeben. Viele Menschen machten sich zudem daran, die Energiewende in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen. Der Ausbau von Solar- und Windenergie kam in der Bundesrepublik von unten und ist ein gro\u00dfer Erfolg m\u00fcndiger B\u00fcrgerInnen, die live gesehen hatten, dass sie von der Bundesregierung und den Stromkonzernen nichts zu erwarten hatten. Daran \u00e4nderte auch die Gr\u00fcndung des Bundes-Umweltministeriums 1986 nichts. Im Gegenteil: Noch nach Fukushima haben diverse Bundesregierungen intensiv versucht, die b\u00fcrgernahe Solar- und Windenergie in die Knie zu zwingen, weil sie den vier verbliebenen Energieriesen RWE, EON, EnBW und Vattenfall sowie diversen Kohlekonzernen (u.a. Fortum, Steag) zunehmend das Gesch\u00e4ft streitig machen. Der rapide voranschreitende Ausbau von Sonne und Wind wurde in den letzten Jahren politisch gezielt sabotiert. Aber ohne die Energiewende von unten w\u00e4re selbst heute noch keine Alternative f\u00fcr Atom und Kohle am Markt. Unsere Nachbarn Frankreich und Belgien demonstrieren, wie man sich bis heute komplett an der Atomenergie festbei\u00dfen kann, ohne den Erneuerbaren eine Chance zu geben.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Viele der Liquidatoren starben fr\u00fch an den Folgen ihrer Strahlendosis, ohne dass diese von staatlichen Stellen, der Weltgesundheitsorganisation oder der Internationalen Atomenergiebeh\u00f6rde IAEO als solche anerkannt wurden. Die unabh\u00e4ngige \u00c4rzteorganisation IPPNW ging 2016 von 160.000 km\u00b2 kontaminiertem Gel\u00e4nde aus, mit bis zu 9 Mio. betroffenen Menschen.\u00a0<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tschernobyl bewirkte zudem, dass es leichter wurde, Atomkraft fachlich und politisch erfolgreich zu kritisieren. Ernste Fehler und Pannen konnten nicht mehr ganz so leicht vertuscht werden. Genau das hatten die Betreiber des Thorium-Hochtemperatur-Reaktors (THTR) in Hamm-Uentrop Anfang Mai 1986 im Schatten von Tschernobyl versucht, als es im THTR zu einem eigenen St\u00f6rfall kam. Die \u00d6ffentlichkeit erfuhr wochenlang nichts von dem St\u00f6rfall. Das Vertrauen in den THTR schwand daraufhin dramatisch. Viele kreative Protestaktionen sp\u00e4ter musste der THTR 1989 endg\u00fcltig vom Netz, auch die WAA Wackersdorf wurde nach dem Tod von CSU-\u00dcbervater Franz-Josef Strau\u00df schlie\u00dflich aufgegeben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Bedeutung von Tschernobyl heute<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tschernobyl hingegen ist zu einem medialen Mythos geworden. Eine erfolgreiche britisch-amerikanische Filmserie f\u00fchrte in den letzten Jahren zu einem skurrilen Tourismus in die ukrainische Sperrzone. Ende 2016 wurde ein neuer Sarkophag \u00fcber den br\u00fcchigen ersten gezogen. Die Folgekosten zur Verhinderung weiterer Verstrahlung steigen Milliarde um Milliarde an \u2013 Ende offen. Erst 2020 machten gro\u00dfe Waldbr\u00e4nde in der Region wieder deutlich, wie hoch die Strahlenbelastung noch immer ist. Die unmittelbar Betroffenen werden weitgehend allein gelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen unterst\u00fctzte die Bundesregierung vor einigen Jahren den Einstieg des Urananreicherers Urenco bei der Belieferung der ukrainischen Alt-Reaktoren mit Uranbrennstoff. Urenco geh\u00f6rt in Deutschland bekanntlich RWE und EON. Anstatt die Ukraine beim Umstieg auf erneuerbare Technologien zu unterst\u00fctzen, hilft auch die Bundesregierung dabei, die Ukraine im Atomzeitalter festzuhalten. Einige Reaktoren stehen nur 200 km von der B\u00fcrgerkriegs-Kampflinie im Osten des Landes entfernt. Der Super-GAU von Tschernobyl wird auf vielen Ebenen weiter negiert und klein geredet. Genau wie die Ukraine h\u00e4lt auch Russland an der Atomenergie fest. Tschernobyl liegt nun ja im Ausland und kann damit bequem ignoriert werden. Be\u00e4ngstigend ist die Tatsache, dass Belarus derzeit durch die Inbetriebnahme eines ersten AKW \u00fcberhaupt erst ins Atomzeitalter einsteigt. Auch hier leugnet die Lukaschenko-Regierung die Folgen von Tschernobyl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb ist es heute, 35 Jahre nach der verheerenden Explosion, n\u00f6tiger denn je, die Erinnerung an den Super-GAU wachzuhalten und die Menschen nicht zu vergessen, die Europa vor einer noch gr\u00f6\u00dferen Katastrophe bewahrt haben. Noch immer gilt Atomkraft vielerorts als Heilsbringer \u2013 ein internationaler Atomausstieg ist weiterhin nicht in Sicht. Und dass sich die Bundesregierung \u00fcber die Urananreicherung in Gronau und die Brennelementfertigung in Lingen grenz\u00fcberschreitend am Weiterbetrieb und Neubau von Atomkraftwerken beteiligt, zeigt, dass auch in Deutschland die Lehren aus der Reaktorkatastrophe noch l\u00e4ngst nicht mit der n\u00f6tigen Konsequenz gezogen wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Matthias Eickhoff<\/strong><br \/>\nengagiert sich beim Aktionsb\u00fcndnis M\u00fcnsterland gegen Atomanlagen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 trat im sowjetischen AKW Tschernobyl das bis dato Undenkbare ein: Reaktor 4 geriet bei einem Experiment au\u00dfer Kontrolle und explodierte. Aus einem GAU \u2013 dem \u201eGr\u00f6\u00dften Anzunehmenden Unfall\u201c \u2013 wurde \u00fcber Nacht ein Super-GAU. Die Folgen waren und sind bis heute katastrophal. 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