{"id":24899,"date":"2021-04-27T11:55:51","date_gmt":"2021-04-27T09:55:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/stoppt-das-leid-der-schweine\/"},"modified":"2021-05-11T18:12:58","modified_gmt":"2021-05-11T16:12:58","slug":"stoppt-das-leid-der-schweine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/stoppt-das-leid-der-schweine\/","title":{"rendered":"Stoppt das Leid der Schweine!"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">500 Meter hoch war die weit sichtbare Rauchs\u00e4ule an diesem Dienstag Morgen um 9 Uhr. Als die Feuerwehr eintraf, brannten schon vier der 18 St\u00e4lle mit jeweils 90 Meter L\u00e4nge, die alle nebeneinander standen. Die Feuerwehr kam nicht in die Geb\u00e4ude zum L\u00f6schen und hatte zu Beginn nur eine Drehleiter. Sie zog sich bald auf den Schutz der Biogasanlage zur\u00fcck und konnte die Geb\u00e4ude nur noch kontrolliert abbrennen lassen. Ein Teil der St\u00e4lle wurde ge\u00f6ffnet, aber viele Sauen waren im Kastenstand und mussten einzeln befreit werden. Der Brand verbreitete sich schnell \u00fcber L\u00fcftungssch\u00e4chte und andere Verbindungen. Ferkel erstickten wegen defekter L\u00fcftung. Viele Sicherheitsstandards funktionierten nicht, weil keine Wartung stattgefunden hatte. Nur 1.300 Muttersauen \u00fcberlebten, mehr als 5.000 Muttersauen und ca. 50.000 Ferkel starben. Noch ist die genaue Brandursache unklar. Es gibt den Verdacht der fahrl\u00e4ssigen Brandstiftung. Klar jedoch ist das Versagen des Brandschutzkonzeptes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Brand des D\u00e4mmmaterials und anderer Bauteile entstanden viele giftige Gase, auch Dioxin, aber den Anwohner*innen der D\u00f6rfer wurde nur gesagt, die Fenster geschlossen zu halten. Der Brand war noch auf Usedom, 50 km entfernt, zu riechen. \u00dcber die Kontamination der B\u00f6den wollen die Beh\u00f6rden nichts sagen. Politik des derzeitigen Eigent\u00fcmers, der LFD-Holding: Eine total trockene Pressemitteilung. Security jagte Fotograf*innen \u00fcber den blanken Acker, weil keine Bilder vom Leid der Schweine gemacht werden sollten. Und die \u00fcberlebenden 1.300 Tiere, die nach vielen Stunden abtransportiert wurden, sind vermutlich wegen Belastung mit Keimen aus dem Aufenthalt im Freien und dem m\u00f6glichen Einschleppen in die geschlossenen St\u00e4lle nach der Ankunft bei Cottbus gleich get\u00f6tet worden. Denn die Schweine m\u00fcssen ihr ganzes Leben drinnen verbringen und kommen nie mit Natur in Ber\u00fchrung. Deswegen war es auch sehr schwer, einige Schweine \u00fcberhaupt ins Freie zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erbauer der Anlage, in der pro Jahr ca. 300.000 Ferkel entstanden, war Adrianus Straathof, der nach jahrelangen Verst\u00f6\u00dfen gegen den Tierschutz 2016 ein Tierhaltungsverbot in Deutschland bekommen hatte. Die LFD-Holding hat zwar einen neuen Eigent\u00fcmer, aber das Personal ist das Alte und Straathof mischt im Hintergrund vielleicht noch mit. Schweinefleisch ist durch EU-Subventionen und den geringen Tierschutzstandart billig, viel geht nach China. Die Arbeiter*innen sind billig, weil sie aus Polen und Rum\u00e4nien kommen. Der Schweinefleischpreis ist derzeit im Keller, auch wegen \u00dcberproduktion. Die Probleme in der Corona-Zeit mit Schlachth\u00e4usern und anderem haben den Preisverfall noch verst\u00e4rkt. Straathof selbst betreibt jetzt Mastanlagen in Ungarn zur billigeren Fleischproduktion mit weniger Auflagen der Beh\u00f6rden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nachfrage nach billigem Fleisch als Begr\u00fcndung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Landtagsdebatte nach dem Brand war nicht erkennbar, dass es wirklich Ver\u00e4nderungen geben wird. Die CDU sprach sich f\u00fcr Tierschutzstandards aus, die aber die Wirtschaftlichkeit der im internationalen Wettbewerb stehenden Betriebe in Deutschland nicht gef\u00e4hrden d\u00fcrften. Beate Schlupp (MdL\/CDU): \u201eHeimische Fleischproduzenten m\u00fcssen bis zum Anschlag an der Kostenschraube drehen, um die gro\u00dfe Nachfrage nach billigem Fleisch, auch gegen die Konkurrenz aus dem Ausland, decken zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der langj\u00e4hrige SPD-Landwirtschaftsminister Backhaus ist wieder das F\u00e4hnchen im Wind, sagt, er sei schon beim Bau dagegen gewesen, versucht sein Image zu retten, hat die Wahlen im Blick. Die Schuld f\u00fcr die damalige Genehmigung schiebt er auf die CDU, auf das Bundeslandwirtschaftsministerium und den Landeswirtschaftsminister. Doch er ist damals vor dem Bauernverband eingeknickt. Seine \u2028Beh\u00f6rden h\u00e4tten viel mehr dagegen machen k\u00f6nnen. Backhaus will jetzt einen Wiederaufbau in Alt Tellin mit artgerechterer Haltung, einen \u201eStall 4.0\u201c. Und er fordert jetzt wieder landesweit die \u201eVeredlung\u201c, in diesem Fall die Verarbeitung der pflanzlichen Produkte in der Tiermast mehr als zu verdoppeln auf zwei Gro\u00dfvieheinheiten pro Hektar. Bei den derzeitigen Rahmenbedingungen aus Br\u00fcssel und Berlin ist klar, dass dies kaum Verbesserungen f\u00fcr die Tiere bringen wird. Denn es hei\u00dft noch mehr gro\u00dfe Tieranlagen. Diese Forderung wird leider von Biobetrieben unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar steht Tierschutz seit 2002 im Grundgesetz, aber es gibt immer noch kein Verbandsklagerecht f\u00fcr den Tierschutz, wodurch gegen den Bescheid einer Beh\u00f6rde niemand im Namen der Schweine Klage erheben kann. Einziger Lichtblick ist die europ\u00e4ische Rechtsprechung von 2017, nach der die Umweltverb\u00e4nde dies tun k\u00f6nnten, weil Tiere Teil der Umwelt sind. Aber das ist in Deutschland noch nicht umgesetzt worden. Der bis jetzt einzige Gerichtstag war 2017 gegen die Betriebsgenehmigung der Ferkelproduktion in Alt Tellin und wurde wegen \u201eKomplexit\u00e4t\u201c vertagt. Die Fortsetzung wurde danach vom Investor immer wieder verz\u00f6gert. Viele Bedenken wurden nur zu den Akten genommen. Vor Gericht mit \u00fcber 100 Anw\u00e4lt*innen, Expert*innen und Zuh\u00f6rer*innen sagte der Brandschutzexperte vom Landkreis, die Anlage sei so gebaut, dass sie nicht brennen k\u00f6nne. Nur Glas, Beton und Metall. Deswegen wurde keine Sprinkleranlage eingebaut. Die billige Dachd\u00e4mmung der Brandschutzklasse 1 verst\u00e4rkte die Probleme beim Brand und erzeugte giftige Gase. Bis jetzt wurden Baugenehmigungen f\u00fcr Riesenst\u00e4lle meist juristisch durch das lokale Baurecht oder \u00fcber die Begrenzung der Stickstoffeintr\u00e4ge in FFH-Gebiete (critical loads) gestoppt. Es braucht aber den Protest der Anwohner*innen und Verb\u00e4nde, damit diese M\u00f6glichkeiten \u00fcberhaupt zur Anwendung kommen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gut vernetzter lokaler Protest<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Baupl\u00e4ne entstand 2007 die B\u00fcrgerinitiative \u201eRettet das Landleben am Tollensetal\u201c, die sich aktiv gegen den Bau der Ferkelproduktion wehrte und dabei auf Konstruktionsfehler hinwies. 2007 waren auch schon Aktivist*innen von Aseed aus den Niederlanden w\u00e4hrend des G8-Gipfels in Heiligendamm vor Ort. 2009 gab es eine Besetzung der alten kleineren DDR-Tierproduktionsanlage auf dem selben Gel\u00e4nde. Ein Wochenende lang wurde mit 200 Menschen eine andere Perspektive aufgezeigt. Das war ein Impuls f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Netzwerk, durch das dann \u201eWir haben es satt\u201c entstand. In Mecklenburg-Vorpommern (MV) vernetzten sich die BIs gegen die Massentierhaltung und hatten einige Erfolge. Lokal gab es jeden Montag in Alt Tellin eine Aktion direkt vor der Anlage. Die meisten BIs in MV l\u00f6sten sich leider nach wenigen Jahren wegen Erfolg oder Misserfolg auf. In Alt Tellin ging der Protest durchg\u00e4ngig jeden Montag mit einer Mahnwache weiter. St\u00e4ndig wurde dem Veterin\u00e4ramt, Umweltamt und anderen auf die Finger geschaut. Die \u00c4mter zogen keine wirklichen Konsequenzen aus den vielen Skandalen um die Anlage, egal ob beim Bau der Anlage ab 2011 oder im Sommer 2019, als in der Alt Telliner Schweinezuchtanlage mehr als 1.000 Ferkel wegen einem technischen Defekt erstickten. Daneben gab es Sch\u00e4den wegen der \u00dcberd\u00fcngung, der Nitratbelastung und aufgrund von Baum\u00e4ngeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Skandal ist, dass trotz wichtigem bundesweiten Gerichtsurteil von 2015 die Kastenst\u00e4nde immer noch die alten sind. Die aktuelle Zucht der Tiere ist auf Kapitalmaximierung ausgelegt \u2013 das Wohl der Tiere ist nachrangig, eine Qualzucht. Die Muttersauen sind heutzutage viel gr\u00f6\u00dfer geworden, aber die gesetzliche Mindestnorm ist nicht angepasst worden. Bei anderer Haltung br\u00e4uchte es sie gar nicht. Die Tiere leiden noch dazu am Futter, das nicht artgerecht und nur auf schnelles Wachstum ausgelegt ist und zum Teil aus aller Welt angekarrt wird, wo es zu Lasten der Umwelt angebaut wird. Die Schweine haben in solchen St\u00e4llen zu wenig Besch\u00e4ftigung, zu wenig Platz und leiden die ganze Zeit. In der Tierproduktion sind Tiere eine Kapitalinvestition, nach BGB nur eine Sache, im Falle eines Brandes oft Brandlast, ohne Chance zu entkommen. Und es gab in den letzten Jahren viele St\u00e4lle, die wegen schlechtem Brandschutz abgebrannt sind.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201eFukushima Norddeutschlands der Agrarindustrie\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle sind entsetzt \u00fcber den gro\u00dfen Brand \u2013 aber gibt es wirklich eine \u00c4nderung? Eigentlich braucht es einen Aufschrei nach einen anderen Umgang mit den Tieren, die die Menschen essen wollen. Aber jetzt, ein paar Wochen sp\u00e4ter, sieht es nicht danach aus. In den Medien ist das Thema nur noch lokal. Die Petition* von BUND und Tierschutzbund bekommt nicht die Massen an Unterschriften. Der Bauernverband muss vermutlich keine Angst haben, dass die H\u00fchnerst\u00e4lle mit hunderttausenden Tieren und geplante gro\u00dfe Schweinemastanlagen nicht genehmigt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Betriebsgenehmigung der Schweine-Anlage in Alt Tellin muss komplett entzogen werden. Konsequenz m\u00fcsste weniger Fleischkonsum sein und das Achten auf die Haltungsbedingungen der Tiere, was beim Bioladen um die Ecke schon lange m\u00f6glich ist. Noch besser ist eine vegane Ern\u00e4hrung, um das Tierleid zu beenden. Vor einigen Jahren stand in Deutschland die Frage im Raum, warum die Menschen in Indien jetzt zwei Mal am Tag Fleisch wollen \u2013 das sei nicht gut f\u00fcr das Klima. Aber alle sollten sich zuerst an die eigene Nase fassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>500 Meter hoch war die weit sichtbare Rauchs\u00e4ule an diesem Dienstag Morgen um 9 Uhr. 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