{"id":24908,"date":"2021-04-27T11:55:59","date_gmt":"2021-04-27T09:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/schwarze-fahnen-schwarze-haltung\/"},"modified":"2021-05-10T09:40:13","modified_gmt":"2021-05-10T07:40:13","slug":"schwarze-fahnen-schwarze-haltung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/schwarze-fahnen-schwarze-haltung\/","title":{"rendered":"Schwarze Fahnen, Schwarze Haltung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Marquis Bey verkn\u00fcpft in seinem Pamphlet \u201eAnarcho-Blackness\u201c den Anarchismus mit queer-feministischer und Black Liberation-Theorie<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHierzulande meinen die Anarchisten\u201c, schrieb Huey P. Newton im November 1968, \u201eda\u00df sie sich nur individuell zu \u00e4u\u00dfern brauchten, da\u00df es gen\u00fcge, die ihnen auferlegten Beschr\u00e4nkungen zu ignorieren, um ohne F\u00fchrung und ohne Disziplin gegen einen \u00e4u\u00dferst disziplinierten, durchorganisierten, reaktion\u00e4ren Staat opponieren zu k\u00f6nnen\u201c((1)).<br \/>\nNewton, Mitbegr\u00fcnder der Black Panther Party und deren \u201eVerteidigungsminister\u201c, betont in diesem Text die Unterschiede in den Ausgangspunkten von wei\u00dfen Linken und Schwarzen Aktivist*innen im Kampf um Befreiung. W\u00e4hrend die Schwarzen noch kollektiv \u201eals Volk unterdr\u00fcckt\u201c ((2)) w\u00fcrden, h\u00e4tten die Wei\u00dfen schon das Privileg, sich der Befreiung der individuellen Seele zuwenden zu k\u00f6nnen. Auch sie aber w\u00fcrden erst frei sein, wenn es keine Unterdr\u00fcckung mehr gebe. Newtons Artikel \u201e\u00dcber die Beziehung von Anarchisten und Individualisten zum Revolution\u00e4ren Kampf und zur Schwarzen Befreiungsbewegung\u201c erschien in The Black Panther, der von Newton und Bobby Seale 1967 gegr\u00fcndeten Zeitschrift der Partei.<br \/>\nMehr als 50 Jahre sp\u00e4ter erscheint nun \u201eAnarcho-Blackness\u201c (2020), die kleine theoretische Studie des Literaturwissenschaftlers Marquis Bey. Sie scheint im Titel schon den Gegensatz zu vers\u00f6hnen, den der Black Panther betont hatte. Tats\u00e4chlich geht es Bey um Gemeinsamkeiten, um Verbindendes zwischen dem adjektivisch gebrauchten anarcho- und einem Schwarzsein, das er nicht an Hautfarbe gebunden wissen will. Was soll das hei\u00dfen? Bey geht es nicht darum, die g\u00e4ngige Geschichte anarchistischer Theorie und Praxis um ein paar Schwarze Theoretiker*innen und Aktivist*innen aufzupeppen. Anarcho Blackness ist also keine Abhandlung \u00fcber oder f\u00fcr Schwarze AnarchistInnen. Daf\u00fcr verweist er auf Leute wie Lorenzo Kom\u2019boa Ervin, die eine solche Geschichte geschrieben haben (\u201eAnarchism and the Black Revolution\u201c, 1979). Anarcho Blackness wird vielmehr als Motiv verstanden, als eine Art antiautorit\u00e4re Leitlinie. Sie soll \u201edie Logik des Anarchismus weiter vorantreiben\u201c (\u201epush anarchism`s logics further\u201c; S. 17). Bey geht es darum, mittels queer-feministischer Theorie und theoretischen Ans\u00e4tzen aus der Black Liberation-Tradition den Anarchismus zu radikalisieren. Bezogen auf den Eindruck, der angesichts anarchistischer Publikationen im deutschen Sprachraum entsteht, m\u00fcsste es hei\u00dfen: den Anarchismus erst mal auf den Stand der Dinge in Sachen Herrschaftskritik zu bringen.<br \/>\nDenn f\u00fcr Bey ist klar, dass ein Anarchismus, der seinem Anspruch gerecht werden will, auch die Kritik an Geschlechterverh\u00e4ltnissen und an Rassismus miteinschlie\u00dft. Anarchismus k\u00f6nne keiner sein, wenn er Schwarze feministische Theorie nicht mit einbeziehe (\u201eif it does not heed Black feminist theory\u201c; S. 62). Ausgehend von Michail Bakunins Diktum, dass wirkliche Freiheit keine individualistische Angelegenheit, sondern nur die Freiheit aller sein k\u00f6nne, skizziert Bey eine Tradition der Infragestellung von Hierarchien von den Aufst\u00e4nden der Schwarzen Sklav*innen bis zum Unterlaufen von dualistischen Geschlechternormen in Drag Performances. Ein nach Bey richtig verstandener Anarchismus muss antirassistisch sein, weil er keine Marginalisierung und Benachteiligung dulden kann; und er muss feministisch sein, nicht in dem Sinne, auch Frauen zu Pr\u00e4sidentinnen und Konzernchefinnen zu erm\u00e4chtigen, sondern in dem, alle geschlechterbasierten Unterscheidungen zu unterwandern. Anarcho-Blackness ist in diesem Verst\u00e4ndnis nicht nur eine Metapher f\u00fcr das Aufgreifen von Black Liberation-Theorie, sondern auch ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die \u00dcberwindung von identit\u00e4ren Zuschreibungen. Obwohl er sich positiv auf das Combahee River Collective bezieht, jene Gruppe Schwarzer, lesbischer Sozialistinnen, die in den 1970er Jahren erstmals ein explizit emanzipatorisches Verst\u00e4ndnis von Identit\u00e4tspolitik entwickelt hatte, will er kollektive Identit\u00e4t nicht als Anker oder Ausgangspunkt politischer Aktion betrachten. Es ist die Erm\u00f6glichung von trans- (jenseits von, \u00fcber hinaus), das ihn interessiert. Alles ist auf Verfl\u00fcssigung und \u00dcberwindung ausgerichtet: Schwarzsein und Trans sollten als Ausflug in eine andere Form des Lebens begriffen werden (\u201ewe must render Blackness and transness as an anarchic sashay into another way of life\u201c; S. 84). Die Erprobung und Verwirklichung anderer Lebensformen als jener, die Kapital und Staat vorherbestimmen, ist die zentrale Zielrichtung, auf die das Buch zul\u00e4uft. Es endet mit dem Aufruf: \u201eTu was kannst, tu alles, was du kannst, wo du gerade bist und wo auch immer sonst du damit hinkommen wirst\u201c (S. 107). Und damit beginnen die Probleme ja eigentlich erst. So sympathisch es ist, andere, antihierarchische Lebensformen in den Blick zu nehmen und so richtig es ist, die Praxis als wichtigsten Bezugspunkt anarchistischer Theorie auszumachen, zeigen sich an diesem Punkt doch mindestens zwei Schw\u00e4chen anarchistischer Konzeptionen \u2013 bei Bey und vielleicht \u00fcberhaupt. Erstens bleibt erstaunlich unbestimmt, was den Staat eigentlich ausmacht. Au\u00dfer, dass er gewaltsam Normen durchsetzt, erfahren wir nur sehr wenig \u00fcber ihn. Zwar schlie\u00dft Bey sich der an Gustav Landauer angelehnten Definition des Staates als soziales Verh\u00e4ltnis an: Dann aber nur Gewalt und nicht auch Kooptation und Partizipation in den Blick zu nehmen, die schlie\u00dflich auch staatlich organisiert werden, ist inkonsequent. Es f\u00fchrt letztlich auch dazu, das \u201etu alles, was du kannst\u201c im Sinne der Revolution f\u00fcr stets m\u00f6glich und machbar zu halten \u2013 und damit nicht erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, warum nur so wenige sich diesem Aufruf verschreiben.<br \/>\nUnd zweitens werden, was angesichts des Buchtitels ebenfalls verwundert, soziokulturelle Differenzen untersch\u00e4tzt. Hat Huey P. Newton nicht heute noch Recht damit, dass die Unterdr\u00fcckungserfahrung den Ausgangspunkt der Befreiung stark mitbestimmt? Erleben etwa Schwarze Frauen nicht ganz andere Formen der Ausbeutung und Diskriminierung als wei\u00dfe M\u00e4nner? Und dementsprechend anders sieht in der Regel auch die befreiende Praxis aus, dementsprechend anders m\u00fcsste sie auch konzeptualisiert werden. Gut, es ist nur ein d\u00fcnnes Buch, das nicht alles leisten kann. Immerhin \u00f6ffnet es T\u00fcren, die zwischen anarchistischer, queer-feministischer und Black Liberation-Theorie bislang verschlossen blieben oder zumindest stark klemmten.<br \/>\nMit diesem Rekurs auf feministische Theorie geht es auch deutlich \u00fcber den 51 Jahre alten Black Panther-Text hinaus. Dennoch hat auch dieser noch nicht s\u00e4mtliche Aktualit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft. Huey P. Newton verfasste seinen Text schlie\u00dflich auch in Auseinandersetzung mit dem Pariser Mai 1968. Die schwarzen Fahnen wehen im Geiste, Daniel Cohn-Bendit wird direkt adressiert und die mangelnde Bereitschaft zur Organisierung wird als zentrale Schw\u00e4che der Anarchist*innen grunds\u00e4tzlich kritisiert. Nun hat Murray Bookchin gleich im Januar 1969 aus anarchistischer Sicht auf diese Vorw\u00fcrfe reagiert und sie zur\u00fcckgewiesen. Zum einen kenne er, schrieb Bookchin damals in einem offenen Brief, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine AnarchistInnen, die nicht auch an Organisierung interessiert seien. Die Frage sei nicht, ob Organisation oder keine, \u201esondern welche Art von Organisation\u201c ((3)). Denn zum anderen habe schlie\u00dflich die stalinistische Franz\u00f6sische Kommunistische Partei, anders als Newton nahelegen w\u00fcrde, 1968 gerade nicht auf Seiten der Rebellierenden und \u201edes Volkes\u201c gestanden. Bookchin spricht sich f\u00fcr hierarchiefreie Komitees und gegen disziplinierende Parteien mit ihren Parteisoldaten \u2013 \u201estumpfsinnigen Robotern, Kreaturen autorit\u00e4ren Trainings\u201c ((4)) \u2013 aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bey greift diese Debatte allerdings nicht auf. W\u00e4re er auf den Newton-Bookchin-Austausch eingegangen, h\u00e4tte ihn das wohl auch von der falschen Behauptung abhalten m\u00fcssen, auch die Black Panther Party weise wie Black Lives Matter und die Street Transvestite Action Revolutionaries (STAR) eine innere Verbindung zum Anarchismus auf (\u201ebear affinities with anarchism\u201c, S. 90). Was Bey aber implizit aufgreift ist der anti-autorit\u00e4ren Impetus, der sich bei Bookchin \u00e4u\u00dfert. Gegen Disziplinierung und f\u00fcr rebellisches Alltagsleben, das kristallisiert sich auch als Beys Credo heraus. Es ist letztlich das, was er unter Blackness versteht. Indem er Schwarzsein so positiv als Haltung definiert \u2013 und weniger als gewaltf\u00f6rmige Zuschreibung \u2013, als \u201ekritische Art und Weise\u201c (\u201ecritical modality\u201c; S. 104), sich der Realit\u00e4t ver\u00e4ndernd entgegenzustellen, wendet er sich zu Recht gegen Biologismen aller Art. Es h\u00e4lt ihn aber zugleich davon ab, die Frage nach der Organisierung derjenigen zu stellen, die von staatlichen Normierungen und kapitalistischen Ausbeutungen ganz unterschiedlich marginalisiert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marquis Bey verkn\u00fcpft in seinem Pamphlet \u201eAnarcho-Blackness\u201c den Anarchismus mit queer-feministischer und Black Liberation-Theorie \u201eHierzulande meinen die Anarchisten\u201c, schrieb Huey P. 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