{"id":24910,"date":"2021-04-27T11:56:00","date_gmt":"2021-04-27T09:56:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/anarchist-ohne-adjektive\/"},"modified":"2021-05-10T09:29:58","modified_gmt":"2021-05-10T07:29:58","slug":"anarchist-ohne-adjektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/anarchist-ohne-adjektive\/","title":{"rendered":"Anarchist ohne Adjektive"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein Leben! Was f\u00fcr eine Erfahrung! Was f\u00fcr ein Buch! Theodor Plievier (1892-1955) begann sein Leben als Matrose. Per Segelschiff verschlug es ihn nach S\u00fcdamerika. Ausgerechnet Ende Juli 1914 kam er zur\u00fcck und wurde sofort f\u00fcr den Ersten Weltkrieg \u201egeschanghait\u201c ((1)). Von 1916 bis 1918 beteiligte er sich auf der Fregatte \u201eWolf\u201c an der Versenkung von 27 Handelsschiffen. Von dieser Kriegsschuld befreite er sich schnell. Noch auf der \u201eWolf\u201c lernte er die Freunde Karl Raichle und Gregor Gog kennen. Plievier fand mit ihnen durch Lesen an Bord zum Anarchismus: Der schmecke f\u00e4lschlich \u201enach Bomben und Gift, w\u00e4hrend es in Wirklichkeit nicht um Terror, sondern um die Freiheit des Individuums geht.\u201c\u00a0((2))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vom Matrosenaufstand bis zur \u201eRussischen Teestube\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Matrosen waren f\u00fcr Plievier zun\u00e4chst nur ausgebeutete Kulis ((3)). Sie entwickelten fr\u00fch ihre Kritik am Herr-Knecht-Verh\u00e4ltnis in der Marine. Die Revolution von 1918 erlebte Plievier als Soldatenrat auf einem Minensuchboot. Schnell setzten sich die drei Freunde noch im November 1918 in das damals idyllische Bad Urach ab, wo eine Phase des Vagabundenlebens und die erste kleine Ver\u00f6ffentlichung \u201eAnarchie\u201c folgten. Haug zeigt im Gegensatz zu den biografischen Darstellungen von Harry Wilde und Andreas Graf, dass Plievier diese Kreise schon 1920 wieder hinter sich gelassen hat, als er sich in Berlin bis 1923 an den anarchosyndikalistischen und anarchokommunistischen Milieus um die Zeitungen \u201eDer Syndikalist\u201c und \u201eDer freie Arbeiter\u201c beteiligte. Plievier lernte Rudolf Rocker kennen und trat als Agitator auf. Schnell wurde ihm jedoch der selbstgen\u00fcgsame anarchistische Publikationsrahmen zu eng und von 1922 bis 1925 produzierte er Flugschriften in Massenauflage. Gleichzeitig f\u00fchrte er eine \u201eRussische Teestube\u201c, in der sich vor bolschewistischer Repression gefl\u00fcchtete russische Anarchist*innen trafen. Ab 1926\/27 fand Plievier seine eigentliche Berufung: das Romaneschreiben, gelegentlich unterbrochen durch Malen und Zeichnen. Der Matrosenroman \u201eDes Kaisers Kulis\u201c erschien 1929 in Wieland Herzfeldes Malik-Verlag und wurde sofort zum Erfolg. Es folgte der Roman \u00fcber die 1918er-Revolution mit dem bezeichnenden Titel \u201eDer Kaiser ging, die Gener\u00e4le blieben\u201c (1932). Es kam zur Theaterzusammenarbeit mit Piscator und umfangreichen Lese-Rundreisen, etwa im Rahmen der \u201eGilde freiheitlicher B\u00fccherfreunde\u201c. Haug referiert die literarischen Debatten dieser Zeit mit ausf\u00fchrlichen Darstellungen der Rezensionen von Plieviers B\u00fcchern. Als Leser versinkt man geradezu in der Epoche.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das schwere Exil in der Sowjetunion 1934-45<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">1933 konnten Plievier und seine damalige zweite Frau Hildegard gerade noch den Nazis entkommen und fl\u00fcchteten mit der Hilfe libert\u00e4rer Genoss*innen nach Prag. Auf kurze Zeit dort folgten eineinhalb Jahre bis Mitte 1934 im Pariser Exil. Durch die exakten Aufzeichnungen Haugs von den Treffen Plieviers in seinen Exilstationen finden wir auch immer wieder Kontakte zu \u201egewaltlosen Anarchisten\u201c, etwa Anselm R\u00fcst ((4)), der bei von Qu\u00e4ker*innen organisierten Lesungen f\u00fcr den 1933 von Plievier mitgegr\u00fcndeten \u201eSchutzverband Deutscher Schriftsteller\u201c auftrat. Den f\u00fcr mich beeindruckendsten Teil des Buches macht dann das 11-j\u00e4hrige unfreiwillige Exil Plieviers in der Sowjetunion aus. Er nahm eine Einladung zum Moskauer Schriftstellerkongress im August 1934 an, dort lief jedoch sein Reisepass ab und er konnte die Sowjetunion als Staatenloser nicht mehr verlassen. F\u00fcr Plievier war diese Exilzeit besonders schwierig, weil er als Libert\u00e4rer nie in die Partei eintrat und immer wieder in fast ausweglose Lagen geriet, auch wenn seine Romane in Russisch erschienen. Auf diesem Moskauer Kongress verteidigte Plievier die \u201edeutsche Antikriegsliteratur\u201c so gut er konnte, musste allerdings auch einen f\u00fcr die kommenden Exiljahre typischen \u201eSpagat\u201c vollziehen, um \u201edie eigene freiheitliche Haltung mit der offiziellen, parteikommunistischen Linie einigerma\u00dfen in Einklang zu bringen\u201c, so Haug. ((5)) Theodor und Hildegard Plievier hatten in den Folgejahren immer wieder Gl\u00fcck, den stalinistischen S\u00e4uberungen, nicht nur von 1936, zu entgehen. So hielten sie sich ab 1936 in der Deutschen Wolgarepublik auf, fernab von direkter Bedrohung in Moskau und Leningrad. Gerade zur\u00fcck in Moskau, flohen die Plieviers 1941 in Panikstimmung vor der anr\u00fcckenden Nazi-Armee in einem \u201eSchriftstellerzug\u201c. ((6)) Die folgende Zeit bis Ende Mai 1942 in der Abgelegenheit und K\u00e4lte von Taschkent empfand Plievier als besonders schlimm. In ihnen fest zugewiesenen D\u00f6rfern sowie unter Hungersnot starben auch seine Weggef\u00e4hrten Gregor Gog (1945) und sein Malerfreund Heinrich Vogeler (1942). Flucht- und Selbstmordgedanken trieben Plievier um. Besch\u00fctzt wurde er in dieser Zeit durch Johannes R. Becher, in dessen Zeitschrift \u201eInternationale Literatur\u201c Plievier ver\u00f6ffentlichen konnte. Becher holte die Plieviers 1942 auch zur\u00fcck nach Moskau, um sie f\u00fcr Radiosendungen des Nationalkomitees Freies Deutschland zu engagieren und so zur Demoralisierung deutscher Truppen beizutragen. Noch in der Sowjetunion schrieb Plievier seinen bekanntesten Roman: \u201eStalingrad\u201c. Dabei vervollkommnete er sein Genre des dokumentarischen Romans und st\u00fctzte sich auf Feldpostbriefe und Gespr\u00e4che mit den gefangenen deutschen Soldaten der 6.\u00a0Armee.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vorl\u00e4ufer f\u00fcr ein f\u00f6deralistisches Europa von unten<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der letzte Teil der Biografie umfasst die Zeit nach Plieviers Absetzung in den Westen 1947. Nach schwierigem Fu\u00dffassen in der BRD konnte er in Wallhausen am Bodensee sesshaft werden. Seine Kritik am Staatssozialismus kam nun frei zum Ausdruck. Es entstanden die Romane \u201eMoskau\u201c, \u00fcber den Winterkrieg von 1941, sowie \u201eBerlin\u201c \u2013 \u00fcber die sowjetische Eroberung von 1945, wo er getreu seinem Wahrheitsideal erstmals die Massenvergewaltigung von Frauen durch die Rote Armee ansprach\u00a0((7)) Nun wurde Plievier von der kommunistischen Literaturkritik scharf verurteilt. Es kam zum sp\u00e4ten Bruch mit Becher und es gab sogar kommunistische Entf\u00fchrungsversuche. ((8)) Plievier setzte sich in Paris 1948 an der Seite von Sartre und Camus f\u00fcr ein f\u00f6deratives Europa und einen \u201eSozialismus von unten\u201c ((9)) ein. Beeindruckend, wie Plievier angesichts seiner Lebenserfahrung mit zwei Diktaturen, in denen er sowohl der Wahrheit, wider alle Orwell\u2018sche Verdrehung, als auch der Freiheit treu geblieben ist, in einem Interview von 1952 zum Schluss gelangt, es gehe \u201enur mit friedlichen Mitteln\u201c.\u00a0((10)) Plievier verstarb 1955 in seiner letzten Lebensstation in der Schweiz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was f\u00fcr ein Leben! Was f\u00fcr eine Erfahrung! Was f\u00fcr ein Buch! Theodor Plievier (1892-1955) begann sein Leben als Matrose. Per Segelschiff verschlug es ihn nach S\u00fcdamerika. 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