{"id":24913,"date":"2021-04-27T11:56:03","date_gmt":"2021-04-27T09:56:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/wie-aus-einer-selbsthilfegruppe-eine-szene-entstanden-ist\/"},"modified":"2021-05-04T16:03:42","modified_gmt":"2021-05-04T14:03:42","slug":"wie-aus-einer-selbsthilfegruppe-eine-szene-entstanden-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/wie-aus-einer-selbsthilfegruppe-eine-szene-entstanden-ist\/","title":{"rendered":"Wie aus einer Selbsthilfegruppe eine Szene entstanden ist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Veronika Kracher ist nicht zu beneiden. Offenbar hat sie sich monate- wenn nicht jahrelang an den dunkelsten, widerw\u00e4rtigsten Orten des Internets herumgetrieben, die so verachtens- wie bemitleidenswerten Ausfl\u00fcsse frustrierter M\u00e4nner in so genannten Incel-Foren verfolgt und \u00fcber eine Szene recherchiert, die f\u00fcr jeden f\u00fchlenden Menschen nur die H\u00f6lle auf Erden darstellen kann. Immerhin, es hat sich gelohnt. Ihr Buch \u201eIncels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults\u201c hat f\u00fcr einiges Aufsehen gesorgt. Kracher hat nicht nur die erste gr\u00f6\u00dfere deutschsprachige Recherche zu dem Thema vorgelegt, sondern es damit auch bis in die ZDF-\u201cKulturzeit\u201c und die ARD-Sendung \u201etitel thesen temperamente\u201c geschafft \u2013 v\u00f6llig zu Recht, das Buch ist \u00fcberaus lesenswert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst einmal: \u201eIncels\u201c steht f\u00fcr \u201einvoluntary celibate\u201c, also ungef\u00e4hr \u201eunfreiwillig z\u00f6libat\u00e4r\u201c und ist die Selbstbezeichnung haupts\u00e4chlich junger M\u00e4nner, die keinen Sex haben, obwohl sie gerne welchen h\u00e4tten. In Zeiten des Internets hat man sich nat\u00fcrlich schnell vernetzt und bald ist, wie Kracher zeigt, aus einer Selbsthilfegruppe eine Szene entstanden, die eine Ideologie voller Widerspr\u00fcche hervorbringt, sich dabei als leer ausgehendes Opfer eines einerseits sexbesessenen, andererseits \u00fcber alle Ma\u00dfen w\u00e4hlerischen Weltfrauentums geriert und sich gleichzeitig f\u00fcr die erleuchtete Krone der Sch\u00f6pfung h\u00e4lt. Was ihre Mitglieder dazu f\u00fchrt, sich jungfr\u00e4ulichen Sex mit dreizehnj\u00e4hrigen M\u00e4dchen herbeizuw\u00fcnschen und sich eine Phantasiewelt zurechtzuhalluzinieren, die bev\u00f6lkert ist von \u201eChads\u201c, die alle Frauen haben k\u00f6nnen, w\u00e4hrend alle anderen M\u00e4nner keine mehr abbekommen. Es ist also kompliziert und das vielleicht gr\u00f6\u00dfte Verdienst des Buches ist es, den Wahnsinn sowohl chronologisch, als auch analytisch zu ordnen und in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Best\u00fcrzende Ber\u00fchmtheit erlangten die Incels im Zuge mehrerer von Mitgliedern der Community ver\u00fcbten Terroranschl\u00e4ge. Kracher geht auf mehrere davon ein, insbesondere auf den Anschlag des wohl ber\u00fchmtesten Incel, Elliot Rodger, der bei seinem Terrorakt 2014 in Santa Barbara 6 Menschen ermordete und der, wie Kracher schreibt, in der Community als Heiliger und Held verehrt wird. Kracher macht sich viel M\u00fche damit, das von Rodger hinterlassene Manifest zu analysieren. Dabei offenbart sich die gro\u00dfe St\u00e4rke des Buches und allerdings auch eine Schw\u00e4che des Textes, dem ein etwas strengeres Lektorat gut getan h\u00e4tte. Kracher will vollkommen verst\u00e4ndlicher Weise nicht in den Verdacht geraten, so etwas wie Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die T\u00e4ter aufzubringen oder deren Taten zu relativieren. Ihr mitunter distanzloser Stil hat unbestreitbar den Vorteil, dass man zumindest ihren Ausf\u00fchrungen gerne folgt, auch wenn der Gegenstand bis zum \u00c4u\u00dfersten unertr\u00e4glich ist, aber Formulierungen wie \u201eIch habe es gelesen, damit ihr es nicht m\u00fcsst\u201c sind der Ernsthaftigkeit und der inhaltlichen Klasse ihrer Betrachtung nicht recht angemessen. Denn Krachers Analyse ist ausf\u00fchrlich, pr\u00e4zise und nachvollziehbar. So zeigt sie sehr anschaulich die extreme Ambivalenz in Rodgers Denken. Er schreibe einerseits \u201evon seiner \u00fcberlegenen Intelligenz, dem Reichtum seiner Familie, seiner Distinguiertheit, davon, dass ihm Dinge und Frauen zustehen, weil er ein \u00b4Supreme Gentleman\u00b4 ist, dieses Gef\u00fchl schwindet jedoch, wenn er damit konfrontiert wird, dass andere ihm, in egal welchem Aspekt, \u00fcberlegen sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt gilt f\u00fcr Krachers Buch: Je analytischer der Text wird, desto besser ist er. Statt unn\u00f6tig zu psychologisieren, versucht sie, den extremen M\u00e4nnlichkeitskult der Incels in den Gesamtkontext gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse zu stellen: \u201eNun ist es auch so, dass diese kapitalistischen und patriarchalen Verh\u00e4ltnisse dazu beitragen, dass man, statt sie progressiv zugunsten einer freien und solidarischen Gesellschaft \u00fcberwerfen zu wollen, eher autorit\u00e4re Charakterz\u00fcge entwickelt; (\u2026) Es ist also naheliegend, ohnehin schon gesellschaftlich designierte Feindbilder wie Frauen oder Juden f\u00fcr das eigene Leid verantwortlich zu machen, anstatt die jedem einzelnen Individuum gegen\u00fcber barbarische kapitalistische Gesellschaft (&#8230;).\u201c Womit der Zusammenhang zwischen einer anscheinend verr\u00fcckten Internetgemeinde und den ja ebenfalls gebrochenen Psychen der Mehrheitsgesellschaft hergestellt ist und die Incel-Ideologie nur als \u00dcbertreibung des ganz normal-monadischen sp\u00e4tkapitalistischen Alltagsunbehagens erscheint. So r\u00e4t Kracher der m\u00e4nnlichen Leserschaft, sie solle es hinnehmen, \u201edass ihre Psychosozialisation innerhalb dieser Verh\u00e4ltnisse total verkorkst (worden) ist. Es ist verdammt schwer, sich trotz der permanenten Vermittlung, eigentlich der Gipfel der Vernunft zu sein, (\u2026) der Erkenntnis zu stellen, dass man in Bezug auf Frauen ein sexualneurotisches, paranoides, \u00e4ngstliches und im Resultat sexistisches Wrack ist, das sich permanent von Frauen bedroht f\u00fchlt und sie deshalb patriarchaler Herrschaft unterwerfen muss.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Teil versucht sie eine konstruktive Synthese, sucht nach Ankn\u00fcpfungspunkten an Strategien zur Verhinderung dessen, was als toxische M\u00e4nnlichkeit in den Incels eine Extremform findet und verweist auf die Erziehung, dabei insbesondere auf \u201eGewaltfreiheit und Achtung vor Grenzen\u201c, aber: \u201eLetztendlich ist der einzige konsequente Kampf gegen die Incel-Ideologie der Kampf f\u00fcr eine solidarische, egalit\u00e4re und von den Zw\u00e4ngen des patriarchalen Kapitalismus befreite Welt.\u201c Die Lekt\u00fcre sei hiermit ausdr\u00fccklich empfohlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Veronika Kracher ist nicht zu beneiden. 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