{"id":24914,"date":"2021-04-27T11:56:03","date_gmt":"2021-04-27T09:56:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/asozial\/"},"modified":"2021-06-21T14:29:09","modified_gmt":"2021-06-21T12:29:09","slug":"asozial","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/asozial\/","title":{"rendered":"\u201eAsozial\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Von Anfang an galt nach dem \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs der Terror der Nationalsozialisten nicht nur politischen GegnerInnen, sondern auch Menschen, die sie als \u201eAsoziale\u201c bezeichneten: M\u00e4nner, die durch Kleinkriminalit\u00e4t auffielen, durch Alkoholismus, Wanderarbeit, Obdachlosigkeit oder Spielsucht, Frauen, denen \u201eArbeitsscheu\u201c und \u201eArbeitsbummelei\u201c angedichtet wurden und eine \u201elose Sexualmoral\u201c bis hin zur \u201emoralischen Minderwertigkeit\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Soziologinnen und Politikwissenschaftlerinnen Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr und Elke Rajal vertiefen und erweitern in \u201eStigma Asozial. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen, beh\u00f6rdliche Routinen und Orte der Verfolgung im Nationalsozialismus\u201c die von ihnen bereits im 2019 erschienenen Band \u201e\u201aArbeitsscheu und moralisch verkommen\u2018\u201c. Verfolgung von Frauen als \u201aAsoziale\u2018 im Nationalsozialismus\u201c geleistete Forschung zur Verfolgung als \u201easozial\u201c stigmatisierter Frauen in \u00d6sterreich, indem sie weitere Gaue in den Blick nehmen (Oberdonau, Steiermark) und die unterschiedlichen beh\u00f6rdlichen Vorgehensweisen im Verfolgungsprozess mit all ihren Verstrickungen (z.B. der Kriminalpolizei) nachvollziehbar machen. Dabei erhellen sie ein St\u00fcck weit, was konkrete Frauengeschichte im Nationalsozialismus auch bedeuten konnte: n\u00e4mlich, als Angeh\u00f6rige einer sozial prek\u00e4ren Schicht wegen der Armut, sozialen Unangepasstheit und angedichteten \u201esexuellen Devianz\u201c aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, oft auch zwangssterilisiert, inhaftiert, in Bewahranstalten weggeschlossen, in Arbeitslagern ausgebeutet oder gar als \u201eBallastexistenzen\u201c in Konzentrationslagern ermordet zu werden. Deutlich wird so, dass das \u201eAsozialenstigma\u201c f\u00fcr Frauen etwas anderes bedeutete als f\u00fcr M\u00e4nner, auch wenn es Gemeinsamkeiten gibt: so handelt es sich bei der Klassifizierung als \u201eAsoziale\u201c und \u201eGemeinschaftsfremde\u201c aus NS-Sicht immer um etwas, das angeboren und weitervererbt wird \u2013 soziale Merkmale werden also rassifiziert, es handelt sich um Sozialrassismus, den die Nationalsozialisten als Wissenschaft deklarieren. Herausgearbeitet wird auch, dass es eben nicht das Verhalten der Stigmatisierten ist, welches die Verfolgung ausl\u00f6st, sondern eine Art Unterschichtsekel, den die Nationalsozialisten empfanden: denn auff\u00e4llig ist, dass das der Stempel der \u201eAsozialit\u00e4t\u201c fast immer nur Menschen trifft, die extrem arm oder armutsgef\u00e4hrdet sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der zweiten H\u00e4lfte widmen sich die Autorinnen detailreich und sehr gut nachvollziehbar der beh\u00f6rdlichen Einweisungspraxis in die als \u201ekontaminierte Orte\u201c bezeichneten Anstalten der verschiedenen Gaue, wobei sie die Gewalt, der Frauen und M\u00e4dchen w\u00e4hrend dieser Zwangsaufenthalte ausgesetzt waren, veranschaulichen. Anhand von Fallbeispielen wird gezeigt, was das Stigma \u201easozial\u201c f\u00fcr einzelne verfolgte Frauen konkret bedeutete und welche Frauen \u00fcberhaupt betroffen waren: arme, unangepasste, alkoholkranke oder \u201earbeitsscheue\u201c Frauen, aber auch Frauen in der Prostitution oder als \u201eschlechte M\u00fctter\u201c bezeichnete Frauen und ehemalige F\u00fcrsorgez\u00f6glinge.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Es ist nicht das Verhalten der Stigmatisierten, welches die Verfolgung ausl\u00f6st, sondern eine Art Unterschichtsekel, den die Nationalsozialisten empfanden<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In \u201eStigma Asozial&#8220; gelingt die Gr\u00e4tsche zwischen theoretischer Abhandlung und Wiedersichtbarmachung Betroffener, und damit handelt es sich um einen wertvollen Beitrag bei der Aufarbeitung einer Opfergruppe, die lange nicht als solche anerkannt wurde. Denn auch wenn die Klassifizierung als \u201easozial\u201c im NS die markantesten Konsequenzen f\u00fcr Betroffene hatte (bis hin zum Tod), gab es sie auch schon zuvor und vor allem danach: Mit Rehabilitation oder gar Entsch\u00e4digung konnten Menschen, die als \u201easozial\u201c verfolgt worden waren, lange Zeit weder in der DDR (die die Verfolgung \u201eArbeitsscheuer\u201c lange fortsetzte) noch in der BRD oder in \u00d6sterreich rechnen. Im Gegenteil schloss man sie aus der Gemeinschaft der Verfolgten aus, da sie weder aus rassistischen, religi\u00f6sen, politischen oder weltanschaulichen Gr\u00fcnden verfolgt worden waren \u2013 und man hielt ihnen ihren \u201eLebenswandel\u201c vor, ganz so, als seien sie zu Recht verfolgt worden, nur leider von den \u201efalschen Leuten\u201c. Auch von anderen Opfergruppen wurden sie abgelehnt \u2013 insgesamt erlitten sie eine fortgesetzte Stigmatisierung, der in der Verfestigung ihres Ausschlusses aus der Gemeinschaft zum Tragen kam. Erst im Jahr 2005 wurde in \u00d6sterreich auch der Verfolgungsgrund \u201eAsozialit\u00e4t\u201c ins Opferf\u00fcrsorgegesetz aufgenommen. In Deutschland konnten sich derart Verfolgte seit Mitte der Achtziger an einen H\u00e4rtefonds wenden, was aus Scham aber nur wenige Verfolgte in Anspruch nahmen, zumal es sich um sehr geringe Summen handelte. Erst im Februar 2020 erkannte der Bundestag offiziell im NS-Staat wegen \u201eAsozialit\u00e4t\u201c verfolgte Menschen als Opfergruppe an. Dies betrifft mehr als 70.000 Menschen, die meisten leben nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wiedergutmachen (also: \u201eetwas wieder gut machen\u201c) oder entsch\u00e4digen (im Sinne von: \u201eden Schaden r\u00fcckg\u00e4ngig machen\u201c) l\u00e4sst sich nichts mehr, weder die Verfolgung im Nationalsozialismus noch die fortgesetzte Stigmatisierung oder der unw\u00fcrdige Umgang mit den Opfern danach. Aber die L\u00fccke, die bisher vor allem in der offiziellen Erinnerungs- und Gedenkkultur prangte, kann und sollte jetzt gef\u00fcllt werden: mit der Erhellung der Lebensl\u00e4ufe derjenigen Menschen, denen so lange vorgeworfen wurde, sie seien wegen ihres \u201eAsozialseins\u201c selber schuld an ihrer Verfolgung gewesen, und die so lange besch\u00e4mt und verschwiegen worden sind \u2013 und mit der Sichtbarmachung der beh\u00f6rdlichen Verstrickung in menschenfeindliche und sozialrassistische Verfolgungspraxen. Dazu leistet &#8222;Stigma Asozial\u201c einen wichtigen und vor allem gut lesbaren Beitrag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Anfang an galt nach dem \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs der Terror der Nationalsozialisten nicht nur politischen GegnerInnen, sondern auch Menschen, die sie als \u201eAsoziale\u201c bezeichneten: M\u00e4nner, die durch Kleinkriminalit\u00e4t auffielen, durch Alkoholismus, Wanderarbeit, Obdachlosigkeit oder Spielsucht, Frauen, denen \u201eArbeitsscheu\u201c und \u201eArbeitsbummelei\u201c angedichtet wurden und eine \u201elose Sexualmoral\u201c bis hin zur \u201emoralischen Minderwertigkeit\u201c. 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