{"id":24916,"date":"2021-04-27T11:56:04","date_gmt":"2021-04-27T09:56:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/chomskys-umsetzung-anarchistischer-ideen\/"},"modified":"2021-06-12T13:14:44","modified_gmt":"2021-06-12T11:14:44","slug":"chomskys-umsetzung-anarchistischer-ideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/chomskys-umsetzung-anarchistischer-ideen\/","title":{"rendered":"Chomskys Umsetzung anarchistischer Ideen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 7. Dezember 2020 erschien im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch, das sich ausdr\u00fccklich dem Anarchismus-Verst\u00e4ndnis Noam Chomskys widmet. Noam Chomsky pr\u00e4gte mit seiner Transformationsgrammatik zur Entstehung und zum Aufbau von Sprache die Linguistik ((1)). Sein Ansatz wurde weltweit zum Lehrgegenstand aller Studieng\u00e4nge, die sich mit Sprache und Spracherwerb auseinandersetzen. Seine Forschungen und seine Mitarbeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston seit 1955 sicherten ihm fr\u00fch internationale Aufmerksamkeit, die er politisch einsetzte, als er sich in der B\u00fcrgerrechtsbewegung gegen den Vietnamkrieg engagierte und damit seine zweite, ebenfalls \u00f6ffentlichkeitswirksame Rolle als Kritiker der US-Politik einnahm ((2)). Seine Medienkritik und Medienanalyse \u201eManufacturing Consent\u201c, \u201eConsent without Consent\u201c etc. in der er die Mechanismen blo\u00dflegte, wie in Demokratien Meinungsmanipulation eingesetzt wird und was sie bewirkt, kann als eine Art Vertiefung und Fortsetzung von George Orwells \u201eNewspeak\u201c gewertet werden. Auch wenn in den 1980er\/90er Jahren die gro\u00dfen Medien und Verlage ihm eher selten eine Plattform boten und es so schien, dass es manchmal etwas ruhiger um ihn wurde, bildete seine Kritik und Analyse der amerikanischen Au\u00dfenpolitik kontinuierlich den Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit, die gern von kleineren, linken und anarchistischen Verlagen, alternativen Radiostationen, den Zeitschriften der Gegen\u00f6ffentlichkeit und letztlich dem US TV-Sender \u201eDemocracy Now\u201c verbreitet wurde. Mit der Globalisierung und dem Entstehen des Weltsozialforums stieg das Interesse an ihm als einem langj\u00e4hrigen Sachkenner von Zusammenh\u00e4ngen, die oftmals die Frage aufwarfen, woher bezieht er all diese Insider-Informationen? Er selbst beantwortete diese Frage recht einfach: zum einen nutzt er alle offiziellen Quellen und zum zweiten kennt er weltweit andere Aktivist*innen, die sich ebenfalls Zugang zu Quellen in ihren L\u00e4ndern verschaffen und sich mit ihm im Austausch befinden. Das erkl\u00e4rt beispielsweise auch seine gute Sachkenntnis zu Israel. Die Anerkennung weltweit stieg, in Deutschland verlieh ihm die Carl-von-Ossietzky-Universit\u00e4t den gleichnamigen Preis, den er in Oldenburg pers\u00f6nlich ebenso gerne in Empfang nahm wie den Erich Fromm-Preis in Stuttgart.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Was treibt Chomsky an?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem die Frage nach den Quellen f\u00fcr seine Sachkenntnis gekl\u00e4rt ist, stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, was treibt ihn an? 1928 geboren, im 93. Lebensjahr, k\u00f6nnte er sich zur Ruhe setzen und niemand w\u00fcrde sich wundern. Stattdessen meldet er sich ununterbrochen zu Wort. Seit der rechtsnationalistischen Pr\u00e4sidentschaft Trumps, der vertieften Spaltung der US-Gesellschaft und den Gefahren durch die Wirtschaftspolitik der USA war seine Analyse besonders gefragt. Man kann davon ausgehen, dass es ihn stark umtrieb, was in dieser Zeit passierte, weil er in diesem Zusammenhang bereit war, entgegen einer puristischen Anarchismus-Haltung, staatliche Elemente wie die Sozialversicherungen als Schritt in eine bessere Richtung ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Insofern kommt das neue Buch von dem Herausgeber und \u00dcbersetzer Rainer Barbey zu seinem Anarchismus-Verst\u00e4ndnis genau zum richtigen Zeitpunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ein wenig irritiert ist, dass Barbey bei den Angaben zu den Texten zwar immer auf die amerikanischen Originale verweist, aber mit der Ausnahme von Kapitel 2 die bereits vorliegenden deutschen \u00dcbersetzungen nicht nennt. So ist das Kapitel 3 \u201eAnmerkungen zum Anarchismus\u201c beispielsweise 1974 als \u201eBemerkungen zum Anarchismus\u201c in dem edition suhrkamp B\u00e4ndchen \u201eAus Staatsraison\u201c in der \u00dcbersetzung von Burkhard Kroeber ver\u00f6ffentlicht worden. Das Kapitel 5 \u201eObjektivit\u00e4t und liberale Wissenschaft\u201c kam als \u201eObjektivit\u00e4t und liberales Gelehrtentum\u201c 1967 in der Suhrkamp Hardcover-Ausgabe \u201eAmerika und die neuen Mandarine\u201c in der \u00dcbersetzung von Anna Kamp heraus. Und das Kapitel 7 \u201eZiele und Visionen\u201c wurde unter diesem Titel 1997 von Michael Schiffmann f\u00fcr die Nr. 60 des \u201eSchwarzen Fadens\u201c \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barbey gibt in seinem zehnseitigen Vorwort einen gelungenen ersten Einblick in Chomskys Denken und rechtfertigt damit auch seine getroffene Auswahl. Den versammelten Texten auf den folgenden 200 Seiten liegt ein Menschenbild zugrunde, das als Erf\u00fcllung des Mensch-Seins die F\u00e4higkeit nach kreativer Selbst\u00e4u\u00dferung benennt. Jeder Mensch soll in der Lage sein, alle Aspekte seines Lebens und Denkens frei kontrollieren zu k\u00f6nnen. Diesem Ziel widerspricht f\u00fcr Chomsky in erster Linie die entfremdete Arbeit, der die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der Menschen unterliegt. In Diktaturen und im Staatssozialismus tritt dies offen zu Tage und l\u00e4sst sich nicht besch\u00f6nigen, deshalb betont Chomsky, dass auch in den Demokratien der Welt der Wirtschaftsbereich von jeder Mitbestimmung der Bev\u00f6lkerung ausgespart blieb. Die sogenannten repr\u00e4sentativen Demokratien beziehen ihren eh schon minimalen Anteil an Mitbestimmung nur auf den politischen Bereich, die Wirtschaft wird nicht tangiert. Stattdessen werden \u00fcber Sportsendungen, Sitcoms, ausgesuchte TV-Diskussionsrunden und auch \u00fcber das scheinbar harmlose Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen etc. die \u201erichtigen Wertvorstellungen\u201c und Denkweisen indoktriniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Kritik an den Methoden des vorherrschenden Kapitalismus speist sich aus den Beobachtungen und der Analyse von Ursachen und Wirkung. Die ideengeschichtliche Verankerung, aus der Chomsky seine Haltung zu den Erscheinungsformen und zur Wirkungsweise des Kapitalismus ableitet, nimmt er aus dem Anarchismus Michail Bakunins und Peter Kropotkins, dem Anarchosyndikalismus Rudolf Rockers und den Freiheitsgedanken Wilhelm von Humboldts. Dass letzterer seine Kritik der Macht nur am Staat und der Kirche festgemacht hat, sieht Chomsky der Epoche geschuldet. In Humboldts Zeit, so Chomsky, habe es noch keine ausgepr\u00e4gte wirtschaftliche Machtkonzentration gegeben, die die menschliche Freiheit derma\u00dfen einschr\u00e4nken konnte, wie dies in unserer Gegenwart m\u00f6glich wurde.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wirtschaftliche Macht als gr\u00f6\u00dfte Bedrohung der Freiheit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Chomsky in der wirtschaftlichen Macht jedoch die gr\u00f6\u00dfere Bedrohung f\u00fcr die menschliche Freiheit sieht, wurde erneut deutlich, als er die Entscheidungen Trumps \u2013 angefangen mit massiven Steuerentlastungen \u2013 zugunsten der Wirtschaftsvertreter und gegen die sozial Schwachen kritisierte und dabei den Sozialstaat als Zwischenschritt zur freien Gesellschaft in Kauf nahm. In diesem Zusammenhang verortet er im \u00dcbrigen die rechtspopulistische US-Partei der Libertarians auf Seiten Trumps und dessen republikanischen Nachbetern und nimmt deren Vertretern die von ihnen propagierten Freiheitsideale nicht ab. Die antistaatlichen Gesellschaftsvorstellungen etwa Murray Rothbards nennt er grauenvoll und hasserf\u00fcllt, weil an die Stelle des Staates ein r\u00fccksichtsloser Egoismus der Reichen und damit wiederum der einflussreichen Wirtschaftsf\u00fchrer treten w\u00fcrde. Chomsky sieht die origin\u00e4ren libert\u00e4ren Inhalte eindeutig mit freiheitlich sozialistischen Inhalten verkn\u00fcpft. Dabei nennt er bewusst Ideen, die im Anarchosyndikalismus und im R\u00e4tekommunismus entwickelt wurden und verweist wiederholt auf Rudolf Rocker, Rosa Luxemburg und Anton Pannekoek. Sp\u00e4testens ab 1917 diente die Idee der R\u00e4te, der Kollektivierung und der Selbstverwaltung als Modell f\u00fcr eine Kontrolle der Arbeit durch die Arbeitenden selbst und als Modell f\u00fcr eine Mitbestimmung der Menschen an ihren Wohnorten, sei es in der Stadt oder auf dem Land. Dass dies nicht eins zu eins auf heute \u00fcbertragen werden kann, versteht sich von selbst, aber als motivierender Ausgangspunkt f\u00fcr eine Anpassung an die heutigen Bedingungen und M\u00f6glichkeiten sollten diese Modelle zugunsten der Freiheit der Menschen weiterentwickelt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kritik an Chomsky, gerade auch von anarchistischer Seite, gilt den Zwischenschritten, die sich daraus ergeben k\u00f6nnen, dass man sich z.B. zugunsten einer \u201aKrankenversicherung f\u00fcr alle&#8216; auf sozialstaatliche Regelungen einl\u00e4sst, oder aus der Gegenwart: dass man \u2013 zumindest in der Anfangsphase der Pandemie \u2013 zugunsten der Gesundheit der Menschen im Land mit Hilfe staatlicher Politik teilweise gegen wirtschaftliche Interessen entschied, etwas was in der Folge dann wieder zur\u00fcckgenommen werden musste und zu dem \u2013 sich selbst permanent widersprechenden \u2013 kaum noch nachvollziehbaren Zickzackkurs gef\u00fchrt hat. Trotzdem gilt es zu bedenken, dass solche Fragen auch von einer freiheitlichen Gesellschaft beantwortet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong> Die ideengeschichtliche Verankerung, aus der Chomsky seine Haltung zu den Erscheinungsformen und zur Wirkungsweise des Kapitalismus ableitet, nimmt er aus dem Anarchismus Michail Bakunins und Peter Kropotkins, dem Anarchosyndikalismus Rudolf Rockers und den Freiheitsgedanken Wilhelm von Humboldts.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Chomsky geht kein Weg an einer guten Bildung vorbei; f\u00fcr ihn wurde auch die Soziale Revolution in Spanien 1936\/37 nur umsetzbar durch die ausgiebige und langj\u00e4hrige Bildungsarbeit der Anarchosyndikalist*innen in den Ateneos vor Francos Putsch. Ohne dieses \u201eHandwerkszeug\u201c w\u00e4re eine Kollektivierung in einer Industriestadt wie Barcelona genauso wenig m\u00f6glich gewesen wie die Kollektivierungen auf dem Land in Aragon, Katalonien, der Levante etc. F\u00fcr Chomsky schlie\u00dft sich hier beispielhaft ein Kreis, Humboldts Bildungsideal f\u00fcr alle Menschen, um sie zur Erhaltung der Freiheit zu bef\u00e4higen, Bakunins und Kropotkins Anarchismus als radikale und soziale Fortentwicklung des Liberalismus und Rockers rigorose Ablehnung jeder hierarchischen und totalit\u00e4ren Einflussnahme durch Parteien oder einer Symbiose von Staat und Partei f\u00fcr die Herausbildung einer freien Gesellschaft. Um diese zu erreichen werden Handlungen und Experimente hilfreich, die Erkenntnisse vermitteln, auch wenn sie innerhalb kapitalistischer Staaten ansatzweise ausprobiert werden. In diesem Sinn ist Rainer Barbey zuzustimmen, wenn er in der langwierigen Umsetzung anarchistischer Ideen bei Chomsky den behutsam vorgehenden reformistischen Anarchisten entdeckt. Denn Vorrang hat f\u00fcr Chomsky, dass m\u00f6glichst viele Menschen an Erfahrungen teilhaben, die vorgebliche Autorit\u00e4ten \u00fcberpr\u00fcfen und hinterfragen. In \u201eRadical Priorities\u201c schrieb er 1981: \u201eKeine Bewegung f\u00fcr eine soziale Ver\u00e4nderung kann hoffen ihr Ziel zu erreichen, bevor sie nicht in den Bev\u00f6lkerungsschichten verankert ist, die in jedem Bereich die produktive und kreative Arbeit machen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. Dezember 2020 erschien im Verlag Graswurzelrevolution ein Buch, das sich ausdr\u00fccklich dem Anarchismus-Verst\u00e4ndnis Noam Chomskys widmet. Noam Chomsky pr\u00e4gte mit seiner Transformationsgrammatik zur Entstehung und zum Aufbau von Sprache die Linguistik ((1)). 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