{"id":24918,"date":"2021-04-27T11:56:06","date_gmt":"2021-04-27T09:56:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/wie-der-corona-ausnahmezustand-auf-die-gesellschaft-wirkt\/"},"modified":"2021-06-06T13:26:36","modified_gmt":"2021-06-06T11:26:36","slug":"wie-der-corona-ausnahmezustand-auf-die-gesellschaft-wirkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/wie-der-corona-ausnahmezustand-auf-die-gesellschaft-wirkt\/","title":{"rendered":"Wie der Corona-Ausnahmezustand auf die Gesellschaft wirkt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mittlerweile ist Vieles zu Corona geschrieben worden, und es mag sich eine gewisse M\u00fcdigkeit einstellen. Seit \u00fcber einem Jahr vergeht kein Tag, ohne dass im Alltag die Folgen der Corona-Ma\u00dfnahmen zu sp\u00fcren sind. Nahezu alle Medien berichten unabl\u00e4ssig fast nur noch \u00fcber dieses eine Thema. Und ein Ende ist nicht absehbar. Aber auch wenn es vorbei ist, wird Vieles aufzuarbeiten und zu verstehen sein. Eines Tages werden die Ver\u00f6ffentlichungen aus den Zeiten der Pandemie als historische Nachschlagewerke dienen und kommende Generationen werden von Manchem die vorausschauende Hellsichtigkeit bewundern, \u00fcber Anderes verwundert den Kopf sch\u00fctteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als heute Betroffene und Lesende mache ich mir die Begrenztheit meines Einsch\u00e4tzungsverm\u00f6gens bewusst und bem\u00fche mich, der Versuchung zu widerstehen, das Gelesene vorschnell nach falsch oder richtig zu sortieren. Die beiden B\u00fccher, die ich hier bespreche, habe ich mit Interesse und kritischem Blick gelesen, jedoch ohne diesen Blick akribisch darauf zu verengen, ob ich irgendwelche Anhaltspunkte f\u00fcr Vorwerfbares finde. Angesichts der verbreiteten Unvers\u00f6hnlichkeit und oft vergifteten Diskurse in dieser Corona-Zeit habe ich mich vom vorschnellen Urteilen weg und zu fragendem Reflektieren hin bewegt. Von meiner momentanen Sicht bin ich \u00fcberzeugt, denke aber die M\u00f6glichkeit des eigenen Irrtums mit. Klare Leseempfehlung F\u00fcr beide hier besprochene B\u00fccher kann ich eine klare Leseempfehlung aussprechen. Dass es nahezu unm\u00f6glich ist sie zu lesen, ohne dass sich an der ein oder anderen Stelle Widerspruch regt, halte ich f\u00fcr eine Qualit\u00e4t. Denn wie langweilig w\u00e4re es, wenn ich meine Zeit damit verschwenden w\u00fcrde, mir nur Best\u00e4tigungen zu holen \u2013 wie k\u00f6nnte ich da Neues lernen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich interessiert auch die Zusammensetzung der Autor*innen nach Geschlecht. Meine Perspektive darauf mache ich hier transparent, denn manchmal ist das heute d\u00fcnnes Eis: Meine Schlussfolgerungen ziehe ich aus den Namen und den biografischen Angaben zu den Autor*innen. Dort habe ich keine Hinweise zum Dritten Geschlecht gefunden, weswegen ich alleine nach Frau\/Mann gez\u00e4hlt habe. Beide B\u00fccher sind m\u00e4nnerlastig, mit unterschiedlichem Schweregrad. Von den 20 \u201eLockdown 2020\u201c-Autor*innen sind 16 M\u00e4nner, 3 Frauen, und ein Kollektiv ohne weitere Angaben. In \u201eDie Welt nach Corona\u201c schreiben 35 M\u00e4nner, 20 Frauen, und ein m\u00e4nnerdominiertes Kollektiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide B\u00fccher sind nicht mehr ganz neu. \u201eLockdown 2020\u201c erschien im Sp\u00e4tsommer 2020, \u201eDie Welt nach Corona\u201c im Januar 2021. Jedoch stammen auch beim zweiten Buch nahezu die H\u00e4lfte der Beitr\u00e4ge aus dem Fr\u00fchjahr 2020, wurden bereits in (meist linken) Medien ver\u00f6ffentlicht und f\u00fcr das Buch teilweise aktualisiert. Beide B\u00fccher sind von den jeweils Verlagsverantwortlichen pers\u00f6nlich herausgegeben worden, verstehen sich als staats- und kapitalismuskritisch, haben jedoch unterschiedliche Zielrichtungen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Lockdown 2020.<\/h5>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wie ein Virus dazu benutzt wird, die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Herausgeber sch\u00e4tzen die Corona-Ma\u00dfnahmen \u201elangfristig als schlimmer ein als das Virus selbst\u201c. Sie kritisieren \u201ediffamierende Zuordnungen wie Verharmloser, Coronaleugner oder Gesundheitsgef\u00e4hrder\u201c und sind \u00fcberzeugt, dass \u201eder Kampf gegen eine Virusausbreitung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich instrumentalisiert wird\u201c. Dem wollen sie entschieden entgegentreten und betonen, dass dar\u00fcber \u201eEinigkeit der Autorinnen und Autoren dieses Bandes besteht\u201c. Der Beitrag des chinesischen Chuang-Blogs skizziert die Entstehung von Seuchen als Ergebnisse kapitalistischer Naturzerst\u00f6rung und gibt Einblicke in den Umgang mit Covid-19 in China. Die Regierung war nicht imstande, der Ausbreitung Einhalt zu gebieten und reagierte mit einer Mischung aus Repression und Einbindung der Bev\u00f6lkerung durch Aufrufe zu freiwilligem Engagement. \u00dcber die dramatische Situation in Italien berichtet Armando Mattioli. Es fehlte an allem, an Personal und an Betten und Schutzausr\u00fcstung. Nicht nur PatientInnen, sondern auch viele \u00c4rztInnen und Pflegekr\u00e4fte starben. Das Gesundheitssystem war seit Jahren drastisch kaputt gespart worden. Die \u201egesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Katastrophe\u201c sei nicht auf Corona zur\u00fcckzuf\u00fchren, \u201esondern auf die von der EU gew\u00fcnschte neoliberale Sparpolitik\u201c. Mit den Auswirkungen auf globale Lieferketten setzt sich Andrea Komlosy auseinander. Es k\u00e4me zwar zu Re-Nationalisierungen, aber auch zu \u201eG\u00fcterketten neuen Typs\u201c durch \u201eein kybernetisches Zeitalter selbst steuernder und miteinander kommunizierender Maschinen\u201c. Gesetze k\u00f6nnten die schlimmsten Ausw\u00fcchse in der Produktion regulieren, aber Menschen w\u00fcrden als Lieferanten von Daten bis in die Privatsph\u00e4re hinein verfolgt. Sicherheitspolitische Entwicklungen nimmt Joachim Hirsch in den Blick. Er zeichnet einen Bogen vom Deutschen Herbst \u00fcber den \u201eKampf gegen den Terror\u201c nach 9\/11 bis zum aktuell digitalgest\u00fctzten \u201eSicherheitsstaat 4.0\u201c. Verschw\u00f6rungstheorien erteilt er eine Absage, jedoch handele es sich \u201eum einen vielschichtigen Komplex von Interessen\u201c und es sei unwahrscheinlich, dass alle \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen wieder zur\u00fcckgenommen w\u00fcrden. Rolf G\u00f6ssner, der selbst jahrzehntelang zu Unrecht \u00fcberwacht wurde, kritisiert in aller notwendigen Sch\u00e4rfe die Grundrechtseinschr\u00e4nkungen als unangemessen. Er weist auf zweierlei Ma\u00df hin, angesichts des Sterbens auf dem Mittelmeer und \u201eoffiziell genehmigter deutscher Waffenexporte in Krisengebiete und an Diktaturen\u201c, denn es gehe doch dort \u201eebenfalls um Gesundheit und Menschenleben\u201c. Er kritisiert die Selbstentmachtung des Parlaments durch das Infektionsschutzgesetz, die Blanko-Erm\u00e4chtigung der Exekutive und eine vergiftete Diskussionskultur. Ulrike Baureithel reflektiert reale und imaginierte Ausschl\u00fcsse und Aussonderungen im Ausnahmezustand, als das Wegsperren \u00c4lterer und zu Risikopersonen erkl\u00e4rter Menschen zur ernsthaft diskutierten Option und teilweise auch zur Realit\u00e4t wurde. Sie referiert Positionen zur Triage und hinterfragt darin aufscheinende N\u00fctzlichkeitsvorstellungen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong> Eines Tages werden die Ver\u00f6ffentlichungen aus den Zeiten der Pandemie als historische Nachschlagewerke dienen und kommende Generationen werden von Manchem die vorausschauende Hellsichtigkeit bewundern, \u00fcber Anderes verwundert den Kopf sch\u00fctteln.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Beitr\u00e4ge befassen sich mit Fragen nach der Definition von Gesundheit und nach Evidenz, mit einem neuen kapitalistischen Akkumulationsmodell durch Digitalisierung, mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Seuchen und Hygiene bis hin zur \u201eGesundheitsdiktatur\u201c, mit linkem Konformismus und der Rolle der Medien. Es geht um grundlegende Themen wie Menschenw\u00fcrde, Leben und Tod. Auch die Situation von Kindern und Jugendlichen wird behandelt, und Auswirkungen auf den Kulturbereich und den Fu\u00dfball. Abschlie\u00dfend gibt es eine Sammlung von Zitaten zum Lockdown aus verschiedenen fachlichen und politischen Richtungen. Das Buch stellt Fragen und bezieht Positionen, die in wohltuendem Kontrast zur vermeintlichen Alternativlosigkeit staatlicher Ma\u00dfnahmen stehen. Dass es dabei vereinzelt zu \u00dcberzeichnungen kommen mag, erscheint als Reaktion auf die staatlich gesch\u00fcrte Panik nachvollziehbar.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Welt nach Corona.<\/h5>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Von den Risiken des Kapitalismus, den Nebenwirkungen des Ausnahmezustands und der kommenden Gesellschaft<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch dieser Band hat eine klare Ausrichtung. Es sei \u201enotwendig, sich mit den Grundbegriffen der Infektionswissenschaften vertraut zu machen\u201c, betont Herausgeber D. F. Bertz, \u201ewer allerdings die Corona-Krise in ihren verschiedenen Dimensionen ausleuchten will, kommt ohne kritisches Nachdenken \u00fcber \u00f6konomische, politische und soziale Verh\u00e4ltnisse und Zusammenh\u00e4nge nicht weit\u201c. Darin seien sich die Autor*innen einig, \u201eauch wenn sie etwa bei der Einsch\u00e4tzung des Notstandsregimes unterschiedlicher Meinung sein m\u00f6gen\u201c. Seine ausf\u00fchrliche Einleitung, die er mit 141 Quellenangaben versehen hat, versteht Bertz als eigenen Diskussionsbeitrag. Die menschengemachte Pandemie sei eine \u201eKatastrophe mit Ansage\u201c, Warnungen seien systematisch ignoriert worden. Die \u201eCorona-Skeptiker*innen\u201c verortet er daher zuerst im Staatsapparat. Statt um Vorsorge sei es um Haushaltsdisziplin im Sinne der Schuldenbremse gegangen. Als \u201eideeller Gesamtkapitalist\u201c h\u00e4tte der Staat dann versucht, \u201eeinen reibungslosen Kapitalverwertungsprozess zu gew\u00e4hrleisten\u201c. Um Schutz der Risikogruppen sei es nie gegangen. In den Altenheimen w\u00fcrden rund 120.000 Pflegekr\u00e4fte fehlen, \u201eum den Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen ein einigerma\u00dfen ertr\u00e4gliches Arbeiten und Leben zu erm\u00f6glichen\u201c. Er kritisiert die Schockstrategie des Innenministeriums und den einseitigen Freizeitlockdown, klassistische und rassistische Ma\u00dfnahmen und m\u00f6glicherweise sogar t\u00f6dliche Ausgangssperren. In der Pandemie sieht er ein \u201eMystifikationsspektakel des Staates, das eine nationale Schicksals- und Solidargemeinschaft \u00fcber die sozialen Gegens\u00e4tze hinweg beschw\u00f6rt\u201c. Das Buch versteht sich \u201eals pluralistischer, vielstimmiger Debattenbeitrag\u201c und Bertz betont: \u201eOffene, streitbare, aber solidarische Auseinandersetzungen \u00fcber emanzipatorische Perspektiven in Zeiten von (Post-)Corona, scheinen mir dringend geboten\u201c. Diesem Anliegen kann angesichts der Zerstrittenheit der gesellschaftlichen Linken nur zugestimmt werden. Der Sammelband, der in vier Kapitel gegliedert ist, leistet einen bemerkenswerten Beitrag dazu. Nachfolgend ein paar Beispiele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die CILIP-Redaktion zeigt in \u201eAusnahmezustand &amp; Gesundheitsnotstand\u201c, wie die Grundrechtseinschr\u00e4nkungen vor allem linke Proteste treffen, aber auch die Schwierigkeiten der Linken, eine Position dazu zu finden \u201eohne in den Ruf nach autorit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen einzustimmen\u201c. Johannes Hauer kritisiert die Kriegsmetapher, denn es gehe doch um Lebensrettung, w\u00e4hrend im Krieg Staaten gezielt t\u00f6ten w\u00fcrden. In \u201eCorona-Kapitalismus &amp; Sozialepidemiologie\u201c verdeutlichen Silke van Dyk, Stefanie Graefe und Tine Haubner, wie mit der Definition sogenannter Risikopersonen \u201eein altersbezogener, bipolarer \u201aWir\/Sie\u2018-Diskurs\u201c dominiere. Es gehe mehr um die Frage der Kosten des Schutzes als um Lebensqualit\u00e4t. In zwei Beitr\u00e4gen geht es um Verschw\u00f6rungstheorien. Natascha Strobl analysiert sozialdarwinistisches und \u00f6kofaschistisches Gedankengut von rechts, w\u00e4hrend Ingar Solty und Velten Sch\u00e4fer die Grauzonen ausleuchten, die als \u201ekonformistische Rebellion\u201c nach rechts tendieren. Es sei jedoch unpolitisch, \u201eganze soziale Felder schon bei Spuren \u201aunreinen\u2018 Denkens abzuschreiben\u201c. Die menschenrechtswidrige Fl\u00fcchtlingspolitik der EU und insbesondere von Deutschland prangert Ramona Lenz im Kapitel \u201eGlobale Seuche &amp; globale Krise\u201c an. Viele Beitr\u00e4ge geben Einblicke in die spezifische Situation von L\u00e4ndern rund um den Globus. Fast \u00fcberall bieten privatisierte und kaputtgesparte Gesundheitssysteme dem Virus eine offene Flanke. Demba Sanoh stellt den kolonialistischen Blick auf Afrika in Frage, wie er von Christian Drosten und Bill Gates formuliert wurde. Dem setzt er historische Tatsachen und aktuelle Beispiele f\u00fcr Selbsterm\u00e4chtigung entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ausblick in \u201eNeue Normalit\u00e4t &amp; Post-Corona\u201c f\u00e4llt durchwachsen aus. Am Beispiel von Impfstoffen zeigt Andreas Wulf, wie in Public-Private-Partnerschaftsmodellen immer mehr \u00f6ffentliche Gelder zu den Privaten flie\u00dfen. \u00dcber Arbeitsk\u00e4mpfe berichten Sebastian Scholz und Nina Friedrich. Sozial\u00f6kologische Perspektiven skizzieren Alex Demirovic und Lia Becker, wof\u00fcr \u201eeine gesellschaftliche Diskussion \u00fcber eine sozialistische Gouvernementalit\u00e4t dringend notwendig\u201c sei. Julia Fritzsche stellt patriarchalem Autonomiestreben und Individualismus als feministische Perspektive die Anerkennung von Abh\u00e4ngigkeiten entgegen, die zum Menschsein dazugeh\u00f6ren, denn \u201eMenschen sind abh\u00e4ngig und frei zugleich\u201c. Das umfangreiche Werk ist eine Fundgrube f\u00fcr die notwendige linke Kritik am staatlichen Umgang mit Corona, an dem die vielen Widerspr\u00fcche des Kapitalismus deutlich werden. Es zeigt dar\u00fcber hinaus reale K\u00e4mpfe und m\u00f6gliche solidarische Perspektiven.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile ist Vieles zu Corona geschrieben worden, und es mag sich eine gewisse M\u00fcdigkeit einstellen. Seit \u00fcber einem Jahr vergeht kein Tag, ohne dass im Alltag die Folgen der Corona-Ma\u00dfnahmen zu sp\u00fcren sind. Nahezu alle Medien berichten unabl\u00e4ssig fast nur noch \u00fcber dieses eine Thema. Und ein Ende ist nicht absehbar. 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