{"id":24920,"date":"2021-04-27T11:56:07","date_gmt":"2021-04-27T09:56:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/andersgemachtwerden\/"},"modified":"2021-06-29T10:51:51","modified_gmt":"2021-06-29T08:51:51","slug":"andersgemachtwerden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/andersgemachtwerden\/","title":{"rendered":"\u201eAndersgemachtwerden\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ostdeutsche und migrantische Perspektiven sind im deutschen politischen Diskurs unterrepr\u00e4sentiert. Dabei handelt es sich in beiden F\u00e4llen um gro\u00dfe Minderheiten: Die Ostdeutschen und die Deutschen mit Migrationshintergrund machen jeweils rund 25 Prozent der Bev\u00f6lkerung aus. Naika Foroutan und Jana Hensel zeigen in ihrem Buch eindr\u00fccklich, wie sehr sich die Mehrheitsgesellschaft dennoch als \u201enicht ostdeusch\u201c und auch als \u201enicht migrantisch\u201c versteht. Beides wird aus dem, was als \u201erichtig deutsch\u201c gilt, ausgeschlossen \u2013 was nat\u00fcrlich h\u00e4ufig nicht explizit gesagt, sondern eher subtil unterstellt wird. Beide Autorinnen sind in den 1970er Jahren geboren und geh\u00f6ren zu jeweils einer dieser Gruppen. Naika Foroutan ist im Iran aufgewachsen und als Jugendliche nach Deutschland gekommen. Jana Hensel ist in der DDR geboren und als Jugendliche sozusagen ebenfalls migriert, n\u00e4mlich in das wiedervereinigte Deutschland. In ihrem dialogisch inszenierten Buch tauschen sie sich auf \u00e4u\u00dfert kluge Weise \u00fcber ihre Erfahrungen mit ihrem jeweiligen \u201eAndersgemachtwerden\u201c aus.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Neben dem Inhalt ist die Form eine zweite gro\u00dfe St\u00e4rke des Buchs. Vielleicht sollte es Schule machen, Themen zu bearbeiten, in dem man sie in sachlichen, kontroversen und aneinander interessierten Dialogen verhandelt. Jedenfalls macht es gro\u00dfen Spa\u00df, diesen zwei Frauen beim gemeinsamen Denken \u201ezuzuschauen\u201c.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch ist tats\u00e4chlich als Dialog an drei Wochenenden entstanden. Foroutan und Hensel entfalten darin verschiedene Aspekte des Themas, auch aus ihrer unterschiedlichen professionellen Perspektive. Naika Foroutan ist Soziologin und forscht zu Migrationsthemen, Jana Hensel ist Journalistin und schreibt viel \u00fcber Ostdeutschland. Beide setzen sich dabei immer wieder mit 30 Jahren (gesamt-) deutscher Geschichte auseinander. Inwiefern kann man Erfahrungen von ostdeutschen und Menschen mit Migrationshintergrund vergleichen (und inwiefern auch nicht)? Was ist eigentlich in den 1990er Jahren passiert, als sich das heutige \u201eDeutschland\u201c herausgebildet hat? Wie hat sich die Wiedervereinigung auf Menschen mit Migrationshintergrund ausgewirkt, die schon hier lebten? Was passierte, als t\u00fcrkeist\u00e4mmige Menschen pl\u00f6tzlich wieder als \u201eFremde\u201c wahrgenommen wurden, weil die Ostdeutschen im Vergleich zu ihnen als \u201erichtige Deutsche\u201c galten? Wo erleben die beiden Gruppen \u00e4hnliche Erfahrungen des Ausschlusses? Ist die Wiedervereinigung tats\u00e4chlich die Erfolgsgeschichte, als die sie verkauft wird, oder ist sie das nur aus einer biodeutsch-westlichen Perspektive? Und: Was bedeuten eigentlich Revolutionen? Beide Autorinnen sind ja durch revolution\u00e4re Ereignisse, an denen ihre Eltern aktiv teilgenommen haben, in die heutige Situation katapultiert worden: Foroutan durch die Revolution im Iran, die ihre Eltern zur Flucht zwang, Hensel durch die Revolution in Ostdeutschland. Wie k\u00f6nnen solche Erfahrungen Teil der gesamtdeutschen Geschichte werden, und was w\u00fcrde es f\u00fcr die Zukunft Deutschlands bedeuten, wenn die angeblich \u201eanderen\u201c erkannt und anerkannt w\u00fcrden als das, was sie sind, n\u00e4mlich durchaus \u201etypisch deutsch\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die in diesem Buch festgehaltenen Beobachtungen sind klug, originell, und es ist ungeheuer interessant zu verfolgen, was die beiden Autorinnen miteinander besprechen. Einig sind sie sich dabei keineswegs immer, es gibt deutliche Differenzen und unterschiedliche Einsch\u00e4tzungen. Neben dem Inhalt ist die Form eine zweite gro\u00dfe St\u00e4rke des Buchs. Vielleicht sollte es Schule machen, Themen zu bearbeiten, in dem man sie in sachlichen, kontroversen und aneinander interessierten Dialogen verhandelt. Jedenfalls macht es gro\u00dfen Spa\u00df, diesen zwei Frauen beim gemeinsamen Denken \u201ezuzuschauen\u201c. Spannend ist vor allem auch, wie sie f\u00fcreinander jeweils die Position der Mehrheitsgesellschaft einnehmen, es handelt sich keineswegs um einen Austausch unter Marginalisierten. Sondern Foroutan repr\u00e4sentiert f\u00fcr Hensel die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft, w\u00e4hrend Hensel ihr gegen\u00fcber als wei\u00dfe Frau Teil der Mehrheitsgesellschaft ist. Eminent wichtig sind die \u00dcberlegungen der beiden auch in Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen wie dem parlamentarischen Erfolg der Rechtsradikalen und der Etablierung der AfD als feste Gr\u00f6\u00dfe im Parteienspektrum. Was ist schief gelaufen in der Vergangenheit? K\u00f6nnen wir Ursachen finden, die helfen, gegenzusteuern? Wo wurden falsche Entscheidungen getroffen? Vielen im Westen zum Beispiel ist gar nicht klar, was f\u00fcr ein gro\u00dfer Einschnitt die Einf\u00fchrung von Hartz 4 in Ostdeutschland gewesen ist, und wie gro\u00df die Ungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschen nach wie vor ist in Bezug auf politischen und gesellschaftlichen Einfluss, aber auch in Bezug auf Verm\u00f6gen und Einkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem findet man sachliche Hinweise, Informationen zu Studien und weiterf\u00fchrender Literatur, sodass man jeden einzelnen Punkt bei Interesse vertiefen kann, und im letzten Kapitel gibt es Ausblicke und Ideen, worauf es jetzt ankommt. Fazit: Ein wirklich gro\u00dfer Wurf und ein Muss f\u00fcr alle, die \u201eDeutschland\u201c verstehen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostdeutsche und migrantische Perspektiven sind im deutschen politischen Diskurs unterrepr\u00e4sentiert. 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