{"id":2493,"date":"1999-03-01T00:00:47","date_gmt":"1999-02-28T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2493"},"modified":"2022-07-26T13:56:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:58","slug":"der-lange-marsch-der-68er-zur-nationalen-rechten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/03\/der-lange-marsch-der-68er-zur-nationalen-rechten\/","title":{"rendered":"Der lange Marsch der 68er zur nationalen Rechten"},"content":{"rendered":"<p>Der lange Marsch durch die Institutionen nach der Revolte 1968 war ein Marsch in den Reformismus, rein ins System &#8211; das wu\u00dften AnarchistInnen schon lange. Und heute hat es sich best\u00e4tigt: 68er stellen viele Posten in der Regierung bis hin zum Regierungschef und Au\u00dfenminister.<\/p>\n<p>So weit, so schlecht. Es geht aber auch noch schlimmer: unter altlinken APO-Machos ist nun gar ein Streit um rechtsextreme Aktivit\u00e4ten ausgebrochen. Bei manchen machte der Marsch im System gar nicht mehr halt, sondern ging gleich weiter durch zur rechtsextremen &#8222;Systemkritik&#8220;.<\/p>\n<p>Da\u00df Klaus Reiner R\u00f6hl, als &#8222;Konkret&#8220;-Chef zur Zeit Meinhofs ein Vorg\u00e4nger Gremlizas, heute in der &#8222;Jungen Freiheit&#8220; vornehmlich r\u00fcde antifeministische Artikel schreibt, da\u00df Rainer Zitelmann aus den Reihen des Kommunistischen Bundes stammt, war schon l\u00e4nger bekannt. Auch da\u00df Horst Mahler, ein Mitbegr\u00fcnder der Roten Armee- Fraktion, ideologisch schon l\u00e4nger durchgedeht ist, mu\u00dfte nicht erst durch seinen Aufruf im &#8222;Focus&#8220;, er wolle eine &#8222;nationale Sammlungsbewegung&#8220; (vgl. taz, 17.2.99) gr\u00fcnden, bewiesen werden.<\/p>\n<p>Schlimm allerdings nun, da\u00df ein nicht unwichtiger 68er wie Bernd Rabehl, heute &#8211; nach seinem Marsch durch die Institutionen &#8211; immerhin Soziologieprofessor an der Freien Universit\u00e4t Berlin, sich jetzt daf\u00fcr einsetzte, da\u00df ein solcher Wirrkopf wie Mahler einen Lehrauftrag am Otto- Suhr-Institut (OSI) der FU bekommen sollte. Absurderweise verhinderte nun eine Initiative eher liberaler Professoren mit nationalismuskritischer Haltung (Funke, St\u00f6ss) dieses nationalistische Protegieren des &#8222;Altlinken&#8220; Rabehl und damit Mahlers Anstellung (vgl. FR, 18.2.).<\/p>\n<p>Die politische Realit\u00e4t, das m\u00f6chte ich an dieser Stelle einmal fast schon verzweifelt anmerken, ist allzuoft besonders schizophren und ich frage mich tats\u00e4chlich manchmal, ob wir gewaltfreien AnarchistInnen nicht vielleicht \u00fcberhaupt noch die einzig vern\u00fcnftig denkenden Menschen in diesem Lande sind.<\/p>\n<p>Rabehl tritt inzwischen gar als Referent bei rechtsextremen Burschenschaften wie der Danubia\/M\u00fcnchen auf. Dort sagte er unter dem Titel &#8222;1968 &#8211; Symbol und Mythos&#8220; zum Beispiel: &#8222;Der Zuzug hochorganisierter und gleichzeitig religi\u00f6s oder fundamentalistisch ausgerichteter Volksgruppen bedroht den ethischen und moralischen Zusammenhalt der zentraleurop\u00e4ischen V\u00f6lker.&#8220; (zit. nach FR) Die Deutschen w\u00fcrden sich dagegen noch nicht mal wehren, so Rabehl, weil sie aufgrund der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg an einen &#8222;Schuldpranger&#8220; gestellt worden und zu einem &#8222;Volk ohne Kultur&#8220;, d.h. mit von au\u00dfen kommender US-Kultur, herabgesunken seien. Damit nicht genug, interpretiert Rabehl die 68er Geschichte um in einen nationalen Aufstand, der haupts\u00e4chlich antiamerikanisch wie auch antirussisch gewesen sei. Dieser nationalrevolution\u00e4re Aufstand habe sich, so Rabehl, legitimerweise sowohl auf Marx\/Engels wie auch auf den SPD-Nachkriegs-Chef Schumacher berufen k\u00f6nnen. Sogar Rudi Dutschke habe die nationale Frage bejaht (alles nach FR).<\/p>\n<p>Mit diesen Thesen k\u00f6nnte sich Rabehl direkt neben die CDU-St\u00e4nde mit ihrer rassistischen Unterschriftensammlung stellen oder in die publizistische Einheitsfront zur Ausweisung aller hier lebenden KurdInnen einreihen.<\/p>\n<p>Die nationalrevolution\u00e4re Vereinnahmung Dutschkes durch Rabehl rief nun ehemalige GenossInnen wie Ekkehart Krippendorff, Hanna Kr\u00f6ger oder Gisela Richter auf den Plan, die einen Aufruf lancierten, in dem sie sich von der nationalistischen Umdeutung der 68er-Geschichte durch Rabehl distanzierten.<\/p>\n<p>In einem Interview mu\u00dfte allerdings selbst Gretchen Dutschke-Klotz, Ehefrau und Biographin von Rudi Dutschke, zugeben, da\u00df es nationalistische Tendenzen bei Dutschke gegeben hat. Zwar wehrt auch sie sich gegen Vereinnahmung und meint, mit Chauvinismus habe Dutschke nichts im Sinn gehabt, aber sie zitiert gleichwohl eine Passage, in der Dutschke zur Beschreibung der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse in Deutschland von &#8222;Amerikanisierung und Russifizierung&#8220; sprach, die den Deutschen &#8222;nach dem Zweiten Weltkrieg in verschiedenster Art und Weise aufgepfropft&#8220; worden seien. Au\u00dferdem bezeugt sie, da\u00df sich Dutschke damals keineswegs mit der Shoah auseinandersetzte, sondern die damals \u00fcblichen und heute doch recht platt anmutenden Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze eines Zusammenhangs des deutschen Nationalsozialismus mit &#8222;dem Monopolkapital&#8220; vertrat (vgl. taz, 17.2.).<\/p>\n<p>Es gibt heute einen in weiten Kreisen kulturhegemonialen rechten Diskurs. Noch vor einem Jahr mu\u00dfte Rainer Zitelmann seine These von der &#8222;selbstbewu\u00dften Nation&#8220; und sein von der b\u00fcrgerlichen Presse kritisiertes Buch als randst\u00e4ndige Position betrachten, heute benutzt Schr\u00f6der in seinen Reden diesen Begriff auf nahezu selbstverst\u00e4ndliche Weise.<\/p>\n<p>Es hat einmal eine autorit\u00e4r-linke Kritik zur Frage gegeben, wo denn die Anteile sozialer Bewegungen am wachsenden Nationalismus liegen: manche gingen dabei auf 1989 zur\u00fcck, sp\u00fcrten nationalistische Tendenzen bei der Vereinigungsbewegung auf &#8211; zu Recht &#8211; und verdammten dabei pauschal die gewaltfreie Massenbewegung, die zum Sturz Honeckers f\u00fchrte: zu Unrecht. Andere meinten bei der Friedensbewegung der 80er Jahre f\u00fcndig zu werden &#8211; zu Recht &#8211; und sprachen ihr damit jeglichen emanzipatorischen und oppositionellen Charakter ab: zu Unrecht. An die 68er-Bewegung selber hat aber noch kaum jemand gedacht, weil von dort die autorit\u00e4ren Kritiker meist selber herkamen. Ihre eigene Bewegung war ihnen sakrosankt &#8211; zu Unrecht. Es geht nun keineswegs darum, die 68er Bewegung pauschal als nationalistisch zu verdammen und damit Mahler, Rabehl und Konsorten nachtr\u00e4glich noch Recht zu geben, es geht aber sehr wohl um eine selbstkritische Aufarbeitung derjenigen Tendenzen, die schon damals nationalistisch, elit\u00e4r, rassistisch waren &#8211; \u00fcber die wenigstens halbwegs inzwischen zugestandenen patriarchalen Tendenzen hinaus. Zum Beispiel gibt es diesen Widerspruch, da\u00df die Infragestellung von Auschwitz angeblich mit der 68er Generation begonnen habe, da\u00df sich allerdings von einer wirklichen theoretischen Auseinandersetzung mit Antisemitismus und mit der politischen Dimension von Auschwitz in den Schriften ihrer Haupttheoretiker bis in die 70er Jahre hinein kaum etwas findet. Konjunktur hatten dagegen die Monopolkapitalismus- Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze oder bald auch ein antizionistischer Rassismus in der internationalen Pal\u00e4stina-Solidarit\u00e4t. Die tats\u00e4chliche Aufarbeitung der Shoah kam erst sp\u00e4ter und zum Teil sogar von anderen Spektren. Wie ist das zu erkl\u00e4ren? Welche ideologischen Versatzst\u00fccke haben die 68er in die politische Kultur eingebracht, die von vorneherein antiemanzipatorisch waren? Und warum? Das sind die Fragen, die sich die kritischen KritikerInnen (von Pohrt \u00fcber Els\u00e4sser zu Ditfurth und Tolmein), die immer triumphalistisch meinten, bei der westdeutschen Friedensbewegung oder bei 1989 den Beginn des linken Nationalismus aufgedeckt zu haben, einmal selbst stellen sollten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der lange Marsch durch die Institutionen nach der Revolte 1968 war ein Marsch in den Reformismus, rein ins System &#8211; das wu\u00dften AnarchistInnen schon lange. 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