{"id":25048,"date":"2021-05-06T16:34:17","date_gmt":"2021-05-06T14:34:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=25048"},"modified":"2021-05-18T20:51:09","modified_gmt":"2021-05-18T18:51:09","slug":"antifa-ist-kopfarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/05\/antifa-ist-kopfarbeit\/","title":{"rendered":"Antifa ist Kopfarbeit"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-25051 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Poster-UMDGW-A5-CMYKklein.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"353\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Poster-UMDGW-A5-CMYKklein.jpg 250w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Poster-UMDGW-A5-CMYKklein-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Poster-UMDGW-A5-CMYKklein-106x150.jpg 106w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/>Nichts soll in \u201eUnd morgen die ganze Welt\u201c \u00fcberinszeniert wirken, nichts artifiziell, die Regisseurin verzichtet weitgehend auf Farbfilter und Score, so erinnert der Film \u00e4sthetisch fast an einen Dokumentarfilm inklusive der obligatorischen Wackelkamera.<\/p>\n<p>Trotz aller formaler Bem\u00fchungen will das mit der links-alternativen Authentizit\u00e4t aber nicht recht hinhauen und es ist schon wirklich erstaunlich, dass von Heinz, die ja angibt, in diesem Film ihre eigene Antifa-Vergangenheit aufzuarbeiten, offenbar w\u00e4hrend dieser wenig davon mitbekommen hat, dass links-alternatives Engagement zu einem Gro\u00dfteil in politischer Bildung und Diskurs einerseits und t\u00e4tiger sozialer Hilfe andererseits besteht. Und wer mal ein autonomes Zentrum von innen gesehen hat, wei\u00df eigentlich auch, dass die linke Szene durchaus keine besonders jugendliche ist, sondern hier alle Generationen vertreten sind, auch viele \u00e4ltere. In \u201eUnd morgen die ganze Welt\u201c sehen wir stattdessen eine wild feiernde und v\u00f6gelnde Gruppe junger Student:innen, die zwischen \u201eNeonschwarz\u201c-Konzert, Kokshinterzimmer und Kampftraining Nazis angreift, deren Autos zerst\u00f6rt und in einen wilden R\u00e4uberpistolen-Plot ger\u00e4t.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em> Von Heinz l\u00e4sst keine Zweifel daran, wo sie steht und dass sie nichts von Hufeisentheorien h\u00e4lt und dieses Insistieren darauf ist auch \u00fcberzeugend inszeniert.<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 1rem;\">Dazwischen entgleitet der Regisseurin die M\u00f6glichkeit, so etwas wie Erkenntnis hinsichtlich ihrer filmisch aufgeworfenen, durchaus wichtigen Fragen erlangen zu k\u00f6nnen, weshalb auch die Figuren klischeehaft, die gezeigten Vorg\u00e4nge unwahrscheinlich und die Auseinandersetzung oberfl\u00e4chlich wirken. Keine brave Studentin aus gutb\u00fcrgerlichem Haus wie die Protagonistin Luisa (Mala Emde) wird sich mit Nazischl\u00e4gern anlegen, weil ihr von einer Freundin ein vollgestelltes Hinterzimmer in einer Party-WG angeboten wird. Linkes Engagement, insbesondere antifaschistisches, gr\u00fcndet nicht in erster Linie \u201eauf einem Lebensgef\u00fchl\u201c, sondern auf politischen \u00dcberzeugungen und die fallen nicht vom Himmel, sondern entspringen intellektuellen Auseinandersetzungen, Reflexionen, Analysen. W\u00e4re es anders, dann w\u00e4re der ber\u00fchmteste aller Kleinb\u00fcrgerkalenderspr\u00fcche, wonach kein Herz habe, wer in der Jugend nicht links sei, jedoch keinen Verstand, wer das sp\u00e4ter nicht ablege, nicht so unsinnig wie er ist.<\/span><\/p>\n<p>Von Heinz zitiert diesen Spruch in einer Szene, in der der Schlamassel, in dem der Film steckt, sichtbar wird. Denn der spie\u00dfb\u00fcrgerliche Vater der Protagonistin Luisa spricht genau diesen Dummsatz, ohne dass irgendeine angemessene Reaktion seiner Tochter darauf folgen w\u00fcrde. Stattdessen schmiegt sie sich an ihn und bittet ihn, sein Auto leihen zu d\u00fcrfen. F\u00fcr die Figur Luisa mag solches Verhalten plausibel sein, in der von dem Film formal verzweifelt beschworenen Realit\u00e4t w\u00fcrde eine Aktivistin, die bereit ist, gef\u00e4hrliche direkte Aktionen durchzuf\u00fchren und sich mit Nazischl\u00e4gern anzulegen, dem Spie\u00dferopa etwas husten und auf dessen Bonzenauto pfeifen, Erzeuger hin oder her. Das kann von Heinz\u00b4 Protagonistin aber nicht, daf\u00fcr h\u00e4tte man sie als in erster Linie politisch motivierte und ernsthaft politisierte Figur entwickeln m\u00fcssen. Dann w\u00e4re auch klar geworden, dass der Auseinandersetzung zwischen links und rechts ein politischer Konflikt zugrundeliegt, der letztlich darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, ob man (fetischistische) Herrschaftsformen wie das kapitalistische Regime des \u201eautomatischen Subjekts\u201c, die immer gewaltsam abgesichert sein m\u00fcssen und die M\u00f6glichkeit faschistischer Macht\u00fcbernahmen in sich tragen, affirmiert, oder sie durch eine freie Gesellschaft und eine \u00d6konomie mit von der Allgemeinheit demokratisch kontrollierten Produktionsmitteln ersetzen will. Dann h\u00e4tte auch klar werden k\u00f6nnen, dass die gesellschaftlichen Frontlinien nicht eine \u201epolitische Mitte\u201c von Links- und Rechtsradikalen trennen, sondern der Faschismus eine Extremform kapitalistischer Ausbeutung ist und der \u201eb\u00fcrgerlichen Mitte\u201c entspringt. Dann h\u00e4tte klar werden k\u00f6nnen, dass es bei linken K\u00e4mpfen um einen Konflikt ums Ganze geht und nicht um das schlechte Gewissen sozialromantisierter B\u00fcrgerkinder.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/442337485\" width=\"100%\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/vimeo.com\/442337485\">UND MORGEN DIE GANZE WELT &#8211; Kinotrailer<\/a> from <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/thescreeners\">THE SCREENERS<\/a> on <a href=\"https:\/\/vimeo.com\">Vimeo<\/a>.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang entgeht dem Film aber weitgehend.<\/p>\n<p>Luisa kommt in das oben beschriebene linke Wohnprojekt, schlie\u00dft sich bald antifaschistischen Aktionen an, erlebt auf einer Demo (sexualisierte) Gewalt, wird von dem Andreas Baader-Verschnitt Alfa (der junge Mann, gespielt von Noah Saavedra, hei\u00dft im Film wirklich so) vor einem weitergehenden \u00dcbergriff eines Nazischl\u00e4gers bewahrt und kann dabei ein Aktionshandy der Rechten klauen, wodurch die Gruppe Informationen \u00fcber einen bevorstehenden rechten Pogrom erh\u00e4lt, den es nun zu verhindern gilt. Sie verfolgen die Nazis, finden in deren Unterschlupf Sprengstoff, entwenden diesen und geraten &#8211; offenbar geh\u00f6rte das Dynamit V-Leuten des Verfassungsschutzes &#8211; ins Visier des staatlichen Repressionsapparates. Bald stehen existenzielle Fragen f\u00fcr die eigene Karriereplanung auf dem Programm.<\/p>\n<p>Auch wenn das eigentliche Anliegen des Films wie gesagt daran scheitert, dass er radikal linkes Engagement nicht nachvollziehbar als radikal politisch motiviert, bekommt er im dritten Akt in mancher Hinsicht doch die Kurve.<\/p>\n<p>Luisa ger\u00e4t in einen rechten Liederabend zwischen eine Horde Nazis, die, wo sie sich unter sich w\u00e4hnen, gemeinsam ihr Lieblingslied schmettern: \u201eDas ist kein Mensch, das ist ein Jud, frag nicht lang nach, mach ihn kaputt\u201c und in einer anderen Zeile \u00fcber Schwarze: \u201eDas ist kein Mensch, das ist ein Aff, denk nicht lang nach, mach einfach baff\u201c, wobei die feinen Herrenmenschen auf das \u201ebaff\u201c johlend Schl\u00e4ge und Kopfst\u00f6\u00dfe simulieren. Dagegen schneidet von Heinz ein paar Minuten sp\u00e4ter das linke \u201eNeonschwarz\u201c-Konzert mit einem Song, in dem die Band \u00fcber Freir\u00e4ume, Solidarit\u00e4t und sogar die Eigentumsfrage singt und Menschen miteinander tanzen und feiern. Bis sie von der Polizei gewaltsam abger\u00e4umt werden. Von Heinz l\u00e4sst also keine Zweifel daran, wo sie steht und dass sie nichts von Hufeisentheorien h\u00e4lt und dieses Insistieren darauf ist auch \u00fcberzeugend inszeniert.<\/p>\n<p>Genauso die Diskussionen um die Gewaltfrage. Die Menschen, die hier \u00fcber Gewalt diskutieren, sind f\u00fchlende, sensible, ganz und gar nicht gewaltt\u00e4tige Figuren, ausdr\u00fccklich auch Alfa, der, obwohl ihm die gewaltsamen Aktionen sichtlich auch Spa\u00df und Adrenalinkick bereiten, durchaus kein Schl\u00e4ger ist. Sie wollen auch keine Gewalt anwenden, sehen sich aber aus verschiedenen Gr\u00fcnden dazu gezwungen, w\u00e4gen Vor- und Nachteile ab und streiten dar\u00fcber. In dieser Frage sind die Figuren auch plausibel, denn um dieses Handeln zu erkl\u00e4ren, gen\u00fcgt es, zun\u00e4chst klarzumachen, dass sie in ihrer kleinb\u00fcrgerlichen Welt auf verst\u00e4ndnisvolle Eltern gesto\u00dfen, in einem gewaltfreien, zugeneigten Umfeld aufgewachsen sind und grunds\u00e4tzlich friedvolle, z\u00e4rtliche Menschen sind. Dass sie also dar\u00fcber emotional diskutieren, ob die Nazis \u00fcber ihre Gegendemos \u201enur lachen\u201c und man deshalb zu anderen Aktionsformen greifen sollte und zu welchen, ist gut verst\u00e4ndlich und diese zu seltenen Szenen geh\u00f6ren zu den st\u00e4rksten des Films.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichts soll in \u201eUnd morgen die ganze Welt\u201c \u00fcberinszeniert wirken, nichts artifiziell, die Regisseurin verzichtet weitgehend auf Farbfilter und Score, so erinnert der Film \u00e4sthetisch fast an einen Dokumentarfilm inklusive der obligatorischen Wackelkamera. 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