{"id":25267,"date":"2021-06-06T13:47:35","date_gmt":"2021-06-06T11:47:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=25267"},"modified":"2021-06-28T19:51:06","modified_gmt":"2021-06-28T17:51:06","slug":"weggesperrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/weggesperrt\/","title":{"rendered":"Weggesperrt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Ella ist seit dem 27. November 2020 in U-Haft. Am 25. Mai begann ihre Hauptverhandlung. Das bedeutet \u00fcber 6 Monate Freiheitsentzug, bis \u00fcberhaupt der erste Verhandlungstermin stattfand. Also 180 Tage ohne Selbstbestimmung, ohne Aussicht auf Besserung und ohne Ausweg.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Seit ihrer Inhaftierung habe ich mich mit dem Thema und den Ungereimtheiten dahinter besch\u00e4ftigt. Die Erfahrungen, die ich pers\u00f6nlich in dieser Zeit in autonom linken Strukturen machen durfte, haben mich auch <\/span><span style=\"color: #2b2b2b;\">noch<\/span><span style=\"color: #2b2b2b;\"><i> daf\u00fcr <\/i><\/span><span style=\"color: #2b2b2b;\">sensibilisiert. Pl\u00f6tzlich waren Gef\u00e4ngnisse \u00fcberall pr\u00e4sent, Repressionen und Gewalt in vielen Formen immer da. Auch wir als Gemeinschaft sind dabei oft an unsere Grenzen gesto\u00dfen und mussten mit Themen umgehen, die nur schwer in unsere idealistische Utopie gepasst haben. Es schien, als sei eine der grundlegendsten Fragen des Zusammenlebens: \u201eWie gehen wir mit Menschen um, die nicht nach unseren Regeln spielen?\u201c. Der Staat l\u00f6st diese Frage derzeit mit Gewalt, mit Isolation und Freiheitsentzug. Potentielle St\u00f6rfaktoren f\u00fcr die Gesellschaft werden aus ihrem Umfeld geholt und in ein gewaltvolleres und unterdr\u00fcckendes Umfeld im Knast gesteckt. Um den Rest der Gesellschaft vor ihnen zu sch\u00fctzen. Zusammen mit der b\u00fcrokratischen Lage und struktureller Benachteiligung hei\u00dft das dann, dass z.B. Ella bereits jetzt mit einem halben Jahr ihrer Freiheit bezahlt hat, nur weil sie angeblich nicht nach den Regeln des Staates gespielt hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">In den letzten 6 Monaten haben wir h\u00e4ufig dar\u00fcber gesprochen, wie ungerecht das alles ist. Haben uns eine Welt ohne Gef\u00e4ngnisse ertr\u00e4umt und mussten auch selbst lernen, mit Repression umzugehen. Ich habe auch gelernt, wie tiefgreifend diese Utopie von einer Welt ohne Kn\u00e4ste eigentlich ist und wie sehr sie unser allt\u00e4gliches Handeln beeinflussen muss. Wie funktioniert ein Zusammenleben, wenn du Menschen nicht einfach als Strafe aus der Gesellschaft ausschlie\u00dfen kannst? Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne Gewaltmonopol? K\u00f6nnen wir es schaffen, zusammen zu leben, auch ohne Angst vor Repressionen und Strafen? Ella schreibt in einem ihrer <a href=\"https:\/\/freethemall.blackblogs.org\/letter-from-ella-up1\/\">Briefe <\/a>(13.05.21): \u201eEs ist ein trauriger Zustand, aus der niedrigsten aller menschlichen Emotionen, der Angst, zu herrschen und beherrscht zu werden. Die Angst vor Bestrafung, die Angst, keine Belohnung zu bekommen, die Angst vor dem Verlust der Kontrolle \u00fcber andere, anstatt uns einfach von uns selbst leiten zu lassen in dem, was wir w\u00fcnschen. Wenn es die Angst ist, die uns von dem wegzieht, was wir nicht wollen, dann ist es die Liebe, die uns zu dem hinzieht, was wir wollen.\u201c<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Ich w\u00fcrde mir sehr w\u00fcnschen, dass wir mal ein paar Schritte zur\u00fcckgehen und uns wirklich Zeit nehmen, uns als Gemeinschaft dar\u00fcber Gedanken zu machen, wie wir mit Grenz\u00fcbertritten und Regelbr\u00fcchen umgehen k\u00f6nnen, wie wir die Betroffenen wirklich h\u00f6ren und den Grenz\u00fcbertreter*innen die M\u00f6glichkeit geben k\u00f6nnen, Verantwortung f\u00fcr ihr Handeln zu \u00fcbernehmen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Ich lese daraus vor allem die Regierung der Angst und der Verbote. Als w\u00e4re die Welt voller negativer Magnete, die sich alle gegenseitig absto\u00dfen. Es ist die Angst, die uns von dem wegzieht, was wir nicht wollen. Ich will keine Welt nur mit negativen Magneten. Ich will Reibung und Anziehung, vor allem will ich eine Abschaffung der Angst und des Gewaltmonopols. Ella schreibt, es braucht Liebe, die uns zu dem hinzieht, was wir wollen. Als Gegenpol zur Angst.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Auch wir hatten Grenz\u00fcbertritte und Regelbr\u00fcche in den letzten 6 Monaten. Oft war unsere Antwort der Ausschluss aus der Gesellschaft. Unsere Strafe war der soziale Ausschluss aus unserer Gemeinschaft. Auch wenn wir die Menschen nicht isoliert haben und sie nicht weggesperrt haben, haben wir doch kollektiv beschlossen, dass wir ihre Regelbr\u00fcche nicht innerhalb der Gemeinschaft tragen k\u00f6nnen. Auch wenn wir jeden Tag versuchen, alles besser und richtig zu machen, unterscheidet sich unser zu Grunde liegendes Verhaltensmuster nicht wesentlich von dem des Staates. Und das kann ja wohl nicht unser Ernst sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Ich w\u00fcrde mir sehr w\u00fcnschen, dass wir mal ein paar Schritte zur\u00fcckgehen und uns wirklich Zeit nehmen, uns als Gemeinschaft dar\u00fcber Gedanken zu machen, wie wir mit Grenz\u00fcbertritten und Regelbr\u00fcchen umgehen k\u00f6nnen, wie wir die Betroffenen wirklich h\u00f6ren und den Grenz\u00fcbertreter*innen die M\u00f6glichkeit geben k\u00f6nnen, Verantwortung f\u00fcr ihr Handeln zu \u00fcbernehmen. Ich finde, das sind wir all unseren Mitk\u00e4mpfer*innen schuldig, die unter diesem Handlungsmuster des Staates leiden m\u00fcssen und mussten. Und ohne diesen Schritt zur\u00fcck wird es auch keine gro\u00dfen Schritte nach vorn Richtung Utopie geben. Wir k\u00f6nnen unsere Magnete nur umpolen, wenn wir unser Handlungsmuster von der untersten Ebene anfangen zu \u00e4ndern. Bei uns, unserem direkten Umfeld, unserer Gemeinschaft.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Ella sagt: \u201eDer Geist, der uns dazu treibt, uns selbst zu organisieren und als Teil der Natur zu leben, ist keine Bedrohung, sondern ein Gewinn f\u00fcr die Natur, ist keine Bedrohung, sondern ein Gewinn f\u00fcr andere Menschen. Wir wissen das, weil wir auf einem sch\u00f6nen Planeten leben, auf dem alles miteinander zusammenh\u00e4ngt. Es liegt an den anderen, das zu erkennen.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #2b2b2b;\">Also lasst uns mal so starke Magnete sein, dass wir das negative Gewaltmonopol des Staates umpolen k\u00f6nnen. F\u00fcr Ella, f\u00fcr alle anderen politischen Gefangenen, und f\u00fcr unsere eigene Zukunft. Ohne Kn\u00e4ste, verdammt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ella ist seit dem 27. November 2020 in U-Haft. Am 25. Mai begann ihre Hauptverhandlung. 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