{"id":2530,"date":"1999-03-01T00:00:35","date_gmt":"1999-02-28T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2530"},"modified":"2022-07-26T14:17:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:01","slug":"bewahrungsprobe-fur-hakim-bey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/03\/bewahrungsprobe-fur-hakim-bey\/","title":{"rendered":"Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr Hakim Bey"},"content":{"rendered":"<p>Party macht Laune &#8211; das denkt sich nicht nur der Party-Anarchist Hakim Bey. Das dachten sich auch die AktivistInnen des Heidelberger Autonomen Zentrums (AZ), als ihr Nutzungsvertrag mit der Stadt Heidelberg am 1.2.99 auszulaufen drohte und etwas unternommen werden mu\u00dfte, um weiter selbstverwaltete R\u00e4ume in Heidelberg zu haben. Eine Strategie war, das in letzter Zeit an Zahl zunehmende Partypublikum in direkte Aktionen f\u00fcr ein neues Autonomes Zentrum einzubeziehen. &#8222;Test your AZ&#8220; hie\u00df das und war der Versuch, eine massenhaft besuchte Samstagabend-Party im alten Autonomen Zentrum um Mitternacht abzubrechen und als Event einer symbolischen Besetzung an einem anderen Ort bzw. in anderen Geb\u00e4uden fortzuf\u00fchren. Obwohl von den AktivistInnen wohl nur wenige das Konzept der &#8222;Tempor\u00e4ren Autonomen Zonen&#8220; von Hakim Bey (vgl. die <a title=\"Reclaim yourself!\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1998\/12\/reclaim-yourself\/\">Vorstellung des Konzepts in GWR 234<\/a>, S.15) kennen, war dieses Aktionskonzept doch auf eine ganz praktische Weise die Umsetzung der sch\u00f6nsten Tr\u00e4ume von Hakim Bey.<\/p>\n<p>Das Heidelberger Autonome Zentrum bestand seit siebeneinhalb Jahren in einer alten Fabrik. In ihr hatten Konzertgruppen Prober\u00e4ume, es gab eine Frauen\/Lesben-Etage, in den vier Jahren seiner Existenz traf sich dort das \u00f6rtliche Antirassistische Notruftelefon, zudem traf man\/frau dort eine Fahrradwerkstatt, einen Infoladen und ein Caf\u00e9 mit &#8222;Volxk\u00fcche&#8220; an. Ein Zentrum nur f\u00fcr &#8222;autonome Gruppen&#8220; war das Heidelberger AZ eigentlich nie, und als sich vor einigen Jahren einige Gruppen kritisch \u00fcber Umgangsformen und Au\u00dfenwirkung des AZ \u00e4u\u00dferten, wurde sogar der Versuch gemacht, die Tr\u00e4gerInnenschaft durch Einbeziehung anderer Gruppen auf breitere F\u00fc\u00dfe zu stellen. Damals waren auch die dem Graswurzelspektrum nahestehende \u00f6rtliche &#8222;Gewaltfreie Aktionsgruppe&#8220; und die &#8222;Castor-Gruppe&#8220; bereit, sich an der Selbstverwaltung des AZ zu beteiligen. Mit den auf diese Weise st\u00e4ndig im Austausch mit autonomen Gruppen stehenden Gewaltfreien gab es dann zwar immer mal wieder die \u00fcblichen Gewaltdiskussionen, doch man\/frau respektierte die jeweilige politische Arbeit der anderen im gro\u00dfen und ganzen und arbeitete auch immer mal wieder zusammen.<\/p>\n<p>So auch bei den bereits seit einigen Jahren immer wiederkehrenden Versuchen, der Stadt in Form der Vorzeigeb\u00fcrgermeisterin Weber (erste SPD-B\u00fcrgermeisterin in Baden-W\u00fcrttemberg) immer noch mal ein J\u00e4hrchen Nutzung der R\u00e4ume abzutrotzen, was bis zum 1.2.99 auch gelang. Nun aber wollte die Weber-Administration partout den Baubeginn einer neuen st\u00e4dtischen Konsummeile einl\u00e4uten und die Politik der Duldung eines AZ in der Stadt \u00e4ndern. Wie eine Art Versuchsballon zur ver\u00e4nderten Kommunalpolitik wurde bereits im Vorjahr der \u00f6rtlichen Wagenburg nach mehrfachen Duldungen, Verhandlungen und verschobenen Terminen trotz phantasievoller Gegenaktionen der Garaus gemacht &#8211; und zwar auf eine sch\u00e4bige, verlogene Art und Weise. Es steht zu bef\u00fcrchten, da\u00df sich diese Strategie im Falle des AZ zu wiederholen droht, denn den vollmundigen Versprechungen der B\u00fcrgermeisterin in der Zeit vor der Schl\u00fcssel\u00fcbergabe am 1.2. steht bisher \u00fcberhaupt kein Ergebnis gegen\u00fcber &#8211; von zahlreichen Spekulationen \u00fcber ein Ersatzobjekt einmal abgesehen.<\/p>\n<p>Was also tun? In den Wochen vor dem 1.2.99 fanden mehrere &#8222;tempor\u00e4re autonome Zonen&#8220; unter Einbeziehung des Partypublikums statt, das sich allsamst\u00e4glich zur Disco im AZ einfindet und einfach auf nichtkommerzielle, m\u00f6glichst billige Weise abtanzen will! Da\u00df die nichtkommerzielle Nische bedroht war, wurde ihnen bei den Discos immer wieder vermittelt und so an ihr \u00fcber die Party hinausgehendes politisches Interesse appelliert. Zun\u00e4chst schien Hakim Bey seine Bew\u00e4hrungsprobe in Heidelberg bestanden zu haben: die erste Fete mit mehreren Hundert BesucherInnen wurde an einer Samstagmitternacht pl\u00f6tzlich im seit Jahren leerstehenden st\u00e4dtischen Jugendstilhallenbad fortgesetzt, f\u00fcr dessen Renovierung der Stadt schon lange die finanziellen Mittel fehlen. Sehr viel Spa\u00df machte auch eine Freiluftdisco auf dem gr\u00f6\u00dften Kreisverkehr der Stadt, die an einer anderen Samstagmitternacht durchgef\u00fchrt wurde. Gute Laune wurde ebenfalls bei einer alternativen Techno-Parade &#8222;Love-your-AZ-Parade&#8220; verbreitet, die allerdings zur Abwechslung mal tags\u00fcber stattfand. Und der H\u00f6hepunkt war die samstagn\u00e4chtliche Besetzung des bereits zum neuen AZ ausgeguckten, ebenfalls leerstehenden Bahnbetriebswerk, kurz vor dem 1.2., als sich ca. 1000 Partyg\u00e4ste nahezu vollst\u00e4ndig an der Verlegung der Disco vom alten AZ zu einer Party-Besetzung beteiligten. Hier war in der Tat frei nach Hakim Bey die Anarchie nicht die Vision einer fernen Zukunftsgesellschaft, sondern Anarchie als Massenbesetzungsaktion, als &#8222;tempor\u00e4re autonome Zone&#8220; im Hier und Jetzt!<\/p>\n<p>Allerdings: ist die Party aus, geht die\/der Partygast nach Haus&#8216;! Die Besetzungsaktionen kamen schon deshalb \u00fcber ihren Symbolcharakter nicht hinaus, weil sp\u00e4testens am fr\u00fchen Morgen selbst die erprobtesten Partyfans nach Hause gingen und sich nicht weiter darum k\u00fcmmerten, da\u00df damit einer Besetzungsaktion ihr entschlossener Charakter genommen und sie zur rein symbolischen Aktion reduziert wurde. So war denn die Polizei zwar immer auch schnell an Ort und Stelle, hielt sich aber in der Regel zur\u00fcck, als ihr deutlich wurde, da\u00df mit dem Party-Aus auch das Besetzungs-Aus verbunden war.<\/p>\n<p>Noch beim erfolgreichen Kampf f\u00fcr die Verl\u00e4ngerung des AZ ein Jahr fr\u00fcher war es m\u00f6glich, aus dem AktivistInnenfundus des AZ eine ausreichend zahlreiche Gruppe zu bilden, die eine Hausbesetzung durchf\u00fchrte &#8211; damals jedoch mit der Absicht, das besetzte Haus nicht freiwillig zu r\u00e4umen, bis die Stadt irgendwelche Zugest\u00e4ndnisse machte, was sie damals tats\u00e4chlich noch am ersten Tag der Besetzung pers\u00f6nlich durch Frau Weber auch tat.<\/p>\n<p>Es scheint, als w\u00fcrden sich die Bedingungen f\u00fcr Verteidigungsstrategien selbstverwalteter R\u00e4ume \u00e4ndern: die politischen AktivistInnen werden weniger an der Zahl und versuchen ihr Gl\u00fcck durch eine strategische Ausweitung auf&#8217;s Partypublikum. Auf ein Partypublikum darf man\/frau sich im Ernstfall aber auf gar keinen Fall verlassen: es macht, was es will, vor allem wenn die Party vorbei ist. Dann ist eben auch Hakim Bey&#8217;s tempor\u00e4re autonome Zone vorbei. Ja, sie war dann eben nur allzu tempor\u00e4r! F\u00fcr selbstverwaltete Projekte braucht es aber eine Mindestanzahl von politischen AktivistInnen, die sich f\u00fcr ihr Projekt auch verantwortlich f\u00fchlen und \u00fcber eine gewisse Zeit hinweg einsetzen &#8211; und nicht nur an jenen Tagen, an denen es unheimlich Spa\u00df macht. Es ist zu f\u00fcrchten, da\u00df es heute eher weniger als mehr solcher AktivistInnen gibt. Das bedroht die soziale Machtbasis eines Projekts wie des Autonomen Zentrums Heidelberg.<\/p>\n<p>Zu f\u00fcrchten ist zudem, da\u00df bei einer Weiterverfolgung dieser Strategie gem\u00e4\u00df den Forderungen von Hakim Bey auch gesellschaftliche Zielvorstellungen \u00fcber Bord gehen: das \u00f6rtliche K\u00e4seblatt Heidelbergs, die Rhein-Neckar-Zeitung, kommentierte und berichtete \u00fcber die Party- Besetzungsaktionen \u00e4u\u00dferst wohlwollend und bewegte sich auf eine Linie hin zur Tendenz, das AZ sei in Wirklichkeit ja ein ganz apolitisches Jugendzentrum lauter netter junger Leute &#8211; und sowas k\u00f6nne in Heidelberg schon geduldet werden. Auch wird in manchen Presseinterviews von einem Sprecher des AZ pl\u00f6tzlich der Begriff der Gewaltlosigkeit f\u00fcr die ganzen Aktionen des AZ in einem harmlosen apolitischen Sinn gebraucht, der gut zum Scheinbild eines braven Jugendzentrums pa\u00dft. Als Ziel der Strategie bleibt letztlich nichts anderes \u00fcbrig als der Appell an die Stadtadministration, und das letztlich aus einer Position der Alternativlosigkeit und Abh\u00e4ngigkeit heraus, aus einer Position der Schw\u00e4che.<\/p>\n<p>Die Stadt dagegen zeigte St\u00e4rke: als die AktivistInnen des AZ auf eine Einbunkerung oder Blockade am Tag des Auslaufens des Nutzungsvertrags verzichteten und symbolisch den Schl\u00fcssel \u00fcbergaben, r\u00fcckten ohne Zeitnot am selben Tag riesige Polizeikr\u00e4fte und Abri\u00dfbagger an, um demonstrativ noch am selben Tag das alte AZ abzurei\u00dfen. Und auch als in einigen Stadtteilgemeindeverwaltungen anderntags die T\u00fcren mit Sekundenkleber verklebt waren und einige Baufirmen Schaufenstersch\u00e4den vermeldeten, wandte sich Frau Weber \u00fcber die Presse an die AktivistInnen und forderte eine \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung, da\u00df solche Sachsch\u00e4den in Zukunft unterblieben, oder sie f\u00fchre gar keine Verhandlungen \u00fcber ein Ersatzobjekt mehr &#8211; eine Frechheit angesichts der nie eingel\u00f6sten Zusagen der Stadt.<\/p>\n<p>Die AktivistInnen sind zur Zeit also auf die Einhaltung der Versprechen der Stadt angewiesen. Real hat daher das Vertrauen auf eine Strategie der tempor\u00e4rer autonomen Zonen recht wenig erbracht. Es stellt sich die Frage, ob nicht die alte k\u00e4mpferische Strategie mit einer entschlossenen Hausbesetzung besser gewesen w\u00e4re. Und auch die Gewaltfreiheit ist ihres k\u00e4mpferischen Charakters beraubt worden, indem sie sowohl in der b\u00fcrgerlichen Presse wie auch vom AZ-Sprecher mit der Jugendzentrumsperspektive verkn\u00fcpft wurde. Es sieht so aus, als m\u00fcsse erst wieder bewiesen werden, da\u00df selbstverwaltete R\u00e4ume mittels der direkten gewaltfreien Aktion erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen. Hakim Bey hat seine Bew\u00e4hrungsprobe in Heidelberg vorerst nicht bestanden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Party macht Laune &#8211; das denkt sich nicht nur der Party-Anarchist Hakim Bey. Das dachten sich auch die AktivistInnen des Heidelberger Autonomen Zentrums (AZ), als ihr Nutzungsvertrag mit der Stadt Heidelberg am 1.2.99 auszulaufen drohte und etwas unternommen werden mu\u00dfte, um weiter selbstverwaltete R\u00e4ume in Heidelberg zu haben. 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