{"id":25320,"date":"2021-06-21T12:36:17","date_gmt":"2021-06-21T10:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/unser-schicksaal-ist-nicht-der-kapitalismus\/"},"modified":"2022-07-10T18:42:25","modified_gmt":"2022-07-10T16:42:25","slug":"unser-schicksaal-ist-nicht-der-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/unser-schicksaal-ist-nicht-der-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Unser schickSAAL* ist nicht der Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Kollektiv schickSAAL* hat sich nach dem \u201eSommer der Migration\u201c 2015 zusammengefunden. Diverse Menschen aus L\u00fcbeck haben damals mit vielen anderen entweder das Ankommen in Deutschland oder wenn gew\u00fcnscht auch die Weiterreise von Gefl\u00fcchteten in Richtung Skandinavien organisiert. Aus diesen Zusammenh\u00e4ngen ist das Kollektiv entstanden. Manche der Kollektivistas* kannten sich aus politischen Zusammenh\u00e4ngen, andere haben sich beim Bettenmachen f\u00fcr die sich auf der Flucht befindenden Menschen kennengelernt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Als es losging\u2026<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele von uns wollten \u2013 aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden \u2013 nicht mehr den alten Job weitermachen, oder sich neu orientieren. Die \u00dcbung in politischer Selbstorganisation und die Erfahrungen des Sommers \/ Herbstes 2015, wo wir \u00fcber 15.000 Menschen versorgt haben, gaben uns die Gewissheit, dass Arbeit auch anders geht \u2013 n\u00e4mlich selbstverwaltet.<br \/>\nSo haben sich dann erst mal vier Leute getroffen und erste \u00dcberlegungen zum Projekt schickSAAL* angestellt: \u201eWir haben in einem kleinen Programm Kino in L\u00fcbeck den Film Projekt A gezeigt und dann anschlie\u00dfend \u00fcber unser Vorhaben berichtet \u2013 dar\u00fcber sind ein paar neuen Leute dazugekommen.\u201c Zahlreiche Stunden haben die Kollektivistas* mit leidenschaftlichem Diskutieren und Streiten verbracht, aber auch H\u00e4user besichtigt, gezeichnet und geplant. Mit viel Brainwork wurde ein Konzept und ein Binnenvertrag, das Statut der Gruppe, geschrieben, und dann irgendwann endlich das richtige Haus gefunden.<br \/>\nDas Haus war stark runtergekommen und verwahrlost. Sofort aber gab es Ideen, wie es mal aussehen k\u00f6nnte Die Kneipe in dem Haus, in der einschl\u00e4gige Leute aus der rechten Szene verkehrten, musste weg! Das machte Mut, und viele Freund*innen und Genoss*innen sprachen ihre Solidarit\u00e4t mit dem Kollektiv aus. Dann am 10. Mai 2017 betraten die inzwischen 10 Kollektivistas* das erste mal das Haus in der Clemensstra\u00dfe 7 mit dem eigenen Schl\u00fcssel. \u201eNoch in der selben Woche haben wir angefangen Tapeten herunterzurei\u00dfen und die abgeranzte Kneipen-Einrichtung auf\u2018n Container zu hauen! Das war ein geiles Gef\u00fchl!\u201c<br \/>\nGekauft hat die Gruppe das Haus als GmbH zusammen mit dem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/sechzehn-personen-aus-neun-haushalten\/\">Mietsh\u00e4user Syndikat<\/a> (siehe GWR 458). Das Kollektiv wollte auch hier keine Kompromisse eingehen und hatte von Anfang an klar, dass der Betrieb nicht aufgrund des Mietverh\u00e4ltnisses, der Willk\u00fcr irgendeiner Person ausgesetzt sein sollte. Das Mietsh\u00e4user Syndikat war die einzig logische M\u00f6glichkeit. Einige waren schon mit ihrem Wohnprojekt Teil des bundesweiten Verbunds. Falls der Betrieb scheitert, erlaubt es die Struktur mit zwei GmbHs, das Haus in ein Wohnprojekt umwandeln. Finanziert wurde alles \u201eauf Pump\u201c entweder durch Bankkredite, die getilgt werden m\u00fcssen, oder Direktkredite von Privatpersonen, die immer wieder umgeschuldet werden. Das ist eine \u201eDauerbaustelle\u201c f\u00fcr das Kollektiv: \u201e\u2026das macht nichts \u2013 das geh\u00f6rt zu unserem Konzept und ist ein Teil der vielf\u00e4ltigen Arbeit, die wir haben\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kollektivistas*<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gestaltung des Hauses soll allen Menschen Lust machen sich mit Ihrem eigenen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Sch\u00f6nheit und \u00c4sthetik auseinanderzusetzen. Kein Zimmer gleicht dem anderen. Schon in der Sanierungsphase haben die Kollektivistas* Sperrm\u00fcll und Flohm\u00e4rkte abgefahren und M\u00f6bel und Geschirr gesammelt. Dann wurde alles in einem Lagerraum gehortet, bis nach zwei Jahren Kernsanierung das Haus soweit war, dass die Zimmer eingerichtet werden konnten. Geplant war es die Sanierung so nebenbei zu erledigen. Das hat nicht geklappt. Noch w\u00e4hrend der Sanierungsphase entschied das Kollektiv, \u00fcber die GmbH Menschen aus dem Kollektiv anzustellen und diese f\u00fcr die Arbeit zu bezahlen. Ohne Lohn, nur mit Eigenarbeit w\u00e4re der Ausbau nicht zu stemmen gewesen, da hatte sich die Gruppe versch\u00e4tzt. Kollektivistas* h\u00e4tten nebenbei irgendwelche Nebenjobs machen oder sich mit der ARGE rumschlagen m\u00fcssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da h\u00e4tte die Sanierung viel l\u00e4nger gedauert. Schlie\u00dflich wurden drei Personen eingestellt, die dann mit 30 Stunden pro Woche und mit viel zus\u00e4tzlicher, solidarischer Unterst\u00fctzung das Haus in zwei Jahren saniert haben. Die anderen aus der Gruppe haben neben ihren Jobs auch mit angepackt. Parallel wurden die notwendigen b\u00fcrokratischen H\u00fcrden \u00fcberwunden und viele Stunden am Computer verbracht.<br \/>\n\u201eGleich zu Beginn war klar, dass es darum gehen soll, einen Ort zu schaffen, wo wir gerne arbeiten wollen, wo wir keine*n Chef*in brauchen, sondern selbst entscheiden was, wie und warum getan oder nicht getan wird. Vor allem die Frage: \u201eWarum tun oder lassen wir etwas?\u201c, war und ist wichtig.\u201c Ein \u201edas macht man so\u201c gab und gibt es im schickSAAL* Kollektiv nicht. Die Gedanken, Diskussionen und Aufgaben haben Hintergrund und Sinn. \u201eWas wir tun ist weniger wichtig als wie wir was tun.\u201c Manche von uns haben negative Erfahrungen mit Jobs gemacht: \u201eIch habe als junge Frau als Zimmerm\u00e4dchen gearbeitet. Fiese Ausbeute und absolut kein erf\u00fcllender Job. Das w\u00fcrde ich nie wieder machen!\u201c Im Kollektiv aber bekommt die Arbeit einen anderen Sinn. \u201eWir entscheiden, wie die Betten gemacht werden und wie oft wir putzen und wie wir putzen. Es ist nicht wichtig, dass jeder Arbeitsschritt Spa\u00df macht und mich erf\u00fcllt, sondern dass das ganze Ding Spa\u00df macht und mich zufrieden macht. Ich gehe (meistens) echt gerne zur Arbeit.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jenseits gesellschaftlicher Stigmatisierung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtig war es auch einen Ort zu schaffen, an dem gesellschaftliche \u201eEtiketten\u201c keinerlei Bedeutung haben. \u201eUnsere Gesellschaft ist voll von Orten, wo Diskriminierung an der Tagesordnung ist, wo \u00c4u\u00dferlichkeiten hoch bewertet werden. Zum Beispiel wenn Mensch nicht in die b\u00fcrgerlichen Kategorien von Geschlechterbildern reinpasst, oder einfach kein Bock oder keine Mittel auf Mainstream-Aussehen hat. Das reicht schon, um an vielen Orten, auch auf Reisen, anders behandelt zu werden \u2013 meist mit weniger Respekt. Noch krasser wird es dann, wenn mensch scheinbar einen Migrationshintergrund oder eine sichtbare Behinderung hat.\u201c Das schickSAAL* Kollektiv will hier ein anderer Ort sein. Ein Ort, der sich ganz bewusst Diversit\u00e4ten w\u00fcnscht und alle Menschen, die dies respektieren und leben wollen, einl\u00e4dt, sich wohl zu f\u00fchlen und in Austausch zu kommen. Ob nun als Hostelgast oder Caf\u00e9\/Kneipenbesucher*in. \u201e(\u2026) Der verbreitete Grundsatz \u201aKunde ist K\u00f6nig\u2018 gilt f\u00fcr uns nicht. Ein wertsch\u00e4tzendes und sich selbst reflektierendes Verhalten, egal zwischen wem, halten wir f\u00fcr unentbehrlich \u2013 auch mehrere Jahrtausende Patriarchat sind mehr als genug! (\u2026)\u201c (Auszug aus dem Konzept des Kollektiv schickSAAL*) Die Kollektivistas* hinter dem Tresen mischen sich ein, wenn jemand sich nicht respektvoll verh\u00e4lt. Manche Leute kommen auch nicht rein oder m\u00fcssen wieder raus.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Aus dem G\u00e4stebuch\u2026<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben ein kleines G\u00e4stebuch. G\u00e4ste, die schon mal im schickSAAL* gen\u00e4chtigt haben, sagen z.\u00a0B.:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eDieses Haus macht einfach nur gl\u00fccklich \u2013 Cristian und Barbara\u201c<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eTolle Atmosph\u00e4re, alles sauber, gl\u00fcckliche authentische Mit-arbeiter*innen. Wir haben uns hier sehr wohl und sicher aufgehoben gef\u00fchlt. Hier hat jeder ein Auge auf die anderen, falls sich mal wer nicht zu benehmen wei\u00df. Vielen Dank f\u00fcr die tollen Zimmer und eine Reise in eine andere Welt, in der man so sein kann, wie man will und die Probleme der Welt f\u00fcr einen Moment vergessen kann. \u2013 Daria\u201c<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist sch\u00f6n hier bei euch! DANKE, dass ihr das mit viel Liebe f\u00fcrs Detail erschafft! Alles Gute f\u00fcr die Zukunft ich komme wieder\u2026 Steffi\u201c<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Welt sollte sich bunt gestalten \u2013 Sch\u00f6n, dass es euch gibt\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kapitalismuskritisches Projekt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Kollektiv ist es wichtig den G\u00e4sten zu vermitteln, was das schickSAAL* besonders macht und von anderen L\u00e4den unterscheidet. Dabei geht es auch um Vertrauen und Mitverantwortung aller derjenigen, die das schickSAAL* nutzen und mitgestalten. Jede*r Gast ist eingeladen an dem w\u00f6chentlichen Plenum teilzunehmen. Transparenz und die Weitergabe von Erfahrung und angeeignetem Wissen sind ein wichtiger Baustein f\u00fcr eine besser Welt.<br \/>\n\u201e(\u2026) Dass wir im Kollektiv arbeiten, ist eine politische Entscheidung, um mit den herrschenden Normen von Leistung und Zwang zu brechen. Das schickSAAL* ist nicht gewinnorientiert und versteht sich als kapitalismuskritisches Projekt und Teil eines Transformationsprozesses f\u00fcr eine solidarisch-libert\u00e4re Gesellschaft. Wir sind \u00fcberzeugt, dass ein Gro\u00dfteil gesellschaftlicher Probleme direkt durch kapitalistische Zw\u00e4nge verschuldet wird, bzw. mit diesen zusammenh\u00e4ngt. Wir unterst\u00fctzen kollektive Strukturen und m\u00f6chten dazu anregen, \u00fcber innere und \u00e4u\u00dfere Wertesysteme nachzudenken. (\u2026)\u201c (Auszug aus dem Statut des Kollektiv schickSAAL*)<br \/>\nWenn der Kapitalismus mal \u00fcberwunden ist, braucht es Menschen die bereits kollektive Strukturen leben und ge\u00fcbt haben. Unsere gesellschaftliche Sozialisation f\u00f6rdert Werte wie Kollektivismus, Solidarit\u00e4t, Menschlichkeit, Achtsamkeit und Respekt nicht besonders stark. Das schickSAAL* versucht diese f\u00fcr kollektives Arbeiten wichtigen Werte zu vermitteln. Auch durch Veranstaltungen, die \u2013 wenn keine Corona-Pandemie am Toben ist \u2013 regelm\u00e4\u00dfig im Caf\u00e9\/Kneipe stattfinden: Filme, Konzerte, Lesungen, Diskussionsveranstal-tungen, Ausstellungen. Auch Gruppen, die dem Kollektiv nahe stehen, k\u00f6nnen im Laden Veranstaltungen durchf\u00fchren. \u201eWir wollen nicht nur ein Konsumladen sein. Klar ist es okay, einfach entspannt ein Bier zu trinken, aber es ist mega okay, dabei noch was anderes mitzunehmen. Vielleicht was zum Nachdenken\u2026\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Erholungsangebot<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Clemensstra\u00dfe ist einen kleine, nur 90 Meter lange Stra\u00dfe mitten in der L\u00fcbecker Innenstadt. Dort sind f\u00fcnf Kneipen zu Hause. Es handelt sich um die \u201eSzenestra\u00dfe\u201c L\u00fcbecks. An einem normalen Samstag Abend bewegen sich etwa 300-500 Menschen durch die Stra\u00dfe. Es wird bis fr\u00fch morgens gefeiert.<br \/>\nDamit Menschen trotzdem schlafen k\u00f6nnen, wenn sie es wollen, haben die Kollektivistas* gut vorgesorgt. Es gibt super Schallschutzfenster, die ruhige N\u00e4chte versprechen. Wer nicht gerne mit anderen in einem Zimmer schl\u00e4ft \u2013 wie in Hostels \u00fcblich \u2013 kann sich ein Privatzimmer mit Doppelbett buchen. Sonst \u00fcbernachtet Mensch in f\u00fcnf bis zehn Bett Zimmern. Die All-Gender-Sanit\u00e4rr\u00e4ume sind \u2013 wie das ganze Haus \u2013 kreativ und mit viel Liebe gestaltet und auch hier gleicht kein Klo dem anderen. Zwei gem\u00fctliche Selbstkochk\u00fcchen stehen den G\u00e4sten zur Verf\u00fcgung.<br \/>\nDie Leute des Kollektivs kennen sich in L\u00fcbeck und Umgebung aus und k\u00f6nnen Tipps geben, wohin es sich zu radeln lohnt, wo sich Boot fahren l\u00e4sst, oder was es sonst so zu tun gibt, wenn Du Urlaub bei uns machen willst. L\u00fcbeck ist ein bisschen piefigb\u00fcrgerlich, aber auch charmant und h\u00fcbsch. Die Stadt hat viel Wasser und Gr\u00fcn drumherum und die Ostsee ist nah.<br \/>\nDas erste Jahr hat das Kollektiv versucht ohne Buchungsportale auszukommen, hat Flyer verschickt und viel Werbung gemacht. Nach einem Jahr ging den Kollektivistas* \u2013 auch Corona bedingt \u2013 die Puste aus, und sie beschlossen doch ein Buchungsportal hinzu zuschalten. Sofort schnellten die Buchungen in die H\u00f6he und im Sommer 2020 war das Haus an einigen Wochenende voll belegt. F\u00fcr dieses Jahr gibt es aber noch Pl\u00e4tze. Die Hoffnung vielleicht in zwei\/drei Jahren aus dem Vertrag wieder rauszugehen bleibt bestehen: \u201eIch f\u00e4nde es toll, wenn wir ein echter (linker) Geheimtipp werden und uns keine Sorgen \u00fcber gen\u00fcgend G\u00e4ste machen m\u00fcssen\u201c.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kollektiv schickSAAL* hat sich nach dem \u201eSommer der Migration\u201c 2015 zusammengefunden. Diverse Menschen aus L\u00fcbeck haben damals mit vielen anderen entweder das Ankommen in Deutschland oder wenn gew\u00fcnscht auch die Weiterreise von Gefl\u00fcchteten in Richtung Skandinavien organisiert. Aus diesen Zusammenh\u00e4ngen ist das Kollektiv entstanden. 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