{"id":25327,"date":"2021-06-21T12:36:50","date_gmt":"2021-06-21T10:36:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/das-weiterleben-der-ns-taeter\/"},"modified":"2021-06-29T10:40:21","modified_gmt":"2021-06-29T08:40:21","slug":"das-weiterleben-der-ns-taeter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/06\/das-weiterleben-der-ns-taeter\/","title":{"rendered":"Das Weiterleben der NS-T\u00e4ter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re die ganze Angelegenheit vor Gericht nicht so ernst, k\u00f6nnte man die Darstellung von Thorsten Wollschl\u00e4ger, wie er sich beim ersten Treffen der rechtsterroristischen Gruppe S. vorgestellt hat, f\u00fcr einen kuriosen Stand-Up-Comedy-Auftritt halten: \u201eIch bin Thorsten, 50 Jahre und komme aus Hamm. Mein Hobby ist das Mittelalter und Fotografieren und ich bin im \u00f6ffentlichen Dienst.\u201c ((1))<br \/>\nWollschl\u00e4ger wurde als Unterst\u00fctzer der \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/nur-einzelfaelle\/\">Gruppe S.<\/a>\u201c am 13. Februar 2021 zusammen mit den anderen zw\u00f6lf Mitgliedern verhaftet. Der Polizeiverwaltungsbeamte fiel zwar durch nationalistische Spr\u00fcche und das Tragen rechter Symbole an seinem Arbeitsplatz auf, blieb aber unbehelligt. Er f\u00fchlte sich durch die vom Hammer Polizeipr\u00e4sidenten unterst\u00fctzte geschichtsrevisionistische Homepage \u201ePolizeihistorische Sammlung Paul\u201c ((2)) in seinen rechten Ansichten best\u00e4tigt. Am dritten und vierten Prozesstag (27. und 28. April) wurde er intensiv befragt und mit bei der Hausdurchsuchung gefundenen Materialien konfrontiert. Die \u201eMobile Beratung gegen Rechtsextremismus NRW\u201c ist bei den Prozessen anwesend und stellt kontinuierlich ausf\u00fchrliche Protokolle der Gerichtsverhandlungen ins Netz. ((3))<br \/>\nZu den Asservaten geh\u00f6rten Aufkleber, Buttons und ein T-Shirt mit Emblemen der \u201eIdentit\u00e4ren Bewegung\u201c und Ausgaben der Zeitung \u201eJunge Freiheit\u201c. ((4)) Auf Nachfrage des Gerichts in Stuttgart-Stammheim gibt Wollschl\u00e4ger \u201ealternative Medien\u201c als seine bevorzugten Informationsquellen an. Sie umfassen das breite Spektrum der extremen Rechten, als \u201eErg\u00e4nzung zu den normalen Medien. Wo ich mir ein Gesamtbild \u00fcber Politik und Weltgeschehen zusammensetze. Ich will mich umfassend mit allem auseinandersetzen und lesen.\u201c ((5))<br \/>\nW\u00e4hrend der Pr\u00e4sentation der Materialien durch das Gericht wurde nachgewiesen, dass Wollschl\u00e4ger Orden, Aufn\u00e4her mit SS-Totenkopf und sogar NS-Plakate sammelte und letztere selbst im Copyshop vergr\u00f6\u00dfert hatte. Hinzu kamen B\u00fccher aus der Zeit des Faschismus. So auch der Bildband \u201eMit Hitler in Polen\u201c, um seiner Meinung nach eine \u201eobjektive Darstellung\u201c ((6)) des damaligen Geschehens zu erhalten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">In der Nachfolge der T\u00e4tergeneration<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Befragung wurde der famili\u00e4re Hintergrund seiner Besch\u00e4ftigung mit dieser Thematik deutlich: \u201eDie Auszeichnungen seien aus dem Nachlass seines Onkels, der als Panzer-Funker bei der SS-Totenkopf-Division gedient habe. Sein Opa sei bei der Polizei gewesen. Das seien Familiennachl\u00e4sse und er habe sie als Erinnerung nach dem Tod von Onkel und Opa erhalten und in seinem Arbeitszimmer aufgestellt.\u201c Auf die von ihm gesammelten NS-Propagandaplakate angesprochen, behauptete Wollschl\u00e4ger, dass er damit nichts glorifizieren wolle und sah seine Familie in der Opferrolle: \u201eSeine Familie habe viel Leid erfahren im Nationalsozialismus.\u201c<br \/>\nDer Fortgang der Befragung zeigte, wie sehr die innerfamili\u00e4re Legendenbildung Wollschl\u00e4ger pr\u00e4gte und wie kritiklos er die dort weitergegebenen Erz\u00e4hlungen \u00fcbernahm: \u201eDer VR (Vorsitzende Richter) fragt W. nach seiner Haltung zur Waffen-SS. Der antwortet, sein Onkel sei dabei gewesen. \u201aIch betrachte die als saubere Soldaten. Mein Onkel hat keine Schweinereien gemacht, hat er mir selber gesagt. Da gab\u2019s viele, die sauber waren. Die anderen habe ich nicht beachtet.\u2018 Weiter gibt er an: \u201aMein Onkel war immer auf Veteranentreffen der SS. Nach seinem Tod ist die Tante hingefahren, Vater und ich sind zwei, dreimal mit hingefahren.\u2018 Das war eine sehr, sehr traurige Angelegenheit. [\u2026] Die haben die H\u00f6lle durchgemacht.\u2018\u201c<br \/>\nBei der Durchsuchung von Wollschl\u00e4gers Wohnung wurde ein Brief vom 2. M\u00e4rz 2006 an die SS-Truppenkameradschaft \u201eTotenkopf\u201c gefunden, indem er seine Bereitschaft bekundete, als j\u00fcngeres Mitglied aktiv zu werden, um der \u201eVerdrehung der Geschichte zu begegnen\u201c und das \u201eAndenken an unsere Soldaten aufrecht zu erhalten\u201c ((7)). Die SS-Division Totenkopf wurde im KZ Dachau aufgestellt und war an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt ((8)).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Hammer Polizeipr\u00e4sidenten bleiben unt\u00e4tig<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur einmal kam Wollschl\u00e4ger auf die vom Hammer Polizeipr\u00e4sidenten unterst\u00fctzte \u201ePolizeihistorische Sammlung Paul\u201c zu sprechen, weil er vom Richter auf ein bei ihm gefundenes Foto des Hammer Polizeipr\u00e4sidiums aus dem Jahr 1937 mit gro\u00dfen Hakenkreuzfahnen angesprochen wurde. Das Foto hat er tats\u00e4chlich aus seiner so geliebten Sammlung entnommen, die er im dortigen G\u00e4stebuch als \u201ewirklich gut gelungen\u201c ((9)) lobte.<br \/>\nAuch in dieser Sammlung wurden die deutschen T\u00e4ter mehrmals als Opfer dargestellt. Auch hier wurden die vom Deutschen Reich ausgehenden Gewaltakte und Verbrechen relativiert und Fotos von lokalen SS-Gr\u00f6\u00dfen pr\u00e4sentiert ((10)). Wollschl\u00e4ger konnte sich also auf dieser von offizieller Seite unterst\u00fctzten Homepage ganz zuhause f\u00fchlen. Das Gericht hakte an dieser Stelle nicht weiter nach. Denn ansonsten w\u00fcrden Vers\u00e4umnisse des Hammer Polizeipr\u00e4sidiums zur Sprache kommen, weil diese Homepage immer noch nicht abgeschaltet oder grundlegend ver\u00e4ndert wurde.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wollschl\u00e4ger im \u201eBraunen Schutzgebiet\u201c<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Wollschl\u00e4ger zur Gruppe S. gefunden hat ist \u00fcberaus bemerkenswert: \u201eW. m\u00f6chte mit seinem ,Kennverh\u00e4ltnis\u2018 zum Angeklagten Thomas N. beginnen. Diesen \u2013 und dessen Freundin \u2013 habe er im Juli 2017 beim mittelalterm\u00e4\u00dfigen Lagern im Katharinenhof auf Fehmarn kennengelernt.\u201c ((11)) Dazu sollte mensch wissen: \u201eSchleswig-Holstein galt nach 1945 als \u201aBraunes Schutzgebiet\u2018, hier fanden die M\u00f6rder und Henker des dritten Reiches Unterschlupf, konnten sich ausruhen, und konnten ihr verbrecherisches Wissen weitergeben. Viele Namen, die sich auf Fahndungslisten befanden, aber auch verurteilte (darunter Todesurteile) finden sich in der gehobenen Politik, Justiz, Polizei und Wirtschaft wieder.\u201c ((12))<br \/>\nVon 1939 bis 1945 war der Katharinenhof Teil der SS-Nordhav-Stiftung ((13)), die hier ein SS-Erholungsheim betrieb. Der Leiter der polizeilichen Spionageabwehr und Verantwortliche f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Schutz hoher NS-Funktion\u00e4re, Walter Schellenberger, kaufte im Auftrage von Reinhard Heydrich das Geb\u00e4ude. Schellenberger war bei dem in der Hammer \u201ePolizeihistorischen Sammlung\u201c mit euphorischen Berichten dargestellten Einmarsch in das Sudetenland ((14)) an f\u00fchrender Stelle dabei und an der Ausschaltung der antifaschistischen Widerstandsgruppe \u201eRote Kapelle\u201c beteiligt. Am Kriegsende fl\u00fcchtete er zun\u00e4chst \u00fcber die \u201eRattenlinie Nord\u201c ((15)) nach Flensburg. Letztendlich kam er bei den N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozessen mit einer nur zweij\u00e4hrigen Haftstrafe davon. W\u00e4hrend dieser Zeit schrieb er seine Memoiren.\u00a0((16))<br \/>\nHeydrich war SS-Obergruppenf\u00fchrer, General der Polizei sowie einer der Hauptorganisatoren des Holocaust und leitete die Wannseekonferenz, bei der die vollst\u00e4ndige Ermordung aller Juden beschlossen wurde.\u00a0((17)) Seine auf Fehmarn geborene Frau Lina Heydrich war eine sadistische und militante Faschistin, die j\u00fcdische Gefangene auf dem geraubten Schloss Breschan bei Prag eigenh\u00e4ndig qu\u00e4lte und anschlie\u00dfend ins KZ schickte. Obwohl sie in der Tschechoslowakei zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, blieb sie nach 1945 unbehelligt, hetzte weiterhin gegen Juden und betrieb auf Fehmarn die Pension \u201eImbria Parva\u201c, in der sie h\u00e4ufig ehemalige SS-Kameraden ihres Mannes zu Wiedersehensfeiern beherbergte. ((18))<br \/>\nWollschl\u00e4ger ist sicherlich nicht zuf\u00e4llig und auch nicht nur wegen eines pittoresquen Mittelaltermarktes in Fehmarn auf dem Katharinenhof gelandet und hatte dort seinen Campingwagen abgestellt. Das Gericht fragte und forschte nicht weiter nach, obwohl es sehr naheliegt, sich das gesamte Umfeld einschlie\u00dflich weiterer Unterst\u00fctzer- und MitwisserInnen genauer anzusehen.<br \/>\nHinzu kommt, dass Uwe B\u00f6hnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zsch\u00e4pe vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) an den gleichen Orten auf Fehmarn j\u00e4hrlich ihren Urlaub machten. Sie blieben auch dort nicht alleine und versteckt, sondern konnten auf \u201eBlood &amp; Honour\u201c-Strukturen zur\u00fcckgreifen und hatten ein ihnen gewogenes Umfeld und Unterst\u00fctzerInnen ((19)). All dies m\u00fcsste von dem Gericht noch einmal genauer untersucht und im Zusammenhang gesehen werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">VerteidigerInnen aus der rechten Szene<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck zum Prozess selbst: Unter den 27 VerteidigerInnen dieses Prozesses befinden sich einige bemerkenswerte AktivistInnen aus dem rechten Spektrum. G\u00fcnther Herzogenrath-Amelung vertrat bisher viele NPD-Funktion\u00e4re, die Skinheads S\u00e4chsische Schweiz (SSS), den Rechtsterroristen Martin Wiese, der 2003 ein Sprengstoffattentat auf das J\u00fcdische Zentrum M\u00fcnchen plante. Besonders markant war sein Einsatz f\u00fcr den NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke, der mit seinen SS-Leuten bei dem Massaker in den Ardeatinischen H\u00f6hlen bei Rom 335 Zivilisten ermordete. Er konnte sich nach 1945 mehr als ein halbes Jahrhundert seiner Haftstrafe entziehen und w\u00e4hrend seines zeitweiligen Hausarrestes durch Rom spazieren gehen. ((20))<br \/>\nVerteidiger und Rechtsanwalt Dubravko Mandi steht der Identit\u00e4ren Bewegung nahe, wurde selbst der AfD zu extrem und kam einem Ausschluss durch Austritt zuvor. Er benutzte bei einer Pr\u00fcgelei im Wahlkampf 2019 Reizgas, bedrohte eine Journalistin und nahm ihr das Handy weg, bezeichnete <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/06\/heiliger-obama\/\">Barak Obama<\/a> als \u201eQuotenneger\u201c und wurde vom \u201eFreiburger Anwaltverein e.V.\u201c ausgeschlossen.\u00a0((21))<br \/>\n\u201eUnter den Verteidigern ist auch Frank Miksch, Szeneanwalt aus N\u00fcrnberg und einst Aktivist der NPD-Jugendorganisation ,Junge Nationaldemokraten\u2018. Er vertrat zuletzt Susanne G., eine Heilpraktikerin, die Sprengmittel beschafft, Morddrohungen gegen Politiker ausgesprochen sowie einen Anschlag auf eine Moschee geplant haben soll. Mikschs Co-Verteidiger ist Andr\u00e9 Picker. Als ebenfalls bundesweit bekannter Nazianwalt gilt er als gut vernetzt in der Szene. Er soll lange im Vorstand der Rechtspopulisten von ,Pro NRW\u2018 und Mitglied bei den Republikanern gewesen sein.\u201c ((22))<br \/>\nDie beiden letzteren Verteidiger behaupteten zu Beginn des Verfahrens, dass die Beschuldigten aufgrund ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zum \u201ePrekariat\u201c ((23)) weder die geistigen F\u00e4higkeiten noch die materiellen M\u00f6glichkeiten gehabt h\u00e4tten, einen \u201eUmsturz\u201c in der BRD durchzuf\u00fchren und deswegen die Vorw\u00fcrfe der Bundesanwaltschaft ihrer \u201eFantasie\u201c entsprungen seien. Dem ist zu entgegnen, dass Wollschl\u00e4ger bei 2.600 Euro Netto-Gehalt nicht dem \u201ePrekariat\u201c angeh\u00f6rt und er nachweisbar sehr deutlich Mordabsichten ge\u00e4u\u00dfert hat.<br \/>\nDas Gerichtsverfahren, das bereits <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/corona-leugnung-und-neue-rechte\/\">Corona<\/a> bedingt unterbrochen werden musste, wird sich wahrscheinlich bis Mitte n\u00e4chsten Jahres hinziehen. Davon abgetrennt wurde ein Verfahren gegen die Gruppe \u201eDer harte Kern\u201c ((24)), deren Mitglieder Kontakte zur Gruppe S. hatten. Diese kommen aus dem Umfeld von B\u00fcrgerwehren, Hooligans und Wehrsportgruppen. Am 6. Mai 2021 fand bei ihnen eine Razzia statt, um weitere Beweise zu finden. Sie planten, PolitikerInnen und Schwarze zu ermorden.<br \/>\nAll dies sind also keine Einzelf\u00e4lle. Je l\u00e4nger nachgeforscht und ermittelt wird, desto mehr erschreckende Details und Zusammenh\u00e4nge werden offenbar. Ebenso zeigen sich die tiefen Spuren, die der Faschismus im Denken und Handeln vieler Menschen hinterlassen hat. Es wird nicht nur \u00fcber die begangenen Verbrechen geschwiegen, sondern entgegen allen historischen Tatsachen dreist gelogen und damit der Grundstein f\u00fcr weitere Verbrechen gelegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4re die ganze Angelegenheit vor Gericht nicht so ernst, k\u00f6nnte man die Darstellung von Thorsten Wollschl\u00e4ger, wie er sich beim ersten Treffen der rechtsterroristischen Gruppe S. vorgestellt hat, f\u00fcr einen kuriosen Stand-Up-Comedy-Auftritt halten: \u201eIch bin Thorsten, 50 Jahre und komme aus Hamm. 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