{"id":2553,"date":"1999-03-01T00:00:23","date_gmt":"1999-02-28T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2553"},"modified":"2022-07-26T14:17:01","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:01","slug":"die-asketische-anarchistin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/03\/die-asketische-anarchistin\/","title":{"rendered":"Die asketische Anarchistin"},"content":{"rendered":"<p>Simone Weil geh\u00f6rt f\u00fcr mich sicher zu den faszinierendsten, aber auch mysteri\u00f6sesten Frauen in der anarchistisch-pazifistischen Bewegung. 1909 innerhalb einer wohlhabenden j\u00fcdischen Familie in Paris geboren, v\u00f6llig areligi\u00f6s erzogen, wurde sie Lehrerin in der Provinz (Le Puy \/ Haute Loire), gewann dort zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre Anschlu\u00df an die libert\u00e4re ArbeiterInnenbewegung, arbeitete als Intellektuelle trotz ihrer kranken k\u00f6rperlichen Verfassung (immer wiederkehrende starke Kopfschmerzen) 1934- 36 in Industriefabriken, beteiligte sich im August und September 1936 an der spanischen Revolution (wo sie sich beim Kochen durch siedendes \u00d6l verbrannte), wandte sich nach fr\u00fcher Beteiligung bei der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance und zweimaliger Verhaftung durch die Deutschen im britischen Exil mystisch-christlichen Gedanken zu und wollte aber kurz vor ihrem Tod 1943 wieder nach Frankreich zur\u00fcck, um erneute f\u00fcr die R\u00e9sistance zu k\u00e4mpfen, was ihr de Gaulle aufgrund ihrer Krankheit nicht erlaubte. An Simone Weil besticht ihr best\u00e4ndiger Versuch, als libert\u00e4re Intellektuelle jegliche pers\u00f6nliche Egozentrik zu vermeiden und konsequent ihr Leben in Einklang mit dem Leben der Armen, Fl\u00fcchtlinge und ArbeiterInnen zu bringen &#8211; bis hin zur Selbstaufgabe und ohne R\u00fccksicht auf ihre k\u00f6rperliche Verfassung und Gesundheit.<\/p>\n<p>Den Zug des Selbstleidens bis hin zum Selbstha\u00df hatte sie in ihrer areligi\u00f6sen Erziehung durch die Aufnahme des stoischen Denkens aus dem Griechentum gewonnen. Gleichzeitig bedeutete diese Tradition einen solidarischen Altruismus, ein Leben und Leiden f\u00fcr die Emanzipation der anderen. Simone Weil stellte rigoros- moralische Anforderungen an ihre eigene theoretische-schriftstellerische Arbeit und forderte sie genauso konsequent von anderen selbsternannten Revolution\u00e4rInnen ein. Das Beispiel ihrer Haltung zum Schriftstellertum und zum Journalismus mag dies verdeutlichen: aus dem Anspruch heraus, da\u00df die gesellschaftliche Wirklichkeit auf wahre, wahrhaftige Weise beschrieben werden kann, ergeben sich nach Weil moralische Verpflichtungen f\u00fcr SchriftstellerInnen und JournalistInnen. Doch statt solcher Demut existiere Arroganz und Eitelkeit unter den SchriftstellerInnen:<\/p>\n<p>&#8222;Man scheut sich, etwas Gedrucktes zu lesen, wenn man einmal der Unmenge und Ungeheuerlichkeit des sachlich Falschen inne geworden ist, das sich, selbst in den B\u00fcchern der angesehensten Verfasser allenthalben schamlos darbietet. Man liest dann, als tr\u00e4nke man Wasser aus einem tr\u00fcben Brunnen.&#8220; Die LeserInnen aber, so Weil, &#8222;glauben dem Buch aufs Wort. Man hat nicht das Recht, sie Falsches schlucken zu lassen&#8220;, auch nicht guten Glaubens. Noch weniger ist Simone Weil bereit, die &#8222;Existenz von Zeitungen zu dulden, von denen alle Welt wei\u00df, da\u00df kein Mitarbeiter dort bleiben k\u00f6nnte, wenn er nicht bisweilen einwilligte, die Wahrheit bewu\u00dft zu entstellen. Aber man glaubt, dieses Verbrechen sei nicht strafbar.&#8220; Obwohl sie Libert\u00e4re ist, verlangt Weil hier in ihrer Wei\u00dfglut strenge Bestrafung f\u00fcr journalistische L\u00fcge oder Unredlichkeit, bis hin zu Zuchthaus. Obwohl das \u00fcberzogen ist, zeigt Weil hier die Dimension dessen auf, was ihrer Meinung nach Schreibtischt\u00e4terInnen gesellschaftlich anrichten: &#8222;Unsere Epoche ist derart von L\u00fcgen vergiftet, da\u00df sie alles, was sie ber\u00fchrt, in L\u00fcge verwandelt.&#8220; Und: &#8222;Die wahre Art zu schreiben ist, so zu schreiben, wie man \u00fcbersetzt. Wenn man einen in fremder Sprache geschriebenen Text \u00fcbersetzt, sucht man nicht etwas hinzuzuf\u00fcgen; im Gegenteil verwendet man eine religi\u00f6se Gewissenhaftigkeit darauf, nichts hinzuzusetzen.&#8220; Das mache eine bescheidene Form im Unterschied zur egozentrischen, verschwenderischen und damit propagandistischen Form des Schreibens aus. Die asketische Grundlage ihres Anarchismus, die sie auf nahezu alle Bereiche ihres Lebens anwandte, wird hier sehr deutlich. Wie immer man\/frau zu diesem Asketismus stehen mag, kommt sie dar\u00fcber doch zu h\u00f6chst spannenden Einsichten, auch zum Beispiel f\u00fcr den sogenannten tagespolitischen Journalismus: &#8222;Man mu\u00df \u00fcber ewige Dinge schreiben, um mit Sicherheit aktuell zu sein.&#8220; (alle voraufgehenden Zitate: Weil zit. nach Krogmann, S.49f)<\/p>\n<p>Den Vergleich mit dem \u00dcbersetzen verwandte Simone Weil \u00fcbrigens auch in der ArbeiterInnenbildung, bei der sie von jeder und jedem Intellektuellen verlangte, ihre komplexen Erkenntnisse ohne Reduktion der Komplexit\u00e4t so darzulegen (zu &#8222;\u00fcbersetzen&#8220;), da\u00df jede\/r ArbeiterIn sie verst\u00fcnde. Der hohe Anspruch an die so formulierte politische Vermittlung zeigt sich in den politischen Schriften von Simone Weil in einer Klarheit und gesellschaftlichen Prophetie der Analyse, die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend ist. In ihren Reflexionen \u00fcber die deutsche ArbeiterInnenbewegung, die sie nach einem zweimonatigen Deutschlandbesuch 1932 anstellte, kritisierte sie die deutsche Sozialdemokratie, sie habe die ArbeiterInnen dem deutschen Staat ausgeliefert, und die Kommunistische Partei, sie habe sie dem russischen Staatsinteresse geopfert. So erweise sich die ArbeiterInnenklasse in Deutschland als unf\u00e4hig, die Krise des Kapitalismus durch Generalstreik auszunutzen. In weiteren Schriften zur Situation der ArbeiterInnen und mit Blick auf die Sowjetunion analysierte sie mit erstaunlicher Hellsichtigkeit b\u00fcrokratische Tendenzen, in der Zusammenfassung von Heinz Abosch:<\/p>\n<p>&#8222;&#8218;Als Kaste oder Klasse ist die B\u00fcrokratie ein neuer Faktor im gesellschaftlichen Kampf&#8216; &#8211; das ist eine zentrale These. Herrschaft gr\u00fcndet nicht allein auf \u00f6konomischen Beziehungen, wie es der Marxismus lehrt, sie ist das Wesen der gesellschaftlichen Struktur, die auf einer Hierarchie von Befehlenden und Gehorchenden beruht. \u00dcber die \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse hinaus gibt es ein Herrschaftsverh\u00e4ltnis; man kann jene umst\u00fcrzen, ohne an diesem etwas zu \u00e4ndern. Die Kritik an Marx nimmt Argumente des Anarchismus wieder auf. Weil der Marxismus die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse jenseits des \u00f6konomischen Bereichs ignorierte, reproduzierte er sie innerhalb der Arbeiterbewegung und erwies sich als unf\u00e4hig, eine herrschaftsfreie Gesellschaft zu errichten.&#8220;<\/p>\n<p>Grandios und prophetisch auch Simone Weils fr\u00fche Kritik der Produktivkr\u00e4fte: &#8222;Von einem bestimmten Niveau ab schaffe die Technik ebenso viele Schwierigkeiten, wie sie andere beseitige. Verworfen wird das Bild einer sozusagen gratis t\u00e4tigen Automation, die nichts als humanes Gl\u00fcck produziere. Die Technik biete nichts umsonst, die in gro\u00dfer Anzahl erzeugten Produkte setzten eine Organisation hierarchischer Unterordnung, Undurchschaubarkeit und Verschwendung voraus, die kostspielig genug w\u00e4ren. Der technische Traum wird zum Trauma (&#8230;): auf dem Niveau hoher Produktion erscheint nicht das &#8218;Reich der Freiheit&#8216;, sondern versch\u00e4rfte Repression. (&#8230;) Eine Gesellschaft hoher Produktion verlange eine repressive, nicht freiheitliche Organisation. Andererseits sto\u00dfe sie unwiderruflich auf die Grenzen der nat\u00fcrlichen Vorr\u00e4te, die kein kontinuierliches Wachstum erlaubten.&#8220; (Abosch zit. nach Vorwort zu Weil: Unterdr\u00fcckung und Freiheit, S.11f)<\/p>\n<p>Das ist quasi eine fr\u00fche Analyse des erst Jahrzehnte sp\u00e4ter kommenden Atomstaats! Schon 1934 trat die asketische Anarchistin f\u00fcr eine radikalen Wachstumsstopp ein und kann daher als Vorl\u00e4uferin des \u00f6kologischen Anarchismus gelten. Auch in ihrem eigenen Leben setzte sie ihren moralischen Rigorismus im Alltag um: als sie im Exil w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges ausreichend Nahrungsmittelmarken bekam, behielt sie nur soviele, wie auch die Menschen im besetzten Frankreich bekamen und verschenkte die anderen an Hilfs- und Solidarit\u00e4tsorganisationen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Simone Weil geh\u00f6rt f\u00fcr mich sicher zu den faszinierendsten, aber auch mysteri\u00f6sesten Frauen in der anarchistisch-pazifistischen Bewegung. 1909 innerhalb einer wohlhabenden j\u00fcdischen Familie in Paris geboren, v\u00f6llig areligi\u00f6s erzogen, wurde sie Lehrerin in der Provinz (Le Puy \/ Haute Loire), gewann dort zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre Anschlu\u00df an die libert\u00e4re ArbeiterInnenbewegung, arbeitete als Intellektuelle &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/03\/die-asketische-anarchistin\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die asketische Anarchistin - graswurzelrevolution","description":"Simone Weil geh\u00f6rt f\u00fcr mich sicher zu den faszinierendsten, aber auch mysteri\u00f6sesten Frauen in der anarchistisch-pazifistischen Bewegung. 1909 innerhalb einer w"},"footnotes":""},"categories":[163,44,1042],"tags":[],"class_list":["post-2553","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-237-marz-1999","category-bucher","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2553"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2553\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}