{"id":25654,"date":"2021-08-22T01:02:32","date_gmt":"2021-08-21T23:02:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=25654"},"modified":"2022-07-26T13:30:50","modified_gmt":"2022-07-26T11:30:50","slug":"nach-dem-militaerischen-desaster-kein-antimilitarismus-nirgends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/08\/nach-dem-militaerischen-desaster-kein-antimilitarismus-nirgends\/","title":{"rendered":"Nach dem milit\u00e4rischen Desaster: Kein Antimilitarismus, nirgends!"},"content":{"rendered":"<p>In zwanzig Jahren sind die \u201eMenschenrechtskrieger\u201c nicht auch nur einen konkreten Schritt auf dem Weg zur autorit\u00e4r-milit\u00e4rischen Durchsetzung der Menschenrechte oder der Demokratie vorangekommen \u2013 ein Scheitern auf der ganzen Linie, wie es in dieser Dimension selbst f\u00fcr uns anarchistische Antimilitarist*innen zeitweise nicht vorstellbar war. Verzweifelt versuchen sie, diesem Krieg im Chaos der Rettungsfl\u00fcge noch nachtr\u00e4glich einen Sinn abzugewinnen: Biden meint, der Zweck sei doch erreicht worden, Bin Laden und Al Qaida w\u00e4ren doch zur Strecke gebracht worden \u2013 aber eben in Pakistan 2011, wo sich Bin Laden schon seit 2006 aufhielt, und nicht etwa in Afghanistan; und au\u00dferdem als Schlag eines Einzelkommandos, daf\u00fcr h\u00e4tte man doch ein ganzes Land nicht zwei Jahrzehnte lang bekriegen m\u00fcssen! (1)<\/p>\n<p>59 bundesdeutsche Soldaten seien in diesen 20 Jahren gestorben, wird \u00fcber die bundesdeutschen b\u00fcrgerlichen Medien mit Krokodilstr\u00e4nen verlautet und gefragt, ob es das wert gewesen sei. Und wie viele Afghan*innen? Seri\u00f6se Quellen wie das \u201eCost of War\u201c-Project des Watson Institute der Brown University in Providence\/Rhode Island, USA, beziffern die Gesamtzahl der Toten in Afghanistan inclusive aller Afghan*innen auf 157.000 bis Oktober 2019, dazu die Toten im st\u00e4ndig mit bekriegten West-Pakistan auf 66.000 im selben Zeitraum, ergibt 213.000 bis Ende 2019; und zeitlich hochgerechnet bis auf April 2021 kommt man auf insgesamt 238.000 in Afghanistan und West-Pakistan. Davon entfallen insgesamt 67.000 Opfer auf Zivilist*innen beider L\u00e4nder, Afghanistan und West-Pakistan. (2)<\/p>\n<p>Radikale Antimilitarist*innen hassen es, immer recht zu behalten, zumal beide Kriege durch eine weltweite Massenbewegung sowohl gegen den Afghanistan-Krieg wie gegen den Irak-Krieg von Anbeginn kritisiert und zu verhindern gesucht wurden. Und wie h\u00f6llisch diese Antikriegsbewegungen, \u00fcbrigens nicht nur in der BRD, recht hatten! Doch es n\u00fctzte ihnen nichts.<\/p>\n<p><b>Warum eigentlich Afghanistan? \u00d6konomische und geostrategische Interessen aller imperialistischen M\u00e4chte: der Sowjetunion und der NATO<\/b><\/p>\n<p>Afghanistan gilt f\u00fcr viele auf den ersten Blick als unwirtliche Gegend, als Ein\u00f6de und W\u00fcste, mit Ausnahme der Mohnfelder, die in den Sechzigerjahren zu einem Art Alternativtourismus nach Kabul f\u00fchrten. Doch sowohl die Sowjetunion als auch die NATO richteten bei ihren Besetzungen ihre Begehrlichkeiten auf Afghanistan aus anderen Interessen- und Motivlagen.<\/p>\n<p>\u201eDie Liste an mineralischen Bodensch\u00e4tzen liest sich wie die Wunschliste einer Industrienation. Lithium, Beryllium, Edelsteine, Seltene Erden, Kupfer, Molybd\u00e4n, Gold, Niob, Blei, Zink, \u00d6l, Gas und Kohle sind in Afghanistan bereits nachgewiesen. Weiterhin verf\u00fcgt das Land im gesamten Osten \u00fcber mehrere Milliarden Tonnen hochwertiges Eisenerz. Von Kabul bis Kandahar verl\u00e4uft eine sehr reichhaltige Chromader. In Mittelafghanistan sind gro\u00dfe Mengen an Bauxit nachgewiesen. Marmor und Granit sind \u00fcber den Osten und Mittelafghanistan verteilt.<\/p>\n<p>\u00d6l- und Gasvorkommen gibt es im Norden. Das Gesamtpotential an \u00d6l-Ressourcen in Afghanistan wird auf 1,6 Mrd. Barrel und die Gas-Ressourcen werden auf 15.690 Mrd. Kubikfu\u00df gesch\u00e4tzt.&#8220; (3)<\/p>\n<p>Hinzu kommen geostrategische Interessen in der Region: Die Sowjetunion wollte durch die Invasion 1979 infolge des von ihr gest\u00fctzten kommunistischen Regimes einen Zugang zum Indischen Ozean; heute hat Russland das Interesse, eine durch eventuell neuerliche islamistische Herrscher in Afghanistan entstehende Nachschubbasis f\u00fcr K\u00e4mpfer an den russischen S\u00fcdostgrenzen (z.B. Tschetschenien) zu verhindern. Die NATO wollte noch in Zeiten des Kalten Krieges genau diese sowjetischen Interessen durchkreuzen, dadurch dass sie islamistische Milizen gro\u00dfz\u00fcgig mit Waffenlieferungen unterst\u00fctzten und islamistische Gruppen \u00fcberhaupt erst in die Lage versetzten, die sowjetische Invasion durch milit\u00e4rische Nadelstiche \u00fcber die Jahre hinweg zu destabilisieren. Doch die Islamisten bedankten sich f\u00fcr die US-Waffenhilfe dann nur durch den 11. September 2001.<\/p>\n<p><b>Der blutige Schr\u00f6der-Fischer-Deal<\/b><\/p>\n<p>Wir erinnern uns kurz an einige Schlaglichter aus 2001, als die NATO-Invasion anlief und sich die BRD entscheiden musste, ob sie ein weltweit \u201eanerkannter\u201c Milit\u00e4rpartner bleiben wollte. In die ersten handfesten Nachkriegs-Kriege zog die Bundeswehr im Rahmen einer Rot-Gr\u00fcn-Regierung unter F\u00fchrung von Gerhard Schr\u00f6der und Joschka Fischer. Weil sie die Bombardierung Serbiens 1999 im Kosovo-Krieg und den Afghanistan-Krieg 2001 aktiv verantworteten, konnten sie beim Irak-Krieg 2003 auch mal pausieren und sich angeblich antiimperialistisch gerieren, so die nachtr\u00e4gliche Selbstrechtfertigung dieser bundesdeutschen, zynischen Menschenrechtskrieger bei ihrem Deal.<\/p>\n<p>Und an diesem Zynismus hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert, wie ein nur fl\u00fcchtiger Blick auf den Bundeswehreinsatz in Mali zeigt. Dort hat das Milit\u00e4r Malis j\u00fcngst zweimal gegen die Demokratie geputscht \u2013 und die Bundeswehr ist nicht etwa aus Protest und demokratischer Verantwortung sofort abgezogen, nein, sie hat diese Putsche abgesegnet, ohne mit der Wimper zu zucken. Pl\u00f6tzlich kam es dort den Milit\u00e4rstrategen auch sehr gelegen, dass die demokratische Regierung Malis sowieso \u00fcber die Ma\u00dfen korrupt war. Soviel zur Konsequenz und Ernsthaftigkeit, mit der die \u201eMenschenrechtskrieger\u201c auf die Menschenrechte und demokratische Zust\u00e4nde achten, noch dazu, wo es in Mali darum geht, den Uranabbau im Grenzgebiet Mali-Niger f\u00fcr die 54 franz\u00f6sischen Atomkraftwerke mittels deutsch-franz\u00f6sischer Milit\u00e4rzusammenarbeit abzusichern.<\/p>\n<p>Dass die mit Menschenrechtskriegen zu installierende Demokratie irritierenderweise immer Regierungen hervorbringt, die ganz besonders korrupt sind wie etwa die demokratische Regierung in Mali oder auch die demokratische Regierung in Afghanistan, das zum Beispiel zum Zentrum des weltweiten Opium- und Heroinhandels geworden ist (4), wird mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen, wenn es mal nicht zur Konstruktion einer Legitimation des Bleibenm\u00fcssens eingesetzt wird.<\/p>\n<p><b>Rassistisches \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl wie in Vietnam<\/b><\/p>\n<p>Die Kriegsanalysen von Harald Welzer in seinem Buch \u201eKlimakriege\u201c (2010) bieten hierzu vor der Folie des verlorenen Vietnam-Krieges viel Vergleichsmaterial:<\/p>\n<p>So habe sich in der US-Armee damals \u201eeine irrationale Realit\u00e4tssicht breit gemacht, die zum Beispiel davon ausging, dass den feindlichen Vietcong irgendwann die K\u00e4mpfer ausgehen w\u00fcrden und dann der Augenblick der finalen milit\u00e4rischen \u00dcberlegenheit gekommen sei.\u201c Dito in Afghanistan, wo immer wieder arrogant und selbstverst\u00e4ndlich die zunehmende Schw\u00e4che der Taliban verlautbart und beschworen wurde \u2013 daher auch die v\u00f6llig verfehlten zeitlichen Fehleinsch\u00e4tzungen zum j\u00fcngsten Vordringen der Taliban nach Kabul. Welzer: \u201eDie Stabschefs und Pr\u00e4sidentenberater befanden sich, wie ein zeitgen\u00f6ssischer Beobachter schrieb, zu diesem Zeitpunkt in einem \u201aTraumzustand\u2019, der ihnen jede realistische Einsch\u00e4tzung der Folgen ihres Handelns versperrte.\u201c (5)<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Dass die mit Menschenrechtskriegen zu installierende Demokratie irritierenderweise immer Regierungen hervorbringt, die ganz besonders korrupt sind wie etwa die demokratische Regierung in Mali oder auch die demokratische Regierung in Afghanistan, das zum Beispiel zum Zentrum des weltweiten Opium- und Heroinhandels geworden ist (4), wird mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen, wenn es mal nicht zur Konstruktion einer Legitimation des Bleibenm\u00fcssens eingesetzt wird.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Weiter Welzer zu Vietnam: \u201ePhantasien der \u00dcberlegenheit verschwisterten sich hier mit der panischen Angst, das Gesicht zu verlieren. Sowohl Lyndon B. Johnson als auch Richard Nixon teilten \u00f6ffentlich mit, sie wollten nicht die ersten amerikanischen Pr\u00e4sidenten sein, die einen Krieg verlieren, und weil man so eine Aussage schlecht zur\u00fccknehmen kann, setzten sie alles daran, den Krieg wenigstens so lange wie m\u00f6glich nicht zu verlieren \u2013 wenn sie ihn schon nicht gewinnen konnten.\u201c (6) Dito in Afghanistan f\u00fcr die Bundeswehr: Margot K\u00e4\u00dfmann machte bereits Ende 2010 in breiter \u00d6ffentlichkeit ihre Meinung kund, \u201enichts ist gut in Afghanistan\u201c. Den Bundeswehr-Soldat*innen wurde da schon l\u00e4ngst nicht mehr von Kindern jubelnd zugewunken, die Soldat*innen stiegen bei Patrouillenfahrten nicht mehr aus und sprachen auch nicht mehr mit den Leuten, die milit\u00e4rischen Angriffe auf sie vervielfachten sich, die ersten Schulen wurden wieder geschlossen. Es war absehbar, dass auf diese Weise, mit Hilfe einer milit\u00e4rischen Intervention und der Einf\u00fchrung der \u201eMenschenrechte\u201c mit Waffengewalt, niemals eine stabile Demokratie aufgebaut werden konnte, die die Leute auch wollten und verinnerlichten.<\/p>\n<p>Welzer weiter: \u201eKennzeichnend f\u00fcr die Verantwortlichen war \u2013 wie Barbara Tuchman mit Recht gesagt hat \u2013 ihre Weigerung, Informationen zur Kenntnis zu nehmen, die ihren Erwartungen nicht entsprachen. Das fing damit an, dass sie es schlicht f\u00fcr unm\u00f6glich hielten, von einem, wie sie es nannten, \u201aviertrangigen\u2019 Land wie Vietnam besiegt werden zu k\u00f6nnen, setzte sich damit fort, dass sie die St\u00e4rke der eigenen Truppen wie die S\u00fcdvietnams chronisch \u00fcbersch\u00e4tzten, und endete damit, desto hartn\u00e4ckiger an Illusionen festzuhalten, je deutlicher sich das Desaster abzeichnete.\u201c (7) Dito in Afghanistan: Die bereits vor Monaten von der deutschen Botschaft in Kabul abgegebenen Notsignale und die Aufforderungen zur Evakuierung von Personal und Hilfskr\u00e4ften wurden nicht zur Kenntnis genommen und der autochthone Einsatzwille der doch von der Bundeswehr so intensiv ausgebildeten afghanischen Armee und der Polizeikr\u00e4fte wurde \u201echronisch \u00fcbersch\u00e4tzt\u201c!<\/p>\n<p><b>Kriegsm\u00fcdigkeit und v\u00f6llig anderer Referenzrahmen<\/b><\/p>\n<p>Doch die warfen beim ersten Zusammentreffen mit den Taliban einfach die Waffen fort. Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde: Erstens ist es ein immer wieder in lang andauernden B\u00fcrgerkriegen (nehmen wir Liberia, wo ein langj\u00e4hriger B\u00fcrgerkrieg durch Kriegsm\u00fcdigkeit und die \u00dcbernahme von Verantwortungspositionen durch Frauen anstelle von kriegerischen M\u00e4nnern beendete wurde) feststellbares Ph\u00e4nomen, dass eine gesamte Gesellschaft nach zig Jahren Krieg (in Afghanistan ja schon seit 1979, der Invasion durch die Sowjetunion) nicht mehr so will, wie es sich die Interventionsmacht vorstellt und die von ihr aufgezwungenen Kriege nicht mehr weiterf\u00fchrt. Und zweitens, darauf weist Melzer unter R\u00fcckgriff auf die Analysen von Erwin Goffman hin, liegt das daran, dass die westlichen Interventionsm\u00e4chte und die Bev\u00f6lkerungsgruppen in Afghanistan einen kategorial verschiedenen \u201eReferenzrahmen\u201c haben, \u201ein den die Wahrnehmung des Ereignisses eingeordnet wird\u201c. (8) Die westlich-europ\u00e4ische Erwartung, dass afghanische Truppen nach 20 Jahren ausl\u00e4ndischer Intervention mutig in die Schlacht gegen eigene Landsleute ziehen, musste notwendig fehlschlagen, weil der westliche Referenzrahmen hier verabsolutiert wurde und die Sicht auf die Wirklichkeit vernebelt hat. Die Taliban stehen hier trotz aller Morde und Verbrechen f\u00fcr einen eigenst\u00e4ndigen befreiungsnationalistischen Referenzrahmen \u2013 trotz ihrer religi\u00f6sen \u00dcberformung und trotz aller unterschiedlichen Bev\u00f6lkerungsgruppen im Land, die zum Teil weiterhin verfeindet sein werden.<\/p>\n<p><b>Die rassistische Dimension: Befreiung und Aufkl\u00e4rung kann nie mit \u00e4u\u00dferer Waffengewalt aufgezwungen werden<\/b><\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt diese Analyse zum letzten Punkt, der grunds\u00e4tzlich in allen Verlautbarungen sowohl der BRD-Regierung als auch der herrschenden Medien systematisch ausgeklammert wird: Welch eine ungeheuerliche Arroganz steckt eigentlich hinter der Vorstellung, emanzipatorische Werte und Verhaltensweiten, Frauenbefreiung usw. durch milit\u00e4rische Gewalt \u2013 einem anti-emanzipatorischen Wert per se \u2013 aufzwingen zu wollen? Und welche rassistische Arroganz wird bezeugt, wenn wie selbstverst\u00e4ndlich davon ausgegangen wird, der afghanischen Kultur grunds\u00e4tzlich und in jeder Hinsicht abzusprechen, diese Werte jemals eigenst\u00e4ndig und unabh\u00e4ngig ausbilden, erringen und durchsetzen zu k\u00f6nnen? Was f\u00fcr ein kultureller Rassismus steckt dahinter, nur Europa und Nordamerika als Begl\u00fcckungsregionen der Aufkl\u00e4rung hinzustellen \u2013 trotz Gandhi in Indien, trotz Mahmud Muhammad Taha im Sudan, und trotz der paschtunischen Tradition des Abdul Ghaffar Khan, um nur mal einige Beispiele gewaltfreier Widerstandstraditionen aus dieser Erdregion anzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Zum Bedeutungsgehalt der gewaltfreien Traditionen Tahas und Ghaffar Khans: Im Sudan des Mahmud Taha und seines kulturellen Erbes, \u00fcbrigens mit einem hohen Anteil an Frauenaktivist*innen, wurde 2019 selbst\u00e4ndig \u2013 und ganz ohne milit\u00e4rische Auslandsintervention \u2013 das islamistische Regime al-Bashirs, T\u00e4ter beim V\u00f6lkermord in Darfur, durch eine gewaltfreie Massenbewegung der einheimischen Bev\u00f6lkerung gest\u00fcrzt und al-Bashir soeben an den Haager Kriegsgerichtshof ausgeliefert. (9) Und zur paschtunischen Tradition Abdul Ghaffar Khans: Ghaffar Khan war in den Drei\u00dfigerjahren Gandhis muslimischer Verb\u00fcndeter im anti-britischen Antikolonialismus, was den paschtunischen Teil des sp\u00e4teren Pakistan betraf. Die Paschtun*innen waren und sind aber auch gleichzeitig die Mehrheitsbev\u00f6lkerung Afghanistans. Die Tradition des gewaltfreien Kampfes von Abdul Ghaffar Khan und seinen \u201eRothemden\u201c ist in der Region legend\u00e4r und weithin bekannt. Ihnen gelang w\u00e4hrend der Salzmarschzeit 1930 die Befreiung der Gro\u00dfstadt Peschawar auf gewaltfreie Weise und \u00fcber mehrere Wochen hinweg. Bei den \u201eRothemden\u201c waren Muslime und Hindus integriert und gemischt organisiert. (10) Dazu sind solche Kulturen tats\u00e4chlich bef\u00e4higt, das ist historisch belegt.<\/p>\n<p>Doch davon wollen die westlichen Kommentator*innen heute immer noch nichts wissen. Sie wissen auch deshalb nichts davon, weil sie trotz des gegenw\u00e4rtigen milit\u00e4rischen Desasters immer nur in milit\u00e4rischen Ma\u00dfst\u00e4ben denken k\u00f6nnen: Wenn die westliche Milit\u00e4rintervention gescheitert ist, dann wird eben auf den n\u00e4chsten B\u00fcrgerkrieg gehofft. Und anstatt auf eine Erneuerung der Tradition Ghaffar Khans wird in Afghanistan nun wieder auf den General Massud gesetzt, den pro-westlichen und nicht-paschtunischen Anf\u00fchrer der ehemaligen \u201eNord-Allianz\u201c, und das milit\u00e4risch uneinnehmbare Pandschir-Tal sowie einen erneuten miliz-artigen Widerstand gegen die Taliban, nur jetzt eben unter Befehl des Sohnes Massuds, des \u201ejungen Massud\u201c. Und so jubelt etwa am 21. 8. auch die <i>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/i>: \u201eEs kommt \u00fcberraschend schnell zu ersten Protesten. Und vielleicht sogar bald zu einem B\u00fcrgerkrieg.\u201c (11) Als ob das f\u00fcr Afghanistan noch immer eine Hoffnung sein k\u00f6nnte \u2013 nach 42 Jahren durchg\u00e4ngigem Krieg und B\u00fcrgerkrieg seit 1979! Was f\u00fcr eine arrogante, brutale, rassistische und westeurop\u00e4ische Blindheit. Und so verstricken sich die \u201eMenschenrechts-Krieger\u201c in einen permanenten Zyklus von direkter Milit\u00e4rintervention und sinnloser Hoffnung auf einen erneuten B\u00fcrgerkrieg mit dem Vorteil f\u00fcr die westliche Waffenexportindustrie, weiter Gesch\u00e4fte machen zu k\u00f6nnen, nur diesmal wieder von au\u00dferhalb \u2013 bis zur n\u00e4chsten Milit\u00e4rintervention!<\/p>\n<p><b>Von der Bef\u00f6rderung des Schl\u00e4chters Oberst Klein bis zur Weigerung einer Selbstkritik der Antideutschen<\/b><\/p>\n<p>Schon jetzt steht fest: Alles soll so weiter gehen wie bisher. Den Afghan*innen wird nie zugetraut, sich an die Ghaffar Khan-Tradition zu erinnern, selbst wenn sie bis zum Anschlag kriegsm\u00fcde sind. Das rassistische Mantra \u201eNie wieder ein 2015\u201c gegen einen erneut drohenden Gefl\u00fcchtetenstrom wird von den BRD-Politiker*innen wieder bis zum Erbrechen wiederholt. Die Bundeswehr ist trotz der eindeutigen Niederlage nicht gewillt, ein einziges Mal selbstkritisch aufarbeitend \u00fcber die schlimmsten eigenen Menschenrechtsverletzungen nachzudenken, etwa den Bombenbefehl von Oberst Klein im September 2009 auf Tank-Lastz\u00fcge, bei dem mindestens 100 Zivilist*innen starben, und f\u00fcr den Oberst Klein noch zum Brigadegeneral bef\u00f6rdert worden ist. (12) Es war das gr\u00f6\u00dfe Massaker einer deutschen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg. Verstocktes Festhalten am schlimmsten Militarismus, wohin das Auge reicht! Keine selbstkritische Erinnerung, keine selbstkritische Aufarbeitung, nirgends! Geschweige denn ein Wahrnehmen der gewaltfreien Traditionen in der Region und innerhalb der demografisch wichtigsten Bev\u00f6lkerungsgruppe.<\/p>\n<p>Doch dasselbe l\u00e4sst sich \u00fcber diejenige Fraktion der deutschen Linken sagen, die damals, nach den Anschl\u00e4gen des 11. September 2001, von links dem Milit\u00e4reinsatz nicht nur zugestimmt haben, sondern ihn zudem noch als nicht entschlossen genug kritisierten. Kein selbstkritischer R\u00fcckblick von Leuten wie etwa Mathias K\u00fcntzel, einem der schlimmsten linken Kriegspropagandisten der Milit\u00e4rintervention von 2001, oder von Zeitungen wie der <i>Jungle World<\/i>, von Thomas von der Osten-Sacken und Konsorten, alles Kriegspropagandist*innen von 2001! Kein kritisches Reflektieren dar\u00fcber, was denn ihre linke Kriegspropaganda von damals je an Positivem erreicht hat bzw. gar, was sie angerichtet hat! Sondern bereits der Aufruf zu weiterem B\u00fcrgerkrieg und bewaffnetem Widerstand, exakt dasselbe wie in der S\u00fcddeutschen. Sie unterscheiden sich in nichts vom b\u00fcrgerlichen Immer-weiter-so! Osten-Sacken schreibt heute in der <i>Jungle World<\/i>, als h\u00e4tte es die 20 Jahre Krieg in Afghanistan mit ihren 241.000 Toten nie gegeben:<\/p>\n<p>\u201eWer jetzt glaubt, der Sieg der Taliban \u00fcber USA und Europa (&#8230;), der eigentlich nur die eigene Kapitulation meint, w\u00fcrde auch zu einer Befriedung Afghanistans, sprich einer neuen Friedhofsruhe, die nur von den Schreien der Exekutierten, Ausgepeitschten und Gefolterten gest\u00f6rt wird, f\u00fchren, d\u00fcrfte einer gro\u00dfen Illusion aufsitzen.\u201c Doch das erw\u00fcnschte Szenario, von dem solche Leute niemals lassen k\u00f6nnen, ist schon nah: \u201eSo wird es sehr schnell vermutlich zu bewaffnetem Widerstand im Norden und den von Hazara bewohnten Gebieten kommen.\u201c (13) B\u00fcrgerkrieg \u2013 westliche Milit\u00e4rintervention \u2013 B\u00fcrgerkrieg \u2013 auf jeden Fall bewaffneter Widerstand: Etwas anderes kennen diese Militaristen nicht und genau deshalb sind sie sich alle gleich!<\/p>\n<p><b>Lou Marin<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In zwanzig Jahren sind die \u201eMenschenrechtskrieger\u201c nicht auch nur einen konkreten Schritt auf dem Weg zur autorit\u00e4r-milit\u00e4rischen Durchsetzung der Menschenrechte oder der Demokratie vorangekommen \u2013 ein Scheitern auf der ganzen Linie, wie es in dieser Dimension selbst f\u00fcr uns anarchistische Antimilitarist*innen zeitweise nicht vorstellbar war. 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