{"id":25693,"date":"2021-09-07T10:24:32","date_gmt":"2021-09-07T08:24:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/literatur-realitaet\/"},"modified":"2022-01-12T19:49:05","modified_gmt":"2022-01-12T17:49:05","slug":"literatur-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/literatur-realitaet\/","title":{"rendered":"Literatur &#038; Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Leser*innen,<br \/>\nAm 15. Juli trafen sich in Wroc\u0142aw zwei Literaturnobelpreistr\u00e4gerinnen: Swetlana Alexijewitsch und Olga Tokarczuk. Das Treffen trug den Titel \u201eProtest\u201c vor dem Hintergrund der Demonstrationen gegen Lukaschenkos Regime in Belarus und der Massenproteste gegen die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsgesetzes in Polen. Au\u00dfer \u00fcber Literatur sprachen die beiden u. a. \u00fcber die Rolle der Frauen in den beiden L\u00e4ndern und die damit einhergehenden Herausforderungen. Die in Berlin lebende Alexijewitsch, die aktuell an einem Buch \u00fcber die Bewegung der \u201ewei\u00dfen Tage von Minsk\u201c arbeitet, betonte die Bedeutung des gewaltfreien Widerstands, der von Frauen in Belarus als Protestform gew\u00e4hlt wurde. Sie erg\u00e4nzte, dass wir im 21. Jahrhundert andere Widerstandsformen brauchen. Tokarczuk stimmte ihr zu: \u201eEs gibt keine Demokratie ohne das Recht auf Protest; inzwischen habe ich den Eindruck, dass viele Formen des Protests \u00fcberholt sind (\u2026). (W)ir sollten die Frage beantworten, welche neuen Formen des Protests im 21. Jahrhundert erfunden werden k\u00f6nnen, was wir tun k\u00f6nnen, damit es kein Blutvergie\u00dfen gibt, aber es effektiv ist, damit die Menschen nicht riskieren, ins Gef\u00e4ngnis zu gehen, damit sie nicht ihr ganzes Leben riskieren m\u00fcssen\u201c.<br \/>\nIn Bezug auf die Covid-19-Pandemie f\u00fchrte Alexijewitsch aus: \u201eEs ist notwendig, so schnell wie m\u00f6glich die Philosophie der neuen Zeit zu definieren. (&#8230;) (W)ir m\u00fcssen unser Gef\u00fchl, uns selbst in der Welt neu erschaffen. Pl\u00f6tzlich stellten wir fest, dass nicht wir gro\u00df sind, sondern eine Mikrobe, die m\u00e4chtiger ist als jede Armee. Wir haben vor der Pandemie in einer solchen kulturellen Arroganz gelebt; dieses Bild der Welt vor der Pandemie ist bereits zerr\u00fcttet, zerst\u00f6rt. Dieses Gef\u00fchl hatte ich zum ersten Mal in Tschernobyl, als man nicht mehr in den Fluss konnte, keine Blume pfl\u00fccken konnte, keinen Apfel pfl\u00fccken konnte \u2013 scheinbar ist diese Welt noch dieselbe, und doch ist sie ganz anders.\u201c<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Realistische Dystopie?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um ihr eigenes Leben und f\u00fcr eine nicht im Blut ertrinkende Welt k\u00e4mpfen auch die Menschen in Afghanistan, das von den religi\u00f6sen Fanatikern der Taliban \u00fcbernommen wurde. In den kommenden Monaten werden Tausende von Menschen ihr Leben verlieren durch die Hinrichtungen und S\u00e4uberungen des neuen Taliban-Regimes. Hunderttausende versuchen, aus dem Land zu fliehen, der Rest wird dem Terror unterworfen. Wie immer werden Frauen den h\u00f6chsten Preis bezahlen m\u00fcssen: Versklavung, Unterwerfung, Bevormundung und Gewalt. Ein feuchter Traum mancher katholischer Fundamentalisten und Rechts-Konservativer aus Europa wird in Afghanistan zur Realit\u00e4t. Unwillk\u00fcrlich f\u00fchlen wir uns an Margaret Atwoods dystopischen Roman The Handmaid\u2019s Tale (Der Report der Magd) erinnert.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rechtzeitige Warnung?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann sagen, dass wir ohnehin schon in einer dystopischen Welt leben. Klimakrise und Kriege, befeuert vom neoliberalen Kapitalismus, zerst\u00f6ren das Leben von Millionen von Menschen. Haben die Kollapsolog*innen recht, wenn sie m\u00f6gliche Szenarien f\u00fcr das d\u00fcstere Ende ausmalen? Bleibt noch genug Zeit, um unsere libert\u00e4re Utopie zu verwirklichen? Wie k\u00f6nnte ein utopisches Zusammenleben im Einklang mit der Natur aussehen? Und schlie\u00dflich: Warum brauchen wir \u00fcberhaupt Utopien und Dystopien? Auf diese Fragen antworten in dieser Ausgabe der Graswurzelrevolution u.\u00a0a. Kerstin Wilhelms, Elisabeth Vo\u00df, Jochen Knoblauch, Daniel Korth und Lou Marin. Der Schwerpunkt zu \u201eUtopie und Dystopie\u201c wird in der Kolumne \u201eStichworte zum Anarchismus\u201c und in den Buchbesprechungen weitergef\u00fchrt. Auch der Artikel von Lisa Knoke f\u00fcgt sich hier ein, da sie die Zusammenh\u00e4nge von Pandemie und Tierindustrie beschreibt.<br \/>\nSteff Brenner berichtet \u00fcber seine Teilnahme an der Friedensdelegation #Delegation4Peace in der Autonomen Region Kurdistan. In seiner Reportage schreibt er \u00fcber die Reise nach Irakisch-Kurdistan, die Eindr\u00fccke vor Ort sowie \u00fcber die Repression, die die Delegationsteilnehmer*innen bei ihrer R\u00fcckkehr nach Deutschland erfahren haben. Auch hier treffen utopische Ans\u00e4tze einer kommunalistischen Politik auf eine dystopisch anmutende repressive und von Milit\u00e4r gepr\u00e4gte Realit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Ausgabe der Graswurzelrevolution findet ihr des Weiteren einen Artikel zur Situation in Chile von Stephan Ruderer, der vor Ort lebt. Die internationale Rubrik wird um die Artikel \u00fcber die sozialen Bewegungen in Griechenland und Belarus erg\u00e4nzt. Das erste Mal in der GWR ver\u00f6ffentlichen wir einen ausf\u00fchrlichen Artikel \u00fcber Fu\u00dfball (sic!). In seinem Text beschreibt Jacek Drozda die Bedeutung der EM 2020 angesichts der andauernden Covid-19-Pandemie aus kapitalismuskritischer Perspektive. In diesem Kontext setzt er sich auch mit der Geschichte des Fu\u00dfballs als beliebter Sportart der Arbeiter*innenklasse auseinander. Die Zeitschrift G\u01cei D\u00e0o, das Presseorgan der Anarchistischen F\u00f6deration, wird nach 10 Jahren eingestellt. In zwei Artikeln wird nicht nur an die Entstehung, Redaktionsarbeit und Herausforderungen erinnert, sondern auch die Bedeutung und Reichweite von G\u01cei D\u00e0o f\u00fcr die anarchistische Szene reflektiert. Wir w\u00fcnschen Euch viel Spa\u00df beim Lesen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bedanken uns herzlich bei der bisherigen Redaktion f\u00fcr ihre hervorragende Arbeit in der \u00dcbergangsphase. Wir w\u00fcnschen Daniel alles Gute und neue spannende Herausforderungen! Danke f\u00fcr deine unerm\u00fcdliche Unterst\u00fctzung, phantasievolle Bodenst\u00e4ndigkeit, ansteckende Gelassenheit und deinen undogmatischen Sinn f\u00fcr Humor ;)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\nGWR-Redaktion<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P. S.:<br \/>\nAn dieser Stelle wollen wir noch auf den 40. Jahrestag einer gewaltfreien Massenbewegung hinweisen, die versuchte, eine Utopie praktisch werden zu lassen: Ab Sp\u00e4tsommer 1981 verliehen Zehntausende Frauen rund um das Greenham Common Women\u02bcs Peace Camp ihrer Vision einer friedlichen Welt und eines solidarischen Miteinanders mit zahlreichen Protestm\u00e4rschen gegen Krieg und Aufr\u00fcstung und mit Blockaden von Milit\u00e4reinrichtungen Ausdruck. Damit inspirierten sie die gewaltfreie Bewegungen und Friedensinitiativen weltweit. Wir sagen an dieser Stelle: Happy Anniversary, Greenham Common Women\u02bcs Peace Camp!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Leser*innen, Am 15. Juli trafen sich in Wroc\u0142aw zwei Literaturnobelpreistr\u00e4gerinnen: Swetlana Alexijewitsch und Olga Tokarczuk. Das Treffen trug den Titel \u201eProtest\u201c vor dem Hintergrund der Demonstrationen gegen Lukaschenkos Regime in Belarus und der Massenproteste gegen die Versch\u00e4rfung des Abtreibungsgesetzes in Polen. 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