{"id":25694,"date":"2021-09-07T10:25:32","date_gmt":"2021-09-07T08:25:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/dystopien-utopien\/"},"modified":"2021-09-29T21:22:18","modified_gmt":"2021-09-29T19:22:18","slug":"dystopien-utopien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/dystopien-utopien\/","title":{"rendered":"Dystopien &#038; Utopien"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Das ideale Leben im \u201aAnderswo\u2018<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorstellungen vom idealen, schwer zu erreichenden, aber w\u00fcnschenswerten Leben hat es schon immer gegeben. In der westlichen Kultur war hierf\u00fcr lange Zeit das Christentum zust\u00e4ndig, das das ideale Leben aber als Verlust des Paradieses entwarf und nur im Nachleben, also nach dem Tod im Himmelreich Gottes, die Heimkehr ins Paradies versprach \u2013 vorausgesetzt man f\u00fchrte ein gottgef\u00e4lliges Leben. Damit war das Ideale zu einem m\u00e4chtigen Instrument geworden, das den Menschen eine bestimmte Lebensf\u00fchrung abzwang, die allein dazu f\u00fchren sollte, den Zugang zum Paradies zu gew\u00e4hren.<br \/>\nMit der Utopie \u00e4nderte sich das, und es ist kein Zufall, dass Thomas Morus den Begriff 1516 mit seinem Roman De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia (Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia) pr\u00e4gte, zu einer Zeit also, als die Macht des Christentums zu br\u00f6ckeln begann und die wir heute als Ende des Mittelalters und als Beginn der Fr\u00fchen Neuzeit verstehen. Diese Zeitenwende ist bei Morus dadurch angelegt, dass das paradiesische Utopia nicht mehr im g\u00f6ttlichen Reich, sondern innerweltlich angelegt ist, also kein Versprechen auf Erl\u00f6sung bei konformer Lebensf\u00fchrung mehr beinhaltet. Morus entwirft stattdessen einen idealen, quasi-kommunistischen Staat auf der Insel Utopia und setzt damit die Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr das Utopische, die zum Teil bis heute gelten: Zum einen ist die Utopie an einen anderen Raum gekoppelt, ein Anderswo, das sich zum zweiten nat\u00fcrlich dadurch auszeichnet, dass es fiktiv, also erdacht, ist. Der Begriff \u201aUtopie\u2018 bezeichnet genau dies: griechisch \u03bf\u1f50 und \u03c4\u03cc\u03c0\u03bf\u03c2, \u201anicht\u2018 und \u201aOrt\u2018, Nicht-Ort, ein Ort also, der nicht existiert. Das Fiktive der Utopie ist zwar grundlegend f\u00fcr den Begriff, bedeutet aber nicht, dass die Utopie nichts mit der Realit\u00e4t zu tun hat. Schon Thomas Morus nutzt die Utopie zur kritischen Spiegelung der realen gesellschaftlichen Zust\u00e4nde seiner Zeit, und so ist die Utopie von Beginn an eng mit dem Politischen, dem Kritischen und dem Wunsch nach realer Ver\u00e4nderung verbunden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u201aAnderswo\u2018 und \u201aAnderswann\u2018<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem 1771 erschienenen Roman L\u2019An deux mille quatre cent quarante. R\u00eave s\u2019il en fut jamais (Das Jahr 2440. Ein Traum aller Tr\u00e4ume) von Louis-S\u00e9bastien Mercier verschiebt sich das Utopische von einer r\u00e4umlichen zu einer zeitlichen Vision und wird dadurch noch st\u00e4rker als etwas entworfen, das es in der Zukunft und f\u00fcr die Zukunft zu realisieren gilt. Damit ist das Utopische endg\u00fcltig im Raum des Politischen angekommen, indem es nun als Navigationsinstrument f\u00fcr gegenw\u00e4rtige Zukunftsgestaltung dient. Schnell entstehen politische Str\u00f6mungen, die sich der Verwirklichung von Utopien widmen, z. B. die Fr\u00fchsozialist:innen, die in England im fr\u00fchen 19. Jahrhundert die ersten Gewerkschaften gr\u00fcndeten.<br \/>\nZur gleichen Zeit etwa wurde der Begriff des Utopischen zum politischen Vorwurf, man k\u00f6nnte sagen zum Schimpfwort, indem er das Unrealistische, Unrealisierbare des politischen Entwurfs brandmarkte. Dieser Trend setzte schon fr\u00fch auch innerhalb der sozialistischen Bewegungen ein und wurde sp\u00e4testens mit Friedrich Engels\u2019 Schrift Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft (1880) zementiert. Damit wurde das Utopische dem Wissenschaftlichen gegen\u00fcbergestellt, als unvereinbare Kategorien, die die Vertreter:innen der ersteren zu unrealistischen Tr\u00e4umenden, die der letzteren zu realistischen Zukunftsforschenden und -gestaltenden macht. Bis heute wird der Begriff der \u201aUtopie\u2018 von selbsternannten Realpolitiker:innen ins Feld gef\u00fchrt, um Vorstellungen von einer besseren Zukunft (wie auch immer diese dann konkret aussehen) den Wind aus den Segeln zu nehmen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>An dieser sehr kurzen Geschichte des utopischen bzw. dystopischen Denkens kann gesehen werden, dass das Utopische und Dystopische Formen der kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart sind, T\u00e4tigkeiten, die auf die Verbesserung der Realit\u00e4t ausgerichtet sind und damit gerade nicht \u201autopisch\u2018 im negativen Sinne als Ausdruck von grunds\u00e4tzlicher Unrealisierbarkeit.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ausflaggen des Marxismus als \u201awissenschaftliche\u2018 Theorie war eine Reaktion auf diesen Vorwurf, diskreditierte das Utopische aber zus\u00e4tzlich. Doch der Erfolg gab seinen Anh\u00e4nger:innen Recht. Der Marxismus setzte sich als einflussreichste \u201alinke\u2018 Ideologie durch und verdr\u00e4ngte damit den ebenfalls als \u201aidealistisch\u2018 oder \u201autopistisch\u2018 gebrandmarkten Anarchismus um <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/den-kampf-der-giganten-marxbakunin-hat-es-nie-gegeben\/\">Michail Bakunin<\/a>. Das Utopische war damit erst einmal vom Tisch.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Dystopische Schreckensvisionen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stattdessen erhielten zwei andere Formen des Zuk\u00fcnftigen Aufwind: das Szenario und die Dystopie. W\u00e4hrend das Szenario auf der Basis realer Daten Trends berechnet und bestimmte Eventualit\u00e4ten durchspielt und so mit dem Realen, weniger mit dem Idealen im Bunde steht, ist die Dystopie der Gegenbegriff zur Utopie: ein Schreckensentwurf, eine negative Utopie. Doch schon der Begriff Dystopie macht deutlich, dass sich Dystopie und Utopie eher wie zwei Seiten einer Medaille zueinander verhalten. Die griechische Vorsilbe \u03b4\u03c5\u03c2 bedeutet n\u00e4mlich \u201aun-\u2018. Wenn aus dem Nicht-Ort ein Un-Ort wird, zeigt das an, dass es sich zwar nicht mehr um ein Ideal, nicht mehr um etwas W\u00fcnschenswertes handelt, aber doch bestimmte Aspekte zutreffen, die vom Utopischen schon bekannt sind: Vor allem das Fiktive und die \u00f6rtliche Lokalisierung bleiben im Begriff bestehen. Ebenso teilen sich Utopie und Dystopie die Funktion, gegenw\u00e4rtige gesellschaftliche Prozesse kritisch zu spiegeln. So l\u00e4sst sich die vermutlich bekannteste Dystopie, <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2013\/03\/george-orwells-emanzipatorischer-antikommunismus\/\">George Orwells<\/a> Nineteen Eighty-Four (dt. 1984, im Jahr 1949 erschienen), als d\u00fcstere Prognose der sozialistischen Staats\u00fcberwachung \u201ahinter\u2018 (aus Orwells Perspektive) dem Eisernen Vorhang lesen. Die prophetische Kraft dieses Romans ist im Nachhinein erschreckend, zumal Orwell nicht nur die repressive Gewalt von sich als \u201asozialistisch\u2018 bezeichnenden Diktaturen sehr fr\u00fch erkannte, sondern auch schon den Einsatz von Technologien zur \u00dcberwachung von Einzelpersonen in ihrer privaten Umgebung vorhersah. Dystopien dienen also einem \u00e4hnlichen Zweck wie Utopien, indem sie kritisch Bezug auf als negativ wahrgenommene Vorg\u00e4nge in der Gegenwart nehmen. Dabei entwirft die Utopie eine positive Alternative, w\u00e4hrend die Dystopie gegenw\u00e4rtige Prozesse weiterdenkt und als Warnung fungiert.<br \/>\nEs ist nicht unbedingt erstaunlich, dass die Utopie mit den 1968ern wieder an Prominenz gewann. Mit den Studierendenbewegungen und der zunehmenden Politisierung der Post-Adenauer-Gesellschaft wurden alternative Lebensentw\u00fcrfe diskutiert, die den Kapitalismus, das Patriarchat und das spie\u00dfb\u00fcrgerliche Leben infrage stellten. Da fiel Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung (1954 in der DDR, ab 1959 in der BRD erschienen) wie warmer Regen auf trockenen Boden. Bloch verlagert die Utopie in die Gegenwart \u2013 als Vorschein, als konkrete Utopie, die der aufmerksame Geist, das \u201autopische Bewu\u00dftsein\u2018, wie es bei ihm hei\u00dft, aus dem Gegenw\u00e4rtigen herauslesen und produktiv machen kann. Hier sieht er vor allem das Feld der K\u00fcnste als Labor des Zuk\u00fcnftigen am Werk, das k\u00fcnstlerische Genie, vor allem in der Musik, aber auch die Zuh\u00f6renden und Zuschauenden, die in der Kunst auf den Vorschein des Idealen sto\u00dfen, als wirkm\u00e4chtige Akteur:innen. Wichtig ist, dass bei Bloch das Utopische kein Un-Ort oder Nicht-Ort, keine unrealisierbare Zukunftsvision mehr ist, sondern eine T\u00e4tigkeit kritisch denkender Menschen im Hier und Jetzt \u2013 und zwar aller Menschen, nicht nur der Philosoph:innen und Literat:innen. Das ist eine so fundamentale Verschiebung des Utopischen, dass Blochs Werk als Meilenstein des Diskurses ums Utopische zu verstehen ist. Dabei greift schon Bloch auf einen wirkm\u00e4chtigen Vorg\u00e4nger zur\u00fcck, Karl Mannheim, der den ber\u00fchmten Satz formulierte: \u201eUtopisch ist ein Bewu\u00dftsein, das sich mit dem es umgebenden \u201aSein\u2018 nicht in Deckung befindet\u201d. ((1)) Dieser Satz ist zentral f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis vom Utopischen als denkender T\u00e4tigkeit und unterstreicht noch einmal die politische Ausrichtung des Utopischen (und auch Dystopischen) als Einspruch gegen die Wirklichkeit der Gegenwart.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Retrotopie und Katastrophe<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Diskurs um das Utopische, den ich hier versucht habe in aller K\u00fcrze und ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit zu skizzieren, ist mit Blochs wirkm\u00e4chtigem Prinzip Hoffnung noch l\u00e4ngst nicht beendet. Erst k\u00fcrzlich entwarf <a href=\"http:\/\/Bauman\">Zygmunt Bauman<\/a> einen neuen Begriff, die \u201aRetrotopie\u2018, die er gegenw\u00e4rtig als Prinzip der Zukunftsmodellierung beobachtet \u2013 problematischerweise. Denn in Retrotopien, so Bauman, ist eine Nostalgie am Werk, die eine so nie vorhanden gewesene Vergangenheit als Ideal in die Zukunft projiziert. Diese r\u00fcckw\u00e4rtsgerichtete Utopie, die in der Illusion einer idealen Vergangenheit ein Versprechen von Gemeinschaft, Halt und Sicherheit f\u00fcr eine immer unsicherer werdende Zukunft sucht, fungiert vor allem als Triebfeder \u201arechter\u2018 Ideologien. Die Unsicherheit unserer Zukunft, das beobachtet auch Eva Horn, f\u00fchrt dazu, dass in Romanen, Filmen etc. das Zuk\u00fcnftige als Katastrophe modelliert wird, was sie \u2013 traurigerweise wohl zu Recht \u2013 als Szenarien, nicht als Dystopien, deutet.<br \/>\nAn dieser sehr kurzen Geschichte des utopischen bzw. dystopischen Denkens kann gesehen werden, dass das Utopische und Dystopische Formen der kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart sind, T\u00e4tigkeiten, die auf die Verbesserung der Realit\u00e4t ausgerichtet sind und damit gerade nicht \u201autopisch\u2018 im negativen Sinne als Ausdruck von grunds\u00e4tzlicher Unrealisierbarkeit. Was utopisch, also w\u00fcnschenswert, oder dystopisch ist, ist dabei abh\u00e4ngig von den Akteur:innen, die diese Vorstellungen entwerfen. Wir brauchen also unsere Utopien und Dystopien, damit wir denen von anderen, z. B. den Retrotopien, etwas entgegenhalten k\u00f6nnen. Diese Notwendigkeit zum utopischen Denken erkl\u00e4rt die anhaltende Diskussion um dessen Auspr\u00e4gungen und Formen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ideale Leben im \u201aAnderswo\u2018 Vorstellungen vom idealen, schwer zu erreichenden, aber w\u00fcnschenswerten Leben hat es schon immer gegeben. In der westlichen Kultur war hierf\u00fcr lange Zeit das Christentum zust\u00e4ndig, das das ideale Leben aber als Verlust des Paradieses entwarf und nur im Nachleben, also nach dem Tod im Himmelreich Gottes, die Heimkehr ins Paradies &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/dystopien-utopien\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":25831,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Dystopien & Utopien - graswurzelrevolution","description":"Das ideale Leben im \u201aAnderswo\u2018 Vorstellungen vom idealen, schwer zu erreichenden, aber w\u00fcnschenswerten Leben hat es schon immer gegeben. In der westlichen Kultu"},"footnotes":""},"categories":[1503,1035],"tags":[1508,1509,1071,1510],"class_list":["post-25694","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-461-september-2021","category-wunderkammer","tag-dystopie","tag-orwell","tag-utopie","tag-zygmunt-bauman"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25694"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25694\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25831"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}