{"id":25700,"date":"2021-09-07T10:20:34","date_gmt":"2021-09-07T08:20:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/erscheinungen-des-weltweiten-zusammenbruchs\/"},"modified":"2021-09-27T14:17:44","modified_gmt":"2021-09-27T12:17:44","slug":"erscheinungen-des-weltweiten-zusammenbruchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/erscheinungen-des-weltweiten-zusammenbruchs\/","title":{"rendered":"Erscheinungen des weltweiten Zusammenbruchs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Publikationen der franz\u00f6sischsprachigen Kollapsologie wurden 2015 er\u00f6ffnet mit einer Art Grundlagen-Buch des Agrarwissenschaftlers Pablo Servigne und des \u00d6kologen Rapha\u00ebl Stevens, \u201eComment tout peut s\u2019effondrer\u201c (dt. \u201eWie alles zusammenbrechen kann\u201c), inzwischen \u00fcbersetzt in mehrere Sprachen, bezeichnenderweise nicht ins Deutsche. Das Buch und die dort vertretene These, dass das \u00d6kosystem Erde bereits nicht mehr zu retten ist und sich abrupt auftretende Zusammenbruchsph\u00e4nomene und Naturkatastrophen bisher nie gekannten Ausma\u00dfes h\u00e4ufen werden, gilt inzwischen als Klassiker. In Frankreich wurde es bis heute \u00fcber 100.000-mal verkauft; gerade ist die Taschenbuchausgabe erschienen, mit neuem Vor- und Nachwort der Autoren, in welchem auch die Corona-Pandemie in den Zusammenbruchsansatz mit integriert wird. Wurde diese interdisziplin\u00e4re Forschung anfangs noch mit den irrationalen Weissagungen des Nostradamus oder dem Untergangsszenario des Maya-Kalenders verglichen und ver\u00e4chtlich gemacht, so gab es ab 2018 einen bezeichnenden Meinungsumschwung hin zur Anerkennung der Seriosit\u00e4t dieser Forschungsrichtung, nicht zuletzt infolge von Greta Thunberg und den nachfolgenden Schulstreiks von \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/fridays-for-future-saturdays-for-system-change\/\">Fridays for Future<\/a>\u201c f\u00fcr das Klima. ((1))<br \/>\n2020 gaben bei einer Umfrage des franz\u00f6sischen Meinungsforschungsinstituts IFOP unter 5.000 Befragten aus Frankreich, den USA, Gro\u00dfbritannien, Italien und Deutschland mehr als die H\u00e4lfte (lediglich in Deutschland nur 39 %) an, dass die Zivilisation in den kommenden Jahrzehnten zusammenbrechen wird. Mehr als ein Drittel der Befragten bef\u00fcrchtete das bereits innerhalb der kommenden 20 Jahre. Nach den Juli-Hochwassern 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen d\u00fcrfte der Anteil der Deutschen bei solchen Umfragen nunmehr stark steigen. \u201eAm 10. Dezember 2020 forderte ein gleichzeitig im Guardian und in Le Monde ver\u00f6ffentlichter Appell von mehr als 500 Wissenschaftler*innen aus rund 20 L\u00e4ndern die politischen Entscheidungstr\u00e4ger*innen in der gesamten Welt dazu auf, \u201edie Debatte \u00fcber den Zusammenbruch der Gesellschaft zu er\u00f6ffnen, damit wir damit anfangen k\u00f6nnen, uns darauf vorzubereiten.\u201c ((2))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Erderw\u00e4rmung und Schneeballeffekte<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem aktuellen Nachwort zur Taschenbuchausgabe von 2021 sprechen beide Gr\u00fcnder der Kollapsologie von nunmehr bei Katastrophen wirksam werdenden 15 ineinander verwobenen \u201eKippelementen\u201c (engl. \u201etipping elements\u201c), die nur noch in ihrer Zusammenwirkung gesehen werden k\u00f6nnen. Diese \u201eKippelemente\u201c zeigen sich als ebenso unvorhersehbare wie von ihren Ausma\u00dfen her nur noch als Br\u00fcche mit der bisherigen \u201eNormalit\u00e4t\u201c begreifbare Ph\u00e4nomene, verursacht durch das kapitalistische, \u201ethermo-industrielle\u201c Wachstum. Solche Kippelemente sind: \u201edie Freisetzung von Methan aus Permafrostb\u00f6den (CH4; rund 30-mal klimasch\u00e4dlicher als CO2); die Aufl\u00f6sung der Methanhydrate in den Tiefen der Weltmeere; die Ausbreitung der bakteriellen Atmung im Meerwasser; das Schmelzen der vereisten Polarkappen; die Ver\u00e4nderung der Meereszirkulationen; die Zerst\u00f6rung der Regenw\u00e4lder im Amazonasgebiet u. a.\u201c ((3))<br \/>\nDas Problem liegt darin, dass die ersten Elemente, die bei einer Erderw\u00e4rmung von 2 Grad (gegen\u00fcber dem Stand von 1850; also vor der Industrialisierung) kippen werden, die Macht in sich tragen, weitere Elemente kippen zu lassen \u2013 woraus dann ein gigantischer Domino-Effekt (oder Schneeball-Effekt) entsteht. \u201eIm September 2018 erfuhr die Welt aus einem Sonderbericht der GIEC [\u00dcberstaatliche Expert*innengruppe zur Klimaentwicklung \u2013 L. M.], dass bis zum Ende des Jahrhunderts sehr wahrscheinlich eine Erh\u00f6hung der Erderw\u00e4rmung um 3 Grad stattfinden wird.\u201c Und Servigne\/Stevens f\u00fcgen hinzu: \u201eKeine Chance also\u201c f\u00fcr die Menschen wie f\u00fcr die Erde! \u201eSo kann man nur sechs Jahre nach dem ber\u00fchmten Klimagipfel von Paris im Jahr 2015, der eigentlich die Erderw\u00e4rmung perspektivisch auf 1,5 Grad festschreiben wollte, nicht nur die bittere Feststellung machen, dass diese Grenze im Jahr 2026 \u00fcberschritten werden wird, sondern auch, dass alle Tr\u00e4ume einer Stabilisierung des Klimas auf einer Ebene von +2 Grad gerade in Windeseile in die Br\u00fcche gehen!\u201c ((4))<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Pandemie und Kollapsologie<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im aktuellen Nachwort zur Taschenbuchausgabe vom M\u00e4rz 2021 widmen sich Servigne\/Stevens dem \u201eElektroschock Covid-19\u201c, wie sie es nennen. Das sei geradezu ein \u201eSchulbeispiel\u201c f\u00fcr die irregul\u00e4ren Systembr\u00fcche, die k\u00fcnftig immer \u00f6fter zu erwarten sind. Die Risikoleugnung sei dabei ein die nat\u00fcrliche Todesrate des Virus verschlimmernder Faktor, ebenso wie vor der Pandemie die neoliberal gepr\u00e4gte regierungspolitische Weigerung, in die \u00f6ffentlichen Pflegedienste zu investieren.<br \/>\n\u201eAls Systemschock hat die Pandemie zahlreiche Ursachen, etwa die Zerst\u00f6rung der \u00d6kosysteme, unseren Umgang mit wild lebenden Tieren und der Tierzucht [siehe dazu den Artikel zu \u201ePandemie und Tierindustrie\u201c in dieser GWR \u2013 L. M.], die Demontierung des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens durch profitorientierte Politikformen und vor allem die Anf\u00e4lligkeit des globalisierten Wirtschaftssystems\u201c ((5)), das zu stark und zu homogen mit allen entscheidenden Teil-Interaktionsstr\u00f6men verkn\u00fcpft sei (Informationsfl\u00fcsse, Warenfl\u00fcsse, Personeninteraktionsfl\u00fcsse).<br \/>\nDas Virus, so die Forscher weiter, habe nicht nur eine Krise des weltweiten <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/11\/patientendaten-zu-verkaufen\/\">Gesundheitssystems<\/a> ausgel\u00f6st [mit 3 Mio. Toten bis M\u00e4rz 2021; bis Ende Juli 4,1 Mio. weltweit \u2013 L. M. ((6))], sondern auch geradezu kaskadenhaft auftretende Folgeerscheinungen wie etwa Firmenpleiten mit Entlassungen von Millionen Menschen, unterbrochene weltweite Lieferketten (nach China und Indien), gravierende soziale und psychologische Folgen f\u00fcr die durch den Lockdown auf ihre eigene Wohnung Zur\u00fcckgeworfenen oder im Falle der Wohnungslosen, der Flut- und der Waldbrandopfer f\u00fcr die auf der Stra\u00dfe Gestrandeten. Selbst die ver\u00f6ffentlichten Aufrufe der aufeinander folgenden Katastrophen widersprachen sich diametral: \u201eWir bleiben zuhause!\u201c bei der Pandemie; Forderung nach analogen Warnsirenen, um das Zuhause bei Starkregen und Flut gerade fr\u00fchzeitig verlassen zu k\u00f6nnen!<br \/>\nZu den Folgeerscheinungen z\u00e4hlen auch die sagenhaften Finanzzusagen der Regierungen und des EU-\u201eAufbauplans\u201c (mit mehr als 750 Mrd. Euro im Jahr 2020) nicht nur f\u00fcr die St\u00fctzung der Luftfahrt-, der R\u00fcstungs- und der Autoindustrie (Abwrackpr\u00e4mie f\u00fcr LKW; Zusch\u00fcsse f\u00fcr E-Autos ((7))), sondern auch die \u201eTausende von Milliarden, die die Zentralbanken bereits injizierten, um ein Zusammenbrechen der weltweiten Finanzsysteme zu verhindern. Alles bleibt trotzdem an k\u00fcnstlichen politischen F\u00e4den h\u00e4ngen und beruht einzig und allein auf Vertrauen.\u201c ((8)) Auch jetzt, durch die gemachten finanziellen Zusagen zur Behebung der Hochwasserkatastrophen, werden die bereits irrsinnigen Schulden noch einmal stark angehoben. Doch es wird keine R\u00fcckkehr zur \u201eschwarzen Null\u201c mehr geben, niemand wird diese Schulden je wieder zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen. Ein Zusammenbruch der Finanzsysteme von weitaus gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00dfen wie 2008 ist jederzeit m\u00f6glich.<br \/>\nSowohl die Pandemie und das Hochwasser als auch die Gro\u00dfbr\u00e4nde zeigen ebenfalls das ganze Ausma\u00df des Versagens der riesigen, nur Geld anh\u00e4ufenden Versicherungsindustrie auf: Die gro\u00dfen Versicherungen erfanden windige, b\u00fcrokratische Ausreden, um beim Pandemie-Lockdown nicht zahlen zu m\u00fcssen, und jetzt wieder, um sich auf teure und nur minorit\u00e4r abgeschlossene \u201eElementarschadensversicherungen\u201c zur\u00fcckzuziehen. Jeder Euro, der in Versicherungen gesteckt wird, ist im wirklichen Katastrophenfall hinausgeworfenes Geld.<br \/>\nDie Utopie habe heute, so meinen die Kollapsolog*innen, die Seiten gewechselt. \u201eUtopisch\u201c sei heute das propagierte Vorhaben, zur Vorzusammenbruchsnormalit\u00e4t zur\u00fcckkehren zu wollen, zumal diese \u201eNormalit\u00e4t\u201c, gepr\u00e4gt von kapitalistischem Wachstum und rein technizistisch-industriellen Ad-hoc-Probleml\u00f6sungsstrategien auch nicht w\u00fcnschenswert sei.<br \/>\nDoch auf zeitweilig unerwartete Weise hat die Pandemie auch die F\u00e4higkeit zur Resilienz und Selbstregeneration der Wildfauna und sogar mancher Ballungszentren angedeutet: \u201eWir waren geschockt, als uns klar geworden ist, dass es tats\u00e4chlich m\u00f6glich war, die industriellen Aktivit\u00e4ten und die \u00dcberkonsumption zeitweilig zu reduzieren und gleichzeitig auf die wichtigsten Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerungsgruppen zu antworten.\u201c ((9)) So wurden in vielen St\u00e4dten autobefahrene Fl\u00e4chen zeitweilig auf Fahrradwege umgepolt, was vordem undenkbar gewesen w\u00e4re. ((10)) Doch gleich anschlie\u00dfend sprechen die Kollapsologen von einem zweiten Schock: \u201edass n\u00e4mlich diese pl\u00f6tzliche wirtschaftliche Abbremsung auch nicht ann\u00e4hernd ausreicht, um die wissenschaftlich begr\u00fcndeten Forderungen nach einem R\u00fcckgang des Aussto\u00dfes der Treibhausgase zu erf\u00fcllen.\u201c ((11))<br \/>\nUnd sie setzen noch eins drauf: \u201eMan m\u00fcsste zum Beispiel die Emissionen um 7,6 % pro Jahr und w\u00e4hrend einer Dauer von zehn Jahren reduzieren, um eine Wahrscheinlichkeit von 66 % zu erhalten, mit der man unter der Erderw\u00e4rmung von 1,5 Grad bleiben k\u00f6nnte. Das w\u00fcrde erfordern, die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns, den wir gerade erlebt haben, noch um mindestens zehn weitere Jahre zu verl\u00e4ngern!\u201c ((12)) Das kann nat\u00fcrlich niemand wollen, zeigt aber, was ihrer Meinung nach unter rein \u00f6kologischen Gesichtspunkten n\u00f6tig w\u00e4re.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Abschottungsirrwege f\u00fcr die Profiteur*innen und ideologischen Verursacher*innen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrem zweiten Buch von 2018, \u201eUne autre fin du monde est possible. Vivre l\u2019effondrement (et pas seulement y survivre)\u201c (dt. \u201eEin anderes Ende der Welt ist m\u00f6glich. Den Zusammenbruch leben (und ihn nicht nur \u00fcberleben)\u201c), beschreiben Servigne\/Stevens zusammen mit einem dritten Forscher, Gauthier Chapelle, die real praktizierten Reaktionsweisen der Reichen und Superreichen im Gegensatz zu denjenigen, die durch den Zusammenbruch in vielerlei Hinsicht physisch und psychosozial betroffen sind und seinen Folgen nicht ausweichen k\u00f6nnen.<br \/>\nDa gebe es einerseits die Tendenz zur Sezession und Abschottung einer wohlhabenden Bev\u00f6lkerungsschicht, die sich der Gefahren durchaus bewusst sei und deren Zugeh\u00f6rige nur noch \u201eversuchen, die eigene Haut zu retten, ohne sich noch weiter um den Rest der Welt zu k\u00fcmmern.\u201c\u00a0((13)) \u201eViele der Superreichen dieser Welt verbarrikadieren sich in gated communities, jenen luxuri\u00f6sen und sicherheitstechnisch hoch \u00fcberwachten Wohnenklaven. Sie verlassen auch die Gro\u00dfst\u00e4dte: 2015 zogen 3.000 Million\u00e4r*innen weg aus Chicago, 7.000 aus Paris und 5.000 aus Rom.\u201c ((14)) Sie fliehen vor potentiellen sozialen Spannungen und der Wut einer Bev\u00f6lkerung, die sich der Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten mehr und mehr bewusst wird. Einige von ihnen verstecken sich vor zudringlichen Blicken \u201ein gigantischen High-Tech-Luxusbunkern, um sich und ihre Familie vor allen m\u00f6glichen Katastrophen zu sch\u00fctzen.\u201c\u00a0((15)) Daran kn\u00fcpft unmittelbar in der oberen Mittelklasse eine Szene von \u201eSurvivalists\u201c an, die den gro\u00dfen Katastrophen durch rein individuelle Autonomie und L\u00f6sungen pers\u00f6nlicher Unabh\u00e4ngigkeit entfliehen wollen. Mehr und mehr ist diese Szene in den letzten Jahren durch Rechtsextreme bev\u00f6lkert worden, was zum schlechten Ruf der \u201eSurvivalists\u201c und \u201ePrepper\u201c beigetragen hat. Extremer Individualismus und eine zynische, antisoziale Haltung schaffen hier die ideologische Verbindung zu den \u201eMilliard\u00e4r*innen, die gleich versuchen, ins Weltall zu entfliehen\u201c ((16)) wie Branson, Bezos, Musk.<br \/>\nF\u00fcr die Kollapsolog*innen, sowohl f\u00fcr Servigne\/Stevens\/Chapelle als auch f\u00fcr Marie-Monique Robin in ihrer j\u00fcngsten Untersuchung \u201eLa Fabrique des pand\u00e9mies. Pr\u00e9server la biodiversit\u00e9, un imp\u00e9ratif pour la sant\u00e9 plan\u00e9taire\u201c (dt. \u201eDie Fabrikation von Pandemien. Die Erhaltung der Biodiversit\u00e4t als Imperativ f\u00fcr die planetarische Gesundheit\u201c) ((17)), kann es nicht um individuelle Abschottungsl\u00f6sungen gehen, sondern sie betonen die erstaunliche und ganz spontan hervortretende Tendenz zur Kollektivit\u00e4t, gerade zur \u201egegenseitigen Hilfe\u201c unter den Betroffenen der Katastrophen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Tendenz zur \u201egegenseitigen Hilfe\u201c (Kropotkin) bei den Betroffenen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die damit befassten Soziolog*innen \u201ehaben darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl der Naturkatastrophen einen spontanen und bemerkenswerten Anstieg von Verhaltensweisen der gegenseitigen Hilfe und anderen sozial gepr\u00e4gten Verhaltensweisen aus der Nachbarschaft oder sogar von Unbekannten hervorgerufen hat. Die Intensit\u00e4t, Spontaneit\u00e4t und die Qualit\u00e4t dieser prosozialen Verhaltensweisen sind abh\u00e4ngig von der Qualit\u00e4t des sozialen Netzwerks vor der Katastrophe \u2013 und auch davon, dass dieses Netzwerk nicht selbst w\u00e4hrend der Katastrophe zusammenbricht.\u201c ((18)) Nichts anderes haben wir in unmittelbarer Folge der Flutkatastrophe vom Juli 2021 in der BRD und anderen betroffenen L\u00e4ndern erlebt.<br \/>\nZusammenbruchs- und Hoffnungstendenzen, mit den Katastrophen leben zu lernen, treten also bei den Kollapsolog*innen unmittelbar parallel auf \u2013 wie D\u00fcrre-, Brand- und Flutkatastrophen als Ph\u00e4nomene des Zusammenbruchs unmittelbar nebeneinander auftreten.<br \/>\nDie drei Kollapsologen widmen sich in ihrem zweiten Buch vor allem der psychosozialen Entwicklung einer F\u00e4higkeit, mit den Katastrophen und ihren \u00c4ngsten bzw. Traumata leben zu lernen: \u201emit der Angst vor der Gewalt (des Faschismus), vor dem Irrationalen, dem Unbekannten, dem Werteverlust, dem Verlust der eigenen Orientierung, der Entpolitisierung und sogar der Angst vor Angstzust\u00e4nden. Die Antwort auf die Angst ist weder falsche Hoffnung noch Optimismus, sondern Mut zum Handeln.\u201c ((19)) Auch geh\u00f6rt f\u00fcr sie dazu, der gr\u00f6\u00dften Verdr\u00e4ngung der menschlichen Existenz ins Auge zu blicken: dem Tod. \u201eDen Tod (ebenso wie das kommende Ende der Welt) zu akzeptieren, hei\u00dft, sich die M\u00f6glichkeiten daf\u00fcr zu schaffen, diejenige Zeit sinnvoll zu leben, die uns zum Leben bleibt. Und sich paradoxerweise den Chancen zu \u00f6ffnen, etwas anderes zu schaffen. (&#8230;) Die M\u00f6glichkeiten unserer Antworten auf Stress, n\u00e4mlich die Empathie, das Mitgef\u00fchl, unsere Veranlagung zum Schenken, unsere Resilienz und unsere F\u00e4higkeit zur Ausdauer k\u00f6nnen zum Tragen kommen, wenn wir Gruppen des Zuh\u00f6rens rund um den Zusammenbruch organisieren, Aufnahmezentren f\u00fcr Gefl\u00fcchtete [aus Hunger- und Trockengebieten oder aus Gebieten der Klimakriege im Sahel \u2013 L. M.] gr\u00fcnden oder als Freiwillige in einem Haus f\u00fcr Schmerzlinderung arbeiten, in welchem wir lernen, die gesamte Leidenserfahrung, die Betroffene durchmachen, zu begleiten.\u201c ((20)) Schlussendlich m\u00fcsse man sich auch der Welt der nicht-menschlichen Lebewesen zuwenden und Allianzen f\u00fcr das gegenseitige \u00dcberleben schmieden.<br \/>\nBei dieser Perspektive eines Lebenk\u00f6nnens mit dem Zusammenbruch \u00fcberrascht es nicht mehr, dass Pablo Servigne mit seiner Schwerpunktsetzung auf Kropotkins These der \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/die-evolution-der-kooperation\/\">gegenseitigen Hilfe<\/a>\u201c ein Freund des gewaltfreien Anarchisten Pierre Sommermeyer ist, mit dem wir im Buchverlag Graswurzelrevolution ein Buch \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/im-kampf-gegen-die-tyrannei\/\">gewaltfrei-anarchistische Bewegungen in Syrien und im Sudan<\/a> ver\u00f6ffentlicht haben. ((21))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Publikationen der franz\u00f6sischsprachigen Kollapsologie wurden 2015 er\u00f6ffnet mit einer Art Grundlagen-Buch des Agrarwissenschaftlers Pablo Servigne und des \u00d6kologen Rapha\u00ebl Stevens, \u201eComment tout peut s\u2019effondrer\u201c (dt. \u201eWie alles zusammenbrechen kann\u201c), inzwischen \u00fcbersetzt in mehrere Sprachen, bezeichnenderweise nicht ins Deutsche. 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