{"id":25713,"date":"2021-09-07T10:03:37","date_gmt":"2021-09-07T08:03:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/pandemie-und-tierindustrie\/"},"modified":"2021-09-18T20:54:14","modified_gmt":"2021-09-18T18:54:14","slug":"pandemie-und-tierindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/pandemie-und-tierindustrie\/","title":{"rendered":"Pandemie und Tierindustrie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Zoonosen sind von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier \u00fcbertragbare Infektionskrankheiten. Die Zoonose \u201eCorona\u201c bestimmt seit \u00fcber einem Jahr das politische und private Leben auf der ganzen Welt. Bislang sind etwa 2.850.000 ((1)) Menschen an SARS-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome Corona Virus-2) gestorben, welches die Lungenkrankheit Covid-19 ausl\u00f6st. Der Ursprung von SARS-CoV2 liegt wahrscheinlich auf dem \u201eSee- und Wildtiermarkt\u201c Huanan in Wuhan (China). Der Erreger geh\u00f6rt zu den Coronaviren, welche durch MERS (Middle East Respiratory Syndrome) und SARS bereits bekannt sind ((2)). Andere Beispiele f\u00fcr Zoonosen sind: Ebola, AIDS, Lyme-Borreliose, Zika, Hantaviren, Nipah-Virus, Schlafkrankheit und die Beulenpest ((3)).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Warum kommt es zu einem vermehrten Auftreten von Zoonosen?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Studien gehen davon aus, dass der Vorl\u00e4ufer des SARS-CoV-2 aus Flederm\u00e4usen stammt und \u00fcber einen Zwischenwirt auf Menschen \u00fcbertragen wurde. Voraussetzung f\u00fcr eine solche \u00dcbertragung sind Mutationen im Virusgenom, die es erm\u00f6glichen, Menschen zu infizieren ((4)). Damit ist Covid-19 eine der vielen Zoonosen, welche etwa 60\u00a0% bis 75\u00a0% aller Infektionskrankheiten ausmachen und weltweit Millionen Todesopfer fordern. In den letzten Jahrzehnten waren mehr als 75\u00a0% aller neu auftretenden Infektionskrankheiten Zoonosen mit steigender Tendenz ((5)).<br \/>\nAusschlaggebend f\u00fcr die \u00dcbertragung eines Erregers auf eine andere Spezies ist der direkte Kontakt mit der infizierten Tierart oder deren Exkrementen. Mit der Domestizierung wild lebender Tiere wie Schweine, Rinder, H\u00fchner oder Schafe kam es zu einem vermehrten stabilen Kontakt zwischen Menschen und anderen Tieren. In Kombination mit der Vergr\u00f6\u00dferung menschlicher Besiedlung zu St\u00e4dten f\u00fchrte dies zu einer vermehrten Ausbreitung zoonotischer Epidemien. In den letzten Jahrzehnten ist der Kontakt von Menschen zu anderen Tieren, die bisher kaum oder keinen Kontakt zu Menschen hatten, durch anthropogene Faktoren enorm angestiegen, wodurch Entstehung und Verbreitung von Zoonosen beg\u00fcnstigt werden ((6)). Diese anthropogenen Faktoren sind ((7)):<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Jagd, Handel und Verzehr von wild lebenden Tieren<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine erh\u00f6hte Nachfrage nach \u201eWildfleisch\u201c und steigende Bev\u00f6lkerungsdichten veranlassen immer h\u00e4ufiger J\u00e4ger*innen dazu, in intakte \u00d6kosysteme einzudringen und dort wild lebende Tiere zu t\u00f6ten oder zu fangen. Nach weiten Transportwegen werden die gefangenen Tiere auf \u201eWildtierm\u00e4rkten\u201c neben \u201eNutztieren\u201c eingesperrt, mit denen sie nat\u00fcrlicherweise nicht in Kontakt kommen. Dadurch und durch den h\u00e4ufig schlechten Gesundheitszustand der Tiere k\u00f6nnen Krankheitserreger leichter \u00fcber Speziesgrenzen hinweg \u00fcbertragen werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Infolge der zunehmenden Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen bspw. durch Abholzung, Brandrodung, Trockenlegung, Bergbau und Bebauung werden ganze Arten ausgel\u00f6scht und wild lebende Tiere vertrieben. Um zu \u00fcberleben suchen diese dann die N\u00e4he menschlicher Behausungen. Der Stress und die ge\u00e4nderten Bedingungen f\u00fchren zu erh\u00f6hter Infektionsanf\u00e4lligkeit und beg\u00fcnstigen zoonotische \u00dcbertragungen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Futtermittelproduktion<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf etwa 70\u201383\u00a0% der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fl\u00e4che werden Futtermittel f\u00fcr die globale Tierproduktion angebaut. F\u00fcr den immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Hunger nach Fleisch und anderen Tierprodukten werden t\u00e4glich immense Fl\u00e4chen Ur- und Regenw\u00e4lder abgeholzt und durch Monokulturen oder Weideland ersetzt. Zur Ertragssteigerung werden massenweise Pestizide und D\u00fcngemittel verwendet, die zur W\u00fcstenbildung f\u00fchren k\u00f6nnen. Als einer der gr\u00f6\u00dften Faktoren f\u00fcr die Zerst\u00f6rung intakter \u00d6kosysteme tr\u00e4gt die Futtermittelproduktion massiv zum Verlust der Biodiversit\u00e4t bei und beg\u00fcnstigt somit die Entstehung und Verbreitung neuartiger Zoonosen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Tierindustrie<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der mit Abstand wichtigste Faktor bei der Verbreitung und Entstehung von Zoonosen ist die globale <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/gemeinsam-gegen-die-tierindustrie\/\">Tierindustrie<\/a>. Durch die Haltung vieler Individuen einer Art unter miserablen hygienischen Bedingungen werden die Tiere enormem Stress ausgesetzt. H\u00e4ufig handelt es sich bei diesen Tieren zudem um Z\u00fcchtungen, die darauf optimiert sind, zu produzieren (Fleisch\/Milch\/Eier), weniger widerstandsf\u00e4hig und genetisch nahezu identisch sind. Dadurch k\u00f6nnen sich Krankheiten sehr leicht verbreiten, wie am Beispiel der Schweinegrippe gut zu erkennen ist ((8)).<br \/>\nDie miserablen Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen in der Tierindustrie beg\u00fcnstigen zudem die Verbreitung von Infektionen. Zahlreiche Schlacht- und Zerlegebetriebe der Tierindustrie weltweit sorgten mit Corona-Ausbr\u00fcchen f\u00fcr Schlagzeilen \u2013 allein in Deutschland gab es etwa 5.300 <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/03\/hat-sich-wirklich-was-veraendert-bei-toennies-co\/\">Infektionen<\/a> in 60 Betrieben in 10 Bundesl\u00e4ndern ((9)). Durch die Haltungsbedingungen der \u201eNutztiere\u201c steigt auch die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Mutationen und somit die Wahrscheinlichkeit einer \u00dcbertragung auf Menschen. Tats\u00e4chlich wurde f\u00fcr das Influenzavirus gezeigt, dass hoch pathogene Influenzaviren wie H5N8 (Vogelgrippe), die potentiell pandemisch werden k\u00f6nnen, durch die industrielle Gefl\u00fcgelhaltung entstanden sind\u00a0((10)). Das Influenzavirus H1N1, welches als Spanische Grippe traurige Ber\u00fchmtheit erlangte, infizierte w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 etwa 500 Mio. Menschen und forderte 50 Mio. Opfer. Ausgangspunkt f\u00fcr dieses Virus war vermutlich eine durch wild lebende V\u00f6gel infizierte H\u00fchner- oder Putenfarm ((11)).<br \/>\nUm einer Pandemie vorzubeugen, werden nach Bekanntwerden eines infizierten (h\u00e4ufig wild lebenden) Tieres s\u00e4mtliche Individuen umliegender Anlagen get\u00f6tet, auch wenn sie noch gesund sind. Auch zur Vorbeugung der Verbreitung von Corona-Virusvarianten wurden Millionen von anderen Tieren get\u00f6tet, zum Beispiel auf Nerzfarmen weltweit. Auch in diesen Farmen werden Tausende Tiere auf engstem Raum unter miserablen Bedingungen gehalten. In D\u00e4nemark wurden Millionen Nerze get\u00f6tet und die Kadaver vergraben \u2013 aus Angst vor der Verbreitung einer Coronavirus-Variante, die in diesen Tieren gefunden wurde. Durch dieses Vorgehen wurden der Boden und das Grundwasser in den entsprechenden Gegenden stark verseucht, und die Tiere mussten exhumiert werden. Anstatt endlich das grausame Pelzgesch\u00e4ft abzuschaffen, erhalten die Pelzfarmer*innen beim Wiederaufbau finanzielle Unterst\u00fctzung durch den Staat\u00a0((12)).<br \/>\nUm Infektionskrankheiten vorzubeugen, werden in vielen Intensivtierhaltungen (meist) prophylaktisch klinisch relevante Antibiotika zur \u201eBestandssicherung\u201c verwendet. Die Tier- und Agrarindustrie sind die derzeit gr\u00f6\u00dften Verbraucher*innen von Antibiotika. Wenn Bakterien \u00fcber l\u00e4ngere Zeit Antibiotika ausgesetzt sind, k\u00f6nnen sie Resistenzen entwickeln, welche zwischen verschiedenen Bakterienst\u00e4mmen ausgetauscht werden k\u00f6nnen. Beispielsweise k\u00f6nnen beim Verzehr von ungekochtem Fleisch diese resistenten Bakterienst\u00e4mme auf Menschen \u00fcbertragen werden. Auch der Transport, die Verarbeitung und das Ausbringen von G\u00fclle auf Felder tragen zur Verbreitung von Antibiotikaresistenzen bei. Somit ist die industrielle Tierhaltung mitverantwortlich f\u00fcr die derzeitige Verbreitung von antibiotikaresistenten Bakterien, die schon jetzt weltweit Millionen Opfer fordern ((13)).<br \/>\nDie Tierindustrie ist mitverantwortlich f\u00fcr den menschengemachten Klimawandel \u2013 nicht nur durch direkte Ammoniak-, Methan und CO2-Emissionen, sondern insbesondere durch die oben genannten Faktoren wie Zerst\u00f6rung von \u00d6kosystemen und W\u00fcstenbildung als mittelfristige Folge von Futtermittelanbau und Beweidung. Steigende Temperaturen beg\u00fcnstigen die \u00dcbertragung von Krankheitserregern, bspw. von Malaria oder der Schlafkrankheit.<br \/>\nZusammengefasst haben die vergangenen Pandemien und die derzeitige Corona-Pandemie gemeinsame Ursachen: Ausbeutung anderer Tiere und verbliebener \u00d6kosysteme, sowie eine auf Profitmaximierung ausgelegte globale Wirtschaftsweise. Dadurch kommt es zu einer H\u00e4ufung von Krankheitsausbr\u00fcchen in den letzten Jahrzehnten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Aktiv werden und bleiben!<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz bzw. gerade wegen der Corona-Pandemie hat es im letzten Jahr verschiedene kreative Aktionen gegeben! Hier ein paar Beispiele:<br \/>\nEs haben sich verschiedene Aktivist*innen der Tierbefreiungsbewegung zusammengeschlossen und das \u201eB\u00fcndnis f\u00fcr gesellschaftliche Tierbefreiung\u201c ins Leben gerufen. Dieses hat verschiedene Forderungen aufgestellt und auf Aktionen vorgestellt, unter dem Motto: \u201eDie Ursachen der Corona-Krise bek\u00e4mpfen; deren Folgen solidarisch begegnen; den gesellschaftlichen Umbau vorantreiben; Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur beenden!\u201c. ((14))<br \/>\nAls Antwort auf die massiven und zahlreichen Corona-Ausbr\u00fcche in Schlacht- und Zerlegebetrieben durch die katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen wurden verschiedene Solidarit\u00e4tskundgebungen, Besetzungen und Demonstrationen in ganz Deutschland abgehalten, z.B. die Arbeiter*innen-Aktionstage im Mai 2020 und die symbolische Blockade einer <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/das-system-toennies\/\">T\u00f6nnies-Schlachtfabrik<\/a> in NRW durch das B\u00fcndnis \u201eGemeinsam gegen die Tierindustrie\u201c. ((15))<br \/>\nIm M\u00e4rz 2021 ver\u00f6ffentlichte das B\u00fcndnis \u201eGemeinsam gegen die Tierindustrie\u201c eine Studie mit dem Titel: \u201eMilliarden f\u00fcr die Tierindustrie \u2013 Wie der Staat \u00f6ffentliche Gelder in eine zerst\u00f6rerische Branche leitet\u201c. Sie analysiert, welche Unsummen jedes Jahr als Subventionen oder andere F\u00f6rderungen in eine Industrie flie\u00dfen, die global gesehen katastrophale Auswirkungen auf Menschen, Tiere, Umwelt und Klima hat. Mit der Studie fordert das B\u00fcndnis die n\u00f6tige Agrarwende und den Ausstieg aus der Tierindustrie. Die Studie zeigt: Die Entstehung und Ausbreitung von Pandemien wird durch \u00f6ffentliche Gelder mitfinanziert!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Was k\u00f6nnen wir tun, um zuk\u00fcnftige Pandemien zu vermeiden?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der wirksamste Schutz vor Zoonosen sind intakte \u00d6kosysteme mit hoher Biodiversit\u00e4t, ein stabiles Klima und keine Tierhaltung! Wir sollten also alles daran setzen, die verbliebenen \u00d6kosysteme zu erhalten und den Klimawandel zu stoppen. Hierzu m\u00fcssen wir den Ausstieg aus der Tierproduktion voranbringen und tierindustrielle Anlagen schlie\u00dfen. Die frei werdenden Fl\u00e4chen sollten renaturiert oder f\u00fcr eine solidarische, \u00f6kologisch vertr\u00e4gliche, pflanzenbasierte Landwirtschaft verwendet werden. Wir brauchen ein globales gesamtgesellschaftliches Umdenken: Weg von einer profitorientierten Wirtschafts- und Produktionsweise, die auf Ausbeutung basiert, hin zu einer bed\u00fcrfnisorientierten Produktion!<br \/>\nDie Vergangenheit hat gezeigt, dass Krankheiten wie Ebola, AIDS, Malaria oder die Schlafkrankheit besonders h\u00e4ufig Menschen im globalen S\u00fcden treffen, welche kaum Zugang zu Hygieneeinrichtungen, Medikamenten oder sauberem Trinkwasser haben. Auch Gefl\u00fcchtete in Lagern leiden in besonderem Ma\u00dfe unter der Corona-Pandemie. Zeigen wir uns solidarisch mit ihnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zoonosen sind von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier \u00fcbertragbare Infektionskrankheiten. 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