{"id":25715,"date":"2021-09-07T10:05:37","date_gmt":"2021-09-07T08:05:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/eine-wirtschaft-fuer-die-zukunft\/"},"modified":"2021-09-16T12:44:47","modified_gmt":"2021-09-16T10:44:47","slug":"eine-wirtschaft-fuer-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/eine-wirtschaft-fuer-die-zukunft\/","title":{"rendered":"Eine Wirtschaft f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann angesichts zunehmender Krisen eine zuk\u00fcnftige Wirtschaftsweise aussehen, die sozial gerecht und radikal demokratisiert ist und deren \u00f6kologische Folgen zumindest eingehegt werden? Und wie genau sollte eine solche Vision schon heute ausgearbeitet werden?<br \/>\nDie Autoren \u2013 der \u00d6konom Robin Hahnel und der Soziologe Erik Olin Wright, 1946 bzw. 1947 geboren (Wright starb 2019) \u2013 haben als Professoren an US-amerikanischen Universit\u00e4ten geforscht und gelehrt. Beide haben sich jahrzehntelang mit alternativen Formen des Wirtschaftens besch\u00e4ftigt. Gemeinsam mit dem Mitgr\u00fcnder des ZNet (Online-Community f\u00fcr gesellschaftlichen Wandel), Michael Albert, hat Robin Hahnel ein ausgefeiltes Konzept einer \u201ePartizipativen \u00d6konomie\u201c (fr\u00fcher \u201eParecon\u201c, engl. Abk. f\u00fcr Participatory Economics) entwickelt. Diese beruht weder auf marktwirtschaftlicher Konkurrenz noch auf staatlicher Planung, sondern auf R\u00e4ten der jeweils direkt Betroffenen, die die Regeln des wirtschaftlichen Austauschs direkt miteinander aushandeln sollen. Erik Olin Wright untersuchte mit seinem \u201eReal Utopias\u201c-Projekt Ans\u00e4tze anderen Wirtschaftens, die schon heute in eine sozialistische Zukunft weisen, und beschreibt verschiedene transformatorische Wege dorthin. Dabei setzt er gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatliche Macht in unterschiedliche Verh\u00e4ltnisse zueinander und beschreibt deren Einfl\u00fcsse auf die Wirtschaftst\u00e4tigkeit.<br \/>\nBeide Autoren sind sich darin einig, dass sowohl der sozialdemokratische Versuch einer Humanisierung des Kapitalismus als auch der Staatssozialismus gescheitert sind. Im Gespr\u00e4ch tauschen sie sich \u00fcber gemeinsame und unterschiedliche Vorstellungen von <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/05\/eine-andere-wirtschaft-nach-corona\/\">Alternativen<\/a> aus. Zun\u00e4chst skizziert Robin kurz seine Partizipatorische \u00d6konomie, Erik entgegnet mit solidarischer Kritik, woraufhin Robin sein Konzept verteidigt. Anschlie\u00dfend gibt Erik Einblicke in seine Ideen von Sozialismus und Realutopien, die Robin kritisch reflektiert. Erik beendet das Gespr\u00e4ch mit einigen Schlussgedanken.<br \/>\nEine wichtige Frage darin ist die nach der Bedeutung des Marktes. F\u00fcr Eriks \u00dcberlegungen spielen M\u00e4rkte keine gro\u00dfe Rolle, jedoch lehnt er sie nicht vollst\u00e4ndig ab, im Unterschied zu Robin, f\u00fcr den sie in einer \u00dcbergangszeit gez\u00e4hmt, dann aber abgeschafft werden sollten. Es sei eine Selbstt\u00e4uschung zu glauben, eine Marktwirtschaft sei mit Gerechtigkeit und Demokratie vereinbar. M\u00e4rkte w\u00fcrden \u201eGier und Angst stimulieren\u201c und seien \u201eein Krebsgeschw\u00fcr f\u00fcr das sozialistische Projekt\u201c (Hahnel, S. 186). Erik erkennt jedoch auch in Robins Modell der Partizipatorischen \u00d6konomie noch Marktelemente, wenn in die Verhandlungen um Produktpreise zwischen R\u00e4ten von Konsument*innen und Produzent*innen auch Angebot und Nachfrage eingehen.<br \/>\nEine weitere Frage ist die nach Strategien einer Transformation. Woran l\u00e4sst sich erkennen, dass eine Reform nicht das Bestehende st\u00fctzt, sondern zu einem grundlegenden Wandel beitr\u00e4gt? Ist ein vollst\u00e4ndiger Systembruch notwendig, oder gen\u00fcgt ein flie\u00dfender \u00dcbergang? Historische Beispiele sind eher entmutigend. Umso wichtiger sind solche ernsthaften Bem\u00fchungen wie die hier vorliegenden, trotz allem Ideen f\u00fcr eine andere Wirtschaft und f\u00fcr die Wege dorthin zu skizzieren.<br \/>\nDer englische Originaltext des Gespr\u00e4chs erschien bereits 2014, aber die angesprochenen Fragen sind nach wie vor aktuell. Das handliche B\u00fcchlein im Taschenkalender-Format l\u00e4dt zur ausf\u00fchrlichen Reflexion und vertiefenden Diskussion ein \u2013 gerade auch an den Punkten, die zum Widerspruch herausfordern. So bleiben beispielsweise beide Ans\u00e4tze im Bestehenden verhaftet, wenn sie an Lohnarbeit und Geld festhalten. Auch das Leistungsprinzip bleibt erhalten, wenn Arbeit nach ihrem Schweregrad entlohnt werden soll und entsprechende Konsumanspr\u00fcche begr\u00fcndet. Gleichzeitig wird jedoch ein bedingungsloses <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/12\/grundeinkommen-kontrovers\/\">Grundeinkommen<\/a> bef\u00fcrwortet. Dass die gewohnte Produktvielfalt auch in einer zuk\u00fcnftigen demokratisierten Wirtschaft erhalten bleiben soll, irritiert angesichts von Klimakatastrophe und Ressourcenraub ebenso wie die Monetarisierung \u00f6kologischer und gesundheitlicher Sch\u00e4digungen aus der Produktion in der Partizipatorischen \u00d6konomie. Diese sollen von den jeweils Betroffenen bewertet und ihnen entsch\u00e4digt werden.<br \/>\nSolche rational-berechnenden \u00dcberlegungen verstr\u00f6men eine formalistische K\u00e4lte, als sei alles im Leben messbar und gegeneinander aufrechenbar. Vor allem der Partizipatorischen \u00d6konomie scheint es in erster Linie darum zu gehen, Anstrengungen und Sch\u00e4den fair und gerecht zu entgelten \u2013 entwickelt wurde sie mit Hilfe <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/die-evolution-der-kooperation\/\">mathematischer Modelle<\/a>. Demgegen\u00fcber kommt Erik von der Erforschung praktischer Alternativen her und kann sich vielf\u00e4ltige Formen des Wirtschaftens auch im Sozialismus vorstellen.<br \/>\nIn der K\u00fcrze eines solchen B\u00fcchleins lassen sich nicht alle Fragen ersch\u00f6pfend behandeln. Es fehlen beispielsweise eine globale, insbesondere feministische und indigene Perspektive und eine Einbeziehung von lebendigen sozialen Beziehungen \u2013 wo bleibt die Freude an der Arbeit als kreativer T\u00e4tigkeit und Selbstausdruck in einem sozialen Beziehungsgeflecht? Trotzdem habe ich es mit Gewinn gelesen, denn es leistet zweifellos einen Beitrag zur notwendigen Kritik des Kapitalismus und zur existenziellen Frage nach Alternativen und danach, \u201ewelche praktischen Initiativen wir heute ergreifen k\u00f6nnen, um uns in diese Richtung zu bewegen\u201c (Wright, S. 239).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kann angesichts zunehmender Krisen eine zuk\u00fcnftige Wirtschaftsweise aussehen, die sozial gerecht und radikal demokratisiert ist und deren \u00f6kologische Folgen zumindest eingehegt werden? Und wie genau sollte eine solche Vision schon heute ausgearbeitet werden? 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