{"id":2573,"date":"1999-04-01T00:00:38","date_gmt":"1999-03-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2573"},"modified":"2022-07-26T14:26:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:28","slug":"blutiger-mexico-kaffee-mit-transfair-siegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/blutiger-mexico-kaffee-mit-transfair-siegel\/","title":{"rendered":"Blutiger Mexico-Kaffee mit TransFair-Siegel"},"content":{"rendered":"<p>Der Chiapas Kaffee-Kampagne geht es dabei keinesfalls darum, dem fairen Handel zu schaden, wie es ihr von einigen VertreterInnen des fairen Handels vorgeworfen wurde. Die Kampagne h\u00e4lt es jedoch f\u00fcr wichtig, da\u00df der faire und \u00f6kologische Handel konsequent die Achtung von Menschenrechten gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<h3>Die Hintergr\u00fcnde &#8211; der Bio-Kaffee-Skandal in Mexiko<\/h3>\n<p>In hiesigen Biol\u00e4den wird der Kaffee der Kooperative Otilio Monta\u00f1o (UDEPOM) verkauft, die eng mit der chiapanekischen Organisation SOCAMA verflochten ist. Letztere wird von mexikanischen Menschenrechtsgruppen und der Presse als &#8222;N\u00e4hrboden&#8220; der Todesschwadron &#8222;Paz y Justicia&#8220; qualifiziert.<\/p>\n<p>Das TransFair-Siegel steht f\u00fcr die sinnvolle Idee, mehr soziale Gerechtigkeit f\u00fcr kooperative ProduzentInnen in Entwicklungsl\u00e4ndern zu erreichen. Ein aktueller Anla\u00df zeigt jedoch deutlich, da\u00df kooperativ produzierter Kaffee nicht automatisch &#8222;fair&#8220; ist. Der von TransFair zertifizierte &#8222;Mexiko-Kaffee&#8220; der Firma Lebensbaum, der in Deutschland f\u00fcr DM 30,- pro Kilo verkauft wird, stammt von dem Genossenschaftsverband UDEPOM, mit Sitz in Motozintla, Chiapas. Dieser Verband wird wegen seiner zentralen Rolle im Aufstandsbek\u00e4mpfungskonzept von der mexikanischen Regierung bevorzugt gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Konkret: Die UDEPOM ist personell und \u00f6konomisch Teil des regierungstreuen chiapanekischen Verbandes &#8222;Solidaridad Campesino Magisterial&#8220; (SOCAMA), als deren paramilit\u00e4rischer Arm die Organisation &#8222;Paz y Justicia&#8220; gilt, die seit 1995 tausende andersdenkende Bauern und B\u00e4uerinnen vertrieben, deren Kaffeepflanzungen zerst\u00f6rt, deren Ernte geraubt hat und auch vor Vergewaltigungen und Massakern nicht zur\u00fcckschreckt. Menschenrechtsgruppen wie das Centro de Derechos Humanos Fray Bartolom\u00e9 de la Casas sch\u00e4tzen die Zahl der Opfer von &#8222;Paz y Justicia&#8220; auf \u00fcber 300 Menschen. Die SOCAMA finanziert sich durch staatliche Unterst\u00fctzungen genauso wie durch Beitr\u00e4ge ihrer Mitgliedsgenossenschaften.<\/p>\n<p>Der Umsatz der UDEPOM-Kooperative liegt bei ca. 3,5 Millionen DM f\u00fcr gesch\u00e4tzte 920 t Biokaffee. Davon werden 70% nach Europa exportiert, der Rest in die USA und nach Japan (zum Vergleich: 1997 hat Mexiko insgesamt 3.253 t Kaffee aus fairem Handel produziert).<\/p>\n<p>Seit der provisorischen Aufnahme in das FLO-Register (Fair Trade Labelling Organizations International &#8211; Dachverband des internationalen fairen Handels) Mitte 1996 tr\u00e4gt der Kaffee das TransFair-Siegel, seine \u00d6ko-Qualit\u00e4t wird durch den deutschen Bio-Anbauverband Naturland zertifiziert und von der Finca Irlanda kontrolliert. In Deutschland wird der Kaffee von der Firma Lebensbaum (Diepholz) \u00fcber Naturkostl\u00e4den vermarktet. Dar\u00fcber hinaus unterst\u00fctzt die Gesellschaft f\u00fcr Technische Zusammenarbeit (GTZ) des deutschen Entwicklungshilfeministeriums die Vermarktung weiterer \u00f6kologischer Produkte der UDEPOM \u00fcber ihr GreenTrade-Net.<\/p>\n<p>Die UDEPOM nimmt eine wichtige Funktion ein, um im Sinne der mexikanischen Bundesregierung die Lage in Chiapas zu stabilisieren: Neben Manuel Hern\u00e1ndez G\u00f3mez, einem der F\u00fchrer der SOCAMA und PRI-Abgeordneten im mexikanischen Bundesparlament, stellt die UDEPOM weitere hochrangige SOCAMA-Funktion\u00e4re. So z.B. einen ihrer Regionalkoordinatoren, der nach Angaben der mexikanischen Presse im Juli 1998 in dieser Funktion an Verhandlungen mit dem Ministerium SEDESOL (Min. f\u00fcr Soziale Entwicklung) teilnahm, bei denen es u.a. um die Mittelvergabe an &#8222;Paz y Justicia&#8220; und um &#8222;die Priorit\u00e4t der SOCAMA in Chiapas&#8220; ging. Angesichts dieser engen Verflechtungen verwundert es nicht, da\u00df Pr\u00e4sident Zedillo alleine im Jahre 1998 zwei Mal mit Vertretern der UDEPOM zusammengetroffen ist. Die SOCAMA genie\u00dft Priorit\u00e4t &#8211; deshalb beklagte der Vorsitzende der mexikanischen Kaffeeproduzentenvereinigung CNOC j\u00fcngst, da\u00df praktisch nur noch die SOCAMA und insbesondere UDEPOM in den Genu\u00df staatlicher Unterst\u00fctzung k\u00e4men.<\/p>\n<h3>SOCAMA &#8211; der N\u00e4hrboden f\u00fcr Paramilit\u00e4rs<\/h3>\n<p>Die &#8222;Lehrer-Bauern-Solidarit\u00e4t&#8220; (SOCAMA) wurde 1988 von ehemaligen maoistischen Lehrern gegr\u00fcndet und z\u00e4hlt heute mit 30.000-50.000 Mitgliedsfamilien zu den gr\u00f6\u00dferen Produzentenverb\u00e4nden in Chiapas. Sie verf\u00fcgt \u00fcber einen enormen \u00f6konomischen und politischen Einflu\u00df und steht in engster Verbindung zur mexikanischen Regierungspartei PRI. F\u00fcr diese stellt sie Abgeordnete im Parlament von Chiapas und im mexikanischen Bundesparlament. So zum Beispiel den bereits erw\u00e4hnten Manuel Hern\u00e1ndez G\u00f3mez, der im mexikanischen Bundesparlament auch Vorsitzender des Ausschusses f\u00fcr W\u00e4lder und Regenw\u00e4lder ist. Sein Bruder Silvano wurde als Stadtk\u00e4mmerer von San Juan Chamula beschuldigt, im April 1998 im gro\u00dfen Stil die Versorgung paramilit\u00e4rischer Gruppen mit Waffen organisiert zu haben. Gr\u00fcnder und General von &#8222;Paz y Justicia&#8220; ist der Schuldirektor Samuel S\u00e1nchez S\u00e1nchez, ein weiterer SOCAMA-Funktion\u00e4r, der bis zum Ablauf seiner Wahlperiode 1998 f\u00fcr die PRI im Parlament des Bundesstaates Chiapas sa\u00df. Durch die engen Verflechtungen mit der Regierungspartei, die bis in den Beraterstab des mexikanischen Pr\u00e4sidenten Zedillo reichen, ist es der SOCAMA in den letzten Jahren gelungen, Millionensummen nationaler und internationaler Entwicklungsgelder f\u00fcr ihre Projekte zu kanalisieren.<\/p>\n<h3>Der blutige Kampf um den Bio-Kaffee<\/h3>\n<p>Mexikanische Menschenrechtsgruppen bezeichnen die SOCAMA als Schl\u00fcsselfaktor des Aufstands-bek\u00e4mpfungskonzeptes der mexikanischen Regierung gegen die Rebellion der indigenen Bev\u00f6lkerung infolge des zapatistischen Aufstandes seit Anfang 1994.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Armee die EZLN und die aufst\u00e4ndischen Gemeinden milit\u00e4risch eingekreist hat, hat sich in den Landkreisen au\u00dferhalb der Kernzone ein &#8222;Krieg niederer Intensit\u00e4t&#8220; entwickelt. Eine Doppelstrategie aus paramilit\u00e4rischem Terror einerseits und sozialer Spaltung durch gezielte Kanalisierung von F\u00f6rdermitteln \u00fcber regierungsnahe Organisationen andererseits. Regierungsunabh\u00e4ngige ProduzentInnenvereinigungen werden z.T. wirtschaftlich ausgel\u00f6scht, der geraubte Kaffee dient nach Angaben Betroffener u.a. zur Finanzierung von Waffenk\u00e4ufen der Paramilit\u00e4rs. &#8222;Der Kampf um den biologischen Kaffee&#8220;, hei\u00dft es in einem mexikanischen Zeitungsbericht, &#8222;ist blutig entbrannt&#8220;.<\/p>\n<h3>FLO: Neutral bei der Austandsbek\u00e4mpfung?<\/h3>\n<p>Im Dezember 1998 baten wir TransFair (K\u00f6ln) um eine Stellungnahme zu dem von uns vorgelegten Material. Geantwortet hat uns darauf die Fair Trade Labelling Organizations International (FLO). Es wurde zugegeben, da\u00df der FLO &#8222;Ger\u00fcchte um die politischen Verflechtungen rund um die UDEPOM&#8220; bekannt seien. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, da\u00df aufgrund der &#8222;angespannten politischen Situation (&#8230;) die Arbeit als Zertifizierer enorm behindert&#8220; sei, da &#8222;derzeit keine Arbeitserlaubnis f\u00fcr die (&#8230;) Vor-Ort-Inspektionen in Chiapas&#8220; ausgestellt w\u00fcrde. Dennoch wolle man im Laufe des Jahres 1999 zu einer Entscheidung \u00fcber den Status der UDEPOM kommen. Angesichts der Funktion &#8222;gewisser Gruppen&#8220;, die &#8222;von der Regierung als Inseln der Stabilit\u00e4t benutzt werden, um \u00fcbergeordnete Interessen des Staates in Chiapas durchzusetzen&#8220;, behalte man sich vor, &#8222;eine neutrale Position zu beziehen&#8220;. Eine in unseren Augen mehr als bedenkliche Neutralit\u00e4t, zumal zum gleichen Zeitpunkt Mitglieder einer anderen FLO- Partnerorganisation in Chiapas von Paramilit\u00e4rs gewaltsam um ihre Ernte gebracht werden!<\/p>\n<h3>Die Forderungen<\/h3>\n<p>Angesichts der aufgedeckten Verflechtungen stellt sich die Frage, ob nicht diejenigen Firmen, die Erl\u00f6se aus der Vermarktung des UDEPOM-Kaffees erzielen &#8211; wissentlich oder unwissentlich &#8211; die Aufstandsbek\u00e4mpfung der mexikanischen Regierung und ihre &#8222;Inseln der Stabilit\u00e4t&#8220; mitfinanzieren. Und mit ihnen die arglosen KonsumentInnen.<\/p>\n<p>Wir fordern deshalb:<\/p>\n<ul>\n<li>TransFair, Naturland und die GTZ auf, sofort alle Beziehungen zu den SOCAMA- Anbauvereinigungen abzubrechen, dem UDEPOM-Kaffee das TransFair-Siegel zu entziehen und sicherzustellen, da\u00df keine weiteren SOCAMA-Produkte vermarktet werden<\/li>\n<li>eine bessere Kontrolle und eine \u00dcberarbeitung der Zertifizierungskriterien seitens TransFair und Naturland, um sicherzustellen, da\u00df in Zukunft keine Produzentenvereinigungen mehr zertifiziert werden, die im Zusammenhang mit menschenrechtsverletztenden Strukturen stehen<\/li>\n<li>mehr Transparenz seitens TransFair und Naturland: Auf der Verpackung jedes zertifizierten TransFair-Produktes soll seine genaue Herkunft kenntlich gemacht werden. Das TransFair- Kaffeeregister soll wieder \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gemacht werden<\/li>\n<li>die Offenlegung s\u00e4mtlicher Dokumente der FLO-Untersuchung \u00fcber die UDEPOM sowie des Abschlu\u00dfberichtes dieses Jahres.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Stoppen wir die Unterst\u00fctzung der Paramilit\u00e4rs in Chiapas!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Chiapas Kaffee-Kampagne geht es dabei keinesfalls darum, dem fairen Handel zu schaden, wie es ihr von einigen VertreterInnen des fairen Handels vorgeworfen wurde. Die Kampagne h\u00e4lt es jedoch f\u00fcr wichtig, da\u00df der faire und \u00f6kologische Handel konsequent die Achtung von Menschenrechten gew\u00e4hrleistet. 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