{"id":25868,"date":"2021-09-30T12:30:21","date_gmt":"2021-09-30T10:30:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/anarchismus-in-der-digitalen-welt\/"},"modified":"2021-11-09T01:12:32","modified_gmt":"2021-11-08T23:12:32","slug":"anarchismus-in-der-digitalen-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/anarchismus-in-der-digitalen-welt\/","title":{"rendered":"Anarchismus in der  digitalen Welt?"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Konzerne kontrollieren die digitale Welt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besitzt du einen Computer? Stolze 92 % der Deutschen haben einen \u2013 ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du dazu geh\u00f6rst. \u00dcber 90 % der Heimcomputer arbeiten mit Microsoft Windows (76 %) oder Apple macOS (19 %) als Betriebssystem. Dein Computer also sehr wahrscheinlich auch. Bei Smartphones sind die Anteile ebenfalls auf zwei riesige Kontrahenten aufgeteilt: 64 % werkeln mit Android, 34 % mit Apple iOS. Android ist zwar grundlegend ein freies Betriebssystem, allerdings sponsert Google einen Teil der Gelder f\u00fcr die Entwicklung und platziert auf den Ger\u00e4ten vorinstallierte Software. Play Store, Maps, Google Home, Google Suche \u2013 97 % der intelligenten Telefone suchen heute mit Google. Bei Computern sind es 84 %. So sehen f\u00fcr mich Monopole aus.<br \/>\nUnd bei den Betriebssystemen ist nicht Schluss. Womit schreibst du Texte? F\u00fcllst Tabellen aus? Vielleicht mit Microsofts Word und Excel oder den \u201ekostenlosen\u201c Office-Programmen von Apple? \u2028Und im Internet surfst du mit Google Chrome, Apple Safari oder Microsoft Edge? Bearbeitest du Fotos mit Adobe Photoshop? Layoutest deine Zeitung mit Adobe Indesign? Telefonierst mit Apple Face Time oder Microsoft Skype? Schreibst Nachrichten \u00fcber Facebooks Whats App?<br \/>\nAll die Firmen sind nicht wirklich an deinem Wohl interessiert, sondern nur genau so viel, dass der Geldbeutel ge\u00f6ffnet wird. Das Konzept dahinter kennen wir alle. Doch wie schaffen das die Konzerne? Zwei kleine W\u00f6rter: Gewohnheit und Faulheit. Oder k\u00fcrzer: Bequemlichkeit. Und daraus resultiert Abh\u00e4ngigkeit.<br \/>\nFirmen verteilen kostenlose oder sehr g\u00fcnstige Lizenzen an Schulen und Unis: Erstkontakt und Eingew\u00f6hnung Heranwachsender. Einige Programme sind in der Anschaffung auch \u201ekostenlos\u201c, werden dann in der Regel mit deinen pers\u00f6nlichen Daten bezahlt. Hersteller versuchen, dich in ihr \u00d6kosystem zu locken. Einmal drin, hast du nicht mehr viel Auswahl. Du brauchst teure Adapter, Kabel oder musst spezielle Versionen von Software kaufen und dann j\u00e4hrlich f\u00fcr aktuelle Versionen nochmal etwas oben drauflegen. Verglichen mit einer Neuanschaffung und Eingew\u00f6hnung bequem. Es wird Firmen sogar nachgesagt, Raubkopien insgeheim zu akzeptieren, um Marktmacht auszubauen. So wirst du auch an ein digitales \u00d6kosystem gebunden.<br \/>\nWas w\u00e4re, wenn Google pl\u00f6tzlich eine Bezahlschranke vor seine Suche baut? Oder diese nur noch von Menschen in bestimmten L\u00e4ndern erreichbar ist? Oder in App Stores mancher L\u00e4nder einige Apps nicht mehr auftauchen? Psst: Das gibt es \u00fcbrigens schon! Ein notwendiges Update des Betriebssystems setzt einen neuen Computer voraus. Oder das Programm, auf dem deine Dienstleistung aufbaut, pl\u00f6tzlich nur noch per Abo verf\u00fcgbar ist und f\u00fcr dich nicht mehr rentabel? Oder einfach die Entwicklung des Programms alternativlos eingestellt wird? All das klingt f\u00fcr mich nicht nach Freiheit, Selbstbestimmung oder nach einem guten Leben f\u00fcr alle. Oder?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">FLOSS \u2013 digitale Freiheit?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermutlich hast du den Begriff FLOSS bzw. FOSS noch nie geh\u00f6rt. Gel\u00e4ufiger ist das Synonym Open Source, quelloffene Software, bei der alle den Code dahinter einsehen k\u00f6nnen. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. FLOSS steht f\u00fcr Free\/Libre Open Source Software und erweitert den Open Source Gedanken um \u201efrei\u201c. \u201eFrei\u201c wie in Freiheit, nicht Freibier. Es ist ein Lizenzmodell f\u00fcr Software, \u00e4hnlich den Creative Commons-Lizenzen f\u00fcr urheberrechtlich gesch\u00fctzte Inhalte bzw. Werke wie beispielsweise Musik, Texte oder Filme.<br \/>\nFLOSS hat einen ethischen Hintergrund und erm\u00f6glicht freie Software ohne Einschr\u00e4nkungen z. B. durch finanzielle Mittel oder bestimmte Hardware. Open Source ist ein Teil von FLOSS und wird laut der Freie-Software-\u2028Bewegung von vielen Firmen nur aus Pragmatismus und (kapitalem) Eigennutz genutzt. Diese k\u00f6nnen auf vorhandenen Programmcode zur\u00fcckgreifen und so Geld sparen, weil die Entwickelnden schneller am Ziel sind. Leider wird beides oft synonym verwendet, der Hintergrund ist aber ein anderer. Wenn ich hier von freier Software spreche, dann meine ich FLOSS.<br \/>\nFreie Software hei\u00dft: Du kannst alles damit machen. Es ist auch deine Freiheit, diese Software bzw. die Dienstleistungen drumherum zu verkaufen. Je nach vorhergehendem Lizenzmodell. Und du kannst sie selbst ver\u00e4ndern, wenn du programmieren kannst. Anders als bei unfreier, propriet\u00e4rer Software musst du nun nicht erst die Firma \u00fcberzeugen, das Programm an deine W\u00fcnsche anzupassen. Das funktioniert in der Regel \u00fcber Nachfrage durch viele Menschen oder Geld. \u00dcbrigens geh\u00f6rt die freie Software wirklich dir \u2013 bei unfreier Software erwirbst du in der Regel eine Nutzungserlaubnis, mehr nicht.<br \/>\nMarkt und Bedarf sind oft zwei Paar Schuhe. Nicht immer wird Bedarf durch ein vorhandenes Angebot gedeckt. Oder aber, es bringt \u00fcber die Lizenzvereinbarung Einschr\u00e4nkungen mit, die dir bestimmte Nutzungsarten untersagen.<br \/>\nFreie Software hei\u00dft: Freiheit. Die Freiheit, das Programm zu nutzen. Weiterzugeben. Zu ver\u00e4ndern \u2013 und auch es zu verkaufen. Wobei du nicht das freie Programm verkaufst, sondern die Dienstleistung wie Programmierung oder Service dahinter. Freie und soziale Wissenskooperation und Zusammenarbeit (meist \u00fcber das Internet) haben uns FLOSS beschert. Werden der Quellcode oder Teile mit einer Lizenz wie GPL ver\u00f6ffentlicht, kann das resultierende Programm auch nur diese Lizenz bekommen. Quasi eine Schmier-infektion, die die Freiheit der Nutzenden sichert.<br \/>\nEs gibt \u00fcbrigens kaum Software, die nicht auch in irgendeiner Form als freie, quelloffene Variante vorhanden ist. Die meisten Menschen wissen nur nichts von deren Existenz oder nutzen sie nur zuf\u00e4llig. Firefox statt Chrome \u2028oder Edge und Thunderbird statt Outlook zum Beispiel.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Befreie dich selbst \u2013 und hilf anderen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gleiche passiert gerade beim <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/das-system-toennies\/\">Billigfleisch<\/a>. Die Menschen wissen, dass so ziemlich alles daran Schei\u00dfe ist. Sie kaufen es trotzdem, als g\u00e4be es kein Morgen. Doch es gibt Alternativen, die nicht Tiere oder involvierte Menschen in Mitleidenschaft ziehen oder die Umwelt zerst\u00f6ren. Wenn du wirklich das vorherrschende System der Tierausbeutung nicht unterst\u00fctzen willst, findest du einen Weg.<br \/>\nGenauso musst du nicht das fressen, was Microsoft, Apple, Google, Adobe und Co. dir vor die Nase halten. Wirklich kostenlos ist nichts davon (auch nicht das vorinstallierte Windows auf deinem Laptop), und du begibst dich in ein System, an das du \u00fcber kurz oder lang gebunden wirst. Die AGBs schr\u00e4nken dich in deiner Freiheit ein, oft erkaufst du dir nur die Nutzungsrechte und nicht einmal das Programm. Es funktioniert nur, solange die Firma das m\u00f6chte. W\u00e4re doch bl\u00f6d, wenn es deine Lieblingssoftware pl\u00f6tzlich nicht mehr gibt oder der essentielle Nachfolger doppelt so teuer ist.<br \/>\nDie Welt ist digital. Wir leben darin. Fast jeder Mensch nutzt das Angebot t\u00e4glich. Doch deine digitale Freiheit schwindet, je mehr Menschen den Firmen Geld und Macht in die Taschen sp\u00fclen. Wir m\u00fcssen ein Bewusstsein daf\u00fcr entwickeln, dass Software und die Strukturen dahinter unabh\u00e4ngig sein k\u00f6nnen. Und auch mal die freie Alternative w\u00e4hlen, auch wenn sie im ersten Augenblick unbequem oder ungewohnt scheint.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Freie Software im Alltag<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tolle an freier Software: Du kannst direkt einsteigen. Ohne Schwur auf ein Buch, oft nicht einmal mit obligatorischen Kosten \u2013 egal ob in Geld oder den viel moderneren pers\u00f6nlichen Daten. Du kannst dir beispielsweise GNU\/Linux wie Ubuntu auf deinem Computer installieren (oder einfach nur \u201elive\u201c ohne Installation direkt vom USB-Stick ausprobieren). Hilfe gibt es massenweise im Netz bei Vereinen und Privatmenschen in fast allen St\u00e4dten. Auch dein Microsoft Office kannst du recht einfach durch das freie LibreOffice ersetzen, GIMP macht den Job von Photoshop ziemlich gut. Firefox surft frei durchs Internet und auch f\u00fcr die meiste Spezialsoftware gibt eine freie Alternative.<br \/>\nDu musst nur raus aus der Bequemlichkeit und es einfach mal ausprobieren. Die meisten Programme gibt es \u00fcbrigens auch f\u00fcr Windows und macOS zum reinschnuppern. Du musst also nicht auf GNU\/Linux umsteigen (kannst es aber probieren). Am Ende ist es auch die Freiheit der Entwickelnden, f\u00fcr die meist genutzten Betriebssysteme ihre Programme anzubieten.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>FLOSS steht f\u00fcr Free\/Libre Open Source Software und erweitert den Open Source Gedanken um \u201efrei\u201c. \u201eFrei\u201c wie in Freiheit, nicht Freibier.<\/strong> <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alternativprogramme sind vielleicht nicht immer so schick, haben wie wir alle Ecken und Kanten, andere Namen, bedienen sich erst einmal ungewohnt. Das Budget der Firmen hinter freier Software ist in der Regel ziemlich klein, sofern \u00fcberhaupt vorhanden. Werbung gibt es quasi nicht und die Mehrheit ist unbekannt, und nur Mundpropaganda kommt \u00fcber gewisse Filterblasen nicht hinaus. Dadurch zahlen oder spenden weniger Menschen an die Entwickler:innen. Ein Henne-Ei-Problem. Freie Software kann aber durch genau diese Unabh\u00e4ngigkeit vom Kapital auch ohne wirtschaftliche Zw\u00e4nge gedacht werden. Und wenn alle Nutzenden anfangen w\u00fcrden, an die Entwickler:innen einen realistischen Betrag zu spenden und auch Oma und Opa von der Alternative zu berichten, dann w\u00e4re die digitale Welt in wenigen Jahren vermutlich eine ganz andere.<br \/>\nFreiheit hei\u00dft auch: Frei von dem ganzen Schei\u00df. Frei von Sorgen \u00fcber Datensicherheit. Frei von Zahlungen an Konzerne f\u00fcr den Machtausbau. Frei, deine Bed\u00fcrfnisse auf deinem Weg zu befriedigen. Frei, etwas kostenlos zu nutzen. Frei, sich f\u00fcr eine bessere Welt gegenseitig (auch finanziell) zu unterst\u00fctzten.<br \/>\nFreie Software ist so inklusiv, wie es nur geht. Jeder Mensch auf der Welt hat prinzipiell Zugang dazu \u2013 digitale Technik und Internet vorausgesetzt. Alternativ verteilen Vereine Datentr\u00e4ger der Software, die von allen Menschen ohne Einschr\u00e4nkungen durch unfreie Lizenzmodelle genutzt werden k\u00f6nnen. Vor allem l\u00e4uft die Software in der Regel auch auf \u00e4lteren Systemen ruckelfrei und zuverl\u00e4ssig. Wenn du noch einen Laptop von vor 10 Jahren rumliegen hast: Er ist nicht am Ende \u2013 sondern f\u00fcr manche Menschen ein neuer Zugang zur digitalen Welt. Probiere es aus.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Anarchismus vs. Software<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat ein anarchistisches Leben nun mit freier Software gemein? Ich finde: Alles.<br \/>\nIn einer freien, selbstbestimmten, inklusiven und guten Welt f\u00fcr alle darf es f\u00fcr mich keine Beschr\u00e4nkungen geben. Konzerne arbeiten aktiv daran, dass es genau dazu nicht kommt: Lizenzen, Patente, Kopierschutz, Nutzungslimitation durch bestimmte Hardware-Limitationen \u2026 Sei du doch das Sandkorn im Getriebe, damit die nicht noch mehr Macht erhalten! Beim Wohnen und in der Landwirtschaft gibt es mit SoLaWis und Mietsh\u00e4usersyndikaten schon gute Alternativen \u2013 es wird Zeit, dass auch die digitale Welt ein guter und freier Ort f\u00fcr alle wird. Freie Software ist ein Anfang.<br \/>\nProbiere es doch mal ein paar Tage aus. GNU\/Linux kann von einem USB-Stick mit 8 bis 16 GB direkt und ohne Installation gestartet werden. Viele allt\u00e4gliche Programme wie Browser, Office und Mediaplayer wie VLC sind inklusive. F\u00fcr die meisten Menschen reicht das aus. Vielleicht suchst du das n\u00e4chste Mal mit einer alternativen Suchmaschine wie DuckDuckGo oder Startpage? Installier mal Signal als sicheren und freien Messenger auf deinem Telefon \u2013 du wirst dich wundern, wie viele in deinem Telefonbuch den auch nutzen. RawTherapee bearbeitet hervorragend Fotos im raw-Format. Schau dir f\u00fcr Android mal den freien F-Droid Store an, ob da nicht Programme f\u00fcr dich dabei sind. Oder nutze das n\u00e4chste Mal OpenStreetMaps statt Google Maps. \u00dcbrigens: Wusstest du, dass der gr\u00f6\u00dfere Teil des Internets auf Servern mit Linux und WordPress l\u00e4uft?<br \/>\nDas Wichtigste: Gib dir Zeit bei der Umgew\u00f6hnung. Kein Umstieg ist einfach. Oder fandest du den Anarchismus gut, ohne dich je n\u00e4her mit ihm besch\u00e4ftigt zu haben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konzerne kontrollieren die digitale Welt Besitzt du einen Computer? 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