{"id":25872,"date":"2021-09-30T12:25:00","date_gmt":"2021-09-30T10:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/food-not-bombs\/"},"modified":"2021-10-23T20:26:06","modified_gmt":"2021-10-23T18:26:06","slug":"food-not-bombs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/food-not-bombs\/","title":{"rendered":"Food Not Bombs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Food Not Bombs ist m\u00f6glicherweise eine der gef\u00e4hrlichsten Bewegungen aus Sicht der globalen Konzernmacht. Nicht nur wegen unseres Namens, sondern weil wir eine Gemeinschaft aufbauen, die sich deren System und Kontrolle entzieht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Riot Police gegen veganes Essen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem frischen 15. August 1988 h\u00e4ngt der Nebel mittags noch in den \u00c4sten der B\u00e4ume am Eingang des Golden-Gate-Parks. John, Derek und ein paar andere bauen zwei schwere Klapptische auf und stellen Sch\u00fcsseln mit veganem Essen darauf, so wie wir das seit Monaten jeden Montag machen. Ein paar Wohnwagen- und Parkbewohner*innen und einige Freaks stehen in einer losen Reihe an und warten auf ein weiteres Food-Not-Bombs-Mittagessen. John hat einen seiner Lieblingssongs der \u201eMeat Puppets\u201c auf seinem Ghettoblaster aufgedreht. Meine Frau Andrea und ich schlie\u00dfen uns der Szene an. Ich bin gerade nach einer Woche im St-Mary\u2019s-Spital, wo ich wegen eines Blinddarmdurchbruchs lag, wieder entlassen worden.<br \/>\nEine Gruppe von Leuten aus dem Stadtteil Haight-Ashbury, darunter der Fotograf Greg Garr, schaut nerv\u00f6s zu. Sie sind zu Recht beunruhigt: Der Polizeikommandant von San Francisco, Richard Holder, f\u00fchrt eine Einheit der Riot Police (Bereitschaftspolizei) aus dem Wald und umstellt die Essens- und Infotische. Ein Polizeiwagen rollt in Position. Holder weist seine M\u00e4nner an, mich als ersten zu verhaften. Andrea eilt au\u00dfer sich neben dem verhaftenden Beamten her: \u201eEr ist soeben aus dem Krankenhaus entlassen worden\u201c, schreit sie und zeigt in meine Richtung. Als er mein T-Shirt hochzieht, entdeckt er einen Berg Gaze um meine H\u00fcfte und blafft: \u201eOh, Fuck\u201c.<br \/>\nJohn, Derek und sechs weitere passionierte Food-Not-Bombs-Austeilende werden in Handschellen gelegt und zu mir in den Polizei-Transporter gestopft. \u2028Deetje Boler ist mit einem Kassettenrekorder zur Stelle und nimmt die Notlage auf: \u201eWenn die uns nicht bei Food Not Bombs essen lassen, dann st\u00fcrmen wir Cal Foods auf der anderen Stra\u00dfenseite!\u201d. Dazu kommt es nicht. Stattdessen skandieren die Leute \u201eFood Not Bombs\u201c, und wir Festgenommenen schaukeln im Van hin und her zu unserem eigenen Lied. Wir neun werden ungef\u00e4hr vierzehn Stunden sp\u00e4ter aus dem Knast in der Bryant Street 850 entlassen. Der lange Tag in dieser dreckigen Betonzelle hat jedoch unseren Enthusiasmus nicht ged\u00e4mpft. Diese Verhaftungen waren die Antwort des \u201eRecreation and Parks Department\u201c ((1)) auf unseren Antrag vom 11. Juli 1988 f\u00fcr eine Bewilligung unseres Infostands und der Essensausgabe an der Ecke Haight Street\/Stanyan Street.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Breite Unterst\u00fctzung gegen Polizeigewalt<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich am n\u00e4chsten Tag erwachte, erfuhr ich, dass der San Francisco Chronicle in einem Leitartikel auf Seite 3 \u00fcber die Verhaftungen berichtet hatte \u2013 illustriert mit einem dreispaltigen Foto der Bereitschaftspolizei, die unser Essen vor den Hungrigen bewacht. Das machte auch viele w\u00fctend, die die Brutalit\u00e4t nicht mit eigenen Augen gesehen hatten. Wir organisierten ein Treffen mit Stadtteilaktivist*innen und einigten uns darauf, am darauffolgenden Montag, dem 22. August, von der zur Haight Street gelegenen Seite des Buena-Vista-Parks zu unserem Standplatz im Golden Gate Park zu ziehen. David Solnit machte ein Flugblatt mit dem Foto von Greg Garr aus dem Chronicle-Artikel, auf dem die behelmte Polizei zu sehen ist, wie sie das Essen und die Leute, die es ausgeben wollen, einkreist.<br \/>\nWir trafen uns also um 11.30 Uhr an der Ecke Central Street\/Haight Street. Kisten mit Lebensmitteln bildeten eine Reihe entlang des B\u00fcrgersteigs. T\u00f6pfe mit Reis, Bohnen und Suppe standen auf ein paar Milchkisten f\u00fcr die Aktion bereit. Viele Leute hatten T\u00f6pfe und L\u00f6ffel mitgebracht, um w\u00e4hrend der Demo zur Stanyan Street L\u00e4rm zu machen. Max Ventura stand auf einer grasbewachsenen Stra\u00dfenb\u00f6schung \u00fcber der versammelten Menge und stimmte \u201eThe World Turned Upside Down\u201c von Leon Rosselson an.<br \/>\nDie Versammelten str\u00f6mten in die Haight Street und skandierten: \u201eFood Not Bombs, Food Not Bombs!\u201c Eine bunte Mischung aus Schildern, Transparenten, Lebensmitteln und T\u00f6pfen mit Gerichten zog widerspenstig in Richtung Eingang des Golden Gate Parks. Die Polizei auf Motorr\u00e4dern unternahm ein paar zaghafte Versuche, die Stra\u00dfe zu r\u00e4umen, wurde aber ignoriert. Wir stellten das Mittagsessen und die Lebensmittelspenden auf Planen, weil wir die von der Polizei beschlagnahmten Tische noch nicht zur\u00fcckbekommen hatten. Unsere Stammg\u00e4ste bildeten eine Schlange. Nacheinander wurde an die ersten zwanzig das Mittagessen ausgegeben. In diesem Moment st\u00fcrmt ein Sonderkommando der Polizei heran und zerrt die Leute, die das Essen ausgeben, zu einer Kolonne von Polizeiwagen, die entlang der Waller Street geparkt sind. Ein Kameramann von CNN ist unter den Journalist*innen, die danach dar\u00fcber berichten, wie weitere neunundzwanzig Menschen wegen Teilens von Essen ohne Bewilligung verhaftet wurden. Andrea und ich verziehen uns die Waller Street hinunter und verstecken uns im W\u00e4ldchen des Buena-Vista-Parks, als die Polizisten anfangen, Kn\u00fcppel zu schwingen. Ich habe immer noch eine abheilende Operationswunde und kann das Risiko nicht eingehen, geschlagen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte geht um die Welt: Die New York Times, die Times of India, die London Times, die lokale Presse und CNN berichten, dass neunundzwanzig Freiwillige verhaftet worden waren, weil sie Bed\u00fcrftigen zu essen gegeben hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine noch gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Leuten aus den Stadtteilen trifft sich eine Woche sp\u00e4ter erneut an der Ecke Haight Street\/Central Street und zieht die Haight Street hinunter, um f\u00fcr das Austeilen von Essen eine Verhaftung zu riskieren. Wegen der schlechten Presse z\u00f6gert die Polizei dieses Mal und nimmt niemanden fest. Der Polizeisprecher von San Francisco, Jerry Senkier, erkl\u00e4rt gegen\u00fcber den Medien, man habe kein Problem damit, dass Food Not Bombs Bed\u00fcrftigen Essen ausgibt. Aber: \u201eEine Reaktion der Polizei ist n\u00f6tig. Denn so wie es aussieht, handelt es sich um ein politisches Statement vonseiten der Bewegung und weniger um die Absicht, Lebensmittel zu verteilen\u201c.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Essensverteilung als Terrorismus?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Labour Day tauchten hunderte von Menschen auf und nahmen das Risiko einer Verhaftung auf sich. Die Bereitschaftspolizei gab auf, nachdem sie neunundf\u00fcnfzig Lebensmittel-Verteiler*innen in Handschellen abgef\u00fchrt und in die Bryant Street 850 gebracht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und an diesem Punkt wird die Geschichte nun interessant. Ryan Shapiro von Property of the People ((2)) schrieb mir im Juli 2021, dass man einen weiteren Stapel von Dokumenten der \u201eFBI Joint Terrorism Task Force\u201c zu den Ermittlungen gegen Food Not Bombs erhalten habe. Eines davon war ein Bericht an die FBI-Dienststelle in San Francisco vom 29. August 1988, das auf den 22. August 1988 verweist. Ein gro\u00dfer Teil dieses Dokuments ist immer noch als geheim eingestuft. Aber aus den zug\u00e4nglichen Informationen geht hervor, dass eine verl\u00e4ssliche Quelle aus Squad 14, der Abteilung f\u00fcr internationale Spionageabwehr des FBI-B\u00fcros in San Francisco, Informationen geliefert hatte, die besagten, dass Food Not Bombs eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstelle. Die Identit\u00e4t dieser Person und die Einzelheiten ihres Reports bleiben weiterhin als \u201egeheim\u201c klassifiziert. Was wohl auf diesen anderen Seiten steht, die begr\u00fcnden, weshalb wir eine Bedrohung der nationalen Sicherheit sein sollen? Und das zu einer Zeit, als wir im Ganzen nicht mehr als zwanzig Freiwillige bei Food Not Bombs z\u00e4hlten, die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/12\/anarchismus-vegetarismus-und-veganismus\/\">vegane Mahlzeiten<\/a> in nur drei St\u00e4dten \u2013 San Francisco, Boston und Long Beach \u2013 verteilten?<br \/>\nEinige unserer Helfer*innen und Freiwilligen waren f\u00fcr das Thanksgiving-Fest zu ihren Familien und Freund*innen gereist. Als sie nach San Francisco zur\u00fcckkamen, erz\u00e4hlten sie, dass Mitglieder der Nationalgarde sie wegen eines Food-Not-Bombs-Ansteckers auf ihren Kleidern angesprochen hatten, als sie auf ihren Flug warteten. Sie meinten, sie h\u00e4tten gerade eine Schulung \u00fcber einheimischen Terrorismus gehabt, und Food Not Bombs sei dort als \u201eeine der krassesten amerikanischen Terrorgruppen\u201c klassifiziert worden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Beginn einer weltweiten Bewegung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Food-Not Bombs-Kollektiv wurde zwar am 24. Mai 1980 gegr\u00fcndet, aber es waren diese ersten Verhaftungen, welche eine weltweite Bewegung ausl\u00f6sten. Ein Ort nach dem anderen gr\u00fcndete seine eigene lokale Gruppe, um sich den Verhaftungen in San Francisco entgegenzustellen.<br \/>\nSo viele Leute kontaktierten uns, um zu erfahren, wie man am besten anf\u00e4ngt, dass ich meine Notizen von damals hervornahm, als ich die zweite FNB-Struktur initiiert hatte, und sie als Flyer mit dem Namen \u201eSieben Schritte zur Gr\u00fcndung einer lokalen Food-Not-Bombs-Gruppe\u201c ver\u00f6ffentlichte und allen Interessierten ein Exemplar davon schickte. Bis Ende 1989 waren Food-Not-Bombs-Gruppen in Victoria (Kanada), Melbourne (Australien), London (Gro\u00dfbritannien), Prag (Tschechoslowakei) und in den Vereinigten Staaten in New York City (New York), Portland (Oregon), Seattle (Washington) und einigen anderen St\u00e4dten gegr\u00fcndet worden \u2013 von Leuten, die sich emp\u00f6rt hatten, dass die Polizei von San Francisco unsere Freiwilligen verhaftete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In San Francisco kam es zu weiteren Verhaftungen, welche dutzende von Leuten dazu veranlassten, sich uns anzuschlie\u00dfen. Weil die Polizei st\u00e4ndig versuchte, uns zu stoppen, organisierten wir eine Kampagne mit dem Titel \u201eRiskiere einmal im Monat eine Verhaftung\u201c und luden verschiedene lokale Gruppen ein, uns zu helfen. Kirchenobere, Organisationen von Rechtsanw\u00e4lt*innen und andere aktive Gruppierungen meldeten sich und lie\u00dfen sich in Handschellen abf\u00fchren.<br \/>\nWir teilten unser Essen in drei Teile. Die ersten zwei als K\u00f6der f\u00fcr die Polizei zur Beschlagnahmung. Nach den ersten zwei Verhaftungswellen trugen wir den Gro\u00dfteil der vorbereiteten Gerichte auf, um sie an diejenigen zu verteilen, welche zum Essen gekommen und \u00fcber unser Vorgehen informiert worden waren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26017\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/arresting_bagels.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/arresting_bagels.jpg 800w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/arresting_bagels-300x193.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/arresting_bagels-600x386.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/arresting_bagels-768x494.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/arresting_bagels-150x97.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Essen-Festnahme statt Essen fassen &#8211; Foto: Keith McHenry<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Auf Klappst\u00fchlen zu gemeinsamen Grunds\u00e4tzen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Verhaftungen zunahmen, gr\u00fcndeten immer mehr Leute lokale Gruppen, sodass zu dem Zeitpunkt, als indigene Leute einen riesigen Protest in San Francisco gegen die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Ankunft Kolumbus\u2019 in Nordamerika ank\u00fcndigten, bereits in mehr als 50 St\u00e4dten aktive Gruppen existierten. Wir boten den indigenen Gruppierungen, die wir erreichen konnten, unsere Teilnahme an und fragten, ob sie im Gegenzug ein globales Treffen von uns ein paar Tage vor der Demonstration am 12. Oktober 1992 unterst\u00fctzen w\u00fcrden. Wir kamen \u00fcberein, uns zu treffen.<br \/>\nUngef\u00e4hr 50 Food-Not-Bombs-Aktivist*innen, zusammengew\u00fcrfelt aus verschiedenen St\u00e4dten quer durch die USA und Kanada, sa\u00dfen auf Klappst\u00fchlen in einem gro\u00dfen Raum im Cauliflower Collective im Stadtteil Mission District in San Francisco. Am zweiten Tag einigten wir uns auf drei Grunds\u00e4tze:<\/p>\n<ol>\n<li style=\"text-align: justify;\">Unser Essen ist vegan oder vegetarisch und steht allen gratis zur Verf\u00fcgung: Egal ob reich oder arm, dicht oder n\u00fcchtern.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Jede Food-Not-Bombs-Grup-\u2028pe ist autonom und f\u00e4llt ihre Entscheidungen im Konsensverfahren. Es gibt keine Chefs, Vorsitzenden oder Direktoren und kein Hauptquartier. Alle in jeder Gruppe werden ermutigt, sich an der Entscheidungsfindung zu beteiligen, einschlie\u00dflich derjenigen, welche von den Food-Not-Bombs-Mahlzeiten abh\u00e4ngig sind.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Food Not Bombs ist keine Wohlt\u00e4tigkeitsorganisation, sondern setzt sich mit gewaltfreien, direkten Aktionen f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der Gesellschaft ein, damit niemand mehr in Suppenk\u00fcchen anstehen muss, um etwas zu essen zu bekommen, oder gezwungen ist, auf der Stra\u00dfe zu leben.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir bereiteten riesige Mengen an Essen zu; einen Teil f\u00fcr den Aquatic Park, wo ein als Kolumbus Verkleideter in einem kleinen Boot landen sollte. W\u00e4hrend wir Fr\u00fchst\u00fcck an Teilnehmende des Protests verteilten, watete eine kleine Gruppe \u00c4ltester der indigenen Gemeinschaft in die Bucht und stie\u00df den 1992er-Kolumbus zur\u00fcck in die Str\u00f6mung des Golden Gate. Nach f\u00fcnfhundert Jahren Besatzung und Genozid reichte es ihnen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wie alles begann &#8230;<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Weg zur Gr\u00fcndung von Food Not Bombs nahm ihren Anfang in meiner Kindheit, welche ich das Gl\u00fcck hatte, in der Wildnis von Amerikas Nationalparks und auf dem heiligen Land der Hopis in Nord-Arizona zu verbringen. Als Teenager sah ich die Verw\u00fcstungen, welche der Rohstoff-Abbau durch Gro\u00dfkonzerne anrichten kann, als Peabody Coal am Big Mountain w\u00fctete. Auch sah ich den m\u00e4chtigen Colorado River vom Glenn-Canyon-Staudamm erw\u00fcrgt, der die majest\u00e4tischen Canyons mit den Felswohnungen und -zeichnungen der Anasazi \u00fcberflutete. Das war zu viel f\u00fcr mein Herz, und so beschloss ich mit 16 Jahren, mein Leben der Aufgabe zu widmen, diesem m\u00f6rderischen Treiben von Institutionen, der Regierung und ihren Sponsoren aus der Konzernecke ein Ende zu setzen.<br \/>\n1977 besuchte ich <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2007\/10\/us-reloaded\/\">Howard Zinns<\/a> Vorlesungen zu amerikanischer Geschichte an der Universit\u00e4t Boston. Er sprach \u00fcber seine Verhaftung bei Protesten gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Seabrook, New Hampshire. Daraufhin schloss ich mich der Bewegung an und nahm an beiden versuchten Besetzungen der Baustelle am 6. Oktober 1979 und am 24. Mai 1980 teil.<br \/>\nTr\u00e4nengas regnete aus Hubschraubern auf uns herab, und die Bereitschaftspolizei ging mit Kn\u00fcppeln und Pfefferspray gegen uns vor, als tausende von Aktivist*innen versuchten, den Zaun um das siebenundzwanzig Hektar gro\u00dfe Baugel\u00e4nde einzurei\u00dfen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, durch die L\u00fccken in den Maschendrahtz\u00e4unen einzudringen, zogen wir uns in die W\u00e4rme des asphaltierten Eingangsbereichs des Atomkraftwerks zur\u00fcck, um uns hinzusetzen, zu sprechen und neue Pl\u00e4ne zu machen. Ein Greiftrupp der Polizei schl\u00fcpfte durch eine \u00d6ffnung beim Tor, marschierte auf unsere Runde zu und schnappte sich unseren Freund Brian aus der Menge.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Geschichte geht um die Welt: Die New York Times, die Times of India, die London Times, die lokale Presse und CNN berichten, dass neunundzwanzig Freiwillige verhaftet worden waren, weil sie Bed\u00fcrftigen zu essen gegeben hatten.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir st\u00fcrmten zum Bezirksgef\u00e4ngnis, um seine Freilassung zu erlangen. Die Anklage lautete auf Angriff eines Polizeibeamten, und da die Kaution zu hoch f\u00fcr uns war, suchten wir jemanden, der uns helfen konnte. Wir versprachen, ihm das Geld so schnell wie m\u00f6glich zur\u00fcckzuzahlen. An diesem Abend wurde Brian aus dem Knast in die offenen Arme seiner Freund*innen entlassen. Wir machten uns in angeregter Diskussion auf den Weg nach S\u00fcden zu einer unserer Wohnungen in Boston. Wir w\u00fcrden ein Kollektiv gr\u00fcnden und unsere Zeit der Abschaffung dieses Atomkraftwerks widmen. Und wir w\u00fcrden vor dem Geb\u00e4ude der Studierendenvereinigung der Universit\u00e4t Boston und mitten auf dem Harvard Square Geb\u00e4ck verkaufen, um die Kaution zur\u00fcckzuzahlen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Vom Soli-Kuchen zur ersten \u201eFood Not Bombs\u201c-Aktion<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Verkauf unserer Backwaren haben wir nicht allzu viel Geld eingenommen. Etwas besser lief es mit unserem Umzugswagen und unserer Firma Smooth Move. Wir bekamen von einer Familie den Auftrag, ihren Umzug zu erledigen, und stie\u00dfen auf ein Plakat im Entsorgungshaufen mit der Aufschrift: \u201eDas wird ein wunderbarer Tag, wenn unsere Schulen alles Geld haben, das sie brauchen, und unsere Luftwaffe einen Kuchenverkauf organisieren muss, um sich einen Kampfflieger zu kaufen.\u201c<br \/>\nDas brachte uns auf die Idee, \u00fcbersch\u00fcssige Milit\u00e4runiformen zu kaufen und das Plakat an unserem Backwarenstand aufzustellen. \u201eHelft uns, einen Kampfflieger zu kaufen\u201c, skandierte ich und rief so eine*n neugierige*n Fu\u00dfg\u00e4nger*in nach der*dem anderen auf den Plan. Wir verdienten weiterhin nicht wirklich mehr Geld, aber die Aktion half, die Leute mit unseren Ideen zu erreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlussendlich f\u00fchrte das dann zu einer Protestaktion, die wir vor dem Geb\u00e4ude der Bank of Boston w\u00e4hrend der Aktion\u00e4rsversammlung organisierten. Die Vorsitzenden der Bank sa\u00dfen gleichzeitig in den Aufsichtsr\u00e4ten von Waffenherstellern in New England, wie zum Beispiel Raytheon, General Electric und Lockheed Martin. Die Bank war zudem eine Hauptakteurin im Zusammenhang mit dem \u201eRed Lining\u201c und der damit beabsichtigten Stigmatisierung von \u201eProblemvierteln\u201c, in denen sich die Banken in der Folge weigerten, Kredite zu vergeben.<br \/>\nAlso planten wir am Mittag einen Suppenstand vor der Zentralbank, in der gerade die Jahresversammlung stattfand. Wir luden unsere Freund*innen ein, sich als Verarmte aus der Zeit der Gro\u00dfen Depression zu verkleiden. Als wir unsere Suppe am Tag vor dem Protestmarsch am 26. M\u00e4rz 1981 zubereiteten, fiel uns ein, dass wir verpasst hatten, so etwas wie eine Suppen-Schlange aus Aktivist*innen einzuplanen. Wir hatten eine Idee: Wir k\u00f6nnten die Leute einladen, die in der Obdachlosen-Unterkunft in der Pine Street \u00fcbernachteten. Der Leiter lie\u00df mich in den schmuddeligen, gekachelten Raum, wo etwa drei\u00dfig M\u00e4nner waren, einige auf M\u00fclls\u00e4cke mit ihrem Hab und Gut gest\u00fctzt, andere an der Wand entlang auf dem Boden liegend und wieder andere gekr\u00fcmmt auf einer harten Bank sitzend. Der Leiter k\u00fcndigte an, dass ich gekommen sei, um mit ihnen zu sprechen. Einige drehten sich um, um zu sehen, was los war. Man h\u00f6rte ein paar st\u00f6hnen und ein wenig husten. Der Schein einer Stra\u00dfenlaterne drang durch das staubige Fenster und versorgte den Raum mit ein wenig Beleuchtung.<br \/>\n\u201eHallo Leute, ich bin Keith McHenry, und wir haben eine Gruppe mit dem Namen Food Not Bombs gegr\u00fcndet. Wir werden morgen Mittag gegen\u00fcber der South Station eine Protestaktion gegen die Bank of Boston machen. Als Teil davon werden wir eine warme Mahlzeit ausgeben, bitte schlie\u00dft euch uns an.\u201c<br \/>\nEiner murmelte: \u201eCool, Mann \u2013 eine Protestaktion \u2013 so wie wir das in den Sechzigern immer gemacht haben\u201c. Ein anderer stie\u00df sich von seiner kalten Bank ab, streckte seine Hand aus und packte meine mit einem harten Handschlag. \u201eWir werden dort sein, mein Sohn, das ist sicher.\u201c<br \/>\nEr hatte Recht. Eine Schlange von ungef\u00e4hr drei\u00dfig hatte sich anderntags entlang der Atlantic Avenue aufgestellt. Gesch\u00e4ftsleute, die das erste Mal eine solche Suppen-Schlange sahen, stie\u00dfen Rufe des Erstaunens aus. \u201eWenn wir es nicht schaffen, die Investitionspolitik der Bank of Boston und ihrer Verb\u00fcndeten im Wei\u00dfen Haus zu stoppen, wird es Suppen-Schlangen im ganzen Land geben\u201c, meinte ich zu denen, die dieser Anblick zu verunsichern schien.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weltweite Bewegung gegen Milit\u00e4r<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vierzig Jahre sp\u00e4ter hat sich traurigerweise herausgestellt, dass wir recht behalten sollten. Unsere Freiwilligen-Bewegung ist jetzt global geworden: Mit Gruppen in mindestens tausend St\u00e4dten in \u00fcber sechzig L\u00e4ndern. Armut terrorisiert Milliarden von Menschen, w\u00e4hrend die US-Regierung hunderte Milliarden in t\u00f6dliche Kriege flie\u00dfen l\u00e4sst. Mehrere Millionen Amerikaner*innen m\u00fcssen diesen Winter Zwangsr\u00e4umungen oder Zwangsvollstreckungen be-f\u00fcrchten. Dies treibt m\u00f6glicherweise Millionen in ihre Autos und Zelte, in einem verzweifelten Versuch, einen sicheren Platz zum \u00dcbernachten zu finden. Anstatt die Milliarden aus dem Budget der CIA und des Pentagons in die Finanzierung von Wohnraum zu verlagern, war die L\u00f6sung eine Kaskade von Gesetzen gegen das Leben im Freien.<br \/>\nJahr f\u00fcr Jahr haben wir uns als verl\u00e4ssliche Verb\u00fcndete der Armen und Obdachlosen erwiesen und echte Beziehungen aufgebaut. Wir sind Teil unserer Communities, in denen wir Liebe und Nahrung teilen. Unsere Idee, Geld statt ins Milit\u00e4r in Obdach, Bildung, Gesundheitswesen und andere soziale Dienste zu investieren, ist eine solide Politik, und unsere v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit von staatlicher oder wirtschaftlicher Kontrolle be\u00e4ngstigt den Staat am meisten. Vielleicht hatte also diese*r \u201eglaubw\u00fcrdige\u201c Agent*in, welche*r am 19. August 1988 behauptete, wir seien eine Bedrohung f\u00fcr die nationale Sicherheit, in gewisser Weise durchaus recht, falls sie*er \u201eeine Bedrohung f\u00fcr den nationalen Sicherheitsstaat\u201c damit gemeint hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Food Not Bombs ist m\u00f6glicherweise eine der gef\u00e4hrlichsten Bewegungen aus Sicht der globalen Konzernmacht. Nicht nur wegen unseres Namens, sondern weil wir eine Gemeinschaft aufbauen, die sich deren System und Kontrolle entzieht. Riot Police gegen veganes Essen An diesem frischen 15. 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