{"id":25873,"date":"2021-09-30T12:24:00","date_gmt":"2021-09-30T10:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/versuche-der-solidaritaet\/"},"modified":"2021-10-02T12:01:23","modified_gmt":"2021-10-02T10:01:23","slug":"versuche-der-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/versuche-der-solidaritaet\/","title":{"rendered":"Versuche der Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Anfang der No Border Kitchen Lesvos (NBK) geht zur\u00fcck auf Ende 2015, als sich Kochaktivist*innen mit und ohne europ\u00e4ische P\u00e4sse dazu entschieden, eine Strandbesetzung von Migrant*innen ((1)) mit Essen zu unterst\u00fctzen. Sowohl diese Besetzung als auch andere wurden irgendwann ger\u00e4umt oder teilweise aus anderen Gr\u00fcnden aufgegeben, z. B. aufgrund von Gruppenkonflikten. Besetzt wurden gemeinsam mit Migrant*innen Str\u00e4nde oder verlassene Fabrikgeb\u00e4ude am Rand von Mytilini ((2)). Ab dem Fr\u00fchling 2016 entschieden sich die Aktivist*innen dazu, eine Garage und sp\u00e4ter ein Haus zu mieten, um die gro\u00dfe K\u00fcche mitsamt dem Equipment vor weiteren R\u00e4umungen zu sichern. Eine der gr\u00f6\u00dften Ver\u00e4nderungen kam mit der Schlie\u00dfung dieser R\u00e4ume im Sommer 2018.<br \/>\nDie Zeit von Besetzungen und dem Mieten von H\u00e4usern hat gezeigt, dass ein fester Ort zu angreifbar durch Polizei, B\u00fcrokratie und Faschist*innen ist. Gleichzeitig haben immer mehr Migrant*innen Wohnraum in Mytilini gefunden, und es gab weniger Bedarf an gekochtem Essen. Da auch andere Organisationen K\u00fcchen betrieben und die Kosten einer eigenen K\u00fcche zu hoch waren, wurde beschlossen, sie zu schlie\u00dfen. Seitdem bezieht NBK Essen von anderen Organisationen und verteilt parallel dazu so genannte food boxes \u2013 also Kisten mit Essenszutaten. Dies ist aus politischen und pragmatischen Gr\u00fcnden ein wichtiges Anliegen: Indem Menschen die Zutaten zum Zubereiten von Essen zur Verf\u00fcgung gestellt bekommen, wird ihnen mehr Selbstbestimmung und Freiheit erm\u00f6glicht.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\">(Nicht nur) Essen unter die Leute bringen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch verteilt die No Border Kitchen weiterhin t\u00e4glich gekochtes Essen \u2013 teilweise an einem festen Ort in Mytilini, durch Covid-19 dann zeitweise auch im Rahmen kleiner, dezentraler Verteilungen bis hin zum Liefern des Essens nach Hause. Neben dem zus\u00e4tzlichen Verteilen von food boxes wird in einem w\u00f6chentlichen Plenum besprochen, welche weiteren Dinge zu tun sind: Vom Aufr\u00e4umen des Material- und Spendenlagers \u00fcber die Verteilung von Kleidung aus diesem Lager bis hin zum \u2028Schreiben und Verbreiten von Texten oder dem Organisieren von politischen Aktionen.<br \/>\nDurch die Orientierung an Bed\u00fcrfnissen von Migrant*innen wandeln sich diese weiteren Aufgaben w\u00f6chentlich oder gar t\u00e4glich: Auch finanzielle Unterst\u00fctzung in Notlagen, Rechtsbeistand im Asylverfahren und Prozessbegleitung in F\u00e4llen von Repression k\u00f6nnen auf der Tagesordnung stehen. Die politischen Aktionen umfassen auch das Halten von Vortr\u00e4gen oder Redebeitr\u00e4gen auf Demonstrationen au\u00dferhalb Griechenlands, um auf die Lage an der EU-Au\u00dfengrenze aufmerksam zu machen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Nur eine weitere NGO?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer Arbeitsweise und ihren politischen Grunds\u00e4tzen unterscheidet sich NBK stark von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die auf <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/untragbares-gerichtsurteil\/\">Lesvos<\/a> aktiv sind. Grunds\u00e4tzlich wird versucht, Migrant*innen, die durch das europ\u00e4ische Grenzregime in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschr\u00e4nkt sind, in ihrer Autonomie zu unterst\u00fctzen. F\u00fcr die konkrete Arbeit bedeutet dies, dass die Arbeit von NBK prim\u00e4r von Migrant*innen selbst ausgeht und Personen mit europ\u00e4ischen P\u00e4ssen insbesondere im Fall juristischer Notwendigkeit \u2013 also beispielsweise beim Anmieten von R\u00e4umen \u2013 unterst\u00fctzen. Dar\u00fcber hinaus beruht die Arbeit auf den anarchistischen Prinzipien der Selbstorganisierung, der gegenseitigen Hilfe und Solidarit\u00e4t. Der politische Anspruch umfasst die Ablehnung von Grenzregimen jeglicher Art, weshalb grunds\u00e4tzlich nicht mit staatlichen Institutionen zusammengearbeitet wird.<br \/>\nDennoch besteht ein schmaler Grat und stetiger Aushandlungsprozess zwischen politischen und pragmatischen Entscheidungen. W\u00e4hrend aus politischen Erw\u00e4gungen heraus beispielsweise weiterhin das Besetzen von Geb\u00e4uden gew\u00fcnscht w\u00e4re, so w\u00fcrde dies aus pragmatischer Perspektive die Essensverteilung in Gefahr bringen. In ihren zwei Extremformen sind beide Entscheidungspole problematisch: Ausschlie\u00dflich politische Erw\u00e4gungen w\u00fcrden L\u00e4hmung bedeuten, w\u00e4hrend ausschlie\u00dflich pragmatische Entscheidungen bedeuten w\u00fcrden, mit NGOs und staatlichen Akteur*innen zusammenzuarbeiten und sich letztlich f\u00fcr die Situation von Migrant*innen mitverantwortlich zu machen.<br \/>\nEinen stetigen Reflexionsprozess erfordert au\u00dferdem die Zusammenarbeit von Personen, die die Insel verlassen k\u00f6nnen, und solchen, die dies nicht k\u00f6nnen. Erstere k\u00f6nnen sich freiwillig f\u00fcr die Arbeit entscheiden, Letztere vielleicht nicht immer. Auch gegen\u00fcber lokalen anarchistischen Strukturen stellt sich regelm\u00e4\u00dfig die Frage nach Aktionsformen und darauffolgender Repression, die eher lokale Strukturen als internationale Freiwillige trifft.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\">Selbstorganisierung, Spontaneit\u00e4t und Solidarit\u00e4t<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insbesondere in ungewohnten Situationen und in Notf\u00e4llen hat Selbstorganisierung einen gro\u00dfen Vorteil: Nachdem beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/09\/moria-ist-keine-tragoedie\/\">Moria<\/a> abgebrannt war und ca. 10.000 Menschen auf der Stra\u00dfe standen, waren es ausschlie\u00dflich NBK und Einzelpersonen, die die Migrant*innen mit Essen unterst\u00fctzt haben. Gro\u00dfe NGOs, die von Direktiven ihrer Geldgeber*innen, dem Staat oder anderweitigen Hierarchien abh\u00e4ngig sind, konnten wiederum nicht auf diese spontane \u00c4nderung der Situation reagieren und taten zun\u00e4chst nichts. In den mehr als f\u00fcnf Jahren von NBK gab es keinen Tag, an dem kein Essen verteilt wurde.<br \/>\nDiese Essensverteilungen hatten eine hochgradig politische Dimension: Die Weigerung der Migrant*innen, nach dem Brand von Moria in das sofort errichtete gef\u00e4ngnisartige Camp zu ziehen, muss als Befreiungskampf der Migrant*innen gegen das europ\u00e4ische Grenzregime und die Lagerstruktur verstanden werden. Der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/griechenland-nach-der-wahl\/\">griechische Staat<\/a> versuchte, durch ein Verbot von Essensverteilungen die Menschen auf der Stra\u00dfe gef\u00fcgig zu machen, um sie schlie\u00dflich in das neu erbaute Lager zu bringen. Die Essensverteilung war somit der Versuch, diesen Kampf f\u00fcr Bewegungsfreiheit zu unterst\u00fctzen. Ebenfalls war es ausschlie\u00dflich NBK, die imstande war, in diesen gro\u00dfen Menschenmengen nach dem Feuer Essen zu verteilen. Der politische Anspruch, solidarisch und auf Augenh\u00f6he den unterst\u00fctzten Menschen gegen\u00fcberzutreten, hat sich hier in der Praxis als Vorteil erwiesen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: left;\">Internationale und antinationale Solidarit\u00e4t<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">So variabel die Arbeit von NBK ist, so schwierig l\u00e4sst sich die Frage nach M\u00f6glichkeiten der Unterst\u00fctzung beantworten. Da sich die Arbeit ausschlie\u00dflich durch Spenden von Genoss*innen und solidarischen Gruppen finanziert, sind Spenden stets von Bedeutung. Dar\u00fcber hinaus werden immer wieder Menschen ben\u00f6tigt, die vor Ort Essen verteilen und an anderen Projekten teilnehmen. Und f\u00fcr den \u00fcbergeordneten Kampf gegen Grenzregime und die Festung Europa ist internationale Aufmerksamkeit notwendig. Seien es Vortr\u00e4ge oder direkte Aktionen \u2013 jede*r kann auf die Situation an der EU-Au\u00dfengrenze aufmerksam machen und etwas im Kampf gegen sie beitragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anfang der No Border Kitchen Lesvos (NBK) geht zur\u00fcck auf Ende 2015, als sich Kochaktivist*innen mit und ohne europ\u00e4ische P\u00e4sse dazu entschieden, eine Strandbesetzung von Migrant*innen ((1)) mit Essen zu unterst\u00fctzen. Sowohl diese Besetzung als auch andere wurden irgendwann ger\u00e4umt oder teilweise aus anderen Gr\u00fcnden aufgegeben, z. B. aufgrund von Gruppenkonflikten. 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