{"id":25879,"date":"2021-09-30T12:13:21","date_gmt":"2021-09-30T10:13:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=25879"},"modified":"2021-10-04T13:11:13","modified_gmt":"2021-10-04T11:11:13","slug":"ratlose-geologinnen-gescheiterte-endlager-und-fragwuerdige-zukunftsplaene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/ratlose-geologinnen-gescheiterte-endlager-und-fragwuerdige-zukunftsplaene\/","title":{"rendered":"Ratlose Geolog*innen, gescheiterte Endlager und fragw\u00fcrdige Zukunftspl\u00e4ne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Wenn man einen Film mit Wissenschaftler*innen dreht, die versuchen, Erdbeben und Vulkanausbr\u00fcche f\u00fcr die n\u00e4chste Million Jahre vorherzusagen: Bleiben die Beteiligten dabei eigentlich ernst, oder muss man sich da nicht das Lachen verkneifen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carsten Rau: Irgendetwas f\u00fcr eine Million Jahre zu planen, klingt nat\u00fcrlich absurd. In so einem Zeitraum rechnen Geolog*innen zum Beispiel mit zehn Eiszeiten, deren Gletscher die Erde mehrere hundert Meter tief umgraben und ganze Landschaften vor sich herschieben. Also hat man festgelegt, dass ein Endlager tief genug gebaut werden muss, damit kein Gletscher das Endlager ausr\u00e4umt und den Atomm\u00fcll vielleicht irgendwo im heutigen Frankreich abl\u00e4dt. Das klingt alles sehr schr\u00e4g. Es war aber nicht die Idee heutiger Geolog*innen, Atomkraftwerke ohne ein funktionierendes Endlager zu bauen. Die Geolog*innen \u2013 und die Anwohner*innen des zuk\u00fcnftigen deutschen Endlagers \u2013 m\u00fcssen sich jetzt mit dem Dreck rumschlagen, den andere ihnen vor die F\u00fc\u00dfe gekippt haben. Nicht wirklich lustig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, dass die Wissenschaftler*innen der Bundesgesellschaft f\u00fcr Endlagerung sich ernsthaft darum bem\u00fchen, ein Problem zu l\u00f6sen, das nicht zu l\u00f6sen ist. Aber ich sehe keinen Ausweg. Zwischen den Betreiber*innen und den Kritiker*innen des Suchverfahrens gibt es einen einzigen Konsens: Dass deutscher Atomm\u00fcll irgendwann in Deutschland unter die Erde kommt. Das ist richtig, so schr\u00e4g der Weg dorthin auch aussehen mag. Ich m\u00f6chte nicht, dass deutscher Atomm\u00fcll irgendwo anders auf der Welt verbuddelt wird, weil vielleicht irgendein Autokrat das f\u00fcr einen Haufen Geld anbietet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im \u00dcbrigen geht es auch in anderen L\u00e4ndern bei der Suche nach einem Endlager absurd zu: Im vergangenen Jahr hat zum Beispiel ein schwedisches Gericht das nationale Endlagerkonzept kassiert. Die Schwed*innen wollten ihren Atomm\u00fcll in Kupferbeh\u00e4ltern vergraben. Das Gericht meinte aber, dass der Dichtheitsnachweis dieser Beh\u00e4lter schon f\u00fcr die geforderten 500 Jahre nicht \u00fcberzeugend war. Und wie will man im Ernst nachweisen, dass solche Beh\u00e4lter f\u00fcr eine Million Jahre dichthalten? Ich hab keine Ahnung.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-25948\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/atomkraft_banner_september-1.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/atomkraft_banner_september-1.jpg 960w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/atomkraft_banner_september-1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/atomkraft_banner_september-1-600x338.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/atomkraft_banner_september-1-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/atomkraft_banner_september-1-150x84.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie verliefen die Recherche und die Planung des Films? Welche Probleme gab es? Hast du zum Beispiel auch verantwortliche Politiker*innen angefragt oder Vorst\u00e4nde von Atom-Konzernen, oder war der Film genau so geplant, wie er jetzt vorliegt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht, dass irgendein Dokumentarfilm so auf die Leinwand kommt, wie er urspr\u00fcnglich geplant war. Zwischen der ersten getippten Idee und dem fertigen Film liegen f\u00fcnf Jahre, Sackgassen, R\u00fcckschl\u00e4ge, Absagen und andere Momente, die keine*r braucht. Aber sie waren Teil der Reise, so wie die guten Momente, die richtigen Entscheidungen und die Gl\u00fccksf\u00e4lle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Probleme gibt es immer, wenn ein deutscher Filmemacher bei den Pressestellen der Nuklearindustrie anklopft. Wenn es sie \u00fcberhaupt interessiert, w\u00e4gen die Leute der entscheidenden Ebenen ab, was sie zu gewinnen und zu verlieren haben. Die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2018\/04\/die-bruchlinien-von-cigeo\/\">franz\u00f6sische Atomindustrie<\/a> zum Beispiel hat in Deutschland wegen des Ausstiegs \u00fcberhaupt nichts mehr zu gewinnen. Der einzige Wachstumsmarkt hier ist der R\u00fcckbau der 17 Kraftwerke, und das machen die deutschen Betreiber*innen allein. Zwei Jahre hat es gedauert, bis die Franz\u00f6s*innen den Dreharbeiten zugestimmt haben. Ich bin so oft zum franz\u00f6sischen Kernforschungszentrum gereist, hab so oft angerufen, dass der PR-Chef dort irgendwann aufgegeben und die Drehgenehmigung unterschrieben hat. Daf\u00fcr hat er sp\u00e4ter einen Einlauf seines Direktors gekriegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Politiker*innen und Vorst\u00e4nde haben mich nicht interessiert, zu viele redende K\u00f6pfe funktionieren selten im Kino. Ich fand Leute wie den Nuklearingenieur J\u00f6rg Meyer wichtiger. Der war so ein Gl\u00fccksfall. Denn eigentlich hatten wir im R\u00fcckbau des Kernkraftwerks bei Greifswald schon einen seiner Kollegen f\u00fcr die Dreharbeiten gefunden. Der fing aber wenige Tage vor Drehbeginn an, nerv\u00f6s zu werden, und sprang ab. Zu einem der Krisengespr\u00e4che im ehemaligen Kraftwerk kam dann ein Ingenieur in Socken und Sandalen und erz\u00e4hlte mir von seiner Modelleisenbahn. Ich dachte: \u201eWer ist das denn jetzt?\u201c Am Ende hat J\u00f6rg Meyer einen wesentlichen Teil der Episoden rund um den R\u00fcckbau des verstrahlten Kraftwerks getragen. Er glaubt an seine Aufgabe. Er baut in riskanter Arbeit das ab, woran er sein Leben lang geglaubt hat. Und er erz\u00e4hlt mir noch immer von Modelleisenbahnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warum hast du dich daf\u00fcr entschieden, zum Beispiel Leute vorzustellen, die mit den eigentlichen Problemen, die die Atomkraft mit sich bringt, eher peripher zu tun haben, wie zum Beispiel eine Gastronomin, die den guten Gesch\u00e4ften mit Arbeiter*innen im AKW nachtrauert, w\u00e4hrend du einen wichtigen Aspekt, die milit\u00e4rische Nutzung der Atomtechnologie, ganz au\u00dfer Acht l\u00e4sst?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das seh&#8216; ich anders. Die meisten Protagonist*innen haben ziemlich zentral mit den Konflikten der Atomkraft zu tun. Die Gemeinde Gundremmingen ist deshalb spannend, weil sie stellvertretend f\u00fcr alle anderen westeurop\u00e4ischen Gemeinden steht, die sich als Atomstandort gegen Sicherheit und f\u00fcr Wohlstand entschieden haben. Au\u00dferdem sprechen die Wirtin und der ehemalige B\u00fcrgermeister des Ortes im Film f\u00fcr den Teil der deutschen Bev\u00f6lkerung, die der Atomkraft eher unkritisch gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Ich hoffe, dass dieser Dokumentarfilm einen Beitrag zum Diskurs um Atomkraft leistet. Denn die Debatten um Kernenergie sind nicht vorbei, die fangen gerade wieder an.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich ist Dokumentarfilm Beobachtung. Das, was ich daraus mache, die Gestaltung, die Kadrage des Moments, die Montage, ist total subjektiv. Aber es bleibt immer eine Beobachtung. Ein Dokumentarfilm hat keine ausgepr\u00e4gte analytische Ebene. Sich mit der Verflechtung von ziviler und milit\u00e4rischer Nutzung von Kernenergie zu besch\u00e4ftigen, h\u00e4tte aber eine Analyse bedeutet mit Archivmaterial, sprechenden Expert*innen und vielleicht noch h\u00fcbsch animierten Grafiken. Ich guck so was gern, aber nicht im Kino. Ich hab mich auf die Vor- und Nachteile der Atomkraft beschr\u00e4nkt, die ich filmisch umfassen kann. Es h\u00e4tte noch viele andere Aspekte gegeben, die zum Thema geh\u00f6ren. Aber \u201eAtomkraft Forever\u201c ist eben kein Power-Point-Vortrag und ich bin auch kein Anti-Atomkraft-Aktivist. Am Ende ging es darum, einen Dokumentarfilm f\u00fcr die Leinwand zu machen. Und f\u00fcr Leute, die sich ein Ticket kaufen, sich in einen Saal setzen und warten, was passiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die einzelnen Ansichten werden in deinem Film kaum von dir kommentiert oder eingeordnet. Was ist denn dein Standpunkt zur Zukunft der Atomtechnologie?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAtomkraft Forever\u201c zeigt die Vorteile von Kernkraftwerken, die deutlich weniger <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/09\/atomkraft-ist-nix-fuers-klima\/\">CO2<\/a> produzieren als Kohle und Gas. Au\u00dferdem sind Reaktoren f\u00fcr die Netzbetreiber leichter zu handhaben als Erneuerbare Energien, weil sie stetig und verl\u00e4sslich Strom liefern k\u00f6nnen. Aber der Film macht auch klar, wie hoch der Preis der Atomkraft ist \u2013 ohne zum tausendsten Mal die Gefahren radioaktiver Verstrahlung zu erl\u00e4utern. Und ich bin sicher, dass das Publikum in der Lage ist, sich ein eigenes Bild zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht daran, dass Kernenergie die Menschheit retten kann. Aktuell sind weltweit etwa 440 Reaktoren am Netz, von denen viele in den n\u00e4chsten 10 bis 15 Jahren vom Netz m\u00fcssen, weil sie zu alt sind. Die Atomindustrie wird schon Schwierigkeiten haben, allein die wegfallenden Reaktoren zu ersetzen. Denn neue Atomkraftwerke sind viel zu teuer, um mit ihnen auf freien Stromm\u00e4rkten Geld zu verdienen. Au\u00dferdem dauern Planung und Bau zu lange. Mal angenommen, ein Konzern k\u00f6nnte heute direkt mit den Bauarbeiten loslegen, dann w\u00e4re das Kraftwerk in 20 Jahren am Netz. So viel Zeit haben wir nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was, meinst du, kann man mit einem solchen Dokumentarfilm erreichen? Was w\u00e4re aus deiner Sicht ein gew\u00fcnschter Effekt des Films?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAtomkraft Forever\u201c ist inzwischen auf vielen Festivals gelaufen, in Deutschland und international. Dem bei weitem \u00fcberwiegenden Teil des Publikums scheint es zu gefallen, sich selbst entscheiden zu k\u00f6nnen. Obwohl der Film sehr subjektiv ist und aus meiner Haltung kein Geheimnis macht. Deshalb hoffe ich, dass dieser Dokumentarfilm einen Beitrag zum Diskurs um Atomkraft leistet. Denn die Debatten um Kernenergie sind nicht vorbei, die fangen gerade wieder an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Beispiel hat die EU-Kommission allen Ernstes ihre Forschungsstelle damit beauftragt herauszufinden, ob Atomkraft am Ende nicht doch eine nachhaltige Form der Energieerzeugung ist. Die Entscheidung dar\u00fcber soll bis Ende des Jahres fallen. Und es ist zur Zeit \u00fcberhaupt nicht abzusch\u00e4tzen, wie diese Entscheidung ausfallen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Kommission beschlie\u00dft, dass <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/04\/35-jahre-tschernobyl\/\">Atomkraft<\/a> im Rahmen des Green Deals auch zuk\u00fcnftig eine Rolle spielen soll, dann w\u00e4ren Investitionen in neue Kernkraftwerke, wie es hei\u00dft, \u201ef\u00f6rderungsw\u00fcrdig\u201c \u2013 f\u00fcr Mitgliedsstaaten, Pensionsfonds und die EU selbst. Ich glaube nicht, dass gleich danach die Bauarbeiten losgehen. Aber ganz sicher w\u00fcrde die Debatte um Kernenergie wieder intensiver.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus macht \u201eAtomkraft Forever\u201c deutlich, wie viel kostbare Zeit in der Merkel-\u00c4ra vergeigt wurde, anstatt die Energiewende zu steuern. Die Probleme, die wir noch immer beim Umbau unserer Energiewirtschaft haben, die gab es schon vor 20 Jahren. Und fehlende Stromtrassen und nennenswerte Speicherkapazit\u00e4ten sind nur zwei der noch immer offenen Fragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese offenen Fragen und die ungel\u00f6sten Konflikte der Energiewende sind so eine Art argumentatives Haupteinfallstor f\u00fcr die Atomlobby. Fr\u00fcher haben deren Manager*innen Wind- und Solarstrom verh\u00f6hnt. So bl\u00f6d sind sie heute nicht mehr. Heute behaupten sie, dass Erneuerbare Energien und Kernkraft quasi Geschwister sein k\u00f6nnen: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, so die Behauptung, helfen die Atomkraftwerke. Das Argument ist aber Quatsch. Denn zum einen sind Kernreaktoren nicht daf\u00fcr gemacht, st\u00e4ndig rauf- und runtergefahren zu werden. Kernkraftwerke laufen am effektivsten unter Volllast. Zum anderen erg\u00e4be der Neubau eines Kraftwerks als eine Art Netzreserve \u00fcberhaupt keinen Sinn f\u00fcr Investor*innen und Betreiber*innen. Geld verdienen k\u00f6nnten die nur, wenn das Atomkraftwerk l\u00e4uft, ganz egal, ob gerade Wind weht oder die Sonne scheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Wenn man einen Film mit Wissenschaftler*innen dreht, die versuchen, Erdbeben und Vulkanausbr\u00fcche f\u00fcr die n\u00e4chste Million Jahre vorherzusagen: Bleiben die Beteiligten dabei eigentlich ernst, oder muss man sich da nicht das Lachen verkneifen? Carsten Rau: Irgendetwas f\u00fcr eine Million Jahre zu planen, klingt nat\u00fcrlich absurd. 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