{"id":25888,"date":"2021-09-29T11:09:21","date_gmt":"2021-09-29T09:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/von-gdansk-nach-bremen\/"},"modified":"2021-10-05T19:03:20","modified_gmt":"2021-10-05T17:03:20","slug":"von-gdansk-nach-bremen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/von-gdansk-nach-bremen\/","title":{"rendered":"Von Gda\u0144sk nach Bremen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In der Danziger Leninwerft wurde die Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 gegr\u00fcndet. Ihr wird das Verdienst zugesprochen, zum Untergang des Staatskapitalismus in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern beigetragen zu haben. So wird ein Mythos \u00fcber die Werft in Gda\u0144sk kreiert, wonach von dort der Ruf nach Freiheit und Demokratie im Sinne des Kapitalismus ausgegangen sei. Da ist umso erfreulicher, dass sich Sarah Graber Majchrzak in ihrem gr\u00fcndlich recherchierten Buch \u201eArbeit \u2013 Produktion \u2013 Protest\u201c mit den sozialen Ursprungszielen des Protests der Arbeiter*innen auf der Leninwerft besch\u00e4ftigt und sie mit den K\u00e4mpfen auf der Bremer Weser-Werft verglichen hat. Die Autorin zeigt auf, wie die K\u00e4mpfe um die Gda\u0144sker Werft einen Teil der Besch\u00e4ftigten in Bremen zur Besetzung ermutigten. Damit wird deutlich, welche Signale die polnischen Arbeiter*innen an Kolleg*innen in anderen L\u00e4ndern aussendeten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gemeinsamkeiten und Unterschiede<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den ersten Kapiteln widmet sich Graber Majchrzak ausgiebig der Entwicklung des Schiffbaus in Gda\u0144sk und Bremen und benennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. W\u00e4hrend in der BRD die Bedeutung des Schiffbaus nach 1945 kontinuierlich abnahm, erreichte die Branche in Polen in den 1970er-Jahren den h\u00f6chsten Umsatz. Gemeinsam war dem Markt- wie dem Staatskapitalismus, dass die Arbeiter*innen nicht \u00fcber ihre Produkte bestimmen konnten. Im Buch wird dargelegt, wie es in der polnischen Werft viele Mitbestimmungsgremien gab, die Entscheidungen aber letztlich bei der von der Kommunistischen Partei bestimmten Nomenklatura lag. Dabei geht die Autorin auch auf zentrale Unterschiede ein. Ganz wichtig war, dass in Polen die Angst vor Entlassung und Arbeitslosigkeit fehlte, was das Selbstbewusstsein der Besch\u00e4ftigten st\u00e4rkte. Sie hatten auch in der gro\u00dfen und un\u00fcbersichtlichen Gda\u0144sker Werft mehr R\u00fcckzugsorte als ihre Bremer Kolleg*innen, die in der Fabrik viel unmittelbarer beobachtet und kontrolliert wurden. Ein weiterer Unterschied war der hohe Anteil der Frauen in der Belegschaft in Polen im Vergleich zu Bremen. Dort spielte in den 1960er-Jahren die Ausbeutung migrantischer Arbeit eine wichtige Rolle. In Polen traten die b\u00e4uerlichen Arbeiter*innen zeitweilig als betriebliche Reservearmee auf. Auch die Sozialpolitik war in Polen viel weiter ausgebaut als in der BRD. So gab es auf dem Werftgel\u00e4nde wichtige soziale Einrichtungen wie einen Betriebskindergarten oder ein Betriebskrankenhaus.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Viele Fragen bleiben offen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Graber Majchrzak beschreibt gut, warum die Gda\u0144kser und die Bremer Arbeiter*innen im wahrsten Sinne auf die Barrikaden gingen und mit der Werftbesetzung proletarische Geschichte schrieben. Es bleiben nat\u00fcrlich Fragen, warum dieser proletarische Internationalismus \u00fcber die unterschiedlichen Herrschaftssysteme hinweg heute so wenig bekannt ist und der Kampf in Polen von der kapitalistischen Siegergeschichtsschreibung vereinnahmt wurde. Wer das Buch von Graber \u2028Majchrzak liest, wird einige Antworten finden. So blieben die K\u00e4mpfe in der Bremer Werft sehr parlamentsfixiert. Das zeigte sich schon daran, dass die Besetzung aufgegeben wurde, nachdem bei den Wahlen zum Bremer Landtag am 24. September 1983 die SPD wieder die absolute Mehrheit bekommen hatte. Schlie\u00dflich waren die Besch\u00e4ftigten der Werft \u00fcber Jahrzehnte Anh\u00e4nger*innen der SPD. Daher war die Entt\u00e4uschung gro\u00df, als genau diese Partei nun die Schlie\u00dfung als alternativlos darstellte. Erst Ende der 1970er-Jahre gab der Betriebsrat den sozialpartnerschaftlichen Kurs auf und geriet damit in Konflikt mit der IG-Metall-F\u00fchrung, in der viele SPD-Mandatstr\u00e4ger*innen sa\u00dfen. Es gab allerdings in der Bremer Werft eine kleine linke Minderheit unter der Belegschaft, die auf unterschiedliche Gruppierungen verteilt war, eigene Zeitungen druckte und dar\u00fcber durchaus Einfluss auf die Stimmung der Besch\u00e4ftigten nehmen konnte. Einige der im Buch zitierten Quellen stammen von dort. Nicht erw\u00e4hnt wird, dass in Bremen w\u00e4hrend der Proteste gegen die Werftschlie\u00dfung sogar ein ungew\u00f6hnliches Personenb\u00fcndnis, das sich Betrieblich Alternative Liste (BAL) nannte und aus Linken verschiedener Betriebe bestand, zur Wahl f\u00fcr die Bremer B\u00fcrgerschaft 1983 kandierte, allerdings nur 1,3 % der Stimmen bekam. Nach der Lekt\u00fcre des Buches stellt sich nat\u00fcrlich auch die Frage, warum der linke Impuls der K\u00e4mpfe so schnell versandete. Man h\u00e4tte gerne mehr erfahren \u00fcber die prowestlichen Berater*innen von Solidarno\u015b\u0107, die nach der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen vor allen im Ausland aktiv wurden. Dabei spielte auch der Vatikan bald eine wichtige Rolle. Hier bleibt in der Arbeit von Graber Majchrzak eine Leerstelle. Ansonsten ist ihr Buch ein St\u00fcck Gegengeschichte der Arbeiter*innenk\u00e4mpfe in Ost wie West, das trotz des hohen Preises nicht nur f\u00fcr Wissenschaftler*innen empfehlenswert ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Danziger Leninwerft wurde die Gewerkschaft Solidarno\u015b\u0107 gegr\u00fcndet. Ihr wird das Verdienst zugesprochen, zum Untergang des Staatskapitalismus in den osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern beigetragen zu haben. 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