{"id":25889,"date":"2021-09-29T10:09:21","date_gmt":"2021-09-29T08:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/verschlossene-welt\/"},"modified":"2021-10-05T19:14:27","modified_gmt":"2021-10-05T17:14:27","slug":"verschlossene-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/verschlossene-welt\/","title":{"rendered":"Verschlossene Welt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Gef\u00e4ngnis ist f\u00fcr die meisten Menschen ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Wir wissen wenig \u00fcber das Leben in einer Strafanstalt, jedoch herrscht eine unbestimmte Furcht vor den Menschen hinter Gittern. Diese wird zum einen durch die Berichterstattung der Massenmedien erzeugt, in denen das Gef\u00e4ngnis nur im Zusammenhang mit schweren Straftaten oder spektakul\u00e4ren Ereignissen wie Geiselnahme oder Flucht erw\u00e4hnt wird. Zum anderen entsteht sie, weil die Menschen im Gef\u00e4ngnis f\u00fcr uns unh\u00f6rbar und unsichtbar bleiben. In dieser Hinsicht ist das Buch \u201eEin deutsches Gef\u00e4ngnis im 21. Jahrhundert\u201c ein guter Weg, etwas \u00fcber das Leben straff\u00e4llig gewordener Menschen zu erfahren. Es versammelt pers\u00f6nliche Schilderungen, Alltagsreportagen und satirisch-poetische Texte, die seit 2001 in der Gefangenenzeitung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dresden \u2013 \u201eDer Riegel\u201c \u2013 erschienen sind. Der Riegel wird von Gefangenen und Ehrenamtlichen erstellt und erscheint unzensiert. Weil f\u00fcr diese Arbeit sowohl die F\u00e4higkeit als auch die Lust zum Beobachten, Reflektieren und Schreiben Voraussetzung sind, k\u00f6nnen die Mitglieder der Redaktion nicht die Gefangenen insgesamt repr\u00e4sentieren. Sie sind jedoch besonders gut in der Lage, \u00fcber das Leben im Gef\u00e4ngnis zu berichten. Der Riegel erscheint alle drei Monate und kann \u00fcber die Webseite des Vereins Hammer Weg e.V. (<a href=\"http:\/\/www.hammerweg.eu\">www.hammerweg.eu<\/a>) auch au\u00dferhalb des Knasts bezogen werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Die Themen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Buch \u201eEin deutsches Gef\u00e4ngnis im 21. Jahrhundert\u201c haben die Herausgeber*innen, Ulrich Kleinert und Lydia Hartwig, die beide auch ehrenamtlich an der Ver\u00f6ffentlichung des Riegels beteiligt sind, Artikel aus 20 Jahren Riegel so geordnet, dass sie einen authentischen Einblick in die Lebenswelt der Gefangenen vermitteln. Dies ist ihnen ausgezeichnet gelungen.<br \/>\nH\u00e4ufig wird ein Thema dabei aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. So berichten z. B. eine Sozialarbeiterin, ein Seelsorger und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin \u00fcber ihre Arbeit mit den Gefangenen, und Gefangene schreiben \u00fcber ihre Sicht auf diese Arbeit, was sie ihnen bedeutet und was es f\u00fcr Probleme gibt. Ebenso sind manche Beitr\u00e4ge, etwa diejenigen \u00fcber \u201eAngst\u201c oder \u201eT\u00e4ter und Opfer\u201c aus Gespr\u00e4chsrunden zwischen Insassen der JVA und Besucher*innen entstanden. Hier stehen dann die Perspektiven \u201edrinnen\u201c und \u201edrau\u00dfen\u201c nebeneinander.<br \/>\nWeil alle Mitglieder der Riegel-Redaktion in den letzten zwei Jahrzehnten der Meinung sind, dass geschlossene Gef\u00e4ngnisse gar nicht oder wenig geeignet sind, um ein \u201eLeben in sozialer Verantwortung ohne Straftaten\u201c einzu\u00fcben, beginnt das Buch nicht mit dem Alltag im Gef\u00e4ngnis, sondern mit Berichten von au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ereignissen, bei denen die Mauer zwischen drinnen und drau\u00dfen durchbrochen wurde: Ein Konzert im Gef\u00e4ngnis, ein Theaterst\u00fcck \u00fcber das Thema R\u00fcckkehr, das j\u00e4hrliche Sportfest mit einem Fu\u00dfballspiel zwischen der Knastmannschaft und einem lokalen Verein und die Vergabe eines Literaturpreises an eine Autorin des Riegels.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Der Knastalltag<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den folgenden Kapiteln wird dann der Alltag im Knast beschrieben. Die Themen sind u. a. Entlassung, Einschluss, Arbeit, Zeit, Schule, Konflikte, Nachtruhe, das Personal der JVA, Weihnachten, Menschenw\u00fcrde, Drogen, B\u00fccher \u2026 Den einzelnen Kapiteln und Thematiken haben die Herausgeber:innen kurze Erl\u00e4uterungen vorangestellt, welche die folgenden Beitr\u00e4ge in einen Kontext einordnen. Hierbei geht es z. B. um den Anlass eines Artikels oder die Bedeutung eines bestimmten Themas f\u00fcr das Leben in der Strafanstalt.<br \/>\nMich haben am meisten die Texte ber\u00fchrt, in denen Gefangene \u00fcber die Verbindung zu ihrer Familie, ihrer Frau oder ihrem Mann und ihren Kindern berichten. Der eine schreibt \u00fcber den ersten Besuch seines f\u00fcnfj\u00e4hrigen Kindes in einem der kargen Besuchsr\u00e4ume der JVA. Ein Vater, der sich sorgt, wie die Besucherzelle auf sein Kind wirkt, entspricht nicht dem Bild des hartgesottenen Verbrechers. Der andere erz\u00e4hlt von einem zweit\u00e4gigen Gruppenausflug in die S\u00e4chsische Schweiz, den die JVA f\u00fcr Gefangene mit Familien organisierte: \u201eDer n\u00e4chste Morgen: Keine Schlie\u00dfger\u00e4usche, kein L\u00e4rm. Statt dessen ein leises: ,Papa, wir m\u00fcssen aufstehen!\u2018 und ,Papa, wir wollen viel spielen!\u2018, einfach wundersch\u00f6n.\u201c<br \/>\nMir wurde durch diese Texte klar, dass das Gef\u00e4ngnis nicht nur den Straft\u00e4ter, sondern auch seine Angeh\u00f6rigen bestraft. Wie erkl\u00e4rt eine Mutter ihrem Kind, dass der Papa in diesem Haus ist und nicht raus darf und warum er dort ist? Wie pflegt man eine Beziehung \u00fcber Knastmauern hinweg? Und was muss es f\u00fcr einen Gefangenen bedeuten, zwei Tage mit der Partnerin und dem Kind zusammen sein zu k\u00f6nnen und etwas Sch\u00f6nes zu erleben!<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Etwas, das besser ist als Strafvollzug<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">An die Schilderung des Lebens hinter Gittern schlie\u00dft sich das vorletzte Kapitel des Buches an, welches die Idee aufgreift, dass die geschlossene Institution Gef\u00e4ngnis f\u00fcr eine Wiedereingliederung von Straff\u00e4lligen in die Gesellschaft nicht hilfreich, sondern eher sch\u00e4dlich ist.<\/p>\n<h5 style=\"padding-left: 40px;\">Resozialisierung \u2013 paradox<\/h5>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Man sperrt mich ein, um mich auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten.<\/li>\n<li>Man nimmt mir alles, um mich zu lehren, mit Dingen verantwortungsbewusst umzugehen.<\/li>\n<li>Man reglementiert mich permanent, um mir zur Selbstst\u00e4ndigkeit zu verhelfen.<\/li>\n<li>Man entfremdet mich Menschen, um mich ihnen n\u00e4her zu bringen.<\/li>\n<li>Man bricht mir das R\u00fcckgrat, um mir den R\u00fccken zu st\u00e4rken.<\/li>\n<li>Man programmiert mich auf Anpassung, damit ich lerne, kritisch zu leben.<\/li>\n<li>Man bringt mir Misstrauen entgegen, damit ich lerne zu vertrauen.<\/li>\n<li>Man bricht vor meinen Augen die Gesetze, damit ich lerne, diese zu achten.<\/li>\n<li>Man sagt: \u201eZeige deine Gef\u00fchle\u201c, damit man mit ihnen spielen kann.<\/li>\n<li style=\"text-align: left;\">Man sagt: \u201eDu bist resozialisiert\u201c, wenn ich zu allem nur noch nicke.<br \/>\n(Unbekannter Autor, S. 176 des besprochenen Buches)<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen\u00fcber einem Strafvollzug, in dem Rechtsverletzer in Gef\u00e4ngnisse weggesperrt und von \u00fcberlasteten Mitarbeiter:innen mehr bewacht als betreut werden, wird f\u00fcr einen Justizvollzug in freien Formen pl\u00e4diert, bei dem die Gesellschaft die durch Rechtsverletzer signalisierten Problemlagen an Ort und Stelle in der Region, in der sie auftreten, bearbeitet.<br \/>\nEin gro\u00dfer Teil der Inhaftierten geh\u00f6rt nicht zu den als gef\u00e4hrlich geltenden Gefangenen, die die Schlagzeilen der Medien und der \u00f6ffentlichen Meinung bestimmen, sondern ist nur kurzfristig f\u00fcr wenige Wochen oder Monate in Haft. In Sachsen z. B. haben \u00fcber 40 Prozent der Inhaftierten eine Freiheitsstrafe unter einem Jahr. Manche dieser Menschen sitzen eine Ersatzfreiheitsstrafe ab, weil sie aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden eine Geldstrafe nicht zahlen konnten. Andere wurden wegen Delikten wie andauerndem Schwarzfahren verurteilt. 70 Prozent haben eine Freiheitsstrafe von unter zwei Jahren. F\u00fcr die Resozialisierung dieser Gruppe eignet sich die geschlossene Anstalt nicht. Stattdessen besteht durch den Kontakt mit l\u00e4ngerfristigen Gefangenen und einer Subkultur von Gewalt und Drogen die Gefahr einer st\u00e4rkeren Kriminalisierung.<br \/>\nEine freie Form des Justizvollzugs sind z. B. Projekte von zehn oder zw\u00f6lf Gefangenen, die an einem Ort in der Region gemeinsam einer gemeinn\u00fctzigen Arbeit nachgehen und dabei Erfolg und Anerkennung erleben. Pers\u00f6nliches Fehlverhalten und Schw\u00e4chen werden aufgearbeitet. Auseinandersetzung mit der Straftat und T\u00e4ter-Opfer-Ausgleich finden statt. Oft genug entstehen hieraus ein Berufsabschluss und der \u00dcbergang in ein regul\u00e4res Arbeitsverh\u00e4ltnis. Das letzte Kapitel schlie\u00dflich enth\u00e4lt Gedichte und Satiren aus dem Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gef\u00e4ngnis ist f\u00fcr die meisten Menschen ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft. Wir wissen wenig \u00fcber das Leben in einer Strafanstalt, jedoch herrscht eine unbestimmte Furcht vor den Menschen hinter Gittern. 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