{"id":25892,"date":"2021-09-29T07:09:21","date_gmt":"2021-09-29T05:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/die-politikbeduerftigkeit-des-schwangerwerdenkoennens\/"},"modified":"2021-10-05T19:39:56","modified_gmt":"2021-10-05T17:39:56","slug":"die-politikbeduerftigkeit-des-schwangerwerdenkoennens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/die-politikbeduerftigkeit-des-schwangerwerdenkoennens\/","title":{"rendered":"Die Politikbed\u00fcrftigkeit des Schwangerwerdenk\u00f6nnens"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Reproduktion gibt es scheinbar nur zwei wesentliche Momente: Die Zeugung und die Geburt. Die ganze Zeit dazwischen, die Schwangerschaft, sowie die M\u00f6glichkeitsbedingungen daf\u00fcr scheinen Privatsache zu sein. \u201eAus dem politischen Diskurs ist <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/03\/anarchismus-und-reproduktive-selbstbestimmung\/\">Schwangerwerdenk\u00f6nnen<\/a> [\u2026] fast vollst\u00e4ndig ausgeschlossen\u201c, so Antje Schrupp in ihrem aktuellen Essay. (S.\u00a010.) Dabei ist die \u201ePolitikbed\u00fcrftigkeit des Schwangerwerdenk\u00f6nnens\u201c (S. 13) offensichtlich: \u00dcber die M\u00f6glichkeit, schwanger werden zu k\u00f6nnen, verf\u00fcgt nur etwa die H\u00e4lfte aller Menschen. \u201eMan kann nicht gleichzeitig ein Mensch sein, der schwanger werden kann, und einer, der nicht schwanger werden kann.\u201c (S. 40) Das stellt unseren Gleichheitsdiskurs vor massive Probleme, denn w\u00e4hrend Schwangere enorme gesellschaftliche Nachteile aushalten m\u00fcssen, diskutieren diejenigen, die nicht schwanger werden k\u00f6nnen, \u00fcber ihre Rechte gegen\u00fcber dem F\u00f6tus und dem Kind. Das Schwangerwerdenk\u00f6nnen wird in Schrupps Essay zum Gravitationszentrum der politischen Ordnung und der Ausgestaltung unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, denn sie erkennt in dieser Differenz eine fundamentale soziale Kluft: \u201eDar\u00fcber, wie wir mit dieser Ungleichheit unter uns Menschen umgehen wollen, m\u00fcssen wir diskutieren.\u201c (S. 14)<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Zentrale Frage des Politischen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Antje Schrupp macht es sich also zur Aufgabe, das diskursive Vakuum zu f\u00fcllen, indem sie die Schwangerschaft und die M\u00f6glichkeit, schwanger zu werden, auf die politische B\u00fchne hebt. Aus der \u201eNebensache\u201c (S. 16) des Schwangerwerdenk\u00f6nnens macht sie in den einleitenden Passagen eine zentrale Frage des Politischen. Dabei liefert der Essay einen Parforceritt durch die mit der Frage nach dem <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/03\/die-scheinbar-natuerlichste-sache-der-welt\/\">Schwangerwerdenk\u00f6nnen<\/a> verbundenen Themenfelder des Politischen: Das Verh\u00e4ltnis von Geschlecht und Weiblichkeit zu Schwangerschaft und Schwangerwerdenk\u00f6nnen, die historische Ver\u00e4nderung der symbolischen Darstellung des Schwangerwerdenk\u00f6nnens sowie auch dessen k\u00f6rperliche und soziale Voraussetzungen werden ebenso thematisiert wie die M\u00f6glichkeiten der Erweiterung des Zugangs zur Schwangerschaft durch die Reproduktionsmedizin und die Utopie der Reproduktion au\u00dferhalb des menschlichen K\u00f6rpers. Auch das \u2028Problem der Transfeindlichkeit in der Debatte um Schwangerschaft wird angesprochen, ebenso wie die Schwierigkeit, hier eine gute Position zu finden, die anerkennt, dass auch trans M\u00e4nner vor den sozialen Herausforderungen des Schwangerwerdenk\u00f6nnens stehen, aber gleichzeitig herausstellt, dass die gesellschaft\u2028lichen Zust\u00e4nde, in denen sich Schwangere befinden, auch deshalb so sind wie sie sind, weil die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit dieser Personen eben Frauen sind.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Unterschiedliche Beziehungsgeflechte<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es werden den Lesenden also zun\u00e4chst recht viele B\u00e4ume und ziemlich wenig Wald pr\u00e4sentiert, was sich aber im Laufe des Textes etwas lichtet. In neun Kapiteln werden zentrale Felder und Thematiken des Schwangerwerdenk\u00f6nnens in den Blick genommen und deren politische Implikationen aufgezeigt. Dabei werden viele interessante Aspekte genannt, wie z. B. das paradoxe Verh\u00e4ltnis der schwangeren Person zum ungeborenen Kind, das nicht als ein Verh\u00e4ltnis zweier unabh\u00e4ngiger Individuen, aber auch nicht als ein Individuum mit einem irgendwie gearteten Geschwulst im Bauch gedacht werden kann. Aus der Perspektive einer m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Subjektphilosophie ist das eine unm\u00f6gliche Denkfigur. Es geht aber auch ganz konkret um Handlungsmacht, die bei Schwangeren sicherlich weniger ausgepr\u00e4gt ist als bei der nicht-schwangeren Person, die aber an der Zeugung des Kindes beteiligt war. Es geht um die Konstruktion von Geschlechtern, von zwischenmenschlichen Beziehungen und um den Zugriff des Staats auf den schwangeren K\u00f6rper z.\u2005B. im Abtreibungsrecht. Im Zentrum dieser weitreichenden Ausf\u00fchrungen steht dabei immer der Unterschied von reproduktionsf\u00e4higem und nicht-reproduktionsf\u00e4higem K\u00f6rper. Der Essay zeigt, wie fundamental diese Unterscheidung f\u00fcr unser Zusammenleben ist und wie erstaunlich es ist, dass wir ihr so wenig Aufmerksamkeit zukommen lassen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Neues feministisches Kernthema<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Text gelegentlich die f\u00fcr Lesende etwas anstrengende Tendenz entwickelt, verschiedene historische Stationen, aktuelle Debatten und philosophische \u00dcberlegungen zu verkn\u00fcpfen, wird er dort richtig stark, wo die Autorin pointiert die Ergebnisse dieser Gedankeng\u00e4nge formuliert. \u201eDer biologische Unterschied ist real, aber was f\u00fcr Auswirkungen er hat, entscheidet sich auch daran, wie wir das Schwangerwerdenk\u00f6nnen sozial organisieren\u201c (S. 39). Was so klar klingt, ist, wie Antje Schrupp deutlich zeigt, absolut keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Sie weist darauf hin, dass in unserer Gesellschaft Ungleichheit grunds\u00e4tzlich konflikthaft als Verh\u00e4ltnis von Norm und Abweichung gestaltet ist und als bedrohlich empfunden wird. Dass man Ungleichheit aber auch als \u201eunverzichtbare Voraussetzung f\u00fcr Austausch, Fruchtbarkeit, Fortschritt\u201c (S. 29) auffassen kann, ist ein kluger Gedanke. Hier \u00fcberschreitet n\u00e4mlich der Essay seine engere Thematik und es wird deutlich, dass es beim Schwangerwerdenk\u00f6nnen um das Politische per se geht. Schwangerwerdenk\u00f6nnen als Politikum aufzufassen, legt quasi den Finger in die Wunde des Politischen, das Ungleichheit immer als Konflikt formuliert und nur \u201eunter Gleichen\u201c seine symbolische Ordnung findet (S. 29). Die M\u00f6glichkeit, schwanger zu werden, implantiert aber einen fundamentalen, k\u00f6rperlich verfassten Unterschied in die Organisation der Menschheit, den wir nicht wegdiskutieren k\u00f6nnen, aber mit dem wir umgehen m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen eine soziale Ordnung finden, die die Ungleichheit einberechnet, ohne sie als Devianz, als Abweichung und als Unterordnung zu begreifen. Und das ist die Forderung dieses Essays, der mehr darauf gerichtet ist, die Fragen zu stellen, die Probleme aufzuzeigen und die verschiedenen Themen und Felder zu er\u00f6rtern, an denen sich die Ungleichheit zeigt, als darauf, Antworten zu liefern. Die Autorin vermittelt aber \u00fcberzeugend die Einsicht, dass wir nicht als reiner Geist oder als reine Stimme die B\u00fchne des Politischen betreten, sondern als k\u00f6rperlich verfasste Existenzen und dass dieser k\u00f6rperlichen Verfasstheit eine Ungleichheit eigen ist, die zu gestalten ein neues Kernthema feministischer Politik werden sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Reproduktion gibt es scheinbar nur zwei wesentliche Momente: Die Zeugung und die Geburt. Die ganze Zeit dazwischen, die Schwangerschaft, sowie die M\u00f6glichkeitsbedingungen daf\u00fcr scheinen Privatsache zu sein. \u201eAus dem politischen Diskurs ist Schwangerwerdenk\u00f6nnen [\u2026] fast vollst\u00e4ndig ausgeschlossen\u201c, so Antje Schrupp in ihrem aktuellen Essay. (S.\u00a010.) Dabei ist die \u201ePolitikbed\u00fcrftigkeit des Schwangerwerdenk\u00f6nnens\u201c (S. 13) &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/die-politikbeduerftigkeit-des-schwangerwerdenkoennens\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Politikbed\u00fcrftigkeit des Schwangerwerdenk\u00f6nnens - graswurzelrevolution","description":"Bei der Reproduktion gibt es scheinbar nur zwei wesentliche Momente: Die Zeugung und die Geburt. Die ganze Zeit dazwischen, die Schwangerschaft, sowie die M\u00f6gli"},"footnotes":""},"categories":[1531,1047,1038,1058],"tags":[1556],"class_list":["post-25892","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-462-oktober-2021","category-biopolitik","category-kleine-unterschiede","category-libertaere-buchseiten","tag-schwangerwerdenkoennen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25892","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25892"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25892\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25892"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25892"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25892"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}