{"id":25895,"date":"2021-09-29T04:09:21","date_gmt":"2021-09-29T02:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/oekosozialistische-perspektiven-mit-leerstellen\/"},"modified":"2021-10-05T20:00:06","modified_gmt":"2021-10-05T18:00:06","slug":"oekosozialistische-perspektiven-mit-leerstellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/09\/oekosozialistische-perspektiven-mit-leerstellen\/","title":{"rendered":"\u00d6kosozialistische Perspektiven mit Leerstellen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00d6kosozialist und Theologe Bruno Kern legt in seinem Buch \u201eDas M\u00e4rchen vom gr\u00fcnen Wachstum\u201c schonungslos dar, warum alle Versuche, trotz Klimakatastrophe das gewohnte Wohlstandsmodell aufrechtzuerhalten, zum Scheitern verurteilt sind. Schon in seiner Einleitung unter dem Titel \u201eKollektive Vernunft wider die Logik des Selbstmords\u201c pl\u00e4diert er f\u00fcr eine sozialistische Planwirtschaft, denn: \u201eErst wenn die \u00f6konomische Basis nicht mehr den Sachzw\u00e4ngen der Kapitalkonkurrenz und der Profiterwirtschaftung um jeden Preis folgen muss, kann der Anspruch der Demokratie \u00fcberhaupt eingel\u00f6st werden\u201c (S. 11).<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Abschied von Raubbau und Scheinwohlstand<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam mit dem Publizisten Saral Sarkar, dem das Buch gewidmet ist, gr\u00fcndete der Autor 2004 die Initiative \u00d6kosozialismus, deren Auffassungen er hier darlegt. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass im Unterschied zu bisherigen Krisen die Menschheit nun an einem Punkt angekommen ist, wo sie sich selbst ausl\u00f6schen k\u00f6nnte. Daher sei die dringlichste soziale Frage weltweit heute die \u00f6kologische Frage, denn die \u201eimperiale Lebensweise\u201c (Ulrich Brand) vernichte die nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen und schlie\u00dfe immer mehr Menschen von den \u00f6konomischen und sozialen Lebensvoraussetzungen aus (S. 23).<br \/>\nDen Vorstellungen einer Entkoppelung des Rohstoff- und Energieverbrauchs vom Wachstum, wie sie in Konzepten eines \u201eGreen New Deal\u201c und mit technologischen L\u00f6sungen wie beispielsweise Elektromobilit\u00e4t oder Geo-Engineering propagiert werden, erteilt Bruno Kern eine kenntnisreiche Absage. Es gehe stattdessen darum, sich \u201evom parasit\u00e4ren Charakter unseres Scheinwohlstands\u201c zu verabschieden (S. 89). \u00d6kosteuern und Zertifikatehandel seien keine geeigneten Mittel zur Beschr\u00e4nkung des Raubbaus.<br \/>\nAuch alternative Ans\u00e4tze wie \u00d6ko-Keynesianismus, Bedingungsloses Grundeinkommen und Gemeinwohl\u00f6konomie sind f\u00fcr ihn keine L\u00f6sung. Solidarische \u00d6konomie \u2013 die er allerdings auf die Ideen von Elmar Altvater beschr\u00e4nkt \u2013 kritisiert er f\u00fcr ihre Illusionen \u00fcber die Nutzung regenerativer Energien, gesteht den lokalen Initiativen jedoch eine \u201eexemplarische Funktion\u201c zu (S. 146). Am n\u00e4chsten steht er wohl der Postwachstums\u00f6konomie nach Niko Paech, jedoch kritisiert er sie auch scharf, unter anderem wegen ihrer Verschleierung kapitalistischen Profitstrebens und der Orientierung auf individuelles Konsumverhalten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Industrieller R\u00fcckbau und soziale Gerechtigkeit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus \u00f6kosozialistischer Perspektive umrei\u00dft Bruno Kern eine grundlegend industrialismuskritische Position. Es f\u00fchre kein Weg daran vorbei, dass die Versorgung auf einem deutlich niedrigeren Level durch eine weitgehend dezentral und demokratisch organisierte Planung und solidar\u00f6konomische Selbstorganisation sichergestellt werden m\u00fcsse.<br \/>\nDas Buch ist stark in der Dekonstruktion gr\u00fcner Wachstumsm\u00e4rchen, was ja auch sein Hauptanliegen ist. Nur grob umrissen ist die Richtung der Wege in eine \u00f6kosozialistische Zukunft. Der Autor betont, dass seine Initiative sich nicht an marxistischen Ideen orientiert. Ein notwendig sinkender Lebensstandard soll mit Gerechtigkeit durch die Absch\u00f6pfung privaten Reichtums und mit materieller Grundabsicherung einhergehen. Industrieller R\u00fcckbau bedeute vor allem, die fossilen Industriezweige herunterzufahren und die R\u00fcstungsproduktion zu beenden. Eine kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft m\u00fcsse an die Stelle der Agrarindustrie treten, und Baut\u00e4tigkeiten m\u00fcssten eingeschr\u00e4nkt werden. Diese und viele weitere Vorschl\u00e4ge sind richtig, notwendig und nicht neu. Nur \u2013 wer soll sie durchsetzen?<br \/>\nDer Autor sieht einerseits die Gewerkschaften als wichtigen Faktor einer Transformation. Jedoch w\u00fcrden diese die \u201eimperiale Lebensweise\u201c verteidigen. So st\u00fcnde ein Gro\u00dfteil der organisierten Arbeitnehmerschaft \u201efaktisch auf der anderen Seite\u201c (S. 20). Auch wenn mit dem industriellen R\u00fcckbau manche Produktionsprozesse arbeitsintensiver w\u00fcrden und der Care-Bereich ausgebaut werde, rechnet der Autor mit Arbeitszeitverk\u00fcrzungen. Diese sollten jedoch nicht mit vollem, sondern gestaffeltem Lohnausgleich einhergehen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiges Diskussionsangebot<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es f\u00e4llt auf, dass sich Bruno Kern fast ausschlie\u00dflich auf Autoren (m\u00e4nnlich) bezieht, als h\u00e4tten Frauen zu dem Thema nichts beizutragen. Den Begriff \u201eAnarchie\u201c verwendet er als Negativbezeichnung, wenn er von der \u201eAnarchie einzelner Profitinteressen\u201c (S. 11) schreibt und warnt: \u201eDie Welt k\u00f6nne in Anarchie versinken\u201c (S. 41). Dabei wei\u00df er auch um \u201eanarchistische Selbstorganisation\u201c als \u201eermutigende historische Beispiele\u201c (S. 132). F\u00fcr die Umsetzung radikaler \u00f6kosozialistischer Ans\u00e4tze im Prozess der Transformation hin zum menschlichen Ma\u00df, das der Autor mehrfach als Ma\u00dfstab benennt, w\u00e4ren sowohl \u00f6kofeministische und Care-Perspektiven als auch aktuelle libert\u00e4re Ideen und Praxen wichtig, in denen auch freudvolle Vorstellungen eines ganz anderen Lebens und Arbeitens aufscheinen. Denn eine breite gesellschaftliche Zustimmung zum radikalen Herunterfahren von industrieller Produktion, Rohstoff- und Energieverbrauch wird sich nicht allein durch rationale Einsicht bewirken lassen, sondern braucht ebenso lebbare Beispiele und konkrete Angebote f\u00fcr eine bessere Lebensweise.<br \/>\nDer Autor thematisiert das \u201eherrschende Tabu\u201c des weltweiten Bev\u00f6lkerungswachstums, grenzt sich jedoch von menschenverachtenden Selektionsideen ab. Aufgrund ihres Verbrauchs seien \u201egerade die reichen Industrienationen \u201a\u00fcberbev\u00f6lkert\u2018\u201c. Was er meint, wenn er vorschl\u00e4gt, das Bev\u00f6lkerungswachstum \u201eauf nichtrepressive Weise\u201c einzud\u00e4mmen (S. 38), bleibt offen. Dass er am Schluss eine politische Konsumverweigerungskampagne vorschl\u00e4gt, die sich zun\u00e4chst auf Flugverkehr und Fleischkonsum fokussieren sollte, wirkt etwas bem\u00fcht und wird der Radikalit\u00e4t des zuvor Geschriebenen nicht gerecht.<br \/>\nEs bleibt viel zu diskutieren und vor allem umzusetzen. Zu den notwendigen inhaltlichen und strategischen Auseinandersetzungen hat Bruno Kern einen Kontroversen provozierenden, insgesamt jedoch sehr bedenkenswerten Beitrag geleistet. Das Buch sei allen empfohlen, die es ernst meinen mit Degrowth und die mehr darunter verstehen als einen gef\u00e4lligen Slogan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00d6kosozialist und Theologe Bruno Kern legt in seinem Buch \u201eDas M\u00e4rchen vom gr\u00fcnen Wachstum\u201c schonungslos dar, warum alle Versuche, trotz Klimakatastrophe das gewohnte Wohlstandsmodell aufrechtzuerhalten, zum Scheitern verurteilt sind. 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