{"id":2602,"date":"1999-04-01T00:00:30","date_gmt":"1999-03-31T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2602"},"modified":"2022-07-26T14:26:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:28","slug":"gewalt-und-kriegsdienstverweigerung-in-algerien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/gewalt-und-kriegsdienstverweigerung-in-algerien\/","title":{"rendered":"Gewalt und Kriegsdienstverweigerung in Algerien"},"content":{"rendered":"<p>Die letztere ist nun auch Ausgangspunkt f\u00fcr den R\u00fccktritt des fr\u00fcheren Milit\u00e4rs und langj\u00e4hrigen Pr\u00e4sidenten Z\u00e9roual. Z\u00e9roual, obwohl \u00fcber Jahre hinweg repressiv und der Wahlf\u00e4lschung verd\u00e4chtig, bat sich pl\u00f6tzlich &#8222;saubere&#8220; Wahlen aus. Damit geriet er in Konfrontation mit Armeegener\u00e4len, die sich einerseits uneins sind, ob sie eine Marionettenkandidaten der Armee unterst\u00fctzen sollen oder gar begrenzte Opposition in Form der berberfreundlichen FFS unter H.A. Ahmed an die politische Macht kommen lassen wollen, um bei den derzeit unter der deutschen EU-Pr\u00e4sidentschaft wiederaufgenommenen Assoziierungsverhandlungen mit der EU als demokratischer Staat dazustehen und bessere Karten zu haben. Denn trotz vor\u00fcbergehender Entwarnung ist die wirtschaftliche Lage dramatisch: 30 Prozent Arbeitslosigkeit, verarmte Bev\u00f6lkerung und erneut drohende Zahlungsunf\u00e4higkeit, weil Erd\u00f6l und Erdgas immer noch 95 Prozent der Exporte ausmachen, doch anstatt der f\u00fcr 1999 und 2000 kalkulierten 15 Dollar pro Barrel \u00d6l momentan nur 11 oder 12 Dollar pro Barrel auf dem Weltmarkt bezahlt werden.<\/p>\n<p>Der Putsch von 1992 hat eine politische Liberalisierungsphase abgebrochen, die 1988 mit einem Jugendaufstand begonnen hatte. Die seither immer wieder vorkommenden Hinrichtungen und Massaker unter der Zivilbev\u00f6lkerung werden von der algerischen Regierung und den Milit\u00e4rs seither ausschlie\u00dflich den islamistischen Gruppen GIA (bewaffnete islamistische Gruppe) und AIS (bewaffneter Arm der ehemals gew\u00e4hlten Partei FIS) zugeschrieben. Das deutsche Au\u00dfenministerium \u00fcbernahm diese Sicht der Dinge und auch unter rot-gr\u00fcn hat sich in der BRD bis heute keine andere offizielle Sichtweise eingestellt. Ergebnis ist eine Anerkennungsquote f\u00fcr algerische Fl\u00fcchtlinge und Kriegsdienstverweigerer, die bei ca. 1 Prozent liegt.<\/p>\n<p>Dabei ist durch verschiedene unabh\u00e4ngige BeobachterInnen, Fl\u00fcchtlinge, Kriegsdienstverweigerer, Deserteure, die Menschenrechtsorganisationen &#8222;algeria-watch&#8220; und auch amnesty international mehrfach belegt, da\u00df algerische regierungsoffizielle Institutionen und Armeeeinheiten in die Massaker verwickelt sind. Deserteure aus der algerischen Polizei, Deserteure aus der Armee haben in dokumentierten Aussagen im Exil, am 2. September 1977 sogar in einer kollektiven &#8222;Erkl\u00e4rung von desertierten Polizeioffizieren&#8220;, immer wieder davon berichtet, da\u00df Polizei, Spezialtruppen, Geheimdienst, von der Regierung bewaffnete Milizen und Dorftruppen die T\u00e4ter von Massakern sind und da\u00df etwa die GIA sp\u00e4testens seit 1994 vom algerischen Geheimdienst infiltriert wird. Die politischen Einsch\u00e4tzungen von Oppositionellen, die sich weder den islamistischen Gruppen noch der Regierung bzw. dem Milit\u00e4r zurechnen, schwanken zwischen Aussagen, die Massaker gingen vollst\u00e4ndig auf das Konto der Milit\u00e4rs und dienten der dem Westen sehr gelegen kommenden Diffamierung von jeglichem Protest als islamistisch, und Aussagen, wonach sich die Milit\u00e4rs die islamistische Gewalt seit Jahren zunutze machen, um ihre v\u00f6llig unpopul\u00e4re Herrschaft \u00fcberhaupt weiter aufrechterhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der ehemalige Wehrpflichtige Reda sagte zum Beispiel aus, wie bei einer Kommandoeinheit der Armee vor einem Einsatz gegenseitig Drogen gespritzt wurden: Die wei\u00dfliche Fl\u00fcssigkeit &#8222;erzeugte in dir ein Gef\u00fchl, als w\u00e4rest du auf dem Mond, als w\u00fcrdest du tr\u00e4umen. Als wir M\u00e4nner t\u00f6teten, war es, als w\u00fcrden wir Katzen t\u00f6ten.&#8220; Ein anderer Deserteur, Omar, sagte aus, an einem Tag im Juni 1997 seien sie gegen 16 Uhr ausger\u00fcckt; 86 von 120 Einberufenen, darunter Omar, h\u00e4tten nachts einen H\u00fcgel in der N\u00e4he eines Dorfes bewachen m\u00fcssen, die anderen seien ins Dorf gegangen: &#8222;Gegen 5 Uhr morgens sind sie zur\u00fcckgekommen. Sie waren geschminkt, mit falschen B\u00e4rten und rochen nach Moschus, wie die Islamisten. Sie hatten ihre Milit\u00e4rhosen an, aber trugen gew\u00f6hnliche T-Shirts, sie \u00e4hnelten wirklich typsichen Islamisten. Manche hatten Blut an ihren Hosen und ihre Fallschirmj\u00e4ger-Messer waren auch blutbeschmiert. Sie nahmen ihre B\u00e4rte runter. (&#8230;) Ich erfahre dann, da\u00df ein Massaker in dem Dorf stattgefunden hat (&#8230;), es soll an die 30 Tote gegeben haben. Wir haben verstanden, aber wir haben nichts gesagt, wir hatten zu gro\u00dfe Angst.&#8220; Omar berichtet auch, wie er selbst, unter Drogen gesetzt, einen islamistischen Verd\u00e4chtigen erschossen habe. Viele Deserteure aus Polizei und Armee haben blutige H\u00e4nde, aber es ist immer noch besser, sie haben irgendwann nicht mehr mitgemacht und sind gefl\u00fcchtet, als wenn sie geblieben w\u00e4ren. Der Druck zu bleiben und mitzumachen ist hoch, bereits erste Zweifel, verbale Proteste gegen Folterungen, gar Kritik innerhalb der T\u00e4ter, wird mit Drohungen beantwortet, da\u00df sich hier ein Freund der Islamisten \u00e4u\u00dfern w\u00fcrde. In der BRD aber werden solche Deserteure wie alle anderen Kriegsdienstverweigerer bis heute nach Algerien abgeschoben, wo ihnen, ihren Verwandten und FreundInnen der Tod droht.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Lage in Algerien hat sich keineswegs beruhigt: zwar ist es nach j\u00fcngsten Presseberichten (Le Monde diplomatique, M\u00e4rz 99) der Armee in den letzten Monaten gelungen, Gro\u00dfst\u00e4dte wie Oran und Algier von Anschl\u00e4gen freizuhalten und im Herbst 1997 mit der AIS einen Waffenstillstand auszuhandeln, doch haben sich Anschl\u00e4ge und Massaker lediglich in den n\u00f6rdlichen l\u00e4ndlichen Gebieten konzentriert. W\u00e4hrend die f\u00fcr die EU wichtigen \u00d6lraffinerien im S\u00fcden Algeriens vom Milit\u00e4r rund um die Uhr bewacht werden, konnte man den DorfbewohnerInnen angeblich keine Sicherheit gew\u00e4hren und hat teils sie selbst dazu aufgefordert, Milizen zu bilden, teils kam der Wunsch nach Waffen von den DorfbewohnerInnen selber. Da\u00df solch scheinbar verst\u00e4ndliche W\u00fcnsche nach bewaffneter Verteidigung tr\u00fcgerisch sind, zeigte die weitere Entwicklung: Gerne hat die Armee die Dorfmilizen mit Waffen versorgt und so die 140.000 Personen starken Armeeeinheiten um 80.000 M\u00e4nner aus den Dorfmilizen bereichert. Diese Entwicklung hat den Ha\u00df der GIA geweckt, sie hat in den Hochburgregionen der AIS sogenannte &#8222;Strafexpeditionen&#8220; wegen deren Waffenstillstand durchgef\u00fchrt und gegen die Dorfmilizen die &#8222;Fatwa&#8220; (Mordaufruf wegen Abfall vom Islam) ausgesprochen. So sind gerade die neu bewaffneten Dorfmilizen Angriffsziele der GIA. Dabei soll die GIA angeblich immer mehr gespalten sein, in offiziellen Verlautbarungen ist nur noch von 2-3000 Aktivisten die Rede. Gleichzeitig beklagen sich DorfbewohnerInnen aber \u00fcber die auffallende Passivit\u00e4t der Polizei- und Armeeeinheiten bei \u00dcberf\u00e4llen solcher D\u00f6rfer durch die GIA, bei der vorher Milizen durch den Staat aufgestellt und bewaffnet worden waren. Der Krieg geht weiter &#8211; und noch die absurdeste Vermutung \u00fcber die wahren Zusammenh\u00e4nge kann der Realit\u00e4t ziemlich nahe kommen.<\/p>\n<p>Die antimilitaristische Gruppe &#8222;KDV im Krieg&#8220; und der Verein &#8222;Connection e.V.&#8220;, die seit 1993 illegale Deserteure aus Algerien in der BRD betreuen, veranstalten ab dem Tag der Kriegsdienstverweigerung, dem 15. Mai 99, eine dreiw\u00f6chige Rundreise mit Aktiven der algerischen Jugendorganisation RAJ (Rassemblement, Actions, Jeunesse &#8211; &#8222;Vereinigung, Aktionen, Jugend). Die jungen Frauen und M\u00e4nner von RAJ lehnen die Sicht, hier st\u00fcnden b\u00f6se islamistische Terrorgruppen einer den Terrorismus bek\u00e4mpfenden guten Regierung gegen\u00fcber, ab und erkl\u00e4ren den Krieg aus dem Kampf um die Macht in einer Diktatur. Sie wenden sich gegen die algerische Regierung wie auch gegen den kriegerischen Islamismus. Wer mit ihnen in den drei Wochen nach dem 15. Mai eine Veranstaltung planen will, wende sich an Connection e.V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letztere ist nun auch Ausgangspunkt f\u00fcr den R\u00fccktritt des fr\u00fcheren Milit\u00e4rs und langj\u00e4hrigen Pr\u00e4sidenten Z\u00e9roual. Z\u00e9roual, obwohl \u00fcber Jahre hinweg repressiv und der Wahlf\u00e4lschung verd\u00e4chtig, bat sich pl\u00f6tzlich &#8222;saubere&#8220; Wahlen aus. 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