{"id":2606,"date":"1999-04-01T00:00:19","date_gmt":"1999-03-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=2606"},"modified":"2022-07-26T14:26:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:28","slug":"das-projektil-sind-wir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/04\/das-projektil-sind-wir\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Projektil sind wir.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei nutzt ihre neu gewonnene diplomatische St\u00e4rke zum n\u00e4chsten Milit\u00e4rfeldzug ins kurdische Gebirge, um auch die letzten Reste von Widerstand auszumerzen. Auch die bundesdeutsche Politik und die \u00f6ffentliche Berichterstattung sind bezeichnend: anstatt \u00fcber die Mafiamethoden der Geheimdienste und internationales Kidnapping im Regierungsauftrag zu berichten oder auf die Kontinuit\u00e4t bundesdeutscher Waffenexporte in die T\u00fcrkei hinzuweisen, die vom gr\u00fcnen Au\u00dfenministerium ebenso wie unter Kinkel bestritten werden (taz, 3.3.99), wird \u00fcber angebliche &#8222;Kurdenkrawalle&#8220; hergezogen. Kurdische Menschen werden \u00fcber einen Leisten geschlagen, kollektiv der PKK zugeordnet und die Regierung sucht nur noch nach Methoden, sie trotz der Bedrohung durch Folter in die T\u00fcrkei abschieben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dagegen wehren sich KurdInnen mit Recht. Und scheinbar stellt sich angesichts des wahrnehmbaren Widerstands einer minorit\u00e4ren MigrantInnengruppe in der BRD lediglich die Frage, warum sie bis auf wenige Ausnahmen allein bleibt, warum hier keine bundesdeutsche Solidarit\u00e4tsbewegung engagiert an ihre Seite tritt. So berechtigt diese Frage ist und schlichtweg auf die Schw\u00e4che antirassistischer Initiativen in der BRD verweist, sollte sich jede\/r AktivistIn, die diese Solidarit\u00e4t aufbringen will und sie die letzten Jahre \u00fcber bei den Demos und Polizeirepressionen zu den Newroz-Festen auch schon aufgebracht hat, dabei doch einige Fragen zu den Bedingungen der Solidarit\u00e4t stellen. Ob unter diesen Bedingungen und dem Willen, sie innerhalb der Proteste durch kritische Diskussion einzufordern, sich dann beteiligt wird, oder ob diese Bedingungen momentan eine Beteiligung verunm\u00f6glichen, ist dann erst die n\u00e4chste Frage, um die es mir hier gar nicht geht.<\/p>\n<h3>Die Beliebigkeit der Angriffsobjekte des kurdischen Widerstands<\/h3>\n<p>Aber ist die Rede von &#8222;Bedingungen&#8220; aus einer privilegierten europ\u00e4ischen Situation heraus nicht selbst schon rassistisch, eine Zumutung an K\u00e4mpferInnen innerhalb einer brutalen Situation in der &#8222;Dritten Welt&#8220; und ihrer metropolitanen Exilszenerie? So nahe dieser Gedanke manchmal liegt, so falsch ist er doch. Wirklicher Universalismus fordert eine gleichberechtigte Diskussion ein, Kritik und Gegenkritik. W\u00e4hrend der herrschende Rassismus alle KurdInnen pauschal verdammt und negativ beurteilt, ist das Aufgeben jeder eigenen Position aus bedingungsloser Solidarit\u00e4t dazu nur seine Kehrseite, ein negativer Rassismus, der alles in den Himmel lobt und unhinterfragt akzeptiert, wenn es nur von KurdInnen gesagt und getan wird. Wir kennen die Zusammengeh\u00f6rigkeit der scheinbaren Gegens\u00e4tze von Antisemitismus und Philosemitismus aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte im Verh\u00e4ltnis zu Israel vor und nach 1967 &#8211; im Verh\u00e4ltnis zu jedem Befreiungsnationalismus ist das prinzipiell nicht anders. Die Qualit\u00e4t nichtrassistischer Diskussion macht gerade aus, der eigenen Position nicht aus falsch verstandener bedingungsloser Solidarit\u00e4t abzuschw\u00f6ren, sondern sie in die Diskussion einzubringen. Wer in der Lage ist, etwas genauer hinzusehen, wei\u00df ja, da\u00df weder Parteistruktur noch Ideologie der PKK noch die Geschichte des Marxismusstudiums \u00d6calans im Vorfeld der Partei auch nur irgendetwas origin\u00e4r &#8222;Kurdisches&#8220; sind, sondern von Europa exportierte Ideologien und Konzepte. Es w\u00e4re absurd, dies heute aus &#8222;Solidarit\u00e4t mit Kurdistan&#8220; als Europ\u00e4erIn nicht kritisieren zu d\u00fcrfen. Im Gegenzug sind die von uns bef\u00fcrworteten Kampfformen der gewaltfreien Aktion und des zivilen Widerstands nicht ausschlie\u00dflich in der privilegierten Situation demokratischer Verh\u00e4ltnisse in Europa entstanden, sondern massenhaft auf die bisher umfassendste Weise im indischen Unabh\u00e4ngigkeitskampf gerade gegen die europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chte zur Anwendung gebracht worden. Vor diesem Hintergrund w\u00e4re die Bef\u00fcrwortung gewaltfreier Kampfformen keineswegs gleichzusetzen mit einer Bevormundung der kurdischen K\u00e4mpferInnen, die sich f\u00fcr gewaltsame Aktionen entschieden haben.<\/p>\n<p>Eine weitere Kritik betrifft die Ungenauigkeit der Angriffsobjekte des kurdischen Widerstands. F\u00fcr eine Solidarisierung mit bundesdeutschen AktivistInnen w\u00fcrden sich Ziele von Aktionen wie R\u00fcstungsfirmen, Milit\u00e4r- und Ausbildungsst\u00e4tten anbieten, die im Zentrum der deutsch- t\u00fcrkischen Milit\u00e4rzusammenarbeit stehen, zum Beispiel die Saarlandbrigade der Bundeswehr. Ich habe mich mehrfach gefragt, was denn der Sinn einer Besetzung und Zerst\u00f6rung des Materials in einer griechischen Botschaft oder einem griechischen Konsulat f\u00fcr einen kurdischen Widerstand sein k\u00f6nnte. Und mir ist au\u00dfer einem vermutlichen Akt der Verzweiflung und der \u00f6ffentlichen Kritik des Verrats durch den griechischen Staat zu einem Zeitpunkt, als es daf\u00fcr bereits zu sp\u00e4t war, keine vern\u00fcnftige Antwort eingefallen. Dagegen w\u00fcrde der Sinn der Blockade, Besetzung oder Sabotage an G\u00fctern einer Firma in der BRD, die gerade einen t\u00fcrkischen R\u00fcstungsauftrag bearbeitet oder in der Vergangenheit geliefert hat, unmittelbar einleuchten und w\u00e4re viel weniger durch die b\u00fcrgerliche Presse diffamierbar. Der Waffenhandel mit der T\u00fcrkei und die beteiligten Firmen und Institutionen &#8211; Eurocopter (Kampfhubschrauber), Howaldt- Deutsche Werft\/Thyssen (U-Boote), Bundesregierung (NVA-Restbest\u00e4nde: 350.000 Kalashnikows, 300 Panzer BRT, 30 Flugzeuge, 100.000 Panzerf\u00e4uste, 440 Mio. St\u00fcck Munition), Rheinmetall &amp; Heckler-Koch (Maschinengewehre), Krauss-Maffai (Leopard-Kampfpanzer), Eurometall (Artilleriegranaten), Dasa\/Daimler-Benz (Abwehrraketen), L\u00fcrssen-Werft Bremen (Schnellboote) usw. usf. &#8211; ist inzwischen vielfach dokumentiert, Informationen sind leicht zu beschaffen.<\/p>\n<p>Auch wenn der Aufruf zum Widerstand von der PKK kam, m\u00fcssen selbst die deutschen Staatsanw\u00e4ltInnen, die bestimmt liebend gern die Anklage der PKK von einer &#8222;kriminellen&#8220; zu einer &#8222;terroristischen Vereinigung&#8220; versch\u00e4rfen w\u00fcrden, zugeben, da\u00df es keine zentrale Steuerung der Proteste gab, sondern da\u00df es durchaus Freiheiten f\u00fcr die AktivistInnen zur Bestimmung dessen gab, welche Objekte angegriffen werden.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich mu\u00df ich auch die Auswahl eines israelischen Konsulats als Zielobjekt kritisieren, obwohl ich den dort herrschenden Schie\u00dfbefehl und den Mord an vier kurdischen Menschen einfach nur als brutal bezeichnen kann. Es zeugt aber von einem bornierten kurdischen Nationalismus der AktivistInnen, wenn sie sich \u00fcber die Brisanz einer Besetzung israelischer Einrichtungen in der bundesdeutschen innenpolitischen Situation nicht im klaren sind. Da\u00df j\u00fcdische und israelische Institutionen in der BRD angesichts der spezifischen Geschichte des Holocaust ebenso wie angesichts aktueller neonazistischer Bedrohungen besonders gesch\u00fctzt werden und dort die Waffe besonders locker sitzen kann, mu\u00df man\/frau einfach wissen, wenn sie Zielobjekt von Protestaktionen werden. Gerade hier ist besondere Sensibilit\u00e4t vonn\u00f6ten, auch angesichts der Tatsache, da\u00df AktivistInnen aus der BRD gegen\u00fcber israelischen Einrichtungen einen anderen Zugang vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte haben m\u00fcssen als KurdInnen. Eine Mindestbedingung an kurdisch-deutsche Zusammenarbeit im Protest w\u00e4re es, solche Zielobjekte &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur aufgrund absolut gesicherter Informationen auszuw\u00e4hlen und gerade hier auf die Gewaltfreiheit in der Aktion besonders zu achten. Doch die Beteiligung des israelischen Geheimdienstes an der Verschleppung \u00d6calans war zwar ein nicht unwahrscheinliches Ger\u00fccht, doch zum Zeitpunkt der Aktion keineswegs bewiesen und es ist immer fragw\u00fcrdig, Behauptungen im f\u00fcr alle sowieso undurchschaubaren Gestr\u00fcpp der Geheimdienste zur legitimatorischen Grundlage einer Aktion zu machen. Es darf die kurdischen Widerst\u00e4ndlerInnen einfach nicht wundern, da\u00df sich mit solchen Aktionen keine deutschen AktivistInnen solidarisieren k\u00f6nnen &#8211; sogar angesichts der brutalen Morde durch die israelischen Beamten.<\/p>\n<h3>Die Unm\u00f6glichkeit, Bilder von brennenden Menschen zu betrachten: Kritik der Verzweiflung \u00fcber den F\u00fchrerverlust als Ausweis autorit\u00e4rer H\u00f6rigkeit<\/h3>\n<p>Bestimmte Seiten aus den Presseberichten \u00fcber die \u00d6calan-Festnahme und die folgenden KurdInnen-Proteste habe ich nicht lesen k\u00f6nnen, den Spiegel-Artikel in Nr. 8\/99, S.22\/23, nicht (Foto einer kurdischen Selbstverbrennung in Nikosia) und auch nicht die taz-Themenseite vom 17.2. nicht (Foto einer kurdischen Selbstverbrennung in Athen). Ich kann solche Seiten nicht lesen, weil der Blick immer wieder auf diese mir ganz brutal erscheinenden Bilder gelenkt wird.<\/p>\n<p>Was dr\u00fccken diese Aktionen aus? Im Spiegel 8\/99 wird an anderer Stelle \u00fcber die Kurdin Fatma Saka aus Hechingen berichtet, die sich mit Zitronenparf\u00fcm \u00fcbergo\u00df, dann anz\u00fcndete und tagelang in der Unfallklinik T\u00fcbingen mit dem Tode rang. Es ist bezeichnend, da\u00df die b\u00fcrgerlichen Medien diese Aktionen gar nicht meinten, als sie die kurdischen Proteste als &#8222;gewaltsam&#8220; oder &#8222;terroristisch&#8220; diffamierten. So dr\u00fcckte auch der Hechinger B\u00fcrgermeister Weber zur Selbstverbrennungsaktion von Fatma eher Unverst\u00e4ndnis denn Diffamierung aus: &#8222;Ich kann das nicht verstehen.&#8220; Ich hingegen finde eine Botschaftsbesetzung nicht per se gewaltsam, wenngleich in vielen F\u00e4llen das Abstellen von Benzinkanistern, die Versuche zur Geiselnahme oder die Ausr\u00fcstung mit Kn\u00fcppeln usw. jeden gewaltfreien Charakter zunichte machten. Den deutlichsten Hinweis auf die gewaltsame Strategie der Protestaktionen geben mir diese Selbstverbrennungsaktionen.<\/p>\n<p>Sie sind zun\u00e4chst eine Verzweiflungstat. Sie sind nicht unmittelbar Ausflu\u00df einer Anordnung der PKK von oben, sondern Teil einer freiwilligen Knechtschaft des kurdisch-nationalistischen Bewu\u00dftseins. Es ist eine geistige Abh\u00e4ngigkeit von der F\u00fchrungsperson \u00d6calan, der symbolisch f\u00fcr die ganze Nation steht. Die Auswirkungen des Personenkults autorit\u00e4r strukturierter Parteien lassen sich nie rein rational fassen: Fatma Saka hat weder einen Auftrag bekommen, sich selbst zu verbrennen, noch ihre Eltern vorbereitet oder vorgewarnt. Sie wurde in ihrer Berufsschule als &#8222;stilles M\u00e4dchen&#8220; und von ihrem Vater &#8211; das ist gar nicht unwichtig &#8211; als &#8222;z\u00fcchtig und folgsam&#8220; beschrieben. Ihr ganzer Lebensalltag spielte sich innerhalb ihrer beengt (neun Personen in vier Zimmern) lebenden Familie ab, in welcher permanent Med-TV l\u00e4uft. Der Vater und ein Onkel waren Opfer t\u00fcrkischer Folter bzw. verwundet als PKK-K\u00e4mpfer. Der Personenkult wirkte nun im Bewu\u00dftsein von Fatma so, da\u00df nach der Festnahme des F\u00fchrers keine Perspektive auf Zukunft mehr bestand: also mu\u00dfte der erste Schritt zum Widerstand &#8211; noch dazu angesichts der unklaren Zielobjekte von Aktionen &#8211; eine Selbstzerst\u00f6rung sein. H\u00e4tte ihr jemand rational darzustellen vermocht, da\u00df ja ein anderer K\u00e4mpfer \u00d6calans Stelle einnehmen k\u00f6nnte oder w\u00e4re auch die Entscheidungsstruktur der PKK auf mehrere Schultern verteilt, h\u00e4tte dieser irrationale Eindruck vom absoluten Ende aller Hoffnung auf Unabh\u00e4ngigkeit nicht oder sehr viel schwieriger entstehen k\u00f6nnen. \u00d6calans Position in der Struktur der PKK verst\u00e4rkte also die Irrationalit\u00e4t, die zu einer Verzweiflungstat solchen Ausma\u00dfes n\u00f6tig ist. Es ist eine Form der freiwilligen Knechtschaft und Ergebnis nationalistischer Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit. Der, f\u00fcr den alles eigene Leben zu opfern w\u00e4re, ist nicht mehr da, er ist gefangen, entw\u00fcrdigt. Also hat auch das eigene Leben keinen Sinn mehr.<\/p>\n<h3>Kritik der Selbstzerst\u00f6rung als Teil des bewaffneten Kampfes<\/h3>\n<p>Die Verzweiflung ist aber nur die eine Seite der &#8222;Aktion&#8220; und spielt sich im subjektiven Bewu\u00dftsein der &#8222;Aktivistin&#8220; ab. Gleichzeitig ist die Tat eine nationalistische Widerstandsaktion, so auch im Bewu\u00dftsein der Verwandten. Der Vater wollte zwar nicht, da\u00df Fatma dies tue, jetzt aber ist er nicht etwa best\u00fcrzt ob ihrer Unfolgsamkeit &#8211; nachdem sie bisher so folgsam war -, sondern &#8222;solz&#8220; auf seine Tochter. Und der Onkel, der Ex-PKK-Guerillero &#8222;deutet an, auch er werde sich vielleicht eines Tages vielleicht noch verbrennen.&#8220; (nach Spiegel 8\/99, S.28)<\/p>\n<p>Da\u00df auch der Onkel mit all seiner Erfahrung im bewaffneten Kampf daran denkt, ist interessant. Bei ihm &#8211; wie wohl auch schon bei Fatma &#8211; geht die Aktion ganz sicher nicht im Verzweiflungsakt auf. Er w\u00fcrde sie eher als Fortsetzung des bewaffneten Kampfes verstehen.<\/p>\n<p>Und hier haben die Selbstverbrennungsaktionen ihren strategischen Ort und sind gleichzeitig sinnf\u00e4lligstes Beispiel f\u00fcr das ganze Verhaftetsein der PKK in der Tradition des bewaffneten Kampfes. Selbstverbrennungsaktionen werden verstanden als bewaffnete Aktion in Zeiten gr\u00f6\u00dfter milit\u00e4rischer Defensive. Ein anderer PKK-Aktivist in Hechingen sagte: &#8222;F\u00fcr die Freiheit tun wir alles. Wer eine Waffe hat, nimmt seine Waffe.&#8220; (Spiegel) Doch erstens ist die PKK in der T\u00fcrkei in der milit\u00e4rischen Defensive, zweitens haben die AktivistInnen hier in der BRD aufgrund des gesetzlichen Verbots nicht immer eine Waffe. Wer also keine Waffe hat, kann immer noch &#8211; in Zeiten der totalen Defensive &#8211; seinen\/ihren eigenen K\u00f6rper zur Waffe machen.<\/p>\n<p>Um den Stellenwert der k\u00f6rperlichen Selbstzerst\u00f6rung in Zeiten absoluter milit\u00e4rischer Defensive zu verdeutlichen, m\u00f6chte ich eine Parallele zur Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF) aufzeigen. Als 1977 die Flugzeugentf\u00fchrung gescheitert und die Geiseln frei waren, befand sich auch die RAF unmittelbar in einer Situation der milit\u00e4rischen Defensive. Da\u00df die Gefangenen in Stammheim (Baader, Ensslin u.a.) \u00fcber die zur Selbstt\u00f6tung n\u00f6tigen Waffen verf\u00fcgten, ist heute zweifelsfrei erwiesen, da\u00df sie sie nicht zum Ausbruchsversuch nutzten ebenso. Wenn von der Wahrscheinlichkeit der Mordthese an den damals get\u00f6teten RAF-Gefangenen, die heute nur noch Irmgard Moeller behauptet, abger\u00fcckt wird, wie Karl-Heinz Dellwo das in einer Aufarbeitung in der taz vom 27.6.98 gemacht hat, dann r\u00fcckt die Selbstzerst\u00f6rung als Teil des bewaffneten Kampfes in den Mittelpunkt der Betrachtung:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir hatten eine bestimmte Art von Kampfmoral und haben es als emanzipatorisches Ziel gesehen, \u00fcber uns selbst vollst\u00e4ndig zu verf\u00fcgen. Von Andreas Baader stammt der Satz, der zusammenfa\u00dfte, was wir gedacht haben: &#8218;Das Projektil sind wir&#8216;. Das war unsere Mentalit\u00e4t. Du machst dich selber zum Projektil gegen die Macht, die du zerst\u00f6ren willst. Im Mordgeschrei wird so getan, als h\u00e4tten wir nie so gedacht.&#8220; (taz-mag, 27.6.98)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Projektile sind damals losgegangen, haben den Mordmythos geschaffen und damit die Zeit des bewaffneten Kampfes der RAF um ca. 15 Jahre verl\u00e4ngert. Nur ist diese Kampfmoral weder emanzipatorisch noch RAF-spezifisch, sondern Bestandteil jeder milit\u00e4rischen Strategie in extremer Defensive. Die milit\u00e4rische Defensive, die unmittelbare Erfahrung einer voraufgehenden milit\u00e4rischen Niederlage, w\u00e4re in Wirklichkeit jedoch gerade eine Chance, sich vielleicht anderen Kampfformen zuzuwenden, etwa einer neuen B\u00fcndniskonstellation &#8211; im Falle der PKK mit Teilen der t\u00fcrkischen Linken oder auch der deutschen Linken in der BRD zum Beispiel &#8211; oder gar der gewaltfreien Aktion bzw. dem zivilen Ungehorsam, der fr\u00fcher bei den Newroz-Festen massenhaft und nicht ohne Erfolg bereits praktiziert worden ist. Die Selbstzerst\u00f6rung als milit\u00e4rische Strategie in der totalen Defensive verhindert aber gerade solche Aufbr\u00fcche in einer offensichtlichen Situation des Scheiterns der Gegengewalt und h\u00e4lt alle Bewu\u00dftseinskapazit\u00e4ten in den Kategorien und Denkformen des bewaffneten Kampfes fest. Deshalb stehen heute mit der PKK und dem t\u00fcrkischen Milit\u00e4r immer noch zwei bewaffnete Formationen einander gegen\u00fcber, von denen die eine lediglich in der absoluten milit\u00e4rischen Defensive steckt. Wenn die bewaffnete Strategie aber nicht wirklich hinterfragt wird, was diese Selbstverbrennungsaktionen wie sonst kaum eine andere Aktion bezeugen, wird eine Solidarisierung gewaltfreier und anderer Bewegungen aus der BRD schwierig bis unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die hier analysierte Kritik der Selbstzerst\u00f6rung schlie\u00dft \u00fcbrigens auch jene &#8222;Aktionen&#8220; ein, die bewu\u00dft nicht im Kontext einer bewaffneten Strategie stattgefunden haben, etwa die Selbstverbrennungen der buddhistischen M\u00f6nche in Vietnam oder der Oppositionellen in Prag und der BRD (Hartmut Gr\u00fcndler). Auch ihre Aktionen kann ich beim besten Willen nicht als gewaltfrei bezeichnen, was ausf\u00fchrlicher zu begr\u00fcnden w\u00e4re, hier aber aus Platzmangel unterbleiben mu\u00df.<\/p>\n<p>Klaus Theweleit hat \u00fcbrigens k\u00fcrzlich in seinem neuen Buch &#8222;Ghosts&#8220; die Dellwo-Aufarbeitung einer interessanten Gewaltkritik unterzogen: &#8222;Ein Heldentod also, selbstgegeben.&#8220; (Ghosts, Frankfurt\/M. 1998, S. 94) Der Zweck der milit\u00e4rischen \u00dcbung ist die Schaffung von M\u00e4rtyrern. Das Opfer, so auch Vater Saka, das seine Fatma in Hechingen gegeben habe, m\u00fcsse er respektieren, es sei ein Opfer, das wichtiger als ein Mensch sei &#8211; und sei es nun eben seine Tochter! Daher ist der Patriarch auch stolz auf seine Tochter, die M\u00e4rtyrerin hat sich f\u00fcr die neue Nation geopfert. F\u00fcr solch hehre Ziele kann das Leben der eigenen Tochter schon mal hingegeben werden &#8211; mit Emanzipation hat dieser patriarchal- nationalistische Besitzanspruch am Leben einer Frau aber auch gar nichts zu tun.<\/p>\n<p>Theweleit weiter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Der Satz mit dem Projektil war mir schon (einmal, d.A.) aufgefallen. Am Rand des Buchs habe ich seinen Autor vermerkt, nicht Andreas Baader, sondern Ernst J\u00fcnger. Dies ist einer der S\u00e4tze, in denen Ernst J\u00fcnger die &#8218;Mentalit\u00e4t&#8216; des deutschen Sturmtruppsoldaten von WK I festzuhalten suchte. Von Dellwo im Juni 98 als &#8218;Beweis&#8216; gegen die These vom &#8218;Mord an den Stammheimern&#8216; vorgebracht.&#8220; (ebenda, S. 94)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Sturmangriff in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben des 1. Weltkriegs war eine Form der milit\u00e4rischen Defensive, reine Verzweiflungstat angesichts des im Stellungskrieg festgefahrenen Krieges. Zugleich war er aber auch Selbstt\u00f6tung, sprichw\u00f6rtliche Selbstmordaktion der beteiligten Soldaten, weshalb am Kriegsende ca. 80.000 franz\u00f6sische Soldaten aus den Gr\u00e4ben desertierten.<\/p>\n<p>Auch im Falle der Kampfstrategien der PKK wie auch der autorit\u00e4rsh\u00f6rigen KurdInnen mu\u00df die kollektive Desertion erst noch stattfinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die T\u00fcrkei nutzt ihre neu gewonnene diplomatische St\u00e4rke zum n\u00e4chsten Milit\u00e4rfeldzug ins kurdische Gebirge, um auch die letzten Reste von Widerstand auszumerzen. 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