{"id":26084,"date":"2021-10-26T18:06:27","date_gmt":"2021-10-26T16:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/der-notwendige-abschied-von-kalter-rationalitaet\/"},"modified":"2021-10-26T18:06:27","modified_gmt":"2021-10-26T16:06:27","slug":"der-notwendige-abschied-von-kalter-rationalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/der-notwendige-abschied-von-kalter-rationalitaet\/","title":{"rendered":"Der notwendige Abschied von kalter Rationalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem neuen Buch \u201eDer Stoff, aus dem wir sind\u201c stellt der Philosoph, Publizist und K\u00fcnstler Fabian Scheidler nahezu alles, was als herrschende Meinung \u00fcber Natur und Gesellschaft gelten kann, in Frage. Die Ideologie einer mechanistischen Welt sei \u201ezentral f\u00fcr eine technokratische Gesellschaft, in der Mensch und Natur zu verf\u00fcgbaren Teilen einer gigantischen Wirtschaftslogik degradiert werden\u201c (S. 42).<br \/>\nZun\u00e4chst beschreibt er ausf\u00fchrlich, wie die Naturwissenschaften von ihrem Beginn bis heute daran gescheitert sind, die Natur und das Leben verstehen und erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Dann zeigt er, welche fatalen Folgen das hat. \u201eWarum wir Natur und Gesellschaft neu denken m\u00fcssen\u201c ist ein dringender Appell zum Umsteuern, und so formuliert der Autor auch \u00dcberlegungen und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ein neues Menschenbild und Naturverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Die Beschr\u00e4nktheit<br \/>\nder Naturwissenschaften<\/p>\n<p>Am Beispiel der Physik und der Biologie beschreibt Fabian Scheidler anschaulich, wie jede vermeintliche wissenschaftliche Erkenntnis sogleich neue Felder des Nichtwissens er\u00f6ffnet, und dass bis heute die gro\u00dfen Fragen des Lebens unbeantwortet geblieben sind. Weder ist es der Wissenschaft gelungen, das Verh\u00e4ltnis von Materie und Energie zu erkl\u00e4ren, noch die Entstehung des Lebens schl\u00fcssig zu beschreiben. Wie lebende Organismen funktionieren, ist nach wie vor ein gro\u00dfes R\u00e4tsel.<br \/>\nEr beschreibt und kritisiert ganz grundlegend ein mechanistisches Weltbild, das einer Vorstellung von der Zerlegbarkeit der Welt in kleine und kleinste Teilchen folgt und komplexe Zusammenh\u00e4nge auf einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen reduziert. Weil sich damit die Welt nicht erkl\u00e4ren lie\u00dfe, w\u00fcrde die Wissenschaft auf Hypothesen von \u201edunkler Energie\u201c oder \u201edunkler Materie\u201c ausweichen und falsche Bilder von lebenden Zellen als Ansammlung von Teilchen entwerfen.<br \/>\nLebewesen seien aus dieser Sicht nicht mehr eingebunden in die Natur, sondern k\u00f6nnten isoliert betrachtet, zerlegt und vermessen werden, um sie zu verstehen. Dies sei jedoch eine Illusion, denn wer lebt, ist keine berechenbare Maschine, sondern ein lebendes, f\u00fchlendes Wesen, das eine eigene Wahrnehmung von sich selbst hat. Unter Berufung auf die Wissenschaft w\u00fcrde diese Subjektivit\u00e4t abgewertet und dem vermeintlich h\u00f6herwertigen, objektiv Messbaren untergeordnet. Jedoch habe die Quantenphysik gezeigt, dass die Welt \u201enicht aus isolierbaren materiellen \u201aBausteinen\u2018\u201c bestehe, \u201esondern aus einem Netz von energetischen Beziehungen, die im Prinzip das ganze Universum miteinander verbinden\u201c. Leben sei \u201edurch Bedeutung organisiert, nicht durch mechanische St\u00f6\u00dfe\u201c (S. 141). Der Autor hat gro\u00dfen Respekt vor der Wissenschaft, pl\u00e4diert jedoch daf\u00fcr, dass sie ehrlich zu den Grenzen ihrer Erkenntnisse stehen solle.<\/p>\n<p>Wie die technokratische Weltsicht Mensch und Natur zerst\u00f6rt<\/p>\n<p>Fabian Scheidler zeigt auf, wie sich diese Wissenschaft in engem Zusammenhang mit dem Aufschwung des Kapitalismus und der Militarisierung entwickelt hat. M\u00f6glicherweise w\u00e4ren die modernen Naturwissenschaften \u201eohne die kapitalistische Kriegs\u00f6konomie in dieser Form gar nicht entstanden\u201c (S. 143). Die mechanistische Weltsicht, die vor allem von privilegierten M\u00e4nnern vertreten werde, f\u00fchre nicht nur zur Zerst\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen, sondern ebenso von Menschen, beispielsweise durch Sklaverei und Unterdr\u00fcckung von Frauen. Diese Einsicht ist nicht neu, und insofern ist es bedauerlich, dass der Autor sich kaum auf entsprechende Ver\u00f6ffentlichungen feministischer Autorinnen bezieht.<br \/>\nFabian Scheidler denkt in gro\u00dfen Zusammenh\u00e4ngen, und so erw\u00e4hnt er die aktuelle Corona-Pandemie nur nebenbei. Viele seiner Ausf\u00fchrungen lassen sich jedoch unschwer auch auf die aktuelle Situation beziehen. So fragt er, warum in gro\u00dfen Teilen von Biologie und Medizin noch immer so getan w\u00fcrde, \u201eals k\u00f6nne man Leben, Gesundheit und Krankheit verstehen, ohne die Innensichten von Lebewesen zu ber\u00fccksichtigen?\u201c (S. 141).<br \/>\nAm Beispiel der Arthrose beschreibt er die Begrenztheit der mechanistischen Auffassung, es handele sich dabei um einen Verschlei\u00df. Das komplexe Ineinandergreifen von Lebensweise, k\u00f6rperlicher und emotionaler Beweglichkeit w\u00fcrde dabei ignoriert. Als \u201eEpidemie der Einsamkeit\u201c (S. 211) bezeichnet er die Isolierung von immer mehr Menschen: \u201eDie Ideologie der Trennung l\u00e4sst uns nur die Wahl, uns entweder mit aller Kraft nach oben zu k\u00e4mpfen oder unten zu bleiben \u2013 und damit die Last der anderen, die auf uns herumtrampeln, tragen zu m\u00fcssen\u201c (S. 213). Vor allem junge Menschen w\u00fcrden sich im Cyberspace verlieren, \u201ekollektives Handeln und Selbstorganisation im gr\u00f6\u00dferen Stil\u201c seien \u201ef\u00fcr viele \u00fcberhaupt nicht mehr vorstellbar\u201c (S. 213).<\/p>\n<p>Wege aus der Krise durch Verbundenheit und Subjektivit\u00e4t<\/p>\n<p>Aus dem Empfinden des Getrenntseins entstehende Sehns\u00fcchte nach Gemeinschaft und Zugeh\u00f6rigkeit k\u00f6nnen destruktiv zu religi\u00f6sem Fanatismus, Nationalismus und Faschismus f\u00fchren. Umso wichtiger sei es, die Gro\u00dfe Trennung zu \u00fcberwinden, denn \u201edie Wiederentdeckung echter Verbundenheit ist auch in dieser Hinsicht eine \u00dcberlebensfrage f\u00fcr die Menschheit\u201c (S.\u00a0159). Akteure der Trennung seien gro\u00dfe Kapitalgesellschaften, deren einziger Zweck es ist, Kapital zu vermehren. Darum greife es zu kurz, an der Ver\u00e4nderung des individuellen Konsums anzusetzen, wie es beispielsweise Niko Paech vorschl\u00e4gt, sondern es m\u00fcsse die Produktion ver\u00e4ndert und demokratisiert werden. Die Gemeinwohl\u00f6konomie sei hingegen ein Schritt in die richtige Richtung.<br \/>\nSeine Ausf\u00fchrungen unterlegt Fabian Scheidler mit umfangreichen, auch wissenschaftlichen Quellen, so dass sie sich \u2013 was vielleicht manche Kritiker*innen des Begriffs \u201eGanzheitlichkeit\u201c gerne t\u00e4ten \u2013 nicht als esoterisch abtun lassen. Seiner Kritik, dass \u00d6konomie und Politik heute k\u00fcnstlich getrennt seien und dass es auch dort wieder Verbundenheit brauche (S. 228), kann ich jedoch nur begrenzt folgen. Zu Recht pl\u00e4diert er f\u00fcr Wirtschaftsdemokratie als Aufhebung der Trennung von Produktion und Arbeit. Aber ist nicht der von ihm deutlich kritisierte Lobbyismus eher Ausdruck einer unguten N\u00e4he und Verbundenheit von Politik und \u00d6konomie? An diesem Punkt empfinde ich das Gegensatzpaar Trennung\/Verbundenheit als vereinfachend, ja fast etwas mechanistisch, denn mitunter ist doch Trennung notwendig, beispielsweise in der Gewaltenteilung. Aber das w\u00e4re eine eigene Diskussion.<br \/>\nDas Buch, das ich w\u00e4rmstens empfehle, fordert dazu heraus, Konsequenzen aus all dem in die eigene Praxis mitzunehmen: \u201eDie Leiden an der Entfremdung ernst zu nehmen und den verdr\u00e4ngten Innenwelten eine Stimme zu geben, ist eine eminent politische Handlung, ohne die ein Tiefenumbau der Gesellschaft nicht gelingen kann\u201c (S.\u00a0240).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seinem neuen Buch \u201eDer Stoff, aus dem wir sind\u201c stellt der Philosoph, Publizist und K\u00fcnstler Fabian Scheidler nahezu alles, was als herrschende Meinung \u00fcber Natur und Gesellschaft gelten kann, in Frage. Die Ideologie einer mechanistischen Welt sei \u201ezentral f\u00fcr eine technokratische Gesellschaft, in der Mensch und Natur zu verf\u00fcgbaren Teilen einer gigantischen Wirtschaftslogik degradiert &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/der-notwendige-abschied-von-kalter-rationalitaet\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der notwendige Abschied von kalter Rationalit\u00e4t - graswurzelrevolution","description":"Mit seinem neuen Buch \u201eDer Stoff, aus dem wir sind\u201c stellt der Philosoph, Publizist und K\u00fcnstler Fabian Scheidler nahezu alles, was als herrschende Meinung \u00fcber"},"footnotes":""},"categories":[1560],"tags":[],"class_list":["post-26084","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-463-november-2021"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26084\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}