{"id":26085,"date":"2021-10-26T18:06:27","date_gmt":"2021-10-26T16:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/wohlstand-fuer-alle\/"},"modified":"2021-11-03T13:15:48","modified_gmt":"2021-11-03T11:15:48","slug":"wohlstand-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/10\/wohlstand-fuer-alle\/","title":{"rendered":"Wohlstand f\u00fcr alle!"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Ein bewegtes Leben, der Sache gewidmet<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 8. Februar 1921, also vor inzwischen \u00fcber 100 Jahren, starb Peter Kropotkin, einer der wichtigsten Denker der anarchistischen Bewegung. Auch wenn anarchistische Geschichten und Personen im deutschsprachigen Raum leider weniger bekannt sind als etwa in Gro\u00dfbritannien, Spanien, Italien oder Frankreich, haben sicherlich die meisten irgendwie Linken auch hierzulande schon mal von Kropotkin geh\u00f6rt. Nun ist es gerade unter Anarchist*innen teilweise verp\u00f6nt, an vermeintlich wichtige Personen zu erinnern oder gar Kulte um sie zu errichten. Dies bezieht sich auch auf den \u201eanarchistischen Prinzen\u201c, der zwar sehr bescheiden auftrat, aber dennoch so stark von seinen eigenen Ansichten \u00fcberzeugt war, dass es offenbar nicht so einfach war, mit ihm zu kooperieren, wie etwa seine Zeitgenossen Max Nettlau oder Errico Malatesta anmerkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch kann das historische Datum Anlass f\u00fcr eine Wiederaneignung von Kropotkins Theorie sein. Zun\u00e4chst ist da seine recht eindrucksvolle Biographie. Angewidert vom Autoritarismus des Zarenreiches verlie\u00df er seine soziale Klasse, den russischen Hochadel, um ein anerkannter Geograph zu werden und sich dann sozialrevolution\u00e4ren Bewegungen anzuschlie\u00dfen. Dies brachte ihm f\u00fcnf Jahre Haft erst in Petersburg und dann bei Lyon ein. Aus dem ersteren Gef\u00e4ngnis gelang ihm 1876 eine spektakul\u00e4re Flucht nach Westeuropa, wo er 40 Lebensjahre im Exil verbrachte. Zu letzterer Haftstrafe wurde er als prominente Figur der anarchistischen Bewegung f\u00fcr militante Akte w\u00e4hrend eines franz\u00f6sischen Bergarbeiterstreiks 1882 verurteilt, mit denen er nichts zu tun hatte. Nur auf internationalen politischen Druck hin wurde er schlie\u00dflich vorzeitig entlassen. Er lebte und wirkte in der Schweiz, in England und Frankreich. Im hohen Alter kehrte er w\u00e4hrend der Revolution 1917 nach Russland zur\u00fcck und wurde dort mit begeisterten Demonstrationen von Genoss*innen empfangen. Kein Wunder, denn Kropotkins Schriften wurden in verschiedene Sprachen \u00fcbersetzt und fanden vor allem in Form von Brosch\u00fcren weite Verbreitung unter Anh\u00e4nger*innen des libert\u00e4ren Sozialismus, vorrangig in der Arbeiter*innenbewegung. Seine Auseinandersetzung mit Lenin ist eine Wegmarke bei den grundlegenden Differenzen zwischen Anarchist*innen und autorit\u00e4ren Parteikommunist*innen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Stelle m\u00f6chte ich allerdings vor allem einen knappen Eindruck von Kropotkins Gesamtwerk vermitteln, um deutlich zu machen, warum dieses auch heute noch interessant ist und einer Wiederaneignung lohnt. Zun\u00e4chst ist dabei zu bemerken, dass Kropotkin den kommunistischen Anarchismus zwar als \u201elinken Fl\u00fcgel\u201c der Arbeiter*innenbewegung verstand, dieser aber nicht einfach als Bindeglied oder Mischform zwischen Kommunismus und Anarchismus angesehen werden kann, sondern als eigenst\u00e4ndige Str\u00f6mung begriffen werden muss. Mit dieser wird der Fokus auf eine selbstorganisierte und autonome sozial-revolution\u00e4re Bewegung gelegt, welche in ihren Auseinandersetzungen, Praktiken und Organisationsformen die erstrebenswerte libert\u00e4r-sozialistische Gesellschaftsform bereits vorwegnimmt. Dabei geht es um eine Erm\u00e4chtigung der unterschiedlichen ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten sozialen Klassen, die sich in ihrem gemeinsamen Interesse zusammenschlie\u00dfen, um die Herrschaftsordnung zu \u00fcberwinden und an ihrer Stelle die Anarchie zu verwirklichen. Staatlichkeit wird von Kropotkin nicht allein als Reihe von Institutionen verstanden, sondern als Prinzip von (\u201eangema\u00dfter\u201c) Autorit\u00e4t, Hierarchie und Zentralismus. Demgegen\u00fcber sollen mit dem kommunistischen Anarchismus Freiwilligkeit, soziale Gleichheit und F\u00f6deralismus verwirklicht werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Kein utopischer Rei\u00dfbrett-Entwurf, sondern rationale Begr\u00fcndung der machbaren Alternative<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Unterschied etwa zu Bakunin, der es nicht als Aufgabe der Revolution\u00e4r*innen ansah, sich Vorstellungen von einer erstrebenswerten Gesellschaft zu machen, weil diese nur aus der Negation des Bestehenden hervorgehen k\u00f6nne, skizzierte Kropotkin einen solchen positiven Gesellschaftsentwurf. Viel mehr als unvermeidliche Aufst\u00e4nde und revolution\u00e4re Umbr\u00fcche sei interessant, was vor diesen und was nach diesen geschehe. Mit einer Revolution werde also nicht von sich aus sozialer Fortschritt oder Freiheit erm\u00f6glicht, weswegen es umso mehr darauf ankomme, wie sich die sozialen Bewegungen organisieren, wie sie k\u00e4mpfen und woraufhin sie sich orientieren w\u00fcrden. Dabei betonte Kropotkin vehement, dass es sich bei seinen \u00dcberlegungen nicht um \u201eutopische\u201c Konzeptionen, sondern um eine prinzipiell erk\u00e4mpfbare, realistische und vor allem rational begr\u00fcndete gesamtgesellschaftliche Alternative handle. \u00dcber die Details hinaus ist es meines Erachtens insbesondere jenes Anliegen, weswegen Kropotkins Herangehensweise f\u00fcr uns heute interessant ist. Einerseits besteht heute eine gut begr\u00fcndete Kritik an verschiedenen Aspekten des kapitalistischen Staates und den gegenw\u00e4rtigen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen, andererseits finden sich in sozialen Bewegungen jahrzehntelange Erfahrungen mit alternativen emanzipatorischen Strukturen, Lebensstilen und \u201eradikalen\u201c Politikformen. Was jedoch nur in Ans\u00e4tzen und teilweise vorhanden und teilweise leider nicht ernst zu nehmen ist, sind geteilte Visionen, wie es grundlegend anders werden und wo es hingehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kropotkin war sich dar\u00fcber bewusst, dass der Entwurf einer alternativen Moderne nicht am Schreibtisch eines Intellektuellen erarbeitet werden kann. Daher mischte er sich immer wieder mit Beitr\u00e4gen in aktuelle Debatten ein, bezog sich sowohl auf tagesaktuelle politische Entwicklungen und Diskussionen in der anarchistischen Szene als auch auf wissenschaftliche Forschungen verschiedener Disziplinen, mit denen er analog zu Marx&#8216; \u201ewissenschaftlichem\u201c Sozialismus einen \u201ewissenschaftlichen\u201c Anarchismus begr\u00fcnden wollte. Die in seinen Schriften ausformulierten Darstellungen und Vorschl\u00e4ge sind daher keine blo\u00dfen Kopfgeburten, sondern akribische Auseinandersetzungen mit den Bedingungen seiner Epoche. Aber \u2013 und das macht sie einerseits problematisch, andererseits zugleich paradoxerweise aktuell \u2013 Kropotkin ist in seinem gesamten theoretischen Werk angetrieben von einem ausgepr\u00e4gten Begriff sozialer Gerechtigkeit und der unkritischen Begeisterung f\u00fcr die M\u00f6glichkeit der \u201ewissenschaftlichen\u201c Erarbeitung einer den \u201enat\u00fcrlichen\u201c Bed\u00fcrfnissen und F\u00e4higkeiten der Menschen am besten entsprechenden Gesellschaftsform. Dar\u00fcber hinaus ist er der absoluten \u00dcberzeugung, dass gesellschaftliche Ordnung weit besser ohne Staat und Kapitalismus eingerichtet werden kann und jene Herrschaftsverh\u00e4ltnisse keineswegs die Vorbedingungen f\u00fcr den libert\u00e4ren Sozialismus seien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit komme ich zu einem \u00dcberblick \u00fcber seine Schriften, die teilweise erst sp\u00e4ter in B\u00fcchern zusammengefasst wurden. Bei der Darstellung ergibt es Sinn, chronologisch vorzugehen, um Kropotkins Entwicklung aufzuzeigen. Seine anerkannten geographischen Beitr\u00e4ge blende ich dabei aus und konzentriere mich auf jene, die f\u00fcr die politische Theorie des kommunistischen Anarchismus relevant sind. Erstere waren allerdings insofern pr\u00e4gend f\u00fcr Kropotkins Perspektive und Pers\u00f6nlichkeit, als dass er durch seine geographische Forschung eine Begeisterung f\u00fcr Naturwissenschaften generell entdeckte und ein tiefgreifendes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Einbettung von Menschen in ihre Lebenswelten entwickelte. Schlie\u00dflich stie\u00df er bei seinen Forschungen in Ostsibirien auf indigene Gruppen, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas vom Staat geh\u00f6rt hatten \u2013 und damit ganz gut zurechtkamen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">\u00dcberblick \u00fcber Kropotkins Gesamtwerk<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kropotkins politisch-agitatorische Fr\u00fchschriften sind in Worte eines Rebellen (1885) gesammelt, in denen er f\u00fcr die soziale Revolution pl\u00e4diert und diese in Abgrenzung zur Sozialdemokratie und dem Staatskommunismus begr\u00fcndet. Er fasst die Grundaspekte der anarchistischen Staatskritik zusammen und bef\u00fcrwortet revolution\u00e4re Minderheiten, die aber keine Avantgarde bilden sollen. Dies bedeutet vor allem, das Klassenbewusstsein, die Organisation und Motivation der Aktiven in den sozialen Bewegungen zu f\u00f6rdern. Dar\u00fcber hinaus verdeutlicht er, dass soziale und politische Rechte und Freiheiten nichts gelten, wenn sie lediglich formal durch Staaten gew\u00e4hrt werden, sondern erst dann Bedeutung haben, wenn sie zu Gewohnheitsrechten werden und in Alltagspraktiken verankert sind. Nach seiner Freilassung aus franz\u00f6sischer Haft schrieb er mit In Russian and French Prisons (1887) eine umfassende Kritik an Gef\u00e4ngnissen und Strafen.<br \/>\nDie <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/06\/die-eroberung-des-brotes\/\">Eroberung des Brotes<\/a> (1892), aus welchem die bekannte Parole \u201eWohlstand f\u00fcr Alle\u201c stammt, ist eines meiner pers\u00f6nlichen Lieblingswerke Kropotkins. Anders als Marx in seiner Kritik der politischen \u00d6konomie widmet sich Kropotkin der Ausarbeitung einer politischen Wirtschaftstheorie f\u00fcr eine Gesellschaft auf Grundlage anarchistischer und kommunistischer Vorstellungen. Damit will er nachweisen, dass Wohlstand f\u00fcr alle gew\u00e4hrleistet werden kann, wenn die bestehende Gesellschaft grundlegend reorganisiert wird. F\u00fcnf Stunden gesellschaftlich notwendige T\u00e4tigkeit pro f\u00fcnfk\u00f6pfigem Haushalt t\u00e4glich w\u00fcrden v\u00f6llig ausreichen, um allen Menschen gleicherma\u00dfen ein Leben in W\u00fcrde und Selbstbestimmung zu erm\u00f6glichen. Dazu w\u00e4ren selbstredend die Enteignung und Vergesellschaftung der Produktionsmittel, aber auch eine kollektive Organisation des Konsums notwendig.<br \/>\nDas Buch Die gro\u00dfe franz\u00f6sische Revolution 1789-1793 (1893) stellt eine Geschichtsschreibung \u201evon unten\u201c dar, in welcher Kropotkin der b\u00fcrgerlichen Geschichte jene der Volksklassen entgegensetzt, die \u00fcber Jahrzehnte hinweg selbstst\u00e4ndig direkte Aktionen ausge\u00fcbt h\u00e4tten und dann vom B\u00fcrger*innentum verraten worden seien, welches eine neue Herrschaftsordnung errichtet habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moderne Wissenschaft und Anarchismus (1896) ist ein Beitrag, in welchem der Theoretiker den bereits erw\u00e4hnten \u201ewissenschaftlichen Anarchismus\u201c zu begr\u00fcnden versucht, wobei dieser kein \u201ephilosophisches System\u201c, sondern eine reale Str\u00f6mung in der Arbeiter*innenbewegung sei. Mit Die historische Rolle des Staates (1898) versucht sich Kropotkin \u2013 wie der Titel schon sagt \u2013 an einer historisch-kritischen Analyse der Entstehung des modernen Staates, wobei er eine Idealisierung der mittelalterlichen St\u00e4dte und Dorfgemeinden des 12. Jahrhunderts betreibt, was ihm den Vorwurf einbrachte, anti-modern zu denken. Meiner Ansicht nach ist dieser Vorwurf nicht berechtigt, wenn man Kropotkins Gesamtwerk betrachtet. Auch seine Behauptung, dass das \u201eanarchistische\u201c Modell einer F\u00f6deration dezentraler, autonomer Kommunen durch die Geschichte hindurch immer wieder aufkomme und umgesetzt werde, halte ich f\u00fcr plausibel. Dagegen ist Kropotkin vorzuwerfen, dass er die repressiven Aspekte nicht-staatlicher Herrschaft im Feudalismus \u2013 wie etwa pers\u00f6nliche Abh\u00e4ngigkeiten und Fronarbeit \u2013 weitgehend ausblendet.<br \/>\nIn seiner Schrift Landwirtschaft, Industrie und Handwerk (1898) legt er den Fokus dagegen wieder auf die Konzeption einer libert\u00e4r-sozialistischen Gesellschaftsform. Er fordert darin eine Dezentralisierung der Industrie, die aufgrund der Arbeitsteilung in vielen Bereichen m\u00f6glich sei, und eine St\u00e4rkung regionaler Wirtschaftskreisl\u00e4ufe, um koloniale Abh\u00e4ngigkeiten und internationale Konkurrenz zu verringern. Statt f\u00fcr eine Verst\u00e4dterung tritt er f\u00fcr eine Dezentralisierung urbaner Lebensr\u00e4ume ein. Weiterhin brauche der einzelne Mensch eine gleichm\u00e4\u00dfige T\u00e4tigkeit in industriellen, handwerklichen, landwirtschaftlichen und intellektuellen Bereichen. Zu diesem Zweck m\u00fcsse eine umfassende \u201eintegrale\u201c Bildung f\u00fcr alle gew\u00e4hrleistet werden.<br \/>\nMit 55 Jahren schreibt er seine <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2003\/06\/peter-a-kropotkin-memoiren-eines-revolutionars\/\">Memoiren eines Revolution\u00e4rs<\/a> (1899) und besch\u00e4ftigt sich mit Idealen und Wirklichkeit in der russischen Literatur (1901). Sowohl das Schreiben seiner eigene Biographie als auch jenes \u00fcber Literatur entspricht allerdings keineswegs einer schriftstellerischen Leidenschaft, sondern er stellt es in den Dienst von Propaganda durch das Aufzeigen emanzipatorischer Alternativen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2002\/01\/die-evolution-der-kooperation\/\">Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt<\/a> (1902) ist vermutlich Kropotkins bekannteste Aufsatzsammlung, die zun\u00e4chst im englischen Naturwissenschaftsmagazin Nineteenth Century publiziert wurde. Darin wendet er sich in Anschluss an die Evolutionstheorie von Darwin gegen den so genannten Sozialdarwinismus, mit welchem in einer Krise des Kapitalismus begr\u00fcndet werden sollte, warum jener eine \u201enaturgem\u00e4\u00dfe\u201c Gesellschaftsform sei. Ohne Konkurrenz zu leugnen, weist Kropotkin ausf\u00fchrlich nach, dass ganz im Gegenteil Kooperation der entscheidende Faktor der Evolution sei. Sein R\u00fcckschluss von den nat\u00fcrlichen Instinkten nicht-menschlicher Tiere auf Menschen hinkt dabei, da das Leben in Gesellschaft andere Dynamiken aufweist als die Geselligkeit bei Tieren. \u201eSolidarit\u00e4t\u201c ist kein Naturgesetz, sondern ein ethisch-politischer Standpunkt, welcher dementsprechend eine bewusste Entscheidung verlangt. Dennoch lassen sich aus der von Kropotkin angelegten Perspektive viele Einsichten und Erkenntnisse ableiten, die heute teilweise auch evolutionsbiologisch begr\u00fcndbar sind.<br \/>\nDen Abschluss seines Werkes bildet seine <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2021\/02\/der-liebe-gott-und-die-anarchistische-moral\/\">Ethik<\/a>. Ursprung und Entwicklung der Sitten (1923), von welcher er vor seinem Tod nur den ersten Band fertigstellen konnte. Darin entwickelt er die Grundlagen einer materialistischen Ethik, welche die Bed\u00fcrfnisse von Menschen in ihrem jeweiligen geschichtlichen und sozialen Kontext, anstatt etwa religi\u00f6se oder philosophische Moralsysteme, zum Ausgangspunkt nimmt. Eine moderne und rationale Ethik m\u00fcsse dabei eine Synthese zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bestrebungen der Einzelnen zum Ziel haben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Schlussfolgerungen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachten wir Kropotkins Werk in seiner Gesamtheit, zeigt sich, dass dieser sich verschiedenen Themengebieten und Disziplinen widmete. Von der Geographie gelangte er zur politischen Anthropologie und Geschichte sozialer Bewegungen. Daran schlie\u00dft er eine anarchistische Wissenschaftstheorie an. Seine Staatstheorie und -kritik ist mit einer Wirtschaftstheorie des anarchistischen Kommunismus verkn\u00fcpft. Geschichtsphilosophie und Menschheitsgeschichte bilden den gro\u00dfen Hintergrund seiner \u00dcberlegungen. Letztendlich ist es aber die Ethik, welche Kropotkins ganzes Denken, Forschen und Schreiben motiviert und die gewisserma\u00dfen seinen Ausgangs- und Schlusspunkt bildet. Dieses ethische Leben ist ebenso wie die Gesellschaftsform, die es erm\u00f6glicht, nicht einfach gegeben, sondern muss durch autonome und emanzipatorische soziale Bewegungen erk\u00e4mpft und verwirklicht werden. Wenngleich Kropotkin der Frauenbewegung seiner Zeit bedauerlicherweise nicht den ihr geb\u00fchrenden Stellenwert einr\u00e4umte, so weisen seine \u00dcberlegungen doch \u00e4u\u00dferst progressive \u00f6kologische und anti-koloniale Aspekte auf. Statt \u201eAntikapitalismus\u201c oder \u201eAntistaatlichkeit\u201c als leere linksradikale Phrasen zu verwenden, skizzierte er Bedingungen und Formen eines dezentralen Sozialismus, f\u00f6derativer und autonomer Kommunen. Damit zeigte er Fluchtlinien zu einer erstrebenswerten Gesellschaftsform auf, die aus vern\u00fcnftigen Gr\u00fcnden verwirklicht werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein bewegtes Leben, der Sache gewidmet Am 8. 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